Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 18: …und zum Schluss Belarus

Ferien daheimWir sind durch – fast. Nach 17 Stationen eurovisionärer Reisewerbung bleibt noch ein kurzer Halt. Wohl oder übel müssen wir noch einen Blick auf Weißrussland werfen, das offiziell auch Belarus heißt. Dieser Name hat sich aber noch nicht so recht durchgesetzt, ebenso wie das Land als Reiseziel. Woran mag das liegen? 2011 ging die Sängerin Anastasiya Vinnikova mit einer Liebeserklärung an ihr eigenes Land an den Start und versuchte uns, die Schönheiten desselben mit der Holzhammermethode anzupreisen.

Alexander LukaschenkoBelarus ist ein problematischer Staat. Seit 1994 von Alexander Lukaschenko autoritär regiert, werden demokratische Strukturen an allen Ecken und Enden ausgehebelt. Wahlbetrug, Verfassungsänderungen zugunsten seiner politischen Position und ein zweifelhafter Umgang mit Regimekritikern und den Medien sind nur einige Beispiele. Aus diesen Gründen wird Weißrussland/Belarus mit westlichem Blick auch als „die letzte Diktatur in Europa“ bezeichnet. Als Reaktion auf eine solche Äußerung Guido Westerwelles konterte Lukaschenko im Jahre 2012: „Besser Diktatur als schwul.“, wodurch er ein weiteres Mal seine Haltung gegenüber Minderheiten, Homosexuellen im Speziellen, zum Ausdruck brachte.

Belarus - MapLukaschenkos Regierungsstil orientiert sich stark an der ehemaligen Sowjetunion, einschließlich der damit verbundenen Selbstdarstellung. Vor diesem Hintergrund ist dann auch der ESC-Beitrag „I love Belarus“ zu sehen, bei dem es in erster Linie darum zu gehen scheint, ein simplifiziertes, aber positives Bild des Landes nach außen zu tragen. Anastasiya Vinnikova legte sich für diese Aufgabe mächtig ins Zeug – und hatte ein paar Durststrecken zu überstehen, bevor sie in Düsseldorf die Werbetrommel rührte.

Strustasee - BelarusAm 1. März 2011 wurde der Titel „Born in Byelorussia“ als weißrussischer ESC-Beitrag präsentiert, zwei Tage später wurde jedoch verkündet, dass der Text des Liedes aufgrund problematischer Anklänge an die Sowjetzeit geändert würde. Auch eine Änderung des Arrangements wurde vorgenommen. Noch ein paar Tage später stellte sich heraus, dass das Lied bereits im Sommer 2010 öffentlich aufgeführt worden war. Ein neues Lied musste her und das hieß „I love Belarus“.

Der englischsprachige Text von Evgeny Oleynik und Svetlana Geraskova konterkariert dabei mit allerlei Floskeln und Blaupausen die Wahrnehmung des Landes in den westlichen Ländern:

Ich fühle mich großartig und es ist leicht, stark zu sein,
Wenn alle Herzen als eines weiterschlagen.
Der Himmel ist blau und ich schreibe ein neues Lied,
das sagt, dass ich frei bin, sympathisch und jung.

Ich habe so viel und bin bereit es euch zu zeigen.
Lasst uns zusammen kommen, hier ist meine Hand.
Wir werden fliegen und dabei Seen in ihrer ganzen Pracht anschauen
Felder sind voller Gold und es ist alles mein Land.

Ich liebe Belarus, hab es tief in mir.
Ich liebe Belarus, fühle es in meinem Geist
Und ich möchte die Sonne von oben herab scheinen sehen,
du wirst immer das Eine sein, ich kann nicht genug bekommen.

Es mag sicher sein, dass Belarus über goldene Kornfelder, prächtige Seen und einen blauen Himmel verfügt. Gleichzeitig werden in diesem Text Gemütszustände wie Freiheit, Leichtigkeit und Freundschaft doch ein wenig überstrapaziert. Aber so ist das halt mit Propaganda.

Annastasiya Vinnikova AuftrittDie Direktheit des Textes spiegelte sich in der Bühnenpräsentation wider. Es waren noch keine zehn Sekunden vergangen, da war die Düsseldorfer Halle schon pyrotechnisch überhitzt. Knallhart zog Anastasiya ihren Auftritt durch. Anstatt auf saubere Töne setzte sie auf eine appellhafte Energie, die sich nah an der Grenze zur Aggressivität bewegte. Der ganze Auftritt hatte Feuer, war aber irgendwie unangenehm.


Europa reagierte ebenfalls verhalten und ließ „I love Belarus“ im Semi hängen, hohe Punkte kamen von Nachbarländern. In ihrem geliebten Heimatland singt Anastasiya immer noch, möglicherweise erfreut sie damit auch weiterhin ihre Landleute und vor allem ihren Landesvater.

Und so endet nun unsere Reise durch die ESC-Landschaft der geographischen Selbstdarstellung. Man muss feststellen: insgesamt 23 Beiträge sind eine ganze Menge. Die Absichten waren nicht immer gleich: oft ging es darum, konkret auf die Schönheiten des Landes oder der Stadt hinzuweisen, ebenso oft sollte eine Atmosphäre oder ein Gefühl vermittelt werden, manchmal hatten die titelgebenden Ortsbezeichnungen nur allegorische Bedeutung, manchmal war Politik und erfreulicherweise nur sehr selten Propaganda im Spiel.

So ganz erfolgreich waren die Reisewerbelieder aber nicht beim ESC: es gab ein paar vierte, fünfte und sechste Plätze, aber auch viele Flops. Vielleicht ist der Grat zwischen sympathischer Eigendarstellung und übertriebener Selbstbeweihräucherung doch schmaler als sich das so mancher Komponist und Texter irgendwo in Europa vorstellt.

Wie dem auch sei – solange der ein oder andere Song beim ein oder anderen Zuschauer die Lust auf eine Reise an den besungenen Ort weckt, hat auch diese Gattung im großen musikalischen Kaleidoskop des ESC ihre Berechtigung. Blicken wir also in die Zukunft: Vielleicht bringt uns ja bereits die nächste Saison den eurovisionären Tourismusschlager, der nahezu jeden dazu zwingt, den besungenen Ort aufzusuchen.

Top 20 Malmö Abreise 1

Bisher erschienen im ESC Sommer-Special 2014 – Ferien daheim:

Teil 1: Willkommen in Holland
Teil 2: Willkommen in Wien
Teil 3: Willkommen in Stockholm
Teil 4: Willkommen in Portugal
Teil 5: Willkommen auf Malta
Teil 6: Willkommen in der Schweiz
Teil 7: Willkommen in Lappland
Teil 8: Willkommen in Monaco
Teil 9: Willkommen in Amsterdam
Teil 10: Willkommen in Spanien
Teil 11: Willkommen in Griechenland
Teil 12: Willkommen auf Korsika
Teil 13: Willkommen in Mols und Skagen
Teil 14: Willkommen in Frankreich
Teil 15: Willkommen in Irland
Teil 16: Willkommen in Moldawien
Teil 17: Willkommen auf dem Balkan