Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 1: Willkommen in Holland

Ferien daheimSommerzeit – Ferienzeit! Jeden Sommer macht sich ganz Europa auf, um nicht nur die Schönheiten des eigenen Kontinents, sondern auch der ganzen Welt zu bestaunen. Was das in eurovisionärer Hinsicht in mehr als fünf Dekaden bedeutet hat, haben wir im letztjährigen Sommerspecial unter die Lupe genommen.

Diesmal wollen wir den Spieß mal umdrehen: Wer hat eigentlich versucht, mittels des großen europäischen Musikwettbewerbs Menschen aus aller Herren Länder zu sich nach Hause zu holen, wer hat mit seinem Song Fremdenverkehrswerbung betrieben, wer hat diese simple Möglichkeit genutzt, nicht nur Punkte aus Europa einzufahren, sondern im Nachklapp an das Festival auch Devisen?

Wir beginnen ganz am Anfang, ja, ganz am Anfang, mit dem allerersten ESC-Beitrag ever – einem Lied aus den Niederlanden über Holland.

Holland - MapAm 24. Mai 1956 war es soweit – der erste Grand Prix Eurovision de la Chanson ging in Lugano über die Bühne und das war es dann auch schon, denn kaum jemand in Europa sah zu. Europa war noch nicht flächendeckend mit Fernsehgeräten ausgestattet, daher war die Show in erster Linie als Radioprogramm konzipiert.

Die Niederlande durften die Show eröffnen mit dem ersten ihrer beiden Beiträge des Abends und dem allerersten ESC-Song überhaupt. Und sie griffen gleich in die oben erwähnte PR-Schublade und schickten „De vogels van Holland“ ins Rennen. Vorgetragen wurde das Lied von Jetty Paerl.

Inhaltlich war das Lied tatsächlich Fremdenverkehrswerbung pur.

Die Vögel von Holland sind so musikalisch,
sie lernen schon in ihrer frühesten Jungend zu zwitschern,
Die Amsel, die Drossel, die Nachtigall,
damit sie den Frühling in Holland feiern können.

Im weiteren Verlauf des Songs schildert die Interpretin, dass sie selbst Vögel aus aller Welt kennengelernt und ihnen zugehört hat, aber nirgends sängen die Vögelchen so fröhlich und frisch wie in ihrer Heimat, den Niederlanden, oder besser in Holland.

HollandAuch wenn die Bezeichnung Holland immer wieder synonym für die Niederlande verwendet wird, muss doch klar gestellt werden, dass es sich dabei nur um einen Teil des Königreichs handelt, wenn auch einen recht umfassenden. Die Region Holland liegt im westlicheren Teil des Landes schließt Amsterdam, Den Haag und Rotterdam ein – also die drei größten Städte. Sie grenzt  an die Nordsee und das Ijsselmeer und im Süden an die Provinz Zeeland.

Der Begriff „Holland“ erweckt aber zusätzlich wesentlich romantische Gefühle als das sperrige „Niederlande“. Man hört das Wort „Holland“ und sofort sieht man Tulpenfelder, Gewächshaustomaten und die Amsterdamer Grachten vorm inneren Auge. Und von mir aus auch ein paar Vögel.

Mit „De Vogels van Holland“ liefern die Niederlande gleich eine Blaupause für viele, viele weitere ESC-Songs. Man versucht mit dem Song ein Bild zu erstellen, dass auch erfasst werden kann, wenn nicht jedes Wort verstanden wird. Es wird sinnleer gezwitschert („Tudeludelu“) und immer wieder das Assoziationen auslösende Wort „Holland“ eingestreut. Ganz schön geschickt.

Annie M.G. SchmidtVerantwortlich für den Song war auf kompositorischer Seite Cor Lemaire, den Text schrieb Annie M.G. Schmidt und das ist ein Knaller. Annie M.G. Schmidt (1911 bis 1995) ist die Göttin der niederländischen Kinder- und Jugendliteratur und hat Dutzende Klassiker verfasst. Sie ist so etwas wie die niederländische Astrid Lindgren. Aus den Händen ihrer schwedischen Kollegin bekam sie übrigens in den 80er Jahren die höchste europäische Auszeichnung für Kinderliteratur, den „Hans-Christian-Andersen-Preis“. Auch in Deutschland hatte sie große Erfolge, insbesondere mit dem Katzenroman „Die geheimnisvolle Minousch“, der 1970 erschien. Aber auch die deutlich früheren Werke „Wiplala“ und „Heiner und Hanni“ (die in den Niederlanden – oder in Holland – auf die wesentlich cooleren Namen „Jip en Janneke“ hören) sind mir in Kindertagen bereits begegnet.

Vielleicht hatte Annie M.G. Schmidt beim Verfassen des Textes für den Eurovisionsbeitrag ihre übliche Zielgruppe im Blick, denn der Text ist – niedlich. Musikalisch bewegen wir uns auf den für diese Zeit üblichen Gefilden, dem leicht gediegenen, hübsch orchestrierten chansonesk-balladesken Bühnenwerk.

Jetty Paerl 50er JahreJetty Paerl sang das Lied überzeugt und überzeugend. Sie stand auf dem Zenit ihrer Karriere und war in den Niederlanden vor allem durch ihre Arbeit für Radio Oranje bekannt geworden, einem Radioprogramm, das während des zweiten Weltkrieges von London aus gesendet wurde und die besetzen Niederlande mit wichtigen Informationen versorgte.Jetty_Paerl_-_Jetje_Van_Radio_Oranje Jetty Paerl trat dort als „Jetje van Oranje“ auf. Nach dem Krieg blieb sie der Rolle treu und kombinierte im Verlauf ihrer Karriere Kabarett und Gesang. Bis zu ihrem Tode im letzten Jahr blieb Jetty Paerl mit diesen ihren Kompetenzen den Bürgen ihres Heimatlandes – wie immer man es auch nennen mag – in Erinnerung. Im vergangenen Jahr starb Jetty Paerl. Blogger-Kollege Tjabe hat ihr selbstverständlich einen seiner fabelhaften Nachrufe gewidmet.

Was mit den holländischen Vögeln beim ESC passierte, weiß man allerdings nicht. Bei der allerersten Ausgabe war man so dumm und veröffentlichte nicht das Gesamtergebnis, sondern nannte nur den Siegertitel. Aber Jetty war sicher Zweite.

Egal, wo sie sich dann letztendlich platziert hat, beim ersten ESC-Song passte gleich alles zusammen: eine Kinderbuchautorin schreibt einen Liedtext, der von einer Kabarettsängerin vorgetragen wird und sie nutzten die Gelegenheit, mit ein paar allgemeinverständlichen Sprachfetzen frisch und fröhlich in ihr Heimatland einzuladen – Eurovision at it’s best.