Live-Blog: Slowenien wagt Molitva reloaded

Eine monatelange Kandidatensuche ging am Sonntagabend in Slowenien ihrem Höhepunkt entgegen – und die Beschreibung klingt wie erst vor 2 Wochen bei „Unser Star für Baku“: Sechs Songs, zwei Finalisten – und am Ende winkte ein Ticket für Baku. Die Zuschauer hatten die Wahl zwischen Klamauk von Zwillingsschwestern und einer Sängerin mit guter Stimme. Am Ende obsiegte die Ernsthaftigkeit – mit einem optischen Augenzwinkern. Hier ist unser Liveblog zum Nachlesen!

 

Ich muss gestehen: Ich habe die „Mission“, wie die Slowenen ihre Suche nach einem geeigneten Lied für den Eurovision Song Contest 2012 getauft haben („Misija Evrovizija“), über all die Wochen nicht verfolgt. Es war eine Art „Unser Star für Baku“, den sich das slowenische Fernsehen bei den Deutschen abgekuckt hatte – und dann gleich noch verlängert: „Misija“ ging über 12 Abende. Es begann schon am 2. Oktober mit 16 Kandidaten und zog sich also über Wochen, in denen nach und nach die Teilnehmerschar geschrumpft wurde.

Am 8. Januar 2012 waren nur noch drei übrig – an jenem Abend wurden dann zwei Finalisten auserkoren, die nun heute Abend den Sieg unter sich ausmachen… ganz wie bei USFB eben. Eva Boto und das Schwesternpaar Nica und Joe Nika und Eva Prusnik werden jeweils drei Songs singen. Entschieden wird per Jury- und Televoting (je 50 Prozent).

Anders als bei USFB sind das wirklich sechs verschiedene Songs, teils auf Slowenisch, teils auf Englisch. Die Lieder stammen von internationalen Autoren wie Christina Schilling, Co-Autorin des irischen ESC-Beitrags 2009 („Et cetera“), und Søren Bundgaard (ja, DER Søren vom dänischen Duo Hot Eyes, das in den 80ern drei Mal beim Grand Prix dabei war), aber auch von slowenischen Komponisten.

Die meisten Namen sagen mir nichts, aber Urša und Matjaž Vlašič sollten ESC-Fans ein Begriff sein: Sie schrieben schon mehrere slowenische ESC-Beiträge, etwa „Naj bogovi slišijo“ (1998) oder „Stop“ (2005). Auch der letztjährige Song, „No One“, stammt von ihnen. Bisher konnten sie noch keinen ESC-Winner kreieren – anders als Vladimir Graić. Er ist der Komponist von „Molitva“, dem Sieger 2007, und hat heute Abend auch ein heißes Eisen im slowenischen Vorentscheidungsfeuer. Außerdem sollen als Gaststars viele slowenische Song-Contest-Teilnehmer sich die Ehre geben: etwa Omar Naber, Darja Švajger, Nuša Derenda und Maja Keuc.

Wir sind gespannt – ab 20 Uhr geht’s los. Hier bei uns als Liveblog und als Livestream auf der offiziellen Eurovisions-Website.

Hui, wie ein Schweizer Uhrwerk: Punkt 20:00:00 Uhr ertönt im 1. Programm des slowenischen Fernsehens die Eurovisions-Hymne. Der Vorentscheid beginnt – zur Feier des Tages heißt „Misija Evrovizija“ jetzt „Misija EMA 2012“, um auf den Namen zurückzukommen, den Sloweniens Vorentscheid seit Jahren trägt.

Für Ell und Nikki hat das Geld wohl nicht gereicht, deshalb singt Moderator Klemen Slakonja im Ljubljanaer TV-Studio selber auf Slowenisch eine leicht angerockte Version von „Running Scared“. Anschließend begrüßt er die bisherige Mizija-Jury… Ich kenne nur Frau Švajger.

Interessanter Aspekt am Rande: Ein iPad wird offenbar immer mehr zur Grundausstattung von Moderatoren. Auch Klemen hat eines in Händen. Neulich hatte in Ungarn die gesamte Jury iPads, um ihre Punkte anzuzeigen; auf Malta zählte das iPad auch zum wichtigen Utensil. Ganz hübsch ist auch die Bühne in Form eines großen silbernen Sterns, um den das Publikum herumdrapiert wurde.

Herr Slakonja erklärt das Reglement, leider ist mein Slowenisch nur äußerst rudimentär. Und dann singt er erst mal noch… Das Problem bei Klemen: Er ist offensichtlich sehr von sich überzeugt, schon voriges Jahr stellte er sich gern ein wenig in den Vordergrund. Das tut der Show nicht so gut, finde ich. Es geht schließlich um Eva Boto und die Prusnik-Schwestern.

Doch für die ist jetzt die Zeit gekommen. Eva Boto singt ihr erstes Lied, „Run“. Es ist eine Ballade, von den erwähnten Dänen (Schilling, Bundgaard) geschrieben. Eva singt sehr schön und klar – über das atollblaue leicht transparente Tüllkleid sollte man aber nochmal nachdenken… Ein schöner Einstieg; ein Lied, das sich zum Ende hin steigert. Man muss abwarten, was noch kommt, aber „Run“ ist schon mal eine gute Nummer.

Eine klassische Eurovisions-Ballade. Die haben in den letzten Jahren beim ESC zwar nicht allzu gut abgeschnitten (wenn man nicht gerade eine Sandmalerin im Gepäck hatte…….), aber für alle Zeiten abschreiben sollte man solche Balladen ganz sicher nicht. Die Jury äußert sich zu „Run“ – und ich vergebe mal 8/10 Punkten. Könnten auch noch 9 werden. Aber man muss ja mal sehen, was noch kommt. (Ich kenne die Lieder nicht, obwohl sie seit ein paar Tagen schon online verfügbar waren…)

Klemen kündigt singend die Prusnik-Schwestern an. Es ist Zeit für deren erstes Lied. Ach herrje… Nika und Eva machen einen Japan-Trip: „Konichiwa“ heißt das Lied. Erst drehen sie zwei Sonnenschirmchen, dann zeigen sie ihre Pumuckl-Frisuren. Und der Background-Chor trägt Kimonos.

Soll das ihr Ernst sein? Nein, wohl eher ein Spaßbeitrag. Und was haben die Zwillinge da auf ihren Rücken, übergroße Wäscheklammern? Hilfe… das ist ja schlecht. „Don’t tell Jesus Christ we were in paradise“, singen sie. Das Lied kommt eher aus der Hölle. Ich vergebe 1/10 Punkten – just for the try.

Ich verstehe zwar kein Wort, was die Jury da sagt, aber man schaut ihnen gern dabei zu – vor allem diesem Raay… 😉  Zur Jury gehören übrigens – neben Raay (Komponist) und der zweimaligen slowenischen ESC-Sängerin Darja Švajger (1995, 1999) – noch Tina Marinšek (eine Sängerin) und der TV-Moderator Jonas Znidarsic, der aussieht wie General Tito.

Wir erfahren in der Werbepause, dass Opel den Slogan „Wir leben Autos“ auch in Slowenien nicht übersetzt hat – verstehen das die Slowenen alle? Dann muss ich aufpassen, dass ich hier nicht zu viel lästere, wenn die Slowenen Deutsch verstehen… 😉

Eva Boto ist wieder an der Reihe. Ein Einspielfilm zeigt ihren Weg ins Finale, mit Coverversionen, die sie im Lauf der Wochen „Mizija“ gesungen hat. Da waren immer wieder Powerballaden dabei, in der sie mit ihrer Stimme glänzen konnte – ähnlich wie vorhin bei „Run“. Darum bin ich mal gespannt, womit uns Eva jetzt beglückt.

„A si sanjal me“ ist ein Popsong mit starkem Mitklatsch-Beat. Eva hat sich umgezogen – ein Pluspunkt! Der schwarze Fummel mit dem breiten Gürtel steht ihr deutlich besser. Und man muss sagen: Auch diese Popnummer (mit leichtem Hang zu R&B) steht ihr gut. Die gute Eva kann also auch solche Stücke gut singen. Die leicht übermotivierten Tänzer müsste man für Baku wieder ein wenig auf Baldrian setzen, aber ansonsten könnte sich „A si sanjal me“ auch im Mai in Aserbaidschan gut machen. Wäre sicher ein Kracher bei den Partys in Baku.

Das Lied ist übrigens das aus der Feder von Urša und Matjaž Vlašič, also den Autoren von u.a. „Energy“ (2001) und „No One“ (2011). Dürfen die beiden in Baku wieder auf einen ESC-Sieg hoffen? Mal abwarten. Mir hat’s jedenfalls gefallen: Ich vergebe 9/10. Bleibt nur die Frage, ob „A si sanjal me“ für Baku auf Slowenisch bliebe oder einen englischen Text verpasst bekäme…

Die leicht durchgeknallten Zwillinge (hmmm… schreibe ich gerade über Jedward?) sind wieder dran. Eva und Nika singen ihr zweites Lied. „Malo sreče“ klingt wie eine für das Jahr 2012 aufgepeppte Nummer, die die Andrews Sisters oder Lale Andersen vor 1945 gesungen haben. Darum tragen die Prusniks auch diese Kriegsklamotten in Olivgrün. Nett gesungen, eine eingängige Melodie. Komponiert von dem, der auch Sloweniens 2002er-Lied „Samo ljubezen“ für die Transen-Saftschubsen Sestre geschrieben hatte: Robert Pešut, der sich jetzt Magnifico nennt. Aber braucht man beim ESC Soldatinnen auf Fronturlaub?

Es ist ganz offensichtlich: Das slowenische Fernsehen stellt die Zuschauer vor die Wahl – eine ernsthafte Sängerin, die Ballade genauso kann wie schmissigen Popsong, oder ein Nonsens-Duo aus dem Varieté? Immerhin war „Malo sreče“ besser als das Kimono-Grauen von vorhin. Also: wohlgemeinte 4/10 Punkte.

Eva Boto singt ihr drittes Lied. „Verjamem“ ist von dem erwähnten „Molitva“-Komponisten Vladimir Graić, nochmal eine Ballade für Eva. Den Trommelwirbel-Beat hat Vladi bei „Bistra voda“ (Bosnien 2009) abgeschaut, und Eva erhält stimmliche Unterstützung von einer seltsam gekleideten Frau in Weiß, die sich eine Gardine auf den Kopf gebunden hat. Ach je… jetzt sind es ja sogar vier solche Damen. Bräute, die ihren Schleier als eine Art Dutt tragen?

Aber die Bräute singen gut und geben „Verjamem“ eine Stimmkraft, die dem Song gut tut. Den sonst ist das Lied halt nett, aber irgendwie kein Song, der einen umhaut. 7/10. Weil Eva immer noch eine richtig, richtig gute Stimme hat.

Damit steht mein Favorit für Eva fest: die Popnummer „A si sanjal me“, knapp vor „Run“, dritter Platz für „Verjamem“. Aber alle drei sind besser als der Quatsch, den die Prusnik Sisters bisher abgeliefert haben.

Der dritte Streich der Schwestern: „Love Hurts“. So hieß doch mal eine Nummer von Nazareth. Einer Rockband. Und auch Eva und Nika machen jetzt auf Rockerbräute – ganz in Schwarz, und gern mal wild schreiend. Die langen Haare zum Herumwirbeln haben sie auch, und sie machen guten Gebrauch davon.

Eines muss man den Prusniks ja lassen: Sie sind äußerst wandlungsfähig. Zwischen Japan-Pumuckl und Avril Lavigne ist da alles drin. Und von den drei Songs ist „Love Hurts“ ganz eindeutig der beste. Am schlimmsten war „Konichiwa“, und die Weltkriegs-Nummer ist unteres Mittelfeld. 7/10 für „Love Hurts“. Auch wenn man den beiden die Rockernummer nicht ganz abnimmt.

Jetzt der Schnelldurchlauf mit allen sechs Liedern. Und dann kommen die Pausenacts. Erst singt ein Typ eine aufgepeppte Version von „Insieme: 1992“ – so könnte Toto Cutugnos Siegertitel also wohl heute klingen. Und eine Rothaarige versucht sich an „Satellite“. Sie ist aber keine Lena.

Ich hoffe auf ein Duell „Love Hurts“ gegen „A si sanjal me“. Bei Eva könnte ich mich aber auch mit „Run“ anfreunden. Bei Lied 3 haben mir halt diese Bräute nicht gefallen. Wenn Eva die zuhause lässt, darf sie meinetwegen auch mit „Verjamem“ nach Baku. Hauptsache, die Slowenen wählen für die Prusniks nichts anderes als die Rocknummer.

Dieses Pausen-Medley aus mehr oder weniger aktuellen Chartshits ist ja ganz unterhaltsam, aber wo sind die früheren slowenischen ESC-Teilnehmer?

Nach der Werbepause jetzt ein Typ, der auf Slowenisch rappt. Es wird etwas ermüdend. Hoffentlich gibt’s bald mal ein Ergebnis…

Ah, Klemen hat zwei Umschläge. Es gibt also etwas zu verkünden. Eva Botos Lied mit den meisten Stimmen war „Verjamem“, das Lied mit den singenden Bräuten. Und bei den Prusniks wurde… „Konichiwa“ gewählt. Man fasst es nicht! Der größte Schrott, die japanische Pumuckl-Kimono-Nummer, ist in der Finalrunde. Naja, die Leute haben sich wohl gedacht: wenn schon Klamauk, dann bitte den allergrößten Klamauk.

Eva Boto singt nochmal ihr Lied, das dann hoffentlich der slowenische Beitrag für Baku wird. Oder möchte die Republik sich mit zwei bekloppten Pumuckls auf Tokio-Tour blamieren?

Oh, ein Ehrengast, bevor die Prusniks nochmal auf die Bühne dürfen: Anggun aus Frankreich singt ihr Lied für Baku, „Echo (You And I)“. Allerdings wohl nicht live, sieht nach Playback aus. Der Moderator zwingt sie danach, einen slowenischen Satz von einem Zettel vorzulesen… Anggun lächelt etwas gequält. Nun ja.

Jetzt ist es an der Zeit für einen weiteren Trip nach Japan. „A si, a sa, a sa, konichiwa“ – zumindest kann man sehr schnell mitsingen. Trotzdem muss das nicht unbedingt der Beitrag für den ESC werden. Verrücktes Zeug haben wir in Baku eigentlich schon jetzt zur Genüge.

Das zweite Voting beginnt: Die Slowenen können wählen zwischen Bombastballade und Asien-Nonsens. Und Klemen Slakonja geht mir in seiner Überdrehtheit langsam auf den Geist. Falls Slowenien jemals den ESC gewinnen und im Jahr danach ausrichten sollte: bitte ohne Klemen als Moderator!

Darja Švajger, Nuša Derenda und Maja Keuc singen gemeinsam „Samo ljubezen“, den slowenischen Beitrag des Grand Prix 2002. Schön, dass man das Lied zehn Jahre später auch mal von Leuten hört, die das gut singen können. 😉

Ein weiterer Schnelldurchlauf folgt – noch immer kann angerufen und gesimst werden für „Konichiwa“ versus „Verjamem“.

Ich höre, die Niederlande hat ein Lied gewählt, das (so Tjabes Einschätzung) im Semi steckenbleiben wird… haben wir nicht langsam mehr Lieder, bei denen wir auf ein Ausscheiden im Semi tippen, als überhaupt in den Bakuer Halbfinals rausfliegen können? Irgendwelche Sachen müssen doch auch ins Finale kommen. Also höhere Chancen für Slowenien?

Ach du Sch…. Emilija Kokić singt den jugoslawischen Siegertitel von 1989, „Rock me“. Damals war sie Frontfrau der Band Riva. Heute Abend ist sie allerdings unbehandschuht. Und hat auch sonst ein deutlich besseres Outfit an als 1989 in Lausanne. Irgendwie billig ist die Pseudo-Rock’n’Roll-Nummer aber immer noch. Aber Emilija hat sich sehr gut gehalten – sie sieht ja fast aus wie vor 23 Jahren.

Jetzt darf Maja Keuc nochmal ran: Natürlich singt sie ihr Lied „No One“, mit dem Slowenien das erste Mal nach mehreren Jahren wieder im Eurovisions-Finale war. Ich mag das Lied bis heute nicht besonders, in Düsseldorf reichte es aber immerhin für einen 13. Platz!

Hehe… jetzt nimmt Klemen Slakonja den überwiegenden Misserfolg Sloweniens beim Eurovision Song Contest auf die Schippe: Ein Einspielfilm „Slovenia will win“ im Stil der Band Aid/USA for Africa-Musikvideos der Mitt-Achtziger! Sogar „James Blunt“, „Bono“, „Elton John“ und „Lady Gaga“ sind dabei, dazu ein Gospelchor… sehr witzig! Und ein eingängiges Lied. Besser als „Konichiwa“. Aber dazu gehört ja nicht viel. Hier zum Anschauen:

So, jetzt das Ergebnis – Eva Boto oder die Zwillinge? Klemen öffnet den goldenen Umschlag. Und der Sieger ist….. EVA BOTO! „Verjamem“ ist das slowenische Lied für Baku. Maja Keuc überreicht Eva die goldene EMA-Trophäe. Eva ist überglücklich, fällt Maja um den Hals. Freudentränen wechseln sich mit Jubelschreien ab, das Publikum tobt und schreit „Eva!“

So hat der Abend doch noch ein gutes Ende genommen. Slowenien hat sich vom Klamauk doch nicht übermannen lassen und schickt eine ernsthafte Ballade, die sich steigert. Und dass die Kommentatoren in Baku am 24. Mai (2. Semifinale) bei der Ankündigung von Evas Beitrag vielleicht darauf verweisen werden, dass das Stück vom „Molitva“-Komponisten stammt, ist ja eventuell ein Pluspunkt.

Allerdings ist den Slowenen anzuraten, das Lied nicht zu übersetzen, sondern so zu belassen. Es steht sonst zu befürchten, dass es auf Englisch an Charme verliert.

Aber jetzt erst einmal: Gratulation, Eva Boto. Eine überzeugende Stimme für Baku! (Und ansonsten ist aus diesem Abend eine weitere Lehre zu ziehen: Klemen Slakonja ist nur mit ein paar Promille zu ertragen – nächstes Jahr rechtzeitig vor der EMA zu Alkoholika greifen.)

Wir verabschieden uns mit dem Siegertitel, „Verjamem“, und drücken Eva schon jetzt die Daumen für den 24. Mai in Baku.