Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 12: Willkommen auf Korsika

Ferien daheimNeben dem griechischen Beitrag gab es 1993 noch ein weiteres Geographielied und zwar ging es um eine Insel. Frankreich hatte in den Jahren zuvor mit Sängerinnen aus Guadeloupe und Tunesien erfolgreich einen deutlichen Hauch Exotik ins ESC-Geschehen gebracht. Diesmal gab es nur einen Hauch Exotik. Die Mittelmeerinsel Korsika wurde besungen und zwar von einem reizenden jungen Franzosen.

KorsikaKorsika ist eine Gebirgsinsel im Mittelmeer, die zwar gut 40 Kilometer westlich von Italien und nur 12 Kilometer nördlich von Sardinien gelegen ist, politisch aber zu Frankreich gehört (und sich aufgrund dessen für diese Serie qualifiziert).

Korsika verfügt über typisches Mittelmeerklima, auf den höheren Berggipfeln liegt aber in den Wintermonaten genügend Schnee für eine zünftige Skifahrt. Wer hätte das gedacht? Und wer wurde auf Korsika geboren? Genau, Napoleon.

Korsika - MapDurch Ansiedlung vieler Franzosen wurden die Korsen im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Minderheit auf ihrer Insel. Immer wieder war die Unabhängigkeit Korsikas ein Thema, das von unterschiedlichen Gruppierungen auch mit Gewalt angegangen wurde. Das Mutterland Frankreich ist, wie auch in anderen Regionen des Staates, sehr bemüht, die Dominanz des Französischen zu bewahren. So ist die korsische Sprache aus dem öffentlichen Leben weitgehend verdrängt.

Vor diesem Hintergrund hat es tatsächlich etwas von Exotik, wenn sich die Franzosen beim ESC von korsisch gesungenen Textzeilen vertreten lassen. Das Lied „Mama Corsica“ hat darüber hinaus ausschließlich positive Dinge über die Insel zu berichten. Das kleine Eiland wird hier als eine Mutter gesehen, die für ihre Kinder (Einheimische, aber vielleicht ja auch ein paar Touristen) immer alles bereiststellt und dafür sorgt, dass es ihnen gut geht. Wie in jedem guten Touristenkatalog bleiben mögliche Unannehmlichkeiten außen vor.

Sie hat immer ein wenig Wein,
ein paar Früchte, etwas Brot
für die hungrigen Freunde
Mama Corsica

Ihr Herz ist so weit wie der Himmel
Sie ist so schön wie aufrichtig
Mama Corsica

Mama Corsica, heute Nacht singen wir auf korsisch für dich.
Mama Corsica, im Namen von Liebe und Freundschaft
Mama Corsica, heute Nacht hat die Welt nur Augen für dich
Mama Corsica, als ob die Welt auf korsisch singt um dich zu grüßen.

Ach, schön. Da möchte man doch sofort hin.

Auch musikalisch passte alles: eine simple Melodie, ein sehr eingängiger Refrain, fast ein Volkslied, aber mit genügend Bezug zu dem, was man sich unter korsischer Musik vorstellt.

Als Reiseverkehrskaufmann fungierte Patrick Fiori, der den Song mit seiner schönen und sicheren Stimme sowie spitzbübigem Charme erstklassig auf die Bühne in Millstreet transportierte. Die beiden Mandolinen und das stimmkräftige Herrenchorduo taten ihr übriges. Selten wurde Touristenwerbung beim ESC so direkt und herzig betrieben. Das gepunktete Hemd sei Patrick verziehen.


Auch die Jurys lagen dem Beitrag zu Füßen. Er sammelte Punkte von überall her und zum wiederholten Male schrammte ein Reisesong knapp am Podium vorbei.

Patrick Fiori Mama Korsika deutschPlatz 4 genügte aber, dass sich auch das Ausland für das Lied interessierte. Patrick nahm den Song im Anschluss an das Festival sogar in deutscher Sprache auf – so etwas war in den 90ern eigentlich gar nicht mehr üblich. Ein Hit gelang zwar nicht, aber Patricks Zeit sollte noch kommen.

Einige Jahre nach seinem ESC-Auftritt sang Patrick, der übrigens kein Korse ist, sondern aus Marseille stammt, für das Musical „Notre Dame du Paris“ und ergatterte eine Hauptrolle. Im Trio mit zwei weiteren Protagonisten des Stückes, Garou und Daniel Lavoie, hatte er mit „Belle“ einen Monsterhit. Damit begann eine äußerst erfolgreiche Karriere, die bis heute anhält.

Patrick-Fiori ChoisirPatrick veröffentlichte seitdem sieben Alben, die alle Gold- oder Platinstatus erreichten. Viele seiner Singles erreichten die oberen Chartregionen. Durch regelmäßige Fernsehauftritte und Tourneen festigt er seinen Ruf als Sänger der ersten Garnitur in Frankreich.

Seinen musikalischen Output könnte man als Direkt-Pop bezeichnen: schnörkellos und ohne Attitüde, mal balladesk, mal etwas flotter, aber immer mit Engagement trägt er seine eingängigen und ansprechenden Lieder vor. Und wenn man den Mann mit der großen Stimme und der noch größeren Nase bei einem Fernsehauftritt aus dem Jahre 2008 sieht, bei dem er einen alten Belmondo-Filmsong singt, fühlt man sich ein wenig an den Abend erinnert, als er in Millstreet den Korsikatourismus ankurbelte.

 

Bisher erschienen im ESC Sommer-Special 2014 – Ferien daheim:

Teil 1: Willkommen in Holland
Teil 2: Willkommen in Wien
Teil 3: Willkommen in Stockholm
Teil 4: Willkommen in Portugal
Teil 5: Willkommen auf Malta
Teil 6: Willkommen in der Schweiz
Teil 7: Willkommen in Lappland
Teil 8: Willkommen in Monaco
Teil 9: Willkommen in Amsterdam
Teil 10: Willkommen in Spanien
Teil 11: Willkommen in Griechenland