Schlimme Vorentscheidungs-Songs des Eurovision Song Contest 2012 (1)

Scheußliche Songs gibt es überall, aber unter den gescheiterten Vorentscheidungs-Titeln des Eurovision Song Contest ist die Quote besonders hoch. Wie in den Vorjahren haben sich die PRINZ-Blogger durch knapp 30 Ausscheidungen (der Begriff ist mitunter äußerst passend) der Saison gewühlt und die schaurigsten Songs in einer neuen ESC-Gräuel-Hitliste zusammengestellt.

Hier Teil 1 unseres Rankings der Vorentscheidungs-Heimsuchungen der zurückliegenden ESC-Saison 2012 (Teil 2 findet sich hier):

25. Anarchischer Auswurf

Ein bulliger Pumuckl und eine schüchterne Gothic Braut mit Peggy-Bundy-Haar, beide in Leder-Outfits gewandet, hacken auf einem düsteren Klangteppich herum. Und die Zeit zieht sich endlos: Das Duo Rammstein aus Albanien braucht fast drei Minuten, bis etwas Fahrt in diesen strukturlosen Lärm kommt. Die nicht vorhandene Bühnenpräsenz passt zu der desolaten Komposition und den unterirdischen stimmlichen Fähigkeiten. Ein strukturloser Stampfer, aber immerhin mit einem Live-Orchester eingespielt (zum Liveblog Albanien).

Albanien: Bojken Lako ft. Breza – Të zakonshëm


24. Klirrende Klischees

Man könnte meinen, die „The Voice of Holland“- Drittplatzierte Kim de Boer hätte sich der Aufgabe verschrieben, ESC-Altmeister Ralph Siegel zu huldigen. Alle Zutaten sind vorhanden: ein schneeweißer Flügel, das blonde lange Haar (wie weiland bei der Begum in der deutschen Vorentscheidung) und ein getragener Song voller seifig-sülziger Klischees, die direkt aus den 80er-Jahren entsprungen scheinen. Noch schlimmer, das betuliche Hintergrundbild mit hopsenden Kiddies, deren rot aufgemalte Herzen wie Zielscheiben wirken. Glücklicherweise hatten die Juroren, die in der von Endemol produzierten niederländischen Finalshow (hier unser Liveblog Niederlande) ansonsten nicht mit Fachkompetenz glänzten, ein Einsehen und ließen Kim nicht ins Superfinale.

Niederlande: Kim de Boer – Children of the world

23. Trümmerhaftes Tonmassaker

Wie sehr kann man Töne eigentlich verziehen, bis Publikum und Fachjuroren schreiend das Weite suchen? Witali Halaj widmet sich dieser Aufgabe im ukrainischen Finale (zum Liveblog Ukraine) mit Inbrunst. Im dramatischen Mittelteil scheint er die Todesschreie kleiner Nagetiere in der Kanalisation zu imitieren. Die stimmschwachen Backgroundsängerinnen brummeln im Hintergrund unmotiviert vor sich hin und können dieses Fiasko auch nicht verhindern. Die Jury blickt entgeistert und scheint nicht fassen zu können, was ihnen da zugemutet wird.

Ukraine: Witali Halaj – I want to love

22. Lustlose Langeweile in Lycra

Melodie Fehlanzeige – dafür skandiert diese estnische Kombo, was das Zeug hält und die Herrschaften zeigen, dass man sich in hautenges Lycra geschmiegt heftig verrenken kann. Sie wären sicherlich auch besser in einem Aerobic-Video (oder in einem Aquagymnastik-Kurs) aufgehoben als in einer ESC-Vorentscheidung (zum Liveblog Estland, zum Augenzeugenbericht Estland). Dieses Machwerk erinnert ein wenig an SCHLECHTE Songs der Neuen Deutschen Welle. Am herausragendsten noch die riesigen Wimpern der Leadsängerin, deren Frisur an frisch aufgegangene Dampfnudeln erinnert.

Estland: Milky Whip – My Love

21. Alice im Ungarland

Eine magyarische Variante der Army of Lovers zaubert eine schwer verdauliche Mischung aus Rap und Pop auf die Bühne der ungarischen Vorentscheidungsshow „A Dal“ (zum Liveblog Ungarn). Haare wie ein Korbmöbel und die enervierende Stimme von Linda Kiraly lassen einen schon erzittern, bevor ihre entfernt Jake Gyllenhaal ähnelnden Brüder dem Song mit einem Rap endgültig den Garaus machen. Hinzu kommt eine völlig sinnfreie Präsentation mit rosafarbenen Herzen und einem Backgroundchor, der Riesen-Spielkarten trägt. Ja, sind wir hier denn bei Alice im Wunderland? Wo ist die Grinsekatze und der große weiße Hase? Die hätten vielleicht noch was retten können…

Ungarn: Király Testvérek – Untried

20. Röchelnde Liebesschwüre

Bianca ist zwar der Ansicht, das ihr angesungener Verehrer keinen Grund hat um Verzeihung zu bitten. Wir sind allerdings durchaus der Ansicht, dass sie sich beim Publikum der rumänischen Vorentscheidung (zum Liveblog Rumänien) entschuldigen sollte. Selten pfeift eine Sängerin buchstäblich so aus dem letzten Loch. Ist sie heiser, hat sie vor dem Auftritt aus Nervosität noch ein Schachtel Zigarillos geraucht oder waren das ein paar Martinis am Vorabend zuviel? Man weiß es nicht, das Ergebnis ist in jedem Fall, dass eine in sich stimmige Komposition eines Love Songs stimmlich völlig verhunzt wird. Krächz.

Rumänien: Bianca Purcarea – Don’t say sorry

19. Kutte mit Blitz

Was haben wir hier? Flash Gordon, der in die Jahre gekommene Superheld, der sein in Schweden liegendes Altersheim für Comic-Heroen für einen letzten Auftritt im Melodifestivalen verlassen hat? Oder ein schunkeliger Werbespot der schwedischen Elektrizitätswerke, bei der der Hausmeister begeistert gleich die neuen Mitarbeiter-Overalls präsentiert? Wie dem auch sei, Thomas Di Leva erschreckt üppig bekuttet und mit einer Minipli-Frisur, die niemals (auch nicht zu Flash Gordons Zeiten) modern war, die schwedischen Televoter in einer der Melodifestivalen-Vorrunden (zum Liveblog 2. Runde Melodifestivalen) und wirkt bei seinem Gang ins Publikum wie der umnachtete Abgesandte einer besonders durchgeknallten Sekte.

Schweden: Thomas Di Leva – Ge aldrig upp

18. Kylies peinliche Cousine

Seufz. Jedes Jahr das Gleiche: Da treten die immer gleichen Sänger auf der kleinen Mittelmeerinsel zu einer riesigen ESC-Ausscheidung (zum Liveblog Malta) an und singen – so scheint es – die immer gleichen müden Liebeslieder voller billige Versatzstücke rund um L’amour. Ein solches Beispiel ESC-Musikmüll zeigt uns hier ein gewisse Jessica, die in einem Kylies-billige-Cousinen-Outfit durch ein weitgehend melodiefreies Machwerk stampft. Inmitten völlig unmotivierter Tänzerinnen, die den Eindruck eines zufällig in die Nummer geratenen Damen-Kegelklubs machen. Da möchte man doch Ms. Muscat sogleich dorthin schicken, wo der Pfeffer wächst. Oder in eine anspruchslose Nachmittagssoap.

Malta: Jessica Muscat – Dance Romance

17. Rüder Russen Rock 

Hauptsache laut und durchdringend: Diese Rock-Familie überwiegend bärtiger Herren mit einem besonders nervenden Titel im besonders umfangreichen russischen Finale (zum Liveblog Russland) lässt einen reichlich ratlos zurück. Man möchte ihnen wünschen, sie würden sich besser auf Produktion und Vertrieb des formschönen Jutesacks mit den bunten Applikationen (ein riesiges Kasperle-Kostüm?) konzentrieren. Womöglich liegen ihre Talente eher an der Nähmaschine, als am Mikrofon? Die Kostüme dürften zwar auch nicht jedermanns Geschmack treffen, aber immerhin singen diese nicht.

Russland: Riff Action Family – Sky

16. Michael Jackson für Arme

Dieser Castingstar verehrt offensichtlich den verstorbenen King of Pop, Michael Jackson. Leider tut er das nicht im Stillen, sondern im Finale des portugiesischen Festival do Cancao (zum Liveblog Portugal). Sichtlich übermotiviert schüttelt Carlos seine Cockerspaniel-Locken und hopst und tänzelt auf engem Raum, als stünde er barfuß auf einer heißen Herdplatte. Der Gesang scheint da nur zweitrangig (und zweitklassig). Der Kameramann ergötzt sich an reichlich unnötigen Schwenks quer durchs Studio. Das passt zur chaotischen und reichlich redundanten Komposition, in der eine rechte Linie und so etwas wie ein fundierter Refrain fehlt.

Portugal: Carlos Costa – Quieres que eu dance

15. Singende Schaufensterpuppen im Shoppingcenter

In jedem Jahr finden sich in dem Haufen gescheiterter ESC-Vorschläge auch eine Reihe von mehr oder weniger langbeinigen zusammengecasteten Girlbands, deren Vokalkompetenz nicht über ihren Make-up-Koffer hinausreicht. Immerhin muss man diesen griechischen „Killerbienen“ zu Gute halten, dass sie anders als ihre Artgenossen aus der Insektenwelt nicht sofort tödlich wirken. Man kommt dank des Playbacks(!), das den Zuhörern den Livegesang der Damen glücklicherweise erspart, mit mittlerer Übelkeit davon. Passend zum Setting in einem griechischen Einkaufszentrum vor den Toren Athens wirken die drei Grazien wie entlaufene Schaufensterpüppis. So schlimm das angesichts der Bilder aus Baku klingen mag: Hier wird klar, Eleftheria war tatsächlich die beste Wahl für Baku (zum Liveblog Griechenland).

Griechenland: Cassiopeia – Killer Bee

14. Ohrenschmerz a la Moldavie

Moldawien leistet sich eine auf zwei Dutzend Titel aufgeblasene Vorentscheidung, deren Basis keinesfalls die herausragende musikalische Qualität der Titel und Interpreten sein kann. Vielmehr besteht offensichtlich ein perfider Plan, Europa immer wieder mit einem schauerlichen Schreckenskabinett schlimmer Songs von noch schlimmer angezogenen Sängern zu traktieren. Und jedes Jahr gelingt dies aufs Neue! Offenbar scheint es auch Geldpreise für das abstruseste Kostüm oder die groteskeste Frisur zu geben. Aus der diesjährigen Grusel-Grube (zum Liveblog Moldawien) haben wir Ksenia ausgegraben, die reichlich blauäugig und unterstützt von einem Ensemble wildgewordener Zirkusfiguren mächtig zur Eile aufruft. Richtig so, man ist froh, wenns endlich vorbei ist…

Moldawien: Ksenia Nikora – You better rush

Spezial: Das skurrilste VE-Finale 2012

Und weil wir schon bei Moldawien sind, deren Vorentscheidung zu einem bei den Bloggern besonders nachdrücklich in Erinnerung gebliebenen Liveblog Moldawien führte, hier als Bonusdreck, pardon Bonustrack, eine Übersicht über das komplette diesjährige Oeuvre aus Chisinau inklusive (natürlich) eines Ralph-Siegel-Titels, der in diesem Schnelldurchlauf an zweiter Stelle ertönt und noch zu den besseren Titel zählen dürfte:

Das komplette moldawische Finale (Recap)

Teil 2 mit einem weiteren Dutzend schauderhafter Vorentscheidungs-Songs dieser Saison ist hier veröffentlicht. Wer noch nicht genug hat, dem seien einige unserer anderen Videoclip-Listen empfohlen:

> Die Vorentscheidungskatastrophen 2010
> Die Vorentscheidungskatastrophen 2011, Teil 1
> Die Vorentscheidungskatastrophen 2011, Teil 2
> Vorentscheidungs-Perlen der ESC-Saison 2011
> Vorentscheidungs-Perlen der ESC-Saison 2012
> Transvisionen: Transsexuelle und Travestiestars im ESC
> Der Nackt-Faktor im ESC
> Scream Queens im ESC