Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 17: Willkommen auf dem Balkan

Ferien daheimNach der schwungvollen moldawischen Tanzstunde bleiben wir noch etwas in der Region. Wobei Region genau das richtige Wort ist. Etwa eine Dreiviertelstunde nach Nellys „Hora din Moldova“ beim ESC 2009 kümmerte sich auch Rumänien um die Heimaterde. Und ein Jahr später auch noch die Serben. Beide Länder griffen aber in den etwas größeren Topf und sangen nicht allein über ihr Land, sondern über den Balkan als Ganzes. Und da geht es lustig zu.

BalkangebiergeDer Balkan ist die große Halbinsel, die im Südosten Europas ins Mittelmeer ragt und in heutiger Zeit folgende Länder umfasst: Albanien, Bosnien & Herzegowina, Bulgarien, Griechenland, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien und Slowenien. Benannt wurde die Region nach dem Balkangebirge, dessen Hauptkamm in Bulgarien liegt. Nicht alle Länder werden mit ihrem gesamten Gebiet dem Balkan zugeordnet, allerdings sind die Grenzen der Region nicht klar abgesteckt.

Balkan - MapAuf engem Raum lebten hier viele Volksgruppen mit eigenen Sprachen, eigenen Kulturen und eigenen Vorstellungen. Gleichzeitig war und ist der Balkan eine Art Brücke zwischen Europa und Asien, was in der Region oft zu Herrschaftsansprüchen führte, die nicht miteinander vereinbar waren.  So wurde der Balkan zu einem dauerhaft konfliktanfälligen Gebiet. Exemplarisch sind hier die Jugoslawienkriege der 90er Jahre zu nennen, durch die die Region noch in jüngerer Zeit massiven Unruhen und nachfolgend grundlegenden Veränderungen ausgesetzt wurde. Durch die unruhige Historie hat der Begriff „Balkan“ in der Außensicht eine negative Färbung bekommen, daher setzt sich inzwischen die Bezeichnung Südosteuropa mehr und mehr durch.

I love BalkanMit der Begrifflichkeit haben Elena Gheorghe, die 2009 den rumänischen Beitrag beim ESC sang, und Milan Stanković, der 2010 für Serbien ran durfte, kein Problem. Selbstverständlich und selbstbewusst nutzen sie den Begriff „Balkan“ im Titel ihrer Liedzeile. Beide Songs lassen die Schwierigkeiten der Region links liegen und stellen den Balkan frisch und munter da.

Elena scheint den Balkan zum neuen Ibiza machen zu wollen – eine Partyregion in Osteuropa und weist dabei insbesondere auf die Qualitäten der „Balkan girls“ hin, ohne diese jedoch genauer zu benennen:

Es ist Zeit mich zu entspannen
Ich werde mein Wochenende mit Gin, Tonic und Limone beginnen
Meine Mädchen nehmen mich mit auf die Piste
Bereit zum Feiern und so gut aussehend

Die Balkan Girls, sie lieben es zu feiern,
wie niemand sonst, niemand sonst
(zur Freude der Leute werden wir heute Nacht scheinen)

Elena_Gheorghe_-_The_Balkan_GirlsDer Text klingt so, als haben sich die Mädels vom Balkan in die „Spring Break“-Folge einer amerikanischen Teenieserie verirrt. Auch musikalisch kriegt man das, was man erwarten kann: eine simple, flotte, tanzbare Melodie mit einem sehr eingängigen Refrain, als Referenz an die titelgebende Region gibt es ein wenig Balkan-Brass, wodurch der Song enorm gewinnt und tatsächlich ein Fünkchen Balkanidentität offenbart.

Auch bei der Bühnenpräsentation gab es, abgesehen vom baumähnlichen Thron zu Beginn, keine Überraschungen: die Girls vom Balkan führten eine Art getanzte Strandmodenschau auf: hin und her, rundherum und das alles mit viel Haut und wenig Stoff –  gewiss, flott und sexy, aber auch schon oft gesehen.


Die Strafe folgte auf dem Fuß. Dieser rumänische Beitrag sammelte 40 Punkte und landete am Ende auf Platz 19, auch dank der 12 Punkte aus dem benachbarten Moldawien, das mit der „Hora di Moldova“ berechtigt fünf Plätze weiter oben gelandet war.

Nach dem ESC veröffentlichte Elena noch allerhand Singles und 2011 kam sie mit Stampfern wie „Midnight sun“ im Windschatten von Alexandra Stan sogar in die mittleren Regionen der niederländischen Charts.

Anders der Ansatz der Serben ein Jahr später. „Ove jo Balkan“ („So ist der Balkan“) wurde zunächst einmal nicht in englischer, sondern in serbischer Sprache vorgetragen. Zudem steht in kompositorischer Hinsicht ein ganz großer Name zu Buche: Goran BregovicGoran Bregović ist DER Musiker vom Balkan, der auch international erfolgreich ist und weltweit Konzerte gibt. Ob als Filmkomponist („Time of the gypsies“), mit seinem Weddings-and-Funerals-Orchester, mit dem er im Pausenact des ESC 2008 in Belgrad auftrat oder solo oder in Kleinbesetzung, immer ist seine Musik geprägt durch die vielfältigen Einflüsse, die der Balkan bietet. Allerdings verschließt er sich auch nicht anderen musikalischen Formen, so dass ein eigenwillig-einzigartiges Klangbild ensteht. Eine zentrale Rolle spielt der geschickte Einsatz des bereits erwähnten Balkan Brass, auch Trubači (Trompeten)-Musik genannt. Dadurch erhalten viele Stücke einen besonderen Drive – unter anderem auch „Ove jo Balkan“.

Milan_stankovic_ovo_je_balkanDieses Lied klingt wie ein prototypisches Bregović-Stück und das war sicher auch beabsichtigt. Vorgetragen wurde es in Oslo von Milan Stanković, einem jungen Sänger, der ein paar Jahre zuvor durch eine Casting-Show auf sich aufmerksam gemacht hatte. Er durfte also für den großen Bregović, für Serbien und für den ganzen Balkan auf die Bühne, um einen skurrilen Text über seine Leidenschaft für eine gewisse Ljubica, aber auch für sein Land und die Region zu singen. Dieser Text stammt übrigens von Marina Tucaković.

Hey…, Ljubica, Ljubica,
bei dir läuft mir das Wasser im Munde zusammen.
Hey…, drück, küss mich,
press mich an deine Brust

Du küsst mich wie ein Mädchen, du hast keine Scham
Belgrad, Belgrad, Ich bin frech
Nicht einmal, nicht zweimal, dreimal für mich
Belgrad, dreimal, das ist unsere Art.

Balkan, Balkan, Balkan, das ist Balkan, Auf geht’s!

Hop, Hop, Hop, das ist Balkan, Auf geht’s!
Hop, Hop, Hop, das ist Balkan, Auf geht’s!
Hop, Hop, Hop, das ist Balkan, Auf geht’s!
Hop, Hop, Hop, das ist Balkan, Auf geht’s!

Immer und immer wieder hört der Zuschauer das Wort „Balkan“, das muss doch hängen bleiben und die Touristen ins Land locken. Und wenn das nicht reicht, haben wir ja noch Milan und seine Bühnenshow.

Milan Stankovic - AuftrittIm Gegensatz zu Elena Gheorghe, die als  austauschbares „All american girl“ auftrat, präsentierte sich Milan Stanković als „something special“. Dezent in die serbischen Nationalfarben gehüllt (blauer Frack!!!, weiße Hose und Shirt sowie rote Boots) fiel er vor allem durch seine Haartracht auf: wasserstoffblond und ein Schnitt als hätte sich Prinz Eisenherz‘ Neffe selbst mit der Schere versucht. Die Lacher hatte er damit auf seiner Seite, aber vielleicht auch ein paar Anrufe mehr. Unterstützt von zwei männlichen und zwei weiblichen Tänzern wurde der Song spritzig choreographiert mit viel guter Laune vorgetragen.


Der Song schaffte am Finalabend immerhin den 13. Rang, wobei gut die Hälfte der Punkte von anderen Balkanländern kam.

Goran Bregovic - Champagne for the gypsies„Ove jo Balkan“ begann nach dem ESC ein Eigenleben, denn Goran Bregović selbst nahm den Song auch noch einmal auf – in einer spanischen Version gemeinsam mit den Gipsy Kings auf seinem 2012 erschienen Album „Champagne fort he Gypsies“. In seinen Konzerten spielt er das Stück immer noch und so wird die von Milan Stanković angeleierte Balkanwerbung weltweit von Goran weiergeführt.

Milan selbst hat seit dem ESC auch ein paar Singles veröffentlicht, seine letzte stellte er im Frühjahr beim „Pink Festival“ vor und gewann dort prompt. Und siehe da: die Frisur wurde modifiziert, er hat tatsächlich Augenbrauen. Aber komisch angezogen ist er noch immer.

 

Bisher erschienen im ESC Sommer-Special 2014 – Ferien daheim:

Teil 1: Willkommen in Holland
Teil 2: Willkommen in Wien
Teil 3: Willkommen in Stockholm
Teil 4: Willkommen in Portugal
Teil 5: Willkommen auf Malta
Teil 6: Willkommen in der Schweiz
Teil 7: Willkommen in Lappland
Teil 8: Willkommen in Monaco
Teil 9: Willkommen in Amsterdam
Teil 10: Willkommen in Spanien
Teil 11: Willkommen in Griechenland
Teil 12: Willkommen auf Korsika
Teil 13: Willkommen in Mols und Skagen
Teil 14: Willkommen in Frankreich
Teil 15: Willkommen in Irland
Teil 16: Willkommen in Moldawien