Schlager-Krieg am Bosporus: Darf dieser Mann für die Türkei singen?

Sichtlich überrascht nahm die Mehrheit der Türken vor kurzem die Direktnominierung von Can Bonomo zum ESC-Vertreter in Baku auf. Doch jetzt formiert sich gar offener Widerstand gegen den 24-Jährigen. Der Grund: er ist Jude.

Als der türkische Sender TRT Anfang vergangener Woche den jungen Nachwuchskünstler als heimischen Vertreter benannte, fragten sich manche (auch in der Türkei): Wer ist dieser Can Bonomo bloß? Denn er hat erst im letzten Jahr sein Debüt-Album veröffentlicht und ist noch weithin unbekannt in seinem Heimatland. Mehrere etablierte Namen aus dem Musikbusiness waren Gerüchten zufolge im Rennen um die Direktnominierung gewesen, bevor man Can den Zuschlag gab.

Doch nun regt sich sogar Widerstand, und die Stimmung gegen ihn hat sich bereits aufgeheizt. Eine Zeitung stellte gar die Frage, ob er denn überhaupt ein richtiger Türke sei. Denn Can, der aus dem westtürkischen Izmir stammt, ist Jude, genauer: Mitglied der Religionsgemeinschaft der sephardischen Juden, die im 15. Jahrhundert vor der Inquisition in Spanien flohen und im damaligen Osmanischen Reich eine neue Heimat fanden. Der Tagesspiegel zitiert den Musiker mit den Worten: „Ich bin ein türkischer Jude, meine Religion ist meine Sache“. Und: „Wir sind mit türkischer Kultur aufgewachsen, deshalb kann ich lediglich türkische Kultur in eine Kunstform einbringen, sonst keine.“

Doch islamische Vertreter wettern weiter gegen den jungen Künstler und sehen es als eine Schande an, wenn er die Türkei international vertreten würde. Gerade mal 0,0003% der türkischen Bevölkerung sind Juden. Die besonders in der konservativen Presse und im Internet um sich greifende Kritik nimmt teilweise offen antisemitische Züge an. Dies bewegte jetzt sogar den Vorsitzenden der Parlamentarischen Vereinigung des Europarats, Mevlüt Çavuşoğlu, zu einer öffentlichen Stellungnahme: Er schäme sich dafür, wie mit dem Mann umgegangen werde, so das Nachrichtenportal DiePresse.com.

Auch Musikerkollegen schließen sich der harschen Kritik an, darunter auch Hülya Avşar, die es ein Unding findet, daß dieser Mann ihr Land vertreten soll, denn: sie kenne Can überhaupt nicht. Unterstützt wird Can Bonomo dafür von Kenan Doğulu (ESC 2007). Wie WELT ONLINE schreibt, begrüßt er die ungewöhnliche Wahl des Senders TRT: „Ich mag radikale Entscheidungen“, sagte der Sänger der Zeitung „Hürriyet“.

Wer Hülya Avşar ist? Laut Wikipedia Schauspielerin und Sängerin, 49, deren Karriere mit einem Skandal um einen gewonnenen Schönheitswettbewerb 1982 begann. Und deren Name eine TV-Show, eine Parfümmarke und ein Tennisturnier (!) ziert. Nie gehört? Hmm.

Kennt Can Bonomo nicht: Hülya Avşar