Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 3: Willkommen in Stockholm

Ferien daheimEs geht nach Norden. Wie die Österreicher im Jahr zuvor widmete sich Schweden beim Grand Prix 1963 der eigenen Hauptstadt. Aber statt zu versuchen, wie bei der „Wiener Luft“ mit Fröhlichkeit und altbekannten Klischees zu punkten, gingen die Schweden einen ganz anderen Weg: „En gång i Stockholm“ beschreibt eine winterliche Bootsfahrt durch die nordische Stadt. Melancholie und märchenhafte Stimmung statt Aneinanderreihung von Touristenattraktionen. Ein Weg zum ESC-Erfolg? Und fast noch wichtiger: ein Anreiz für potenzielle Stockholm-Besucher?

Stockholm - MapWer die skandinavische Hauptstadt besucht, hat die Möglichkeit, eine hübsche Stadtrundfahrt per Boot mitzumachen. Dabei schippert man sowohl auf der Ostsee als auch auf dem Mälaren hin und her. Von der Bucht Riddarfjärden kann man sowohl das Stadhuset als auch die Altstadt, „Gamla stan“, bewundern, in der sich unter anderem die „Tyska kirkan“ (Deutsche Kirche) befindet. So erhält man in zwei Stunden einen besonderen, aber sehr eindrucksvollen Blick auf Stockholm.

Stockholm im WinterEine Tour dieser Art wird auch in „En gång i Stockholm“ durchgeführt, aber quasi Off Season. Der Sommer ist vorbei und der Herbst wohl auch, denn es liegt bereits der erste Schnee. Monica Zetterlund lädt als Interpretin des Liedes ihren „Bekannten“ zu einer winterlichen Fahrt in ihrem Segelboot ein und zwar in etwa auf der Linie, die heute die Stadtrundfahrten per Boot nehmen. Ausgangspunkt ist der Kanal Klara Sjön und auch dort kommt die schwimmende Stadtrundfahrt vorbei.

Der Text des Liedes verbindet die Beschreibung dieser Bootsfahrt mit vielen winterlich romantischen Attributen und einer dezenten Love Story. Sehr atmosphärisch, sehr geschickt, sehr schön.

Komm, mein Freund, komm an Bord
Von dort kannst du den Riddarfjärd sehen, eingehüllt in weißem Schnee
Unser Boot segelt im Schnee
Ja, der Winter in Stockholm ist eine spezielle Welt.
Möwen in ruhigem und weißem Schnee
Und schön ist die Insel Stockholm.

Beppe WolgersDieser gelungene Text stammt von Beppe Wolgers, einem wahren Multitalent, der als Schriftsteller von Lyrik und Prosa, Schauspieler und eben Textdichter arbeitete und in allen Bereichen Erfolge erzielte, die über die Jahrzehnte nicht in Vergessenheit gerieten. Auch bei uns ist er bekannt und zwar als Vater von „Pippi Langstrumpf“ in den Filmen aus den späten 60ern.

Monica Zetterlund Beppe WolgersSeine Liedtexte, oft schwedische Versionen internationaler Songs aus dem Jazz- oder Popbereich, verfügen immer über eine gewisse Tiefe. Sie schrieb er schwedische Fassungen zu „Eleanor Rigby“, „Take Five“ oder auch „Waltz for Debby“ – die übrigens alle von Monica Zetterlund eingesungen wurden.

Für die Musik verantwortlich ist Bobbie Ericson, der in den 60ern allerlei schwedische Melodifestivalbeiträge verfasste, unter anderem „April, April“, den schwedischen Beitrag von 1962. Bei „En gång i Stockholm“ verzichtet er aber passenderweise auf fröhliches Gepfeife und setzt den Text in sehr ruhige Töne. Das Lied ist langsam und verträumt und arbeitet mit jazzartigen Harmonien und großartigen Melodiebögen, die manchmal an der Grenze zum Atonalen kratzen. Ruhig, stilsicher und souverän interpretiert Monica Zetterlund das Lied in einer ganz eigenen Weise.

Ein rundum stimmiger Beitrag möchte man meinen, der zudem noch auf angenehm zurückhaltende Art Werbung für Stockholm macht. Allerdings schien Europa das im März 1963 nicht zu bemerken. Beim Grand Prix floppte das Lied auf ganzer Linie – 0 Punkte, letzter Platz. Zu wenig eingängig? Zu introvertiert? Zu wenig international? Möglich.

Es spricht viel dafür, dass „En gång i Stockholm“ das falsche Lied am falschen Abend war. Der ESC der damaligen Zeit bewegte sich zwischen hochdramatischem Chanson und gepflegter Leichtgewichtigkeit. Dieser schwedische Beitrag bedient keine der beiden Kategorien. Das Lied war viel mehr bei sich selbst, als beim Publikum – vielleicht der Grund für das damalige Scheitern.

Sakta vi gå genom stan - SingleDennoch hat sich dieses Lied im Bewusstsein der Schweden gehalten und ist heute ein Evergreen. Das liegt sicher in erster Linie an der Interpretin. Monica Zetterlund hatte bereits etwa eineinhalb Jahre vor ihrem ESC-Auftritt einen Stockholm-Hit gelandet, der heute fast eine Art Stockholm-Hymne geworden ist. „Sakta vi går genom stan“ war die schwedische Textversion von Beppe Wolgers zu „Walking my baby back home“ und beschreibt, wie die Protagonistin und ihr „Bekannter“ fröhlich durchs grünende Stockholm spazieren. Vielleicht wäre ein Ansatz dieser Art beim ESC erfolgreicher gewesen?!

Nach diesem Hit nahm sie 1962 am Melodifestival teil und wurde Zweite. Das Volk tobte. Vielleicht war das auch ein Grund, warum sie 1963 ran durfte.

Monica – the early years („När min vän“  (Melodifestival 1962), „En gång I Stockolm“ und „Sakta vi går genom stan“)

Monica Zetterlund Waltz for DebbieIn den nachfolgenden Jahren baute sich Monica Zettelnd – trotz der ESC-Pleite – eine große Gesangskarriere auch über die Grenzen Schwedens hinaus auf. Als ihr Meisterwerk gilt das Album „Waltz for Debby“, das sie 1964 gemeinsam mit dem Jazzpianisten Bill Evans einspielte.

Monica Zetterlund verband in ihrem Repertoire Jazz- und Kabarettelemente und hatte hin und wieder auch einen Pophit, etwa mit der schwedischen Version von „Little green apples“. Neben ihrer musikalischen Laufbahn war sie in den 60er und 70er Jahren auch als Schauspielerin aktiv.

Bis Ende der 90er Jahre trat sie öffentlich auf und brachte regelmäßig Alben heraus. Im Jahre 2005 verstarb Monica Zetterlund unter tragischen Umständen bei einem Brandunglück.

Gerade in den Jahren nach ihrem Tod wurde deutlich, was für eine Institution Monica Zetterlund in Schweden ist. Immer wieder entern Best-of-Compilations die schwedischen Charts, Tributalben werden veröffentlicht, unter anderem von Charlotte Perelli, die sich als ESC-Siegerin auch nicht scheut, den ESC-Flop von 1963 zu covern. Im vergangenen Jahr gab es dann den Ritterschlag: ein Biopic mit dem Titel „Monica Z“. Der Film greift auch sehr hübsch rekonstruiert Monicas ESC-Episode auf.

Und so haben die Schweden mit ihrer Touristenwerbung beim ESC 1963 am Ende doch alles richtig gemacht: der Song ist unvergessen und noch präsent und lockt mit seiner speziellen Atmosphäre hier und da den ein oder anderen Touristen ins winterliche Stockholm.

 

Bisher erschienen im ESC Sommer-Special 2014 – Ferien daheim:

Teil 1: Willkommen in Holland
Teil 2: Willkommen in Wien