Tatort Eurovision: Wenn ein Star zum Mordfall wird

Renato Seabra

Im Zuge der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien gedenkt die Welt rund um das runde Leder dem kaltblütigen Mord an den kolumbianischen Ballkünstler Andrés Escobar 1994. Vor 20 Jahren schoß er sein Land am 22. Juni durch ein Eigentor gegen die USA in der Vorrunde aus dem Wettbewerb. 10 Tage später rissen ihn in Medellín 6 Kugeln mit den Worten „GOOOOOOOOOOOOOL“ aus dem Leben. Auch die Eurovision blieb in den all den Jahren von Morden nicht verschont, auch wenn die Taten nicht direkt mit dem Ergebnisausgang beim Grand Prix zu tun hatten. (Foto: Renato Seabra vor Gericht). Wir erinnern an drei besonders tragische Schicksale.

Helene Fischer freut sich schon auf ihre Zeit beim Tatort mit Til Schweiger, wo sie sicherlich eine hübsche Leiche abgeben wird. Im Januar 2005 schockte jedoch ein echter Mordfall Deutschland. Am 14. Januar wurde der exzentrische Modedesigner Rudolph Moshammer von seinem Chauffeur tot in seinem Haus aufgefunden. Moshammer hatte sich aus armen und von Gewalt geprägten Verhältnissen zu einem angesehenen Designer im Bereich der Mode hochgearbeitet. Die High Society kehrte gern in seine Boutique an der Maximilianstraße in München ein.

Rudolph Moshammer Deutschland 2001

Über sein Privatleben wurde viel gemunkelt, jedoch erst durch den Mord kam das Leben hinter der grellen Fassade zum Vorschein. Schon am Tag nach dem Mord konnte die Polizei aufgrund von DNA-Spuren den irakischen Kurden Herisch Ali Abdullah festnehmen. Der psychisch kranke Asylbewerber, der in einem Schnellrestaurant als Aushilfskoch arbeitete, um damit seine Schulden abzubauen, war schnell geständig. Ihn hatte Moshammer am Münchner Hauptbahnhof aufgelesen und ihm für sexuelle Handlungen 2.000 Euro versprochen. In der Wohnung kam es dann zum Streit, der in die Gewalttat mündete. Abdullah erdrosselte den Modestar mit einem Kabel.

Die Trauer in München war groß und die Geschichte geriet zu einem Medienspektakel. Viele wahren und unwahren Artikel bestimmten die Gazetten in den folgenden Wochen. Selbst die Beerdigung am 22. Januar 2005 wurde exklusiv beim TV-Sender SAT 1 übertragen. Aufgrunddessen blieben viele Prominente, die zu Lebzeiten Moshammers Laden oft besucht hatten, dem Ereignis fern.

Herisch Ali AbdullahHerisch Ali Abdullah wurde am 21. November 2005 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Daisy, der vierbeinige langjährige Wegbegleiter Moshammers kam in die Obhut des Chauffeurs Andreas Kaplan, wo die Yorkshire-Terrier Dame im Alter von 13 Jahren am 24. Oktober 2006 starb.

Am 2. März 2001 ging Rudolph Moshammer zusammen mit der Münchner Zwietracht als Zweites bei der deutschen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest 2001 in Kopenhagen auf die Bühne der Preussag Arena in Hannover. Sie trugen das Lied „Teilt Freud und Leid“vor, das von Wolfgang Köbele komponiert wurde, der den Text mit Hans Greiner schrieb. Nur 2,28 % der Anrufer konnten sich für den Vortrag erwärmen und so blieb Moshammer auf Platz 10 von 12 Teilnehmer stecken. Nach Kopenhagen fuhr Michelle, um dort mit 66 Punkten Achte zu werden.

Mosi beim ESC-Vorentscheid

 

In den Niederlanden gab es schon 1981 einen ähnlichen Fall. Bart van der Laar, geboren 1945, wurde am 10. November gegen Mittag von seiner Mitbewohnerin Patricia in seiner Wohnung angeschossen aufgefunden. Drei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Bart van der Laar hatte sich in den Siebzigern einen Namen als Produzent von Künstlern wie Lenny Kuhr (Grand Prix Siegerin 1969), Corry Konings (Mentorin für Marlous beim Nationalen Vorentscheid 2010), Benny Neyman, Babe (Ex-Mitglied Marga Bult, Niederlande 1987) und Luv gemacht.

Bart van der Laar Niederlande 1981

In der Graaf Florisstraat in Hilversum lebte Bart van der Laar in einem Haus, das ihm zum größten Teil gehörte und dessen obere Etage er bewohnte. Einen Teil davon hatte er an Patricia untervermietet. Unter ihnen wohnte der damals 60-jährige Dirkje und ganz unten befand sich ein Büro.

Bart und Patricia hatten die Nacht zusammen verbracht und morgens noch einen Kaffee zusammen getrunken. Um 8.15 Uhr war dann Patricia zu ihrer Arbeit nach Bussum aufgebrochen. Gegen Mittag klagte sie über Unwohlsein und kehrte in ihre Wohnung zurück. Dort fand sie dann auf dem Küchenfußboden den Produzenten in einer riesigen Blutlache. Zunächst wurde angenommen, dass ein Sturz die Kopfwunde herbeigeführt hatte, aber schon bald wurde klar, dass ein Schuss die Ursache für die starke Blutung war, nachdem im Krankenhaus eine Kugel in seinem Kopf und eine in seiner Kleidung gefunden wurden.

Bei der Zeugenaufnahme Patricias tauchen einige Ungereimtheiten auf, jedoch blieb sie bei der Beweisaufnahme nach vielen Verhören nur Zeugin. Ihre Hände wurden noch nach Schmauchspüren untersucht, aber da dieses erst 12 Stunden später vorgenommen wird, konnte diesbezüglich nichts mehr festgestellt werden.

Zur gleichen Zeit meldete sich Martien Meijer-Hunnik als Zeuge bei der Polizei. Hunnik verdiente sich neben seinem Job als Krankenpfleger als Escort-Boy noch Geld hinzu. So lernte er Bart van der Laar kennen. Er gab jedoch im ersten Verhör an, zur Tatzeit, die auf 9 Uhr festgelegt wurde, bei der Arbeit und bei einem Arztbesuch gewesen zu sein.

So blieb der Fall zunächst offen, bis 1983 ein unbekannter Anrufer sich bei der Polizei in Folge einer Ausgabe der Sendung „Opsporing verzogt“ (das niederländische Aktenzeichen XY Ungelöst) meldete, dass er Informationen über einen in der Sendung präsentierten Taximord und zum Mord an Bart van Laar geben könnte. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei dem Anrufer um Martien Hunnik handelte. Er verstrickte sich in Widersprüche und die Polizei nagelte ihn auf den Mord an den Produzenten fest. Da er zwischen 10 und 12 nicht bei der Arbeit war, gab er nach langen Verhören zu, um 11 Uhr die Schüsse abgegeben zu haben.

Aufgrund dieser Indizien wurde Martien Hunnik 1984 zu zwei Jahren und 6 Jahren Sicherungsverwahrung verurteilt. Schon sehr bald bestritt er jedoch die Tat. Aber seine Strafe saß er ab. Erst 2013 schaffte es der Anwalt Geert-Jan Koops, dass der Fall wieder aufgerollt wurde. Große Unterstützung gab es durch die Zeitung „De Telegraaf“. Mittlerweile ist die Ehre von Martien Hunnik wieder hergestellt und der Mord an Bart van der Laar zum „Cold Case“ erklärt worden.

Eng gekoppelt mit dem Mord an Bart van der Laar ist der Karriereknick von Harriët Willems aus Valkenswaard, die 1981 als Linda Williams die Niederlande beim ESC vertrat.

Linda Williams Niederlande 1981

Bart van der Laar hatte sie für den nationalen Vorentscheid 1981 produziert. Zusammen mit Cees de Wit schrieb van der Laar auch die zwei Lieder, die Linda Williams am 11. März im Zuidplein Theater in Rotterdam präsentierte. Linda war für Oscar Harris eingesprungen. „Zo is het leven“ erreichte nur Platz 7 mit 6 Punkten. Bei der Ankündigung des Liedes unterschlug der Moderator Fred Oster fast den Namen von Bart van der Laar.

Lindas zweites Lied „Het is een Wonder“ aber gewann mit 34 Punkten den Nationaal Songfestival und fuhr nach Dublin, um dort mit 51 Punkten auf Platz 9 zu landen. Auch die Eurovisionsteilnahme geriet zum Krimi. Nach dem nationalen Sieg behauptete Cees de Wit, dass er allein das Lied, das zunächst „Het is weer zomer“ hieß, geschrieben hätte. Das widerlegt Bart van der Laar jedoch Tage später. In der Autorenrechtsorganisation BUMA/STEMRA steht jedoch nur der Name von de Wit.

 

Der dritte Mordfall führt uns nach Portugal. Carlos Castro, geboren am 5. Oktober 1945 in Angola, wurde am 7. Januar 2011 tot in seinem Zimmer im Intercontinental Hotel am Times Square in New York aufgefunden. Castro kam nach der Unabhängigkeit Angolas nach Portugal, wo er zum angesehenen Journalist und Schriftsteller wurde. In vielen Zeitungen und Zeitschriften ließen sich seine Berichte über die Prominenten nachlesen. Insbesondere für die Tageszeitung Correio da Manhã war er tätig. In der Zeitschrift „Nova Gente“ schrieb er Kolumnen unter der Pseudonym „Daniela“.

Carlos Castro Portugal 1984

Zudem setzte er sich für die Pflege der portugiesischen Kultur ein. Durch ihn wurden Prduktionen wie die „Grande Noite do Fado“ gefördert. Große Popularität erlebte Carlos Castro durch sein öffentliches Coming-Out im Fernsehen in den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Als Folge trat der Journalist auch als Aktivist für die schwulen Rechte hervor und Produktionen wie die „Gala Noite dos Travestis“ wurden realisiert.

Am 29. Dezember 2010 checkte Carlos Castro zusammen mit dem 21-jährigen portugiesischen Model Renato Seabra im Interconti Hotel in New York ein. Seabra war  durch seine Teilnahme an der Modelcasting-Show „À Procura do Sonho“ bekannt geworden. Begleitet wurden sie vom Verleger Luis Pires, der gewisse Spannungen zum Ende der Reise festgestellt haben wollte. Man verbrachte den Jahreswechsel in der Stadt und Broadway-Shows standen auf dem Programm.

Renato Seabra

Am 7. Januar stand ein Treffen mit der Ex-Frau von Luis Pires und seiner Tochter an. Die beiden Frauen warteten in der Hotel-Lobby, jedoch nur Renato Seabra erschien. Auf seine Aussage hin, dass Carlos Castro wohl nie mehr das Hotel verlassen würde, verständigte die Ex-Frau das Hotelpersonal und ließ das Zimmer von Castro öffnen. Dort fand man den Journalisten von einem Laptop und einer Weinflasche erschlagen. Zudem war er stranguliert und mit einem Korkenzieher kastriert worden.

Die Polizei machte sich sofort auf die Suche nach Seabra und mit Hilfe eines Taxifahrers fand man ihn in einem Hospital, wo er sich nach einem Selbstmordversuch selbst eingewiesen hatte. Der psychisch kranke Täter erklärte, dass er den Mord begangen hätte, um den ’schwulen Dämon‘ loszuwerden. Die Ermittler sahen jedoch den letztendliche Grund in einer Absage eines sehr teuren Einkaufstrips.

Renato Seabra wurde am 21. Dezember 2012 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Carlos Castro wurde eingeäschert und seine Asche in den Tunneln der New Yorker U-Bahn nahe dem Broadway verstreut.

Carlos Castro schrieb neben seinen Kolumnen auch einen Titel für den portugiesischen Vorentscheid Festival RTP da Canção. Das Lied „Uma Canção Amiga“, das António Sala komponiert hatte, erhielt den Text von dem renommierten Schriftsteller. Am 7. März 1984 sang António Sala den Song als Zweites von 16 Teilnehmern im Auditório Europa von Lissabon und erreichte mit 82 Punkten Platz 6.