Stars, Scandals, Surprises – die ESC Vor-Saison 2012 ist zu Ende


Nicht in Baku dabei: Lys, Charlotte und Dima

Nun haben wir also endlich alle 42 Songs für den diesjährigen ESC in ihrer Wettbewerbsfassung vorliegen. Die letzten 4 Monate waren ereignisreich: Ein Rückblick auf die aktuelle Vorentscheidungssaison des Eurovision Song Contest 2012.

Oh oh uh oh oh – mit dem nachgebesserten Ralph-Siegel-Werk aus San Marino, das gestern abend vorgestellt wurde, endet der ESC-Auswahlmarathon 2012. Was im Dezember mit den ersten Vorentscheidungen in der Schweiz und Albanien eher zäh begonnen hatte, gewann in den letzten Wochen rasant an Fahrt und lieferte insbesondere im Schlussspurt im März eine Menge interessanten ESC-Input .

>>> Alle Videoclips der 42 Teilnehmer des ESC 2012

30 der 42 ESC-Beiträge wurden durch TV-Vorentscheidungen bestimmt, eine weitere Vorentscheidung diente lediglich der Auswahl des Interpreten (Aserbaidschan). In der Regel hatte das Publikum entweder volles Entscheidungsgewalt per Televoting oder durch Einbeziehung einer Fachjury zumindest Mitspracherecht. Ausnahmen: In Albanien und Aserbaidschan hatte das Publikum nichts zu melden.

In 26 TV-Vorentscheidungen wetteiferten verschiedene Titel und Interpreten um das Ticket nach Baku. 3 mal bestritt ein zuvor intern ausgewählter Interpret allein die Vorentscheidung (Belgien, Spanien, Zypern), 1 mal wurde ein über unzählige Runden ausuferndes Castingverfahren lediglich dazu genutzt per Juryentscheid eine Sängerin zu bestimmen (Aserbaidschan), das Lied wurde später maßgeschneidert. Und einmal wurde ein bereits existierendes renommiertes Festival (Sanremo) dazu genutzt, unter den Teilnehmern einen Star für Baku auszurufen.

Mehr als 40 Liveblogs bei PRINZ

Mit einer Ausnahme (Weißrussland) hat PRINZ sämtliche Finals-Shows LIVE gebloggt – vom kürzesten Final in Belgien (2 Songs) bis zum längsten (25 Songs) in Russland. Von spannenden, unterhaltsamen Shows (etwa Schweden, Dänemark, Rumänien) über rührselige Galas (Spanien) und langwierige Spektakel (Sanremo, Portugal) bis hin zu Sendungen, die im Grunde den Tatbestand der Körperverletzung erfüllten (Moldawien!). Zudem wurden sämtliche Runden der deutschen Castingshow „Unser Star für Baku“ sowie des schwedischen Melodifestivalens abgedeckt. Mit großem Zuspruch der Blogleser – die Zugriffszahlen vervierfachten sich im Vergleich zum Vorjahr. Hier finden sich neben den Siegersongs Verweise auf die jeweiligen Liveblogs.

11 TV-Anstalten, darunter viele Staaten des Balkan, entschieden sich dazu, eine komplett interne Auswahl (Lied und Interpret) zu treffen. Eine Möglichkeit, die die EBU in den kommenden Jahren so nicht mehr gestatten möchte. Ob dies wirklich umgesetzt wird, ist indes fraglich, da mit Großbritannien und Frankreich auch Big5-Länder diese Methode zu bevorzugen scheinen.

Breite Auswahl an Musikstilen – für jeden was dabei

Zusammengekommen ist am Ende eine bunte Auswahl von Songs und Stilen, in der jedermann etwas finden dürfte – von Balladen, die von dramatisch (Spanien, Slowenien) bis klassisch (Estland, Belgien) reichen, Ethno-Flavour (Serbien, Türkei) über jede Menge Midtempo-Softrock (u.a. Deutschland), Retro-Pop (Italien, Israel), bis hin zu tanzbaren Sommerhits in den Abstufungen billig (Rumänien), noch billiger (Zypern), am billigsten (Griechenland).

Es gibt niedliche kleine um sich selbst kreisende Liedchen (Finnland, Niederlande), faszinierend-mysteriöse Songs (Schweden), bis hin zu lärmenden Spektakeln (Österreich, Irland, Moldawien, Georgien) und auch echter Hardrock (Slowakei) ist vorhanden. Und ja, Spaßbeiträge, wenn auch nicht mehr ganz so drastisch wie in früheren Jahren, sind auch dabei (Montenegro, mit Abstrichen auch Lettland).

Sowohl Casting-Sternchen, die in einigen Ländern die Vorentscheidungen stürmten (etwa in den Niederlanden), wenn diese nicht gleich als komplette Casting-Show angelegt waren (Slowenien), als auch etablierte und sogar weltberühmte Interpreten finden sich im Line-Up des Eurovision Song Contests dieses Jahres.

Erfreulich, dass vor allem auch die Big 5-Länder auf stimmliche Qualität setzen: Anggun (Frankreich), Pastora Soler (Spanien), Nina Zilli (Italien), Zeljko Joksimovic (Serbien), Kaliopi (Mazedonien), Nina Badric (Kroatien) und natürlich Engelbert Humperdinck (UK) sind Household Names in ihren Ländern, „The Hump“ gar darf als in die Jahre gekommener Weltstar bezeichnet werden.

Songtausch durch Präsident, Plattenfirma, Regelwerk

Skandale gab es natürlich wie in jedem Jahr auch: In Weißrussland, wo den Interpreten bereits erlaubt war, ihre Songs nach überstandenem Halbfinale auszutauschen, annullierte der autokratische Präsident Alexander Lukaschenko das Finalergebnis wegen offenkundigem Betrug. Statt der Ballade von Alena Lanskaja kam so die Band Litesound zum Ticket nach Baku.

Von höchster Stelle auf fragwürdige Weise entfernt: Alena Lanskaja – All my life

Bereits angekündigte Songs geändert wurden auch anderswo: In Italien entschied sich die Plattenfirma Universal der von der RAI bestimmten Nina Zilli dazu, ihren sphärischen qualitativ äußerst hochwertigen Sanremo-Titel „Per sempre“ gegen den sehr viel flotteren Titeltrack ihres Albums („L’amore e femmina“) zu tauschen, weil man sich so eine bessere internationale Vermarktung verspricht. Aus diesem Grund wird Italiens ESC-Beitrag in Baku auch – ein Novum – überwiegend in Englisch gesungen.

Zu sophisticated für den ESC? Nina Zilli – Per sempre

Und schließlich „Il Caso San Marino“ – griff die EBU ein und untersagte dem sammarinesischen Fernsehen den Beitrag „Facebook Uh oh uh!“, weil man darin eine unzulässige Werbebotschaft und somit einen Bruch der ESC-Regeln erkannte. Autor Ralph Siegel, der in 8 Ländern mit eigenen Kompositionen angetreten war, und die Ausschreibung in der kleinen Republik gewonnen hatte, musste innerhalb von Tagen einen neuen Text schreiben, sonst wäre Sängerin Valentina Monetta disqualifiziert worden. Dies gelang mit den minimalistischen Änderungen „oh oh“, „hello“ und „beep beep“.

So nicht: Die von der EBU beanstandete Version. Valentina Monetta – Facebook uh oh oh!

Neben Altmeister Ralph Siegel werden weitere ESC-süchtige Komponisten in Baku im Greenroom sitzen. Der Kroate Andrej Babic (Portugal) hat schon ESC-Beiträge für 5 verschiedene Länder geschrieben, der unermüdliche Thomas G:son ist sogar gleich mit zwei Beiträgen im Rennen um die ESC-Krone (Schweden, Spanien) vertreten.

Sängerinnen dominieren

Wie in vergangenen Jahren dominiert das weibliche Element: 21 Solistinnen stehen 12 Solisten gegenüber, hinzu kommen 9 Gruppen, darunter 4 Duos/Duette. Nur einmal ist die Winning Combination des Vorjahres (Mann-Frau) vertreten: Die Isländer Greta Salomé und Jónsi haben aber sowohl äußerlich als auch vom Titel her wenig mit Ell & Nikki gemein.

Das Scheitern der Saurier

Wie in jedem Jahr haben auch 2012 ehemalige ESC-Teilnehmer versucht, auf die ESC-Bühne zurückzukehren. Drei frühere Sieger traten an – und scheiterten alle relativ deutlich. In der Schweiz erhielt Lys Assia, unterstützt durch bizarre Auftritte in Talkshows („Ich war ein sehr gutes Aktmodell“), zwar jede Menge Aufmerksamkeit, das Ralph-Siegel-Chanson „C‘etait ma vie“ fiel allerdings bei den Eidgenossen zugunsten flotter Poptunes deutlich durch. Und dann wurde die Diva auch noch von einem hergelaufenen sogenannten Juror beleidigt. Ts, ts.

Lys Assia – C’etait ma vie

Wenig besser erging es Charlotte damals-Nilsson-heute-Perelli in Schwedens Straßenfeger Melodifestivalen. Nicht mal in die Trostrunde Andra Chansen schaffte es das rhythmische „The Girl“, und das obwohl sie Unsummen in die Präsentation mit einer Hightech-LED-Wand investiert hatte. Es könnte daran gelegen haben, dass sie der Presse vorab kundgetan hatte, sie könne sich Andra Chansen nicht leisten und müsste sofort ins Finale gewählt werden. So wurde die ESC-Siegerin von 1999 in ihrer Vorrunde unter anderem von einem besinnlichen Rentner-Duett einer anderen Ex-ESC-Interpretin (Lotta Engberg) geschlagen.

Charlotte Perelli – The Girl

Und dann war da noch Dima Bilan, ESC-Gewinner in Belgrad 2008 und Zweiter in Athen 2006, bis dato ungeschlagen in der russischen Vorentscheidung. Erneut mit einem internationalen Produzententeam und gesanglich unterstützt von der früheren t.a.T.u-Pseudolesbe Yulia Volkova, stellte er quasi eine Dirty-Version von Ell & Nikki nach und erreichte Platz 2. Er musste sich einer Gruppe sympathischer trachtentragender Großmütter aus einer abgelegenen Gegend hinter dem Ural beugen, die schon einmal in der russischen Vorentscheidung angetreten waren.

Dima Bilan & Yulia Volkova – Back to her future

Nichts also mit dem ESC-Comeback ehemaliger Winner. Auch weitere frühere Teilnehmer blieben auf der Strecke: Frederick Ndoci (Albanien), Geta Burlacu (Moldawien), Anastasia Vinnikova (Weißrussland) oder die bereits erwähnte Lotta Engberg (Schweden) wurden nicht gewählt. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit dem gut gewachsenen Jónsi (schon 2004 für Island im Rennen) und den enervierenden irischen Jedward-Zwillingen, die sich augenscheinlich musikalisch (und auch sonst) nicht weiterentwickelt haben.

Späte Genugtuung nach 16 Jahren Warten

Ein besonderer Triumph wurde Kaliopi Buklé aus Mazedonien zuteil: Sie war 1996 die allererste ESC-Vertreterin Mazedoniens, durfte aber nicht nach Oslo reisen, weil es in jenem Jahr eine ominöse Audio-Vorrunde gab, bei der sechs Titel – darunter auch Deutschlands Vertreter Leon mit dem Hanne-Haller-Song „Planet of blue“– ausgesiebt wurden. Nun also erfolgt 16 Jahre später doch noch ihr ESC-Debüt.

Rückblick – das blieb dem ESC 1996 erspart: Kaliopi – Samo ti

Mit 45 Jahren wäre Kaliopi in vielen ESC-Jahren automatisch sowas wie eine Alterspräsidentin. Nicht so 2012. Die russischen Großmütter der Buranovskiye Babushki, überwiegend in den 70ern (die älteste ist 84), sowie der britische Crooner Engelbert Humperdinck (75) heben den Altersschnitt der ESC-Teilnehmer auf Mitte 30. Dennoch sind die meisten Sänger nach wie vor in ihren Zwanzigern.


Kandidatinnen zur Miss Teenage Eurovision: Iris, Eva und Ivi.

Teenies gibt es indes nur drei, allesamt Girlies: Iris aus Belgien (16), Eva Boto (16) aus Slowenien und Ivi Adamou (18) aus Zypern. Bei den Sängern gehört der 21-Jährige Roman Lob zu den jüngsten, nur der nerdige Teil der rappenden Bauernburschen von Trackshittaz aus Österreich sowie die irischen Jedward-Zwillinge sind noch ein Jahr jünger.

Nun liegen noch zwei Monate Warten vor den ESC-Fans, in rund sieben Wochen, am 13. Mai wird Rambo Amadeus (mit 48 nach The Hump zweitältester Solist) aus Montenegro als erster der 42 Teilnehmer die Bühne in der hoffentlich bis dahin endgültig fertiggestellten Chrystal Hall zur allerersten Probe betreten. Bis dahin werden die Spekulationen um Songs, Chancen, Livestimmen und Choreographien blühen. Ein schöner Vorgeschmack auf Baku wird das „Eurovision in Concert“ am 21. April in Amsterdam sein, zu dem sich bereits rund die Hälfte des ESC-Casts angesagt hat und das PRINZ als Sponsor unterstützt.

Die PRINZ ESC Blogger werden mit Elan weiter berichten und möchten sich an dieser Stelle bei allen Lesern für das Vertrauen und den großen Zuspruch bedanken, den unser ESC-Blog in der ESC-Vorsaison verzeichnet hat. Stay tuned!