Schweizer Head of Delegation im Interview: „Wer am Ende welchen Song singt, entscheidet die Delegation“

Unser Bericht über den Workshop des Schweizer Fernsehens mit den ESC-Verantwortlichen aus Schweden hat etliche – vor allem kritische – Kommentare generiert und einige Fragen unbeantwortet gelassen. Wir haben den Schweizer Head of Delegation, Reto Peritz (Foto), mit diesen Kommentaren und den entsprechenden Fragen in einem schriftlichen Interview konfrontiert. Hier seine Antworten und Sichtweise.

Prinz ESC-Blog: Wie war die Resonanz in der Schweiz auf das diesjährige Abschneiden von Timebelle? 

Reto Peritz: Timebelle haben mit 97 Punkten sehr knapp das Finale verpasst. Es war das beste Resultat der Schweiz seit Sebalter 2014 und die höchste Punktzahl seit Vanilla Ninja 2005. Timebelle bekam einen tollen Support von den Schweizerinnen und Schweizern – auch nach dem verpassten Finale. In der Schweiz wurde auch wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass wir am Thema ESC arbeiten.

Welchen Einfluss hatte das Abschneiden auf die jetzt erfolgten Regeländerungen?

Das Abschneiden von Timebelle hatte keinen Einfluss auf die Regeländerungen, diese Weiterentwicklung hätten wir auf jeden Fall vorgenommen. Der ESC entwickelt sich jedes Jahr weiter und es wäre eine verpasste Chance, sich diesen Veränderungen nicht zu stellen. Stillstand wäre der falsche Weg. Kleinere und auch grössere Änderungen im nationalen Selektionsprozess gehören schlicht dazu, wenn man aus den internen Learnings, aber auch diesen von anderen Delegationen, einen Nutzen ziehen möchte.

Von einigen Prinz-Blog-Lesern wurde moniert, dass Ihr mit dem Workshop in Schweden – im negativen Sinne – „Ergebnisoptimierung“ betreiben würdet. Was treibt Euch bei den jetzigen Maßnahmen an? Und wie steht Ihr zu dieser Kritik?

Ich sehe in einem Optimierungsprozess nie etwas Negatives. Wir wollen uns doch alle stetig verbessern, uns weiterentwickeln und schlussendlich zu einer fantastischen Show beitragen.

Bereits in diesem Jahr wurden einige Veränderungen am Schweizer Vorentscheid vorgenommen. Jetzt folgen weitere. Gibt es einen langfristigen Masterplan? Wo soll es bis 2020 hingehen?

Ich bin erst seit 1,5 Jahren als Head of Delegation im Amt. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit haben wir einen internen Fünf-Jahresplan ausgearbeitet. An diesem können wir uns, zusammen mit den anderen Unternehmenseinheiten, orientieren und am Thema ESC arbeiten.

Warum habt Ihr Euch gerade Schweden für einen Workshop ausgesucht? Wo schaut Ihr Euch noch um?

Wir sind mit den verschiedensten Delegationen im Austausch. Dieser gegenseitige Knowhow-Transfer ist für alle Seiten sehr wertvoll. Der Workshop mit Schweden war ein Teil davon und einige der Learnings daraus, aber auch aus internen Debriefings und Gesprächen mit anderen Delegationen, fliessen in die Schweizer Selektion ein. Schweden hat eine spannende Geschichte: 2010 haben sie es nicht ins Finale geschafft und sind ausgeschieden. Eine nationale Tragödie in Schweden und die Presse forderte, beim ESC sofort auszusteigen. Schweden hat aus diesem Moment viel Kraft geschöpft, die richtigen Schlüsse und Learnings gezogen und die Selektion massiv verändert.

Konnte man nicht mit „eigenem Nachdenken“ auf die jetzigen Ideen kommen? Was kann so ein (internationaler) Workshop an Mehrwert bieten?

In die Schweizer Selektion ist ganz viel eigene Denkarbeit eingeflossen. Wie jedes Jahr haben wir ein ausführliches internes Debriefing veranstaltet. Es wäre nicht klug, die schwedische Selektion eins zu eins über ein anderes Land zu stülpen und zu meinen, das funktioniert nun auch bei uns. Jeder Markt ist verschieden. Die viersprachige Schweiz, die reichhaltige Kultur in unserem kleinen Land und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, müssen miteinbezogen werden. Trotzdem wäre es unklug, sich die Learnings und Gedanken anderer Delegationen nicht anzuhören und sich inspirieren zu lassen. Entscheidend sind dann aber die eigenen Schlüsse daraus.

Besteht jetzt die Gefahr, dass Lieder von schwedischen Songschreibern im Schweizer Vorentscheid aufgeführt werden, die in Schweden selbst durchgefallen sind?

Dieser internationale Tauschhandel an ESC-Songs gibt es schon seit Jahren und hat nichts mit der nationalen Selektion per se zu tun. Wir fördern die Schweizer Komponisten und Interpreten und unterstützen auch Songwriter-Camps. Im Reglement ist auch vermerkt, dass Schweizer Komponisten, Autoren und Interpreten bevorzugt werden.

Die Künstler und Songschreiber werden im Rahmen des Schweizer Vorentscheids für den ESC 2018 kein Mitspracherecht bei der Inszenierung haben. Bedeutet das, dass Ihr einen entsprechenden Experten dafür dazukauft? Wird er oder sie auch bereits die Vorentscheidauftritte gestalten?

Sich für den internationalen Wettbewerb einen Creative Director zu holen, ist legitim und wird schon heute von sehr vielen Delegationen so gemacht. Für Timebelle haben wir z.B. Nicoline Refsing aus Dänemark engagiert. Wichtig ist, dass der Creative Director zum Künstler passt, denn dieser muss sich auf der Bühne wohl fühlen und authentisch sein. Für den Schweizer Vorentscheid arbeiten wir mit unseren Showproducern aus der Schweiz zusammen.

Das Schweizer Fernsehen kann für Lieder einen (neuen bzw. anderen) Interpreten auswählen. Wo kommen diese Sänger bzw. Sängerinnen her? Können die sich auch bewerben? Und wer entscheidet darüber, wer welchen Song singen darf?

Als nationaler Fernsehsender stehen wir mit diversen Managements und Labels dauernd in Kontakt und tauschen uns auch mit den Kolleginnen und Kollegen von unseren Radiostationen aus. Ausserdem scannen wir z.B. auch Musikplattformen für Newcomer oder Youtube, um Talente zu entdecken. Interessierte Künstler können sich auch direkt bei uns melden. Wer am Ende welchen Song singt, entscheidet die Delegation, welche verschiedene Meinungen einholt und dann das letzte Entscheidungsrecht besitzt. Das Ziel ist schlussendlich, die beste Stimme für den besten Song zu finden.

Wie wichtig ist das Recht, dass das Schweizer Fernsehen mit einer Wildcard-Entscheidung willkürlich in den Auswahlprozess eingreifen kann. Was erwartet Ihr Euch davon? Und soll das dazu helfen, prominente Künstler für den Vorentscheid zu gewinnen?

Die Wildcard ist eine Option und keine Pflicht. Wir möchten uns da einfach die Möglichkeit vorbehalten, einen Song mit in die Entscheidungsshow zu nehmen, der sonst vielleicht nicht wahrgenommen worden wäre und dem wir aber ein grosses Potential zurechnen.

Deutschland hat in den letzten drei Jahren kein gutes Bild beim ESC abgegeben. Welche Tipps habt Ihr aktuell für Deutschland? 

Es ist nicht an uns, Deutschland aus der Ferne Tipps zu geben. Wir sind eine Delegation, die den Austausch mit anderen Ländern sucht und wenn Deutschland an diesem Knowhow-Transfer ebenfalls interessiert ist, dann sind wir selbstverständlich jederzeit offen dafür.