Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 2: Willkommen in Wien

Ferien daheimAuch schon lange vorm Grand Prix waren sich die Österreicher darüber in Klaren, dass mit ihrer Hauptstadt auf musikalischer Ebene ordentlich Staat zu machen ist. Das gute alte Wienerlied hatte mindestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts Hochkonjunktur. Warum nicht also auch mal versuchen, damit Europa zu becircen? So geschehen bei der siebten Ausgabe des ESC 1962. Aber bereits drei Jahre zuvor war Wien das Thema des ESC-Beitrages aus Österreich.

Harry Belafonte Calypso Albumcover1956 veröffentlichte Harry Belafonte sein Album „Calypso“, mit dem er eine kommerzielle Variante traditioneller afro-karibische Musik weltweit bekannt machte. Bereits in den Anfangsjahren des ESC beobachteten die Musikschaffenden Europas aktuelle musikalische Strömungen und versuchten mit Imitaten davon auf europäischer Bühne zu punkten. Und so gab es dann drei Jahre nach dem Belafonte-Calypso-Durchbruch einen ESC-Calypso – ausgerechnet aus Österreich.

Aber wer nun denkt, unsere Nachbarn hätten einen Feriensong, etwa mit dem Titel „Komm mit mir nach Trinidad“ aufgeboten, der irrt. Es handelt sich um einen Wien-Calypso, genauer gesagt um den „K.u.K.-Kalypso aus Wien“. Ein nichtexistenter Tanz wird in diesem von Norbert Pawlicki und Günther Leopold verfassten Schlagerchen beschrieben und das ist es auch schon. Greaf AndrassyBeim K.u.K.K.a.W. handelt es sich um einen Calypso, in den textlich und musikalisch ein paar Wiener Ingredienzen eingestreut werden, a bisserl Strauß-Walzer, ein Funken Gejodel (wobei strenggenommen Gejodel nichts mit Wien zu tun hat…). Und es wird behauptet, dass jeder es toll findet und niemand genug davon kriegen kann. Die im Titel angesprochene K.u.K.-Thematik wird allerdings komplett unterschlagen, nichts von Sissi und Franzerl und Graf Andrássy.

Das ist der K. und K. Kalypso aus Wien, der Kalypso aus Wien.
Da spürt man hier und da auch Strauß-Melodien
Und etwas Paprika liegt ebenfalls drin
im K. und K. Kalypso aus Wien.

Singen tut den Wiener Calypso nicht Harry sondern Ferry, Harry Belafonte war wohl nicht verfügbar, daher musste Ferry Graf ran, möglicherweise eine große Nummer in der damaligen Wiener Calypso-Szene, aber nur eine sehr kleine im europäischen Musikgeschäft.

Beim ESC trug Harry, nein Ferry, seine Nummer zwar im gedeckten Anzug, dafür aber umso fröhlicher, fast schon im Stil einer Kabarettnummer vor. Aber das war wohl alles ein bisschen zu fröhlich damals. Er landet noch hinter den Kessler-Zwillingen auf dem neunten Platz bei 11 Teilnehmern.

Ferry Graf als Graf von LuxemburgFerry Graf dümpelte in den nächsten zehn Jahren karrieremäßig noch ein wenig vor sich hin und trat unter anderem in Operetten auf. So war er beispielsweise ganz gewitzt und machte seinen Familiennamen zur Rolle: aus Ferry Graf wurde der „Graf von Luxemburg“.

Gemunkelt wird außerdem noch über einem TV-Auftritt in der ZDF-Hitparade im Jahre 1969, danach verliert sich seine Spur in Finnland. Dort soll er eine Band gegründet haben, die die Finnen mit deutschsprachigen Coverversionen von Elvis-Songs überzeugt haben soll. Inzwischen ist er selbst Finne, der Finny Graf.

Nach diesem für den Wientourismus vermutlich nur bedingt förderlichen Auftritt war man 3 Jahre später konsequenter. Es gab ein richtiges Wienerlied. Nach Aussage des Literaturhistorikers Harry Zohn ist ein Wienerlied ein Lied „aus, über und für Wien“ und das oft im wienerischen Dialekt vorgetragen wird. Rudolf Sieczyński verfasste im Jahre 1912 ein Wienerlied, das bis in die heutige Zeit fast so eine Art Protoyp für das Genre darstellt und in den 50er Jahren u.a. durch eine Aufnahme der Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf weit über die Grenzen Österreichs hinaus Popularität erlangte: „Wien du Stadt meiner Träume“.

Wien - MapDas Wienerlied und dieses insbesondere vermittelt eine ganz besondere Stimmung, die irgendwo zwischen Gemächlichkeit und Gemütlichkeit angesiedelt ist. Als Tourist besucht man den Stephansdom, das Schloss Schönbrunn, dreht eine Runde im Riesenrad und zwischendurch ist Zeit für ein Stückerl Sachertorte, ein Wiener Schnitzel oder ein Gläschen Heurigen in Grinzing. Alles Dinge, die schon mehr als 100 Jahre existieren, ausnahmelos traditionell abgesicherte Sehenswürdigkeiten.

Und genau daran knüpften die Österreicher beim Grand Prix 1962 in Luxemburg an. Präsentiert wurde eine waschechte Operettennummer, in deren Mittelteil allerlei herzige Wiener Attribute aufgezählt werden.

Stephansdom, Rathausmann, Sacher und Würschtelmann
kennt jedes Kind auf der Welt.
Von unsern Backhendeln, Schubert und Staatsoper
hat schon der Opa erzählt.

Wien Stephansdom„Nur in der Wiener Luft“ wurde komponiert, getextet und dirigiert von Bruno Uher, einem Film- und Bühnenkomponisten, der sicher auch seine eigene Vorstellung von populärer Musik hatte. Neben vielen der oben erwähnten Wiener Sehenswürdigkeiten wurden auch noch Johann Strauß und seine Walzer verwurschtelt (natürlich ist das LIed im 3/4-Takt komponiert) und so wurde das Lied endgültig zu einem Werbespot für die Hauptstadt.

Gesungen wurde das Stück in den höchsten und schillerndsten Tönen von Eleonore Schwarz, die um der Authentizität willen natürlich auch a bissel Weanarisch in ihren Vortrag einschleuste.

Doch wieder schien das Verhältnis nicht zu stimmen. Hatte man die Donaumetropole drei Jahre zuvor vielleicht etwas zu modern präsentiert, schien es nun umgekehrt zu laufen. „Nur in der Wiener Luft“ wirkte im vorwiegend chansonesk, croonerlike und easy-listeningish gehaltenen Angebot des Luxemburger Abends wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt – halt ein Lied aus, über und für Wien, aber wohl nicht für Europa.

Eleonore und Bruno brachten keinen einzigen Punkt zurück mit nach Wien, was einen letzten Platz bedeutete – erfreulicherweise geteilt, aber viel kaufen konnten sich die Österreicher dafür auch nicht.

Eleonroe Schwarz arbeite nach dieser Bruchlandung wieder in einem vertrauteren Metier und sang in den 60er und 70er Jahren vorwiegend an der Wiener Volksoper, dort wurden ihre Koloraturen sicherlich deutlich mehr geschätzt als in Luxemburg.

Die dringlischten Sehnsüchte der Eleonore Schwarz - FilmplakatDanach verliert sich ihre Spur. Allerdings entstand im vergangenen Jahr ein 12minütiger Kurzfilm der deutschen Filmemacherin Anna Mönnich mit dem Titel „Die dringlichsten Sehnsüchte der Eleonore Schwarz“. Die Titelrolle spielt Udos Tochter Jenny Jürgens, es geht um das Lebens- und Liebesdrama einer etwas in die Jahre gekommen Schauspielerin. Ob es sich dabei um unsere „historische“ Eleonore Schwarz handeln, ist nicht belegt. Vielleicht mag sich die Filmemacherin in unserer Kommentarspalte ja mal dazu äußern.

Belegt ist allerdings, dass es die Österreicher nach diesem „Von, über und für Wien“-Debakel bisher nie wieder versucht haben, per ESC-Beitrag Touristen in ihr Land zu locken.

 

Bisher erschienen im ESC Sommer-Special 2014 – Ferien daheim:

Teil 1: Willkommen in Holland