Schweizer Internet-Voting hat begonnen

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Auch das Schweizer Fernsehen setzt wie der NDR auf eine Internet-Komponente bei der Suche nach dem ESC-Beitrag für Wien. Wer tritt die Nachfolge von Sebalter an? Für die mehr als 200 eingereichten Songs kann seit heute abgestimmt werden. Darunter ist mit Gisel de Marco (Bild) auch eine Vorjahresfinalistin. Die Macht der Fans ist allerdings begrenzt, denn SRF hat ein paar Korrektive eingebaut.

Im Prinzip läuft die Auswahl genau wie in der vergangenen Saison. Die Auswahlkriterien und vor allem die Zusammensetzung des Finals haben wir damals zwar heftig kritisiert, am Ende wurde aber doch noch alles gut. Denn die Schweizer entschieden sich im Televoting überraschend gegen die bekannteren Namen und wählten Sebalter, der geradezu sensationell erfrischend in Kopenhagen die Schweiz ins Finale führte und dort einen guten 13. Platz erpfiff.

Red Carpet Kopenhagen 2014 Sebalter

Nun also das gleiche Verfahren noch einmal. Anders als bei „Unser Song für Österreich“ müssen in der Schweiz neue und ESC-konforme Songs eingereicht werden. In einer ersten Phase werden 18 Songs für ein Experten-Casting ausgewählt. 3 Plätze davon stehen der italienischsprachigen Schweiz, 6 dem französischsprachigem Landesteil zu, die ihre Vorauswahl intern treffen. Paolo Meneguzzi (ESC 2008) gehört zum Panel, das die 3 Titel aus dem Tessin aussucht.

Für die übrigen 9 Titel ist die Deutschschweiz verantwortlich. Und dort setzt man erneut auf das offene Bewerbungsverfahren über die Plattform des SRF, die seit heute für insgesamt zwei Wochen bis zum 17. November für das Voting offen steht. Die Songs sind dort nach Interpreten-Namen alphabetisch geordnet (etwa ein Sechstel beginnt mit dem Buchstaben „S“). Jeder User darf insgesamt 4 Stimmen abgeben, die auf mehrere Songs verteilt werden können.

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Zeitgleich wühlt sich eine Fachjury durch die Beiträge und bewertet diese ebenfalls. Diese beiden Komponenten werden zu je 50 Prozent kombiniert und die Interpreten der 9 besten Songs werden dann für die Deutschschweiz zum „Selektionsprozess Stufe 2“ eingeladen, dem Experten-Check am 7. Dezember in Zürich (hier das Reglement).

Im Casting hört die Jury dann alle 18 Titel (auch die intern ausgewählten 6 aus der Romandie und die 3 aus dem Tessin). Nach dem Urteil der Experten kommt dann jeweils das beste Drittel aus jedem Segment ins TV-Finale – also 3 Songs aus der Deutschschweiz, 2 aus der französischsprachigen und ein Song aus der italienischsprachigen Schweiz. Das Finale „Die grosse Entscheidungsshow 2015″ findet am 31. Januar in Kreuzlingen in der Bodensee Arena statt. (Einschub: Die Schweiz hat den Buchstaben „ß“ seit den 70er-Jahren abgeschafft und wir folgen hier der nationalen Schreibweise).

206 Songs stehen zur Wahl – das ist eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr als 156 Titel um Stimmen warben. In Deutschland ist derzeit erst gut ein Zehntel der Anzahl Clips aus dem Vorjahr erreicht – aber dort läuft die Einreichungsphase für das Wildcard-Konzert noch bis zum 9. Januar. Statistisch gesehen sind die Chancen in der Schweiz besser auf ein VE-Ticket als in Deutschland.

Und wen finden wir nun im Starterfeld? Zunächst einmal ist Lys Assia nirgends zu finden (man weiß ja nie…), bei Ralph Siegel sind wir uns da nicht so sicher (die Namen der Komponisten werden nicht ausgewiesen). Natürlich ist hier der üblichen Haufen Kraut & Rüben von Has-beens, national halbwegs bekannten Sängern, notorischen Castingsternchen und ausländischen ESC-Touristen versammelt. Da man aber über ein fertig produziertes ESC-konformes Lied verfügen muss, bleiben uns hier die üblichen amateurhaften Coverversionen oder subtiles Gitarrengeschrammel in der Waschküche erspart.

Eine ehemalige ESC-Teilnehmerin ist auch dabei (im letzten Jahr scheiterten hier Anett Artani und Daria Kinzer, die mittlerweile RTL bei „Das Supertalent“ beehrt). Diesmal finden wir Nayah, die auch 15 Jahre nach dem ESC Jerusalem, als sie Frankreich mit „Je veux donner ma voix“ vertrat, immer noch esoterisch-okkult angehaucht scheint.

Nayah – Immortels

Aus dem letztjährigen Schweizer Final ist auch eine alte Bekannte dabei. Gisel de Marco versucht es diesmal solo und deutlich raffinierter, nachdem sie als Mit-Favoritin im Kreise ihrer The-Voice-of-Switzerland-Castingkollegen als „3 for All“ mit typischer ESC-Konfektionsware das Televoting gegen Sebalter verlor. Angesichts ihrer Bekanntheit in der Schweiz ist Gisel sicher ein heißer Tip für Kreuzlingen:

Gisel de Marco – Teasing you

Unter den Clips finden wir viele Wiederholungstäter, die bereits im vergangenen Jahr in der Schweiz ein Lied eingereicht hatten und nicht berücksichtigt werden. Maria Christina etwa stampfte damals in Gummistiefeln singend durch den Kuhstall und hat sich nun für ein reggae-angehauchtes Thema entscheiden, das sie hauptsächlich beim Aprés-Ski in der üblichen donnernden Dröhnung zum besten gibt:

Maria Christina – Let’s dance together

Noch ein Ex-Talent: Maya Wirz gewann 2011 die Talentshow „Das grösste Schweizer Talent“ und wurde vergangenes Jahr trotz gewisser Restprominenz ebenfalls glatt übersehen. Woran das wohl gelegen haben könnte?

Maya Wirz – My best choice

Lobend zu erwähnen ist das Bemühen, in den Videoclips neben dem Song auch erfolgreiche Schweizer Wirtschaftssparten hervorzuheben. Der Männerchor Steili Kreissä macht sich etwa um die heimische Schweinehaltung verdient – kein Wunder bei einem Titel, der „The beat of the meat“ heißt. Es sei daran erinnert, das lebende Tiere auf der ESC-Bühne verboten sind (Ganzkörper-Tierkostüme werden hingegen gern gesehen).

Männerchor Steili Kressä – The Beat Of The Meat

Im vergangenen Jahr positiv aufgefallen war uns auch Ilary, die es erneut mit zwei Songs versucht und der man unbedingt zuhören sollte.

Ilary – Senza te

Und die Liebhaber des eher traditionellen Liedguts? Natürlich wird hierzulande auch irgendwo gejodelt, eingebettet in ein mystisch angehauchte Setting (noch nicht auf Youtube). Doch nicht nur Schweizer Töne finden sich auf der Plattform. Eine erhebliche Anzahl von Künstlern stammt von jenseits der eidgenössischen Grenzen und manche haben anderweitig ESC-Vorentscheid-Erfahrung gesammelt.

Zum Beispiel Simona Sivano. Sie blieb im bulgarischen Finale 2012 auf der Strecke. Da sich ihr Heimatland nach wie vor schwer tut, dauerhaft dem ESC gewogen zu bleiben, warum dann nicht mal einen Versuch in der Schweiz wagen?

Den Preis für den wohl ungewöhnlichsten Songtitel und eine hohe Wertung in der von uns soeben erfundenen (und nicht wirklich maßgeblichen) Kategorie „Zuckerhase“ hat sich ein junger Ire verdient, der sich „Ralfi“ nennt.

Ralfi – The Man Won the Lottery for the Moon

Weitere Beiträge aus dem Ausland sind zum Beispiel „Action Man“ von Bearforce1, einer Truppe von reiferen Gays aus den Niederlanden, die gerne ihre üppige Brustbehaarung in die Kamera halten; „Don’t stop the madness“ der isländischen Riesenelfe Ása Ástardóttir, die im vergangenen Jahr einen offenen Brief mit heftiger Kritik bezüglich der Auswahlkriterien für das Wildcard Konzert an den NDR schrieb; oder „You still there“ von Damir aus Salzburg, der sich gern zu Klavierklängen in reichlich Nappaleder gehüllt an wind- und wellenumtosten Stränden tummelt.

Bearforce 1 – Action Man

Auch aus Malta, Russland, der Ukraine, Kroatien, Schweden und Großbritannien finden sich musikalische Grüße. Sie sollten sich nicht allzugroße Hoffnungen machen – 2014 jedenfalls waren alle Finalisten in den TV-Show Schweizer.

Natürlich sind die hier vorgestellten Häppchen nur ein kleiner Teil der Auswahl. Wir haben nicht alle 206 Songs durchgehört und sicher befinden sich noch viele hörenswerte Songs auf dem SRF-Portal. Wir rufen daher die BlogLeser auf, gerne Ihren persönlichen Favoriten für das Schweizer ESC-Ticket zu posten. Aber nicht zu hastig entscheiden, das Voting läuft bekanntlich noch bis zum 17. November um 8 Uhr und man darf nur einmal maximal 4 Stimmen abgeben.