Talent bis in die Ringelsocken – Raphael Gualazzi gibt ein Ganzkörperkonzert in Hamburg

13 Italien Raphael Gualazzi ProbeZu den ganz großen Düsseldorfer Überraschungen zählte im letzten Mai der zweite Platz des italienischen Newcomers Raphael Gualazzi, präsentierte er doch einen Song, der von vielen als ESC-untauglich eingestuft worden war. Aber: der scheue junge Mann gefiel dem Publikum, so dass nach dem kleinen Charterfolg mit seinem Album (Platz 49) jetzt eine Tournee mit sieben Konzerten in Deutschland möglich war. Beim Konzert in Hamburg am 10.10. waren natürlch auch zwei Prinz-Blogger vor Ort.

Als Ganzes war das Konzert vom Eurovision Song Contest so weit entfernt wie Düsseldorf von Baku, für sich genommen war es aber ein sehr stimmiges Ereignis. Der ESC kam nur zweimal kurz vor: erstens durch die hervorragende Interpretation von „Madness of love“ in der Mitte des Konzerts  und zweitens in Form eines jungen Mann zwei Reihen vor uns, optisch unserem Mitblogger Matthias nicht unähnlich,  der eben diesen Song mitschnitt. Das war es auch schon.

Die Hamburger Fabrik ist verständlicherweise deutlich kleiner als die Düsseldorfer Esprit-Arena und so musste Raphael Gualazzi sich mit einem Publikum zufrieden geben, das in der Anzahl in etwa seinen Düsseldorfer Punkten entsprach (kanpp unter 200). Damit war die Location gut gefüllt. Eben dieses Publikum bestand vor allem aus Menschen mittleren Alters, die meistensteils in gemischtgeschlechtlicher Paarkombination aufliefen. Wenig gestylt, aber sehr freundlich und entspannt fügten sie sich geschmeidig in das rustikale Ambiete ein.

Mit deutlicher Verspätung (ca. 20 Minuten) betrat Raphael Gualazzi mit seinen sechs Begleitmusikern die Bühne. Der erste Anblick ließ uns schmunzeln: Zu einem verknitterten Anzug mit einem Muster aus verschiedenenen Längsstreifen in dunklen Ockertönen trug er kunterbunte Ringelsocken.

Trotz dieses irritierenden Outfits wurde bereits nach den ersten Sekunden deutlich, dass man es hier mit einem absoluten Könner bzw. einer absoluten Könnertruppe zu tun hatte. Raphael Gualazzi legte sich voll in die Songs und sang und musizierte mit Leib und Seele, mit Kopf und Herz, mit Leber und Niere. Sein kompletter Körper pulsierte. Seine wurmartigen Bewegungen, sein verzerrtes Gesicht, seine staccatohaften Beinbewegungen, die immer wieder den Blick auf die Ringelsocken freistellten, alles war Ausdruck seiner Musikalität. Raphael präsentierte sich als der, der mit dem Klavier tanzt, denn er bestritt das komplette Konzert durchgängig sitzend (aber immer in Bewegung)  am schwarzen Flügel oder am E-Piano.

So webte er gemeinsam mit seinen Musikern einen Soundteppich, der in seiner feinen Nuancierung und seiner akustischen Reinheit nahezu CD-Qualität hatte und dadurch wirklich überzeugte. Großes Kino.

Das Programm bestand vorwiegend aus Eigenkompositionen aus den bisher erschienen zwei CDs. Gute, aber nicht unkomplizierte Stücke. Sein neuestes Werk „Reality and Fantasy“ befindet sich bereits seit Mai diesen Jahres im Besitz des Schreibers dieser Zeilen, wurde aber bisher nur selten abgespielt, fordert es dem Hörer im nicht immer stressfreien Alltag doch allerlei ab (Und das sage ich, obwohl ich jazzigen Tönen durchaus immer mal wieder zugetan bin…).

Und genau da lag auch das Problem beim Konzert. Die Musik war nur bedingt eingängig, Tempo- und Melodie- und Stilwechsel innerhalb der Stücke waren an der Tagesordnung und es schien, als brauchte auch das Publikum ein wenig Zeit, um einen Zugang zum Konzert und zu dieser Melange aus in erster Linie Jazz, aber auch Funk, manchmal Pop und einem Schuss italienischer Canzoni zu finden. Es überrascht nicht, dass neben seinem Eurovisions-Hit „Madness of love“ das allseits bekannte und sehr druckvoll dargebotene Fleetwood-Mac-Cover „Don’t stop“ den meisten Applaus erhielt. In Zeiten der Verwirrung orientiert man sich halt gern am Vertrauten.

Dazu kam, dass Raphael von Beginn an zwar sehr sympatisch aber auch ziemlich zurückgezogen agierte. So brauchte er satte fünf Stücke, bis er das Publikum mit einem scheuen „Guten Abend“  begrüßte. Neben einer kurzen Bandvorstellung und einer unübersichtlichen Ansage zu seinem Song „Confessin‘ the blues“ gab es nur ganz am Ende noch ein paar Worte des Dankes und des Abschieds. Ansonsten liess er Töne sprechen und versank in seiner musikalischen Welt. Trotz des Vergleichs auf dem Konzertplakat ist Raphael auf verbaler Ebene halt kein Jamie Cullum, der das Publikum in einen dreistimmigen Chor auteilt und zwischen alle Stücke kleine Anekdötchen packt.

Das eigentliche Konzertprogramm schien nach einer guten Stunde beendet. Der Sänger, nach seinem wilden Pianotanz zu Duke Ellingtons „Caravan“, verständlcherweise komplett durchgeschwitzt (nie haben wir einen Anzug gesehen, der bis zu den Nieren und bis zu den Ellenbogen völlig NASS ist…), kam nach ganz kurzem Break mit seinen Mannen zurück und nun ging es so richtig in den Jazzkeller. Es gab nur noch fünf Stücke, die aber in alter Jazzmanier mit vielen Instrumentalsoli versehen und heftig ausgedehnt wurden,  so dass nochmal eine gute Dreiviertelstunde an Zugaben dabei heraus kam – Virtuosität pur. Dadurch gelang es dann doch noch, das Publikum komplett für sich einzunehmen und die stehenden Ovationen am Ende bewiesen, dass Raphael Gualazzi ein Platz auf den Line Ups der Jazzfestivals von Milano bis Moers für die nächsten Jahre gesichert sein sollte.

Die Frage ist: reicht ihm das? Raphael hat am Eurovison Song Contest teilgenommen, dem europäischen Generalarchiv für eingängige Melodien. Seine CD wird weit professioneller vermarktet als die anderer Jazzmusiker, er produziert Videoclips zu seinen Singles (Singles – sowas haben richtige Jazzer doch gar nicht) und vom Song „Realtiy and Fantasy“ gibt es diverse Radio- und Remixe. Es scheint also, als habe Raphael Gualazzi durchaus ein klein wenig Freude am Erfolg beim breiten Publikum.

Sollte es so sein, ist der liebe Italiener bei uns richtig. Wir als erfahrene Eurovisionäre empfehlen: ein klein weing mehr Mut zum Ohrwurm, der ein oder andere Refrain, den man nach zwei Minuten oder gar einer halben Stunde noch nachsingen kann – tut doch nicht weh, oder? Und bei „Madness of Love“ ist das ja auch schon ganz gut gelungen. Vielleicht auch noch ein, zwei gefällige Cover aus dem American Songbook in die Set List aufnehmen und schon sollte die Sache geritzt sein. Uns würde es freuen, das eingängigkeitsgewöhnte Eurovisionsohr hört halt immer ein bisschen mit.

Trotz dieser kleinen Einschränkung: es hat großen Spaß gemacht, diese tolle Musikantentruppe und ihr großes Können erleben zu dürfen. Viel Spaß bei den weiteren Konzerten – und natürlich auch weiterhin viel Erfolg!

Hier kann man erahnen, wie irre Raffi sich durch seine Songs bewegt:

Ein Remix von „Reality and Fantasy“ zum Anhören:

Ein Videoclip zum Song „Love goes down slow“

Und zum Abschluss noch einmal und sehr gerne sein Düsseldorfer Auftritt: