Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 6: Willkommen in der Schweiz

Ferien daheim1977 hatten bereits die Portugiesen einen klingenden Reiseprospekt eingereicht, aber das war beileibe nicht der einzige Song unserer Gattung beim Festival in London. Auch die Schweizer waren urlaubsausgerichtet und schickten eine ganz besondere Schweizer Dame ins Rennen. Die „Swiss Lady“ war aber keine Person, sondern ein Alphorn. Und damit fing der Ärger an.

Schweiz - MapNeben Heidi, der Toblerone, dem Matterhorn und dem Emmentaler ist sicher auch das Alphorn eine typische Ingredienz für den spontanen Assoziationskoffer, den viele Menschen bei Nennung des Wortes „Schweiz“ öffnen. Dieses Instrument scheint daher ideal zu sein, um beim ESC nicht nur europäische Punkte einzuzheimsen, sondern auch auf das viersprachige Alpenland als mögliches Urlaubsziel aufmerksam zu machen.

Peter ReberDas dache sich wohl auch Peter Reber, der als eine Art Vorläufer von Ralph Siegel 1977 zum wiederholten (und noch nicht letzten Mal) beherzt als Komponist an der Schweizer Vorauswahl teilnahm. Bislang stand dabei seine eigene Band Peter, Sue & Marc im Mittelpunkt, aber ab Mitte der 70er schreib er auch für andere, unter anderem für Paola. Zum Thema Alphorn fiel ihm der Titel „Swiss Lady“ ein, der die Pepe-Lienhard-Band dann am 19. Januar 1977 zum Sieg in Zürich führte.

Das Alphorn führt in diesem Schlager eine Art Liebesbeziehung zu einem „Mann aus dem Bergen“. Ein fröhliches, leichtgewichtiges Lied, in den das Instrument überaus geschickt eingebaut wurde. Es eröffnet den Song auf bekannte Weise – erhaben und monumental, um im weiteren Verlauf immer wieder schmissig-schwungvolle Improvisationen einzustreuen. Ein wirklich gut gemachter Effekt, der aus einem durchschnittlichen Lied einen Hinhörer macht.

Sie ist meine Swiss Lady
und ich ein Mann aus den Bergen
und wer sei einmal gehört hat,
weiß nur ein Alphorn klingt so schön.

AlphornDie Freude über den Vorentscheidungssieg war groß, aber dann meldeten sich die Traditionalisten. Gegen den Song, insbesondere den Einsatz des Alphorns, regte sich großer Unmut seitens der Heimatvereine und Alphornlobby. Das altehrwürdige Instrument habe in einem Tra-la-la-Song nichts zu suchen. Großes Geschimpfe und halbherzige Versuche, die Teilnahme in London zu unterbinden, verliefen aber erfreulicherweise im Sande.

Pepe Lienhard Swiss Lady - deutschAber kurz danach fing Pepe Lienhard an. Die Traditionalistenschelte ignorierend hatte er ein ganz anderes Problem. 1977 war es zum ersten Mal seit 1972 Pflicht, beim ESC in der Landessprache zu singen. Das wollte Pepe aber nicht – die „Swiss Lady“ sollte in englischer Sprache erklingen. Als Begründung führte er an, dass die Beiträge aus Deutschland und Belgien ja ebenfalls nicht in der Landessprache vorgetragen würden, sondern in Englisch. Die offizielle Begründung der EBU dazu: Diese beiden Länder hätten ihre Interpreten und Titel bereits vor Bekanntgabe der veränderten Sprachregelung nominiert und daher gebe es eine Ausnahmeregelung. Sicherlich war das ein wenig unglücklich und Pepe hatte bestimmt auch Recht – irgendwie. Aber hätte es was geändert?

Vorm ESC gehörte die „Swiss Lady“ jedenfalls zu den ganz großen Favoriten und viele rechneten auch in deutscher Sprache mit einem Sieg der Eidgenossen. Die Band stand auf der Bühne wie eine Eins, alle in weiß gewandet und legten einen sehr überzeugenden Auftritt hin. Das Alphorn wurde übrigens von Mostafa Kafa‘ Azimi, einem Schweizer mit iranischem Migrationshintergrund, gespielt. Pino Gasparini (1985 noch ein weiteres Mal für die Schweiz im internationalen Rennen) strahlte als einer der Sänger der Band, was das Zeug hielt und Pepe Lienhard himself setzte sein Paradeinstrument, die Piccoloflöte, ein und das nicht zu knapp. Nach dem Auftritt konnte konstatiert werden: das war definitv kein swiss cheese.

Alles schien offen zu Beginn der Wertung, aber recht schnell wurde die Tür zum Sieg für die Schweiz geschlossen. Am Ende sprang aber dennoch ein ordentlicher sechster Platz heraus – für Pepe sicher eine Enttäuschung, es blieb aber die Genugtuung, die beiden Songs aus Belgien und Deutschland geschlagen zu haben.

Lag es wirklich an der Sprache? Man weiß es nicht. Nach dem ESC entwickelte sich das Lied in den deutschsprachigen Ländern zu einem sehr ordentlichen Hit. In der Schweiz erreichte es als bisher einziger Schweizer ESC-Beitrag die Nummer 1 der Charts, in Deutschland die 18 und in Österreich die 13. Und auch Skandinavien biss an. Das Lied war in Schweden und Norwegen in den Hitparaden, es gab auch eine sehr erfolgreiche norwegische Coverversion.

Also war am Ende doch alles halbwegs gut. Und vielleicht hatten ja einige Touristen auch aus anderen Ländern bei einer Reise ins Land der Eidgenossen die „Swiss Lady“ auf den Lippen.

Piccolo man Pepe LienhardNach diesem Hit versuchte die Pepe-Lienhard-Band dem Strickmuster treu zu bleiben und es gab den „Piccolo-Man“, alles sehr ähnlich, nur ohne Alphorn und mit noch mehr Piccoloflöte. Dieser Song wurde ebenfalls noch ein kleiner Hit, die Nachfolgesingles fielen aber kaum noch auf und so verlegte sich die Band wieder auf das, was sie vor dem ESC schon gemacht hatten: Galas bespielen und Weltstars begleiten: mehr als 30 Jahre war die Pepe-Lienhard-Band die Begleitgruppe auf den großen Tourneen von Udo Jürgens.

Aus ESC-Perspektive bleibt von dieser Gruppe ein frischer Auftritt, bei dem traditionelle landestypische Elemente mit zeitgemäßen Schlagerklängen geschickt verknüpft wurden. Das Lied ist heute ein Evergreen und eine Visitenkarte für die Schweiz als Ganzes. Denn, wer so weltoffen ist und ein Alphorn mit zu einem Songfestival nimmt, den muss man doch einfach besuchen. Inzwischen spielen sogar schon Frauen bei diesem Stück das Alphorn, wenn das die Traditionalisten noch erlebt hätten…

 

Bisher erschienen im ESC Sommer-Special 2014 – Ferien daheim:

Teil 1: Willkommen in Holland
Teil 2: Willkommen in Wien
Teil 3: Willkommen in Stockholm
Teil 4: Willkommen in Portugal
Teil 5: Willkommen auf Malta