Shitstorm wegen ORF-Expertenjurys bei „Wer singt für Österreich?“

The Makemakes ESC 2015

Einer der coolsten Songs des diesjährigen Eurovision Song Contests kommt aus dem Gastgeberland Österreich, „I am yours “ von The Makemakes (Foto). Ausgesucht worden ist er zu 50% von internationalen Expertenjurys aus insgesamt zehn Ländern. Heftig diskutiert wird nun in den österreichischen Medien, wie international diese Jurys tatsächlich waren.

Moritz R. MünknerWer ist Moritz R. Münkner? Haben viele Leserinnen und Leser uns und wir uns selbst auch gefragt, als jener Moritz die deutschen Punkte bei diesjährigen österreichischen Finale am vergangenen Wochenende verlesen hat.

Nun, Moritz R. Münkner (Bild) wohnt seit einem Jahr in Wien und studiert an der Wiener Wirtschaftsuniversität im 3. Semester Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Moritz ist leidenschaftlicher Sportler (Basketball, Fußball, Golf), liebt Musik und Grafikdesign, interessiert sich für Politik und fotografiert für sein Leben gern.

Über das alles und einiges mehr unterrichtet uns der Verkünder der deutschen Punkte der deutschen Jury beim österreichischen Finale, der übrigens auch Mitglied ist beim Rotaract Club Blue Danube Niederösterreich, ausführlich hier.

Anscheinend spielt unser Punkte-Moritz nicht nur gerne Golf, sondern hat sich auch als deutscher Volunteer beim ORF beworben. Denn wie alle anderen Punkteverleser der zehn internationalen Jurys, gehört er zu einem Pool von „Botschaftsmitarbeiterinnen und ESC-Volunteers aus den jeweiligen Ländern“, die vom ORF als Punktevortragende rekrutiert wurden. Nicht jedoch als Punktevergeber, das widerum war eine „50-köpfige Jury bestehend aus handverlesenen ESC-Expert/innen aus zehn Ländern (…) bestückt mit ehemaligen Teilnehmerinnen und Delegationsleitern aus teilnehmenden Ländern“, die aber während der Liveshow nirgendwo in Erscheinung traten und auch an anderer Stelle nicht kommuniziert wurden.

Diese Klarstellungen (Zitate im Absatz zuvor) stammen aus einer Presseinformation, die der ORF hastig nachgeschoben hat, nachdem in den sozialen Medien und der österreichischen Boulevardpresse ein veritabler Shitshorm darüber losgebrochen war, ob „der ORF 445.000 Gebührenzahler getäuscht“ hat (KronenZeitung). In der Livesendung waren nämlich die oben dargestellten Fakten nicht erkennbar, vielmehr wurde implizit der Eindruck erweckt, als gäbe es Liveschaltungen zu den Jurysprechern in zehn europäischen Ländern. Nicht nur wir sind darauf hineingefallen, schließlich kennen wir vom Melodifestivalen, dass die Jurysprecher persönlich vor die Kamera treten.

Durch die „Anlehnung an den gelernten Votingprozess beim ESC-Finale“ suggerierte der ORF in seiner Liveshow Authentizität, wo keine vorhanden war (nicht zuletzt weil das Verlesen der Wertungen in englischer Sprache erfolgte). Das Livefeeling entstand automatisch, auch wenn nicht explizit behauptet wurde, dass es sich um Liveschaltungen handelt. Vielmehr hatte der ORF die Juryeinblendungen „aus Kostengründen unter Verzicht auf teure Liveschaltungen“ (ORF) am Küniglberg in Wien vorproduziert, was übrigens bedeutet, dass die tatsächlichen Jurys nicht auf Basis der Liveshow, sondern auf Basis von Aufzeichnungen aus dem Halbfinale entschieden haben.

In Österreich ist der ESC jetzt schon das ganz große Ding, weshalb das alles schon für maximale Aufregung auf dem Boulevard reicht – die liberal-bürgerliche österreichische Tageszeitung „Die Presse“ spricht sogar von einer „Farce“ – während die österreichische Delegationsleiterin Stefanie Groiss Horowitz die Diskussion nachvollziehbar „entbehrlich“ findet.

So kann man es auch formulieren. Wir erklären „entbehrlich“ offiziell zu unserem Wort der Woche. Entbehrlich, aber lustig. Unterhaltsamer wird es noch, wenn man recherchiert, wer unserem Moritz beim Punktevorlesen Gesellschaft geleistet hat. So entpuppt sich sich „beispielsweise die britische Präsentatorin offensichtlich als eine seit Jahrzehnten in Österreich ansässige Fremdenführerin, die lettische als eine seit 2010 in Wien lebende Sopranistin oder die slowenische als waschechte Klagenfurterin“, wie Michael Reichelt vom Magazin Seitenblicke herausgefunden hat. Really funny.

Für wen haben Moritz, die Sopranistin, die Fremdenführerin & Co. dann nun konkret den Voting-Dummy gegeben?

anggun_2ndreh

In der 50-köpfigen Jury (10×5) finden sich tatsächlich prominente ESC-Heldinnen, wie etwa Anggun für Frankreich (Foto oben, Anggun singt links) oder Tinkara Kovač aus Slovenien (Foto unten) wie Seitenblicke den ORF zitiert.

Slowenien Tinkara Kovac 2014 Probe 2

Im gleichen Zitat wird allerdings auch behauptet, dass die „lettische ESC-Teilnehmerin 2014“ ebenfalls in der internationalen Jury dabei war. Hä? Für Lettland ist 2014 die Band Aarzemnieki beim ESC angetreten, angeführt vom Bochumer Jorän Steinauer, einem Mann. Allerdings hat bei Aarzemnieki auch Katrina Dimanta mitgemacht, deren Red Carpet Auftritt in Kopenhagen wir NIEMALS vergessen werden (siehe Bild, das folgt). Vielleicht hat sie ja in Österreich mitgevotet? (Unterstellen wir mal, dass sie bei Musik etwas zielsicherer ist als beim Griff in den Kleinderschrank.)

Red Carpet ESC Kopenhagen 2014 Katrina Aarzemnieki Lettland

Und schließlich haben laut ORF in den internationalen Jurys auch mehrere HoD mitgewirkt (u.a. aus Frankreich, Israel, Italien, Lettland, Niederlande), darunter auch Torsten Amarell vom NDR, wie uns Katharina Nürberger aus der ORF Generaldirektion (Pressestelle) heute telefonisch bestätigte.

Nachdem Torsten Amarell in Schweden als Repräsentant der deutschen Jury also in diesem Jahr erstmals nicht zum Zuge kam, hat er in Österreich dem richtigen Act zum Auftritt beim internationalen ESC (mit)verholfen. Denn (auch) Moritz R. Münkner hat für die formidablen Makemakes (übrigens mit jüngst ausgeloster Startnummer 14 in Wien im Finale am Start) zwölf Punkte verlesen.

EyeCandy-Alarm: The Makemakes sind nicht nur bei Balladen stark in Antritt und Auftritt.