Seine Lieder zogen in die Welt hinaus: Erinnerungen an Jürgen Marcus

„Die Uhr geht vor, du kannst noch bleiben“ sang 1977 Jürgen Marcus. Doch leider durfte die großartige Schlagerlegende nicht bleiben. Mit nur 69 Jahren starb der Sänger nach langer schwerer Krankheit Mitte Mai in München. Seine unvergleichliche Stimme zu abwechslungsreich stimmungsvollen Kompositionen ist aber schon heute ein Charakterbild der deutschsprachigen Musikszene. Ein paar Gedanken zum Tode von Jürgen Marcus.

Geboren als Jürgen Beumer am 6. Juni 1948 in Herne begann Jürgen Marcus seine Karriere mit einer Ausbildung als Schlosser. Doch kaum der Lehre entsprungen, widmete er sich dem bevorzugten Musikstil jener Zeit, dem Beat. Ihn zog es zu Festivals und er arbeitete in verschiedenen Bands.

Im Kultmusical der Endsechziger „Hair“, die für einige Künstler wie Su Kramer, Donna Summer und Reiner Schöne zum Sprungbrett wurde, übernahm Marcus 1969 die Rolle des Claude Bukowski. Man kann sich heute kaum vorstellen, dass der Sänger mit dem Schwiegersohnimage in diesem doch sehr freizügigen Bühnenstück auftrat.

Jürgen Marcus Luxemburg 1976 5(Bild: picture alliance Dieter Klar)

Auch für Jürgen Marcus öffneten sich viele Türen. Jack White entdeckte ihn und produzierte mit ihm die ersten Platten, die sofort Einzug in die Charts fanden.

Mit seiner vierten Single „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ schaffte er es bis an die Spitze der Hitlisten. 15 Wochen hielt es ihn in die Top Ten und er avancierte zum Stammgast in der ZDF-Hitparade.

Diesem Erfolg schlossen sich mehrere Erfolge wie „Ein Festival der Liebe“ und „Schmetterlinge können nicht weinen“ an.

Jürgen Marcus mauserte sich zu einem Teeniestar. Die Bravo verlieh viermal den Otto an ihn.

Die Siebziger boten für die Künstler viele Möglichkeiten sich dem Publikum zu präsentieren. Das Fernsehen lieferte eine Vielzahl an Showformaten wie zum Beispiel 8 x 1 in Noten, in denen sich die Sänger auch von anderen Seiten zeigen konnten.

Neben verschiedener Showangebote kamen auch Filmrollen hinzu, jedoch lag der Fokus auf die Produktion erfolgreicher Singles.

Die Macher des deutschen Eurovision Song Contest vom Hessischen Rundfunk warfen nun auch ein Auge auf den smarten Sänger. Intern sollte die Entscheidung 1974 fallen. Eine Sängerin (Anne Karin), ein Duo (Cindy & Bert) und ein Sänger (Jürgen Marcus) sollten je zwei Titel einreichen, welche durch zwei weitere des Senders komplettiert wurden. Jedoch beim Vortrag vor der Jury am 23. Januar 1974 fielen alle Titel durch und eine neue Runde wurde ausgerufen.

Mit „Grand Prix d`amour“ von Jack White und Fred Jay schaffte es Jürgen Marcus nicht, die Jury überzeugen, ihn nach Brighton zu schicken, aber ein Charterfolg war ihm sicher.

Ein Jahr später folgte der nächste Versuch. Am 3. Februar stand er zusammen mit vielen namhaften Stars im einem hochkarätig besetzten nationalen Finale auf der Bühne und sang von Start-Nr. 12 aus „Ein Lied zieht hinaus in die Welt“ von Jack White und Fred Jay.

Die je vier Juroren in den 9 TV-Stationen der ARD durften von 1 bis 5 Punkte vergeben. Für Jürgen Marcus blieben am Ende 90 Punkte, womit nur ein 9. Platz raussprang. Joy Fleming gewann, die zwar einen Kultsong schuf, aber in Stockholm trotz großer Stimme unterging.

Jürgen Marcus Luxemburg 1976 3

Die Ironie dieser Vorenstcheidung bestand darin, dass die beiden Lieder, die auf Platz 9 und 10 landeten, zu den größten Erfolgen wurden. Hinter Jürgens Titel platzierte sich Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“.

Dem dritten Platz in den deutschen Charts folgten weitere große Songs wie „Auf dem Karussell fahren alle gleich schnell“, „Ein Engel, der mich liebt“ und „Komm mit auf die Sonnenseite der Straße“.

Da es in Deutschland nicht klappen wollte, bewarb sich Jürgen Marcus in Luxemburg, wo sich ein Frank Elstner für ihn ausgesprochen hatte. Jack White und Fred Jay schrieben zusammen mit Vline Buggy den Titel „Chansons pour ceux qui s’aiment“, deutsche Version “ Ein Tingler singt für Euch alle“, für ihn. In einer internen Entscheidung ging er als Sieger hervor und ließ Marianne Rosenberg auf Platz 3 hinter sich.

In Den Haag musste Jürgen Marcus als fünftes auf das Podium. Mit seinem Auftritt verband der Sänger im Nachhinein eine sehr negative Erinnerung. Direkt vor dem Call auf die Bühne sagte der Aufnahmeleiter zu ihm: ,So, du Nazi, du bist jetzt dran.’.

Jürgen Marcus Luxemburg 1976 2

Die Eurovision sollte jedoch kein Erfolgskonzept für Jürgen Marcus werden, denn nur Belgien und Irland mit je sechs Punkten sowie die Niederlande mit 5 Punkten hatten etwas für den luxemburgischen Beitrag übrig. 17 Punkte ließen Jürgen Marcus auf den 14. Platz fallen.

In Deutschland riss jedoch die Schaffenskraft des Sängers nicht ab und pro Jahr brachte er mindestens zwei Lieder heraus. Mit „Die Uhr geht vor – Du kannst noch bleiben“ und „Engel der Nacht“ 1981 schaffte es Jürgen Marcus noch in die Charts

Und in der Hitparade und in der Disco präsentierte er erfolgreich „Davon stirbt man nicht“, der einen etwas anderen Jürgen Marcus zeigte.

1979 trennte sich Jürgen Marcus von Jack White und nach und nach blieben die Erfolge aus. Er versuchte mit anderen Produzenten wie Rainer Pietsch und Ralph Siegel wieder Anschluss an die früheren Erfolge zu kriegen, aber trotz Imagewechsel und Single- und LP-Produktion verschwand der Sänger in der Versenkung.

1982 unternahm Jürgen Marcus einen letzten Versuch die nationalen Ehren Deutschlands in Harrogate vertreten zu dürfen. Wieder bestand das Teilnehmerfeld aus vielen bekannten Größen des Showgeschäfts am Vorabend der Neuen Deutschen Welle.

Jürgen Marcus Luxemburg 1976

Thomas und und Joachim Fuchsberger schrieben für ihn „Ich würde gerne bei Dir sein“, doch in Nicole hatte er dieses Mal eine unbezwingbare Konkurrenz und somit blieb nur Platz 5 mit 3439 Punkten.

In den Neunzigern kehrte Jürgen Marcus unfreiwillig auf die Titelseiten der Presse zurück. Sein Outing, von der Bild 1991 auf Seite 1 publiziert, zerstörte den Schwiegersohn-Image, der ihn immer noch anhaftete.

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Ende des Jahrzehnts unternahm er einen letzten Versuch via eines Concours nochnals wieder Fuß zu fassen, doch sein „Mach’s gut bis zum nächsten Leben“ blieb beim Grand Prix der Schlager auf Platz 6 hängen.

Nach ein paar weiteren erfolglosen Single- und Longplayer-Produktionen wie zum Beispiel „Ich bereue nichts“, „Deine Sorgen möcht’ ich haben“ und „Ich schau in mein Herz“ zog sich Jürgen Marcus 2012 langsam wegen einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung „COPD“ aus der Öffentlichkeit zurück, dem im April 2017 der endgültige Rückzug aus dem Showgeschäft folgte.

Ein Jahrzehnt lang beherrschte er mit seinen Liedern die deutsche Musikszene und schuf im Gegensatz zu anderen eine ganze Reihe von Klassikern, die bis heute viele in ihr Herz geschlossen haben. So tanzen verschiedene Generationen mit Freuden zu „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ beim alljährlichen Großevent Schlagermove in Hamburg, der zu gern mit dem Jürgen Marcus Titel „Ein Festival der Liebe“ wirbt.

Auch wenn die Öffentlichkeit in den letzten Jahren von ihm kaum etwas gehört und Jürgen Marcus nun sehr bescheiden und in aller Stille die Welt verlassen hat, so haben seine Lieder einen Platz in den Herzen der Menschen und werden so in Erinnerung bleiben.