Skurril oder genial? Engelbert Humperdinck singt für Großbritannien

Den ganzen Tag über wurde geraten und spekuliert, nachdem zunächst die BBC angekündigt hatte, ihren Vertreter für Baku heute bekannt zu geben und dann „durchgesickert“ war, dass es sich bei dem Auserwählten um eine mehrfach für den Grammy nominierte Künstlerlegende handeln soll, die einen ganzen Raum nur mit Platin-Schallplatten tapezieren kann. Und nun ist es raus: Engelbert Humperdinck vertritt die Briten in Baku!

Und damit präsentieren sie uns den ältesten Solosänger, der jemals beim Eurovision Song Contest angetreten ist: Engelbert wird beim Finale am 26. Mai sage und schreibe 76 Jahre alt sein!

Engelbert WER? Das wird in den Fankreisen, die sich altersmäßig zwischen 15 und 40 Jahren befinden eine der meistgestellten Fragen zu dieser Wahl sein. Mal sehen, ob wir einen kurzen, aber umfassenden Abriss über seine jahrzehntelange Karriere hinbekommen:

Engelbert heißt eigentlich Arnold Dorsey und wurde 1936 geboren. Seine Gesangskarriere begann er 1953 – mit einem Gesangswettbewerb! Später siedelte er in die USA über, wo er sich aufgrund des ausbleibenden Erfolges den Künstlernamen Engelbert Humperdinck gab, um zukünftig mehr aufzufallen. Vorlage für diesen Namen war ein deutscher Opernkomponist gleichen Namens, von dem beispielsweise das Werk „Hänsel und Gretel“ stammt. In Deutschland darf Humperdinck übrigens nur unter seinem Künstlervornamen auftreten, weil die Nachfahren des Komponisten den Namen Humperdinck geschützt haben.

Seine große Zeit kam dann Ende der Sechziger Jahre mit den Hits „Release me“, „The last waltz“ und „There goes my everything“.

Release me

Von diesen Jahren an war er weltweit als DER Schnulzensänger schlechthin ein Begriff. In den folgenden Jahren bestritt er unzählige erfolgreiche Konzerttourneen und endete dort, wo jemand mit seiner Ausstrahlung und seinen Entertainmentqualitäten eben landet: In Las Vegas! Dort spielte er mehrere Jahre lang umjubelt im Hilton Hotel. Seine Karriere konzentrierte sich aber zu dieser Zeit hauptsächlich auf den US-amerikanischen Markt.

In den Achtziger-Jahren drängte Engelbert dann auch verstärkt in den deutschen Markt. Aus dieser Zeit stammt auch meine erste Erinnerung an ihn und ich weiß noch, dass ich diesen Mann damals schon unglaublich altmodisch und kitschig fand……

Und tatsächlich hatte er auch kleine Hits bei uns, z.B. „The Spanish night is over“ oder „Red roses for my lady“ aus der Feder von – Dieter Bohlen!

Red roses for my lady

In den vergangenen zwanzig Jahren war es dann wieder etwas ruhiger um Engelbert, zumindest in den Hitlisten. Allerdings tummelt er sich nach wie vor in den Konzertsälen dieser Welt, unterstützt viele wohltätige Projekte und verkauft weiterhin – inzwischen CD´s, auch wenn es nur die Best of-Alben sind. Hier ein Ausschnitt aus einem Konzert in Moskau im Dezember 2011:

Er ist immer noch gut – aber passt er auch zum ESC?

Wie dem auch sei : 2012 will Engelbert nun noch einmal angreifen und im – tja, man kann wohl sagen – Winter seiner Karriere noch einmal nach den Sternen greifen. Und für sein neues Album, das demnächst erscheinen soll, wird richtig geklotzt. Keine geringeren als die Haus- und Hofkomponisten des derzeitigen britischen Superstars Adele schreiben einen Großteil der Albumtracks und haben auch den Song für Baku komponiert, der heute allerdings noch nicht vorgestellt wurde.

Zumindest diese Tatsache lässt hoffen, dass wir einen richtig guten Song hören werden und keine vor Schmalz triefende Schnulze nach Machart der Sechziger Jahre! Inwieweit dieser Mann aus einer anderen Zeit heute noch in Europa verfängt, muss allerdings dahingestellt bleiben. Ich bin diesbezüglich noch völlig unentschieden, kann mir aber eigentlich nicht vorstellen, dass dieser Kandidat bei jüngeren Zuschauern, die ja wesentlich das Televotingergebnis bestimmen, ankommt. Irgendwie finde ich es großartig, dass die BBC dieses verdiente alte Showpferd ins Rennen schickt, andererseits finde ich es auch irgendwie ziemlich erschütternd, dass sich in Großbritannien offenbar niemand aus der aktuellen Popszene zu einer Teilnahme durchringen kann. Es ist für die BBC zumindest eine Gratwanderung – aber vielleicht funktioniert er ja, der Spagat zwischen dem Oldie und einem modernen Song und alles stellt sich am Ende als kongeniale Idee heraus! Das ist alles jedenfalls so schräg, dass es irgendwie schon wieder gut ist – That´s Eurovision!