Sommer-Special 2014: Ferien daheim – Teil 7: Willkommen in Lappland

Ferien daheimSo nördlich wurde es nie wieder beim ESC und wird es wahrscheinlich auch nie mehr werden, es sei denn der Nordpol tritt irgendwann der EBU bei oder Dänemark singt ein Lied über Grönland. Es geht um Lappland, eine Region, die tatsächlich gleich zwei Länder zu einem ESC-Beitrag inspiriert hat: Finnland war 1977 und Norwegen  1980 lappländisch unterwegs – mit unterschiedlicher inhaltlicher Aufbereitung und unterschiedlichen Ergebnissen, aber mit vielen Gemeinsamkeiten in der musikalischen Gestaltung.

Lappland - MapLappland ist kein Staat, sondern erstreckt sich als Region über vier Länder: Schweden, Russland, Norwegen und Finnland. Die Ureinwohner sind das Volk der Samen, früher Lappen genannt, ein Begriff, der heute aber nicht mehr als politisch korrekt gilt. Die Samen waren und sind ein Wandervolk, das sich der Rentierdomestikation und –zucht widmete.

LapplandDie Samen gerieten über die Jahrhunderte immer wieder in Konflikte mit den Staaten in denen sie sich bewegten, gleichzeitig umwehte sie auch immer wieder der Hauch des Mystischen und Romantischen. Und noch heute werden Volk und Region mit Begriffen wie Ursprünglichkeit, Unabhängigkeit, Naturverbundenheit, aber auch Märchen- und Sagenhaftem assoziiert.

Genau daran knüpft Monica Aspelund mit ihrem in finnischer Sprache gesungenen und von ihr selbst getexteten ESC Beitrag „Lapponia“ an.

Lapponia, das ist Lapponia,
Von dort hört man das Echo des Rufes des schönen nordischen Mädchens.

Dieses Mädchen ist eine Hexe,
Sie erschafft mit der Kraft des Schicksals,
Sie ist ohne Begleitung und Trost
Und darum wurde sie zur Hexe
Sie erschafft mit der Kraft der Zaubersprüche
So wie Seita kann sie einen Mann zu sich winken

Auch musikalisch erweist sich „Lapponia“ als sagenhaft. Monica intoniert gegen Ende noch den Ruf des Shamanen und der hat es in sich: es geht hoch bis zum hohen G. (Wenn nicht Maja Blagdan 19 Jahre später ein hohes Gis intoniert hätte, hätten wir „Lapponia“ beim ESC in Kopenhagen im Eurovision Book of Records wiedergehört). Der Ton gelingt ihr gut, auch wenn man ihr beim Liveauftritt die Anstrengung ansieht. Mit seinen verschiedenen Elementen und seiner abwechslungsreichen Dynamik ist „Lapponia“ ein mitreißender Song. Monica Aspelund wird beim Vortrag unterstützt durch Aarno Raninen, dem Komponisten des Liedes, der in den 70ern so etwas wie ihr musikalischer Partner war.


„Lapponia“ erhielt den ersten 12er des Abends von Wembley und kratzte am Ende genug Zähler für einen 10. Platz zusammen. Ganz ordentlich, etwas mehr wäre auch verdient gewesen.

monica-aspelund-lapponia-rca SingleUm den fremdenverkehrswirksamen Wert des Liedes voll auszukosten wurde für die deutsche und englische Version von „Lapponia“ auf die Hexensage verzichtet und man fordert direkt zur Reise in die Region auf.

„Lapponia, fahr mal nach Lapponia,
komm her zu den Fjorden, oben im hohen Norden.“

Hmm, ja, das klingt dann schon etwas simpler. Der Song wurde zwar kein internationaler Hit, das konnte Monicas finnischer Karriere aber nichts anhaben. Bereits seit 1960 hatte sie Platten veröffentlicht und Hits erzielt und das sollte noch ein paar Jahre so weiter gehen, bevor sie 1980 in die USA zog. Von da an trat sie nur noch gelegentlich in ihrer Heimat auf.

Bereits 1976 hatte sie sich übrigens auch schon um das Finnenticket für den ESC in Den Haag beworben, ebenfalls mit einem kompositorisch auffälligen Song mit Lapplandthematik: „Joiku“


Dieser Titel ist ein guter Übergang zum zweiten Beitrag, der sich mit Lappland beschäftigt. Bleiben wir beim Begriff Joik.

Der Joik ist ein dem Jodeln verwandten Gesang der Samen.  1980 gab es dann tatsächlich einen Joik beim ESC, aber nicht aus Finnland, sondern aus Norwegen. „Sámiid Ædnan“ bestand in seiner zweiten Hälfte aus einem waschechten Joik.

Samen in LapplandDie Jooikpassage war textfrei, aber zuvor gab es allerhand zu sagen: Der Norweger Sverre Kjelsberg sang zu einer sehr elegischen Melodie Worte, in denen Poesie und Politik vermengt wurden. So entstand eine eindeutige Positionierung zugunsten des samischen Volkes, das auch zu Beginn der 80er Jahre noch mit Anfeindungen und Ungleichbehandlungen konfrontiert war.

Eine einfache Weise, zwei kleine  Worte, Lapland, Samenerde
Es kam mit dem Wind aus dem Norden, aus dem Norden, Lappland.
Vor dem Parlament, wo sie saßen, oy,
war der Joik Tag und Nacht zu hören, Lappland

Der Joik ist stärker als Schießpulver,
denn ein Joik endet niemals, Lappland.

Abrupt brach das Lied ab – und dann kam der Joik  vorgetragen von Mattis Hætta. Der junge Same betrat in komplett samischer Tracht von rechts hinten die Bühne und sang sein „Hey yoleloyla“  zunächst a-capalla und leise, dann immer mehr begleitet und anschwellend und wieder abschwellend bis zum orchestralen Finale. Tatsächlich, der Joik vermag kaum zu enden, denn gewollt oder nicht, der zweite Teil des Liedes ist ein Hammerohrwurm.


Ein sehr außergewöhnlicher Song und ein ganz besonderes Statement für die Region Lappland und das samische Volk. Auch wenn Europa den tieferen Sinn des Textes vermutlich nicht verstanden hat, hat insbesondere Mattis mit seiner hübschen Tracht und seinem durchgängig freundlichen Lächeln ganz bestimmt viele Herzen bewegt und vielleicht auch ein paar Zuschauer ins Reisebüro getrieben.

Samid Aednan Single coverDie Juroren in den 18 wertungsberechtigten Ländern ließen sich nicht ganz so leicht erweichen und setzen das Lied auf den 16. Rang. Aber in Norwegen selbst war der Song ein Riesenhit. Und dort konnte ja auch die Botschaft verstanden werden. Also auf jeden Fall ein Sieg für die Samen.

Sverre Kjelsberg 2009Die politische Ausrichtung des Liedes kam nicht von ungefähr, hatte sich doch Sverre Kjelsberg nach seiner Zeit in der Rockband The Pussycats (nicht verwandt mit Mississippi) in den 70ern in den Jahren zu einem Singer-Songwriter mit politscher Ausrichtung entwickelt. 1979 war sein erstes Soloalbum erschienen, dem noch eine Handvoll folgen sollten. Ein Duettalbum mit Mattis Haetta gab es auch noch, aber dann war Schluss mit der Zusammenarbeit.

32 Jahre später gab es einen Reunionauftritt, bei dem deutlich wird, dass doch schon ein wenig Zeit ins Land gegangen ist, aber Spaß scheint es gemacht zu haben:


Bleibt festzuhalten, dass die Region Lappland gleich zweimal musikalisch außergewöhnlich und inhaltlich engagiert beim ESC präsentiert wurde. Das kann wirklich nicht jeder Landstrich Europas von sich behaupten.

Und wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, wirft eine Blick auf den Sami Grand Prix, eine Veranstaltung, die seit 1990 exixitert, und bei der ausschließlich Joiks vorgetragen werden. Sachen gibt’s.

 

Bisher erschienen im ESC Sommer-Special 2014 – Ferien daheim:

Teil 1: Willkommen in Holland
Teil 2: Willkommen in Wien
Teil 3: Willkommen in Stockholm
Teil 4: Willkommen in Portugal
Teil 5: Willkommen auf Malta
Teil 6: Willkommen in der Schweiz