Sommer-Special 2013 – Gute Reise! – Teil 6: Von Wien nach Jerusalem

Globus1979 – der ESC findet erstmals außerhalb Europas statt und dann noch an einem so speziellen Ort wie Jerusalem. Genau wie 20 Jahre später bei der zweiten Ausrichtung an dieser Stätte fühlte sich ein Land berufen, die Reise dorthin zum Thema seines Grand-Prix-Beitrages zu machen. Die Österreicher wählten dafür eine ganz spezielle Form.

Andre Heller 1981André Heller, Tausendsassa und Enfant Terrible der österreichischen Musik- und Kunstszene, hatte sich bereit erklärt, für sein Heimatland am ESC teilzunehmen, aber er tat dies nicht mit einem Song, noch weniger mit einem Schlager, vielmehr mit einem „Gedicht mit Musik“.

Jerusalem - Google MapsAmbition war dann auch das Stichwort. Der Austragungsort Jerusalem hatte den Künstler zu einem Text inspiriert, der metaphernreich die Notwendigkeit und Möglichkeit des Friedens in Nahost thematisierte. In Töne gesetzt wurde das Ganze von Josef Dermoser, einem Komponisten, über den sich in den Weiten des Netzes 34 Jahre nach dem ESC 1979 jegliche Spur verliert, der aber -und da beißt die Maus keinen Faden ab- in der Anmeldung bei der  AKM (Staatlich genehmigte Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger in Östereich als Komponist des Liedes genannt wird:

Heute in Jerusalem - AKM-AufnahmePeter Wolf und Frank Zappa

Interessanterweise wird auf der Single von „Heute in Jerusalem“  Peter Wolf als Komponist des Songs genannt, ein  auch und vor allem international arbeitender österreichischen Musiker, der zu dieser Zeit u.a. auf den LPs von Frank Zappa mitspielte. Wie Wolf auf Ettiket und auch Rückcover der österreichischen ESC-Platte kam, ist nicht bekannt, auch nicht, wie es dazu kommen konnte, dass er inzwischen als Komponist des Songs in die ESC-Annalen eingegangen ist, aber definitiv war es Herr Dermoser, der „Heute in Jerusalem“ erschuf. Vielleicht gelingt es uns ja nochmal, irgendwann und irgendwie Licht ins Dunkel zu bringen.

Heute in Jerusalem

Dermoser wählte eine für den ESC der damaligen Zeit ungewöhnliche musikalische Form: eine (Wiener?) Melange aus Jazz- und Blueselementen im Gewand einer sehr getragenen Ballade mit einigen gewollten Disharmonien. Das hoch anspruchsvolle Werk wurde in Jerusalem sehr gekonnt von der damals 25jährigen Christina Simon vorgetragen. Die Sängerin spielte in der damaligen österreichischen Musikszene eine etablierte Nebenrolle, ehelichte  später für ein paar Jahre den auf der Platte als Komponist angegebenen Musiker und nannte sich danach der Einfachheit halber Ina Wolf. Christina Simon und der vereinsamte SaxofonistNeben Christina Simon und ihrer Sensationsdauerwelle stand ein langhaariger, vereinsamter Saxofonist auf der ESC-Bühne, der mit seinen gepflegten Dissonanzen den Gesang kontrastierend untermalte. All das führte zu höflichem Applaus nach Beendigung des Vortrags.

Österreichisches HospizHellers Bereitschaft, beim ESC mitzumachen, reiht sich möglicherweise in die jahrhundertealte Sehnsucht nach Jerusalem ein, der die Menschen – vom einfachen Pilger bis hin zum Staatsmann immer wieder erlagen. Die Östereicher selbst hatten sich bereits im Jahre 1863 im Kern der Stadt deutlich sichtbar niedergelassen. Das damals eröffnete Österreichische Hospitz war die erste nationale Pilgerstätte im Heiligen Land und noch heute bietet sich das imposante Gebäude bei einem Besuch als interessante Unterkunft in der Jerusalemer Altstadt an – ein Kaffeehaus inklusive.

sadat-beginDer ESC 1979 fand am 31. März statt, nur fünf Tage, nach dem Begin und Sadat das erste Friedensabkommen zwischen Israel und einem arabischen Staat unterschrieben hatten. Die im Text so poetisch heraufbeschworene Friedenshoffnung erhielt dadurch einen realen Bezug. Dazu wurde originelle Musik von Könnern geboten und der Startplatz (18 von 19) war auch nicht zu verachten. Also gute Voraussetzungen für einen Erfolg?!

Christina Simon 1979Aber aus „Heute in Jerusalem“ wurde so rein gar nichts. 4 Punkte aus Italien und 1 Punkt aus Großbritannien waren die Ausbeute und Österreich landete mal wieder ganz hinten. Es gewann ein anderes, deutlich weniger sperriges Friedenslied: „Hallelujah“. Es war halt wohl doch kein Eurovison Poem Contest.

Christina Simon als Ina WolfAndré Heller ließ sich durch die Pleite in Jerusalem nicht aus der Ruhe bringen und machte in den nächsten Jahrzehnten durch unterschiedlichste Projekte auf sich aufmerksam. Christina / Ina beteilgte sich eine Weile als Texterin an den Musikproduktionen von Peter Wolf, um sich nach der Trennung wieder in Östereich niederzulassen (Die Ehe ist inzwischen annulliert). Dort arbeitet sie hauptsächlich als Songschreiberin – der Text von Thomas Anders‚ VE-Beitrag „Songs that live forever  – geht z.B. auf ihr Konto. Im Jahre 2012 veröffentlichte sie eine neues Album als Sängerin.

Wie eine musikalische „Reise nach Jerusalem“ esc-punktemäßig erfolgreicher gestaltet werden kann, wurde 20 Jahre später bewiesen. Doch dazu demnächst.

 

Und hier die anderen Beiträge des Sommer-Specials 2013:

Teil 1: Von Oslo nach Palma

Teil 2: Von Hamburg nach Neapel

Teil 3: Von Stockholm nach Waterloo

Teil 4: Von Monte Carlo in die Provence und nach Paris

Teil 5: Von Amsterdam nach Colorado

Teil 7: Von Rom nach Tozeur

Teil 8: Von Oslo zum Brandenburger Tor

Teil 9: Von Brüssel nach Ohrid

Teil 10: Von Belgrad nach Brasilien

Teil 11: Von Wien nach Venedig

Teil 12: Von Oslo nach San Francisco

Teil 13: Von München nach Jerusalem

Teil 14: Von Stockholm nach Las Vegas

Teil 15: Von Skopje nach Moskau

Und hier finden sich Links zu unseren Sommerspecials der Jahre 2010, 2011 und 2012 sowie weiteren interessanten Serien.