Schleppender Ticketverkauf – ESC-Shows vor halbvollen Hallen?

Das Phänomen ist bekannt: Da das Gastgeberland bereits fürs Finale gesetzt ist, verkaufen sich die Halbfinaltickets immer schlecht und die Veranstaltungen finden vor vielen freien Plätze statt. In Baku droht dies nun erstmals auch fürs Finale. Die Tickets sind offenbar zu teuer und die Reiseorganisation zu aufwändig.

Ganze fünf Stunden dauerte es 2011, dann waren die gut 35.000 Tickets für das Finale des Eurovision Song Contests in Düsseldorf verkauft. Auch in Oslo waren die Eintrittskarten für die Samstagsshow in kürzester Zeit vergriffen.

In Baku zeigt sich ein ganz anderes Bild: Obwohl es hier nur 17.000 Plätze zu füllen gilt,  kann man auch fünf Wochen nach Verkaufsstart ganz offiziell Tickets für sämtliche Eurovision-Shows in der neuerbauten Baku Chrystal Hall erwerben. Ein Test auf der offiziellen Verkaufsseite zeigt Verfügbarkeiten in allen Preiskategorien, wenn auch nicht mehr in allen Blöcken.

Die Nachrichtenagentur DAPD ahnte eine solche Entwicklung bereits einen Tag nach dem Verkaufsstart für die Finalkarten am 15. März. Diese kosten zwischen 160 und 240 Manat (der Wechselkurs zum Euro beträgt ca. 1:1). In Düsseldorf wurden dafür zwischen 89 und 189 Euro verlangt. Die Karten sind damit für die meisten Aserbaidschaner unerschwinglich. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Monatsmiete dort liegt bei 90 Manat.

Die Karten für die Halbfinale (ab 90 Manat) und die öffentlichen Proben (ab 30 Manat) sind natürlich günstiger, liegen aber dennoch wie Blei in den Regalen. Hier helfen – wie auch schon in Düsseldorf – nur erhebliche Preisnachlässe und (kostenlose) Verteilaktionen, um den Künstlern und den aserbaidschanischen Veranstaltern eine Leere-Reihen-Blamage zu ersparen.

Neben den hohen Ticketpreisen stellen für ausländische Besucher auch die umständliche und teure Anreise, die Suche nach einer Unterkunft sowie die restriktiven und bisweilen willkürlichen Auflagen durch die örtlichen Behörden einen wesentlichen Grund dar, den Eurovision Song Contest in diesem Jahr nur am Fernseher zu verfolgen.

So wurde erst vor einigen Tagen das Verkaufsverbot von Hotelübernachtungen durch die Regierung aufgehoben. Zuvor hatten mehrere Ausländer, die sehr früh ihre Hotelzimmer gebucht hatten, von ihrem Buchungsportal die Information erhalten, dass die Reservierung aufgrund einer Regierungsverordnung storniert worden sei. Zwar ist die Hotelbuchung nunmehr möglich, die Preise sind jedoch alles andere als erschwinglich. HRS listet für die Finalnacht derzeit fünf Hotels in Baku auf – das günstigste für 180 Euro für das Doppelzimmer.

Neben den organisatorischen und finanzielle Umständen sind selbst für eingefleischte Grand-Prix-Fans auch die politischen Verhältnisse in Aserbaidschan ein Grund, die Reise ans Kaspische Meer zu überdenken. Diese Eurovision-Anhänger, die sonst quasi jeden Preis für die Anwesenheit vor Ort zahlen würden, bleiben in diesem Jahr offenbar in größeren Mengen aus als erwartet. Manche  stornieren die Reise zum Teil auch dann noch, wenn sie bereits über die Tickets verfügen. Da diese personengebunden sind, werden wohl auch in direkter Bühnennähe etliche (bezahlte) Plätze leer bleiben.

Wer sich von all dem nicht schrecken lässt, kann auch jetzt noch einen Eurovision-Ausflug einschließlich Finalbesuch planen. Wann hatte man diese Möglichkeit so kurz vor den Shows schon einmal?!