The Voice of Europe – Die Castingshow der Stunde und ihre Eurovisions-Vergangenheit

„Unser Star für Baku“ hat es schwer. Muss sich nicht nur mit den Medienwächtern, mit Steven Gätjen und einem zweifelhaften Entscheidungsverfahren herumschlagen, sondern auch mit einem Konkurrenzformat im eigenen Hause – der quotenstarken und mit Lob überschütteten Casting-Show „The Voice of Germany“, die in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft für die gleiche Sendergruppe produziert wird.

Und noch etwas hat „The Voice“ dem „Star für Baku“ voraus: sie hat Europa schon erobert. Keine Starsuche läuft im Moment so intensiv durch aller Herren Länder wie diese. Und dennoch: auch „The Voice“ kommt nicht ohne Grand-Prix-Bezug heraus. Der alte Dino hat auch beim neuen Showbaby -insbesondere in der Juryabteilung- seine Finger im Spiel und hat deutlich mehr als eine Verbindung zum ESC. Grund genug für ein Übersichts-Potpourri:

„The Voice of Germany“ wartet nicht nur auf der Kandidatenseite sondern auch auf den Jurystühlen mit handfesten Musikprofis auf, allerdings sind die Zusammenshänge mit unserer Lieblingsshow verhältnismäßig kümmerlich: Nena erfreute uns anno 1998, im Guildo-Jahr mit ihrer recht speziellen Moderationstechnik, die sie 12 Jahr später als Jurorin bei USFO noch einmal aufgrff. Dort war ein paar Sendungen später auch schon mal Xavier Naidoo mit kritischen Kommentaren unterwegs und machte sich quasi schon einmal für „The Voice“ warm. Mit viel gutem Willen kann man noch eine weitere ESC-Connection herstellen: vor zwei Jahren produzierte die Mannheimer Heulboje, gemeinsam mit seinem „The Voice-Berater“ ein Album mit ESC-Siegerin Vicky Leandros. Das war es aber auch schon aus deutschen Landen.

Andere Länder bieten da deutlich mehr. Allen voran – wie könnte es anders sein – ESC-Spezialteilnehmer Schweden. Die haben eine waschechte ESC-Siegerin im Juryquartett. Und nicht irgendeine, nein DIE größte aller schwedischen Göttinnen, Carola. Mit dabei auch, Ex-The-Ark-Frontmann Ola Salo, der mit seiner Band und dem Song „The Worrying Kind“ anno 2007 knapp vor Roger Cicero landete, damals aber sehr deutlich das Melodifestival gewonnen hatte.

Als Gruß aus Schweden aber hier noch einmal Carolas ESC-Auftritt von 2006. Einmal, weil sie da der Welt schon einmal deutlich macht, was eine „Voice“ ist und zum anderen, weil Blogger-Jan nach Beendigung des Songs einen Grad an Begeisterung versprüht, den einige Voice-Zuschauer im Fernsehstudio intensitätstechnisch fast schamlos übernommen zu haben scheinen.


Die Ukraine war eines der ersten Länder, das das ursprünglich niederländische Format übernahm, inzwischen läuft bereits die zweite Staffel. In der ersten machte sich keine Geringere als ESC-Gewinnerin Ruslana daran, die „Stimme“ des Landes zu finden. Dies gelang ihr nicht ganz, denn Coacherin des Siegers war ihre Kollegin Diana Arbenina. Das mag der Grund gewesen sein, dass die ans Siegen gewöhnte Ruslana zur zweiten Staffel ausstieg, mit dabei aber weiterhin ein weiterer Coach mit ESC-Bezug. 2003 bezauberte Oleksandr Ponomariyow den Autor dieser Zeilen bei der ersten ESC-Teilnahme seines Landes mit dem Hyper-Super-Kitsch-Song „Hasta la vista“ – vermutlich der einzige ESC-Auftritt, bei dem eine Biellmann-Piourette gezeigt und eine Schulter mit einem nackten Fuß gestreichelt wird. Während er Topstar in seinem Heimatland weiterhin „Talents“ anleitet, erfreut er hier noch einmal mit seinem ESC-Song:


In Norwegen startet die Show demnächst und die Skandinavier haben ihre Coachtruppe zur Hälfte mit Menschen mit ESC-Bezug bestückt. Zum einen ist da Sängerin und Komponistin Hanne Sørvaag, ihres Zeichen mitverantwortlich für den No-Angels-Rohrkrepierer „Disappear“ im Jahre 09. Ein Jahr später scheiterte sie ein zweites Mal für ihr Heimatland, war im gleichen Jahr aber relativ erfolgreich für Georgien.

Ebenfalls in der Jury dabei ein weiterer ESC-Teilnehmer aus dem Jahre 2010 – wenn auch kein richtiger: Yosef Wolde Mariam ist eine Hälfte des Duos Madcon, die uns den genialsten ESC-Pausenact seit ewigen Zeiten lieferten und im Anschluss an das Festival den zweitgrößten Grand-Prix-Hit des Jahres landeten: „Glow“.

Weil es so schön war, hier noch einmal zum Angucken  und Mitmachen! Arme hoch!


Auch in der Türkei sitzt eine ehemalige ESC-Teilnehmerin auf dem drehbaren Stuhl. Hadise, die in Belgien aufgewachsene Bauchtanz-Shakira, ersang sich mit „Düm-Tek-Tek“ 2009 einen vierten Rang. Dass ihr das Festival als Ganzes aber wohl eher egal ist, wurde bei „The Voice of Turkey“ deutlich. Dort erkannte sie einen  hoffnungsvollen Kanditaten NICHT: Sedat Yuce, den Teilnehmer der Türkei des Jahres 2001. Wie andere ESC-Gossip-Websites ausführlich darstellen, war das nicht ihr einziger Faux-pas – sie äußerte auch noch deutliches Desinteresse. Aha.

Um Hadise auf die Sprünge zu helfen und Sedat Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, hier sein Auftritt aus Kopenhagen.


Auch in der türkischen „Voice“-Jury: eine uns noch weitgehend unbekannte Dame namens Hülya Avşar. Die hat zwar mit dem ESC bisher noch nix zu tun gehabt, mischt sich aber mit ihren offengelegten Argumenten ordentlich in den Sängerkrieg am Bosporus ein. Und das Voice-V kann sie auch schon.

In Hadises langjährigem Heimatland Belgien weht ebenfalls ein wenig ESC-Luft durch das „The Voice“-Studio. Nachdem Koen Waters jahrelang als Moderator diverse flämische Castingshows unsicher gemacht hat, wechselt er nun die Seiten und coacht. Das alles passiert zwei Dekaden nach seinem Grand-Prix-Auftritt mit der Band Closeau in Rom. Obwohl im Vorfeld durchaus als Mitfavoriten gehandelt, landete die Gruppe damals relativ abgeschlagen nur im Spitzenfeld des hinteren Drittels – vielleicht war sein Antlitz einfach  noch zu bubenhaft?! Siegerin wurde damals eine schwedische „Voice“-Coacherin –  ja, genau, die!


Wie wir bereits wissen, klopfte der türkische Teilnehmer aus dem Jahre 2001 als Kandidat bei der Jury an, für den 2001er Mann aus Polen lief es da besser: er durfte gleich auf den prominenten „The Voice“-Sesseln Platz nehmen und richten – obwohl er seinerzeit noch hinter dem Türken landete. So kann es gehen. Wir erinnern uns an Piasek vor allem aufgrund seines außergewöhnlichen Zottelmantels, der ihm nach dem Festival den Barbara-Dex-Award einbrachte. So kann man in Polen möglichweise auch die ein oder andere Modesünde auf dem Sessel sitzen sehen….


Nach einer Durststrecke sechs Jahren hatte  Irland mit Soft-Folk-Popper Brian Kennedy im Jahre 2006 endlich mal wieder eine ESC-Top-10-Platzierung. Kennedy hatte sich seit den 90ern zu einer ordentlichen Größe in der irischen Musiklandschaft gemausert, in den letzten Jahren istes aber leicht ruhiger um ihn geworden. Nun kehrte er vor zwei Wochen mit Karacho in die irische Öffentlichkeit zurück – natürlich bei „The Voice“. Sein Team wächst zur Zeit stetig und wir erinnern uns gern noch einmal an seinen Semifinalauftritt in Athen, bei dem er den 1000. Beitrag in der Festivalgeschichte lieferte – dafür einen Kniefall.


Bulgarien ist ein relativ junges ESC-Land, hat aber bereits die Hälfte seiner „Voice-Jury“ mit ehemaligen Grand-Prix-Teilnehmern besetzt. Beide kamen bei ihrer Teilnahme zwar nicht über das Halbfinale heraus, setzten aber durchaus Akzente. Mariana Popova sang 2006 in Athen „Let me cry“ und machte vor allem durch einen unglaublichen Backgroundsänger auf sich aufmerksam.

Vor zwei Jahren in Oslo verdrehte der bulgarische Teilnehmer Miroslav Kostadinow vor allem einem unserer Blogger gehörig die Rübe und versuchte Rest-Europa mit Fotos seines bestochenen Rückens zu bestechen. Gelang nicht, tat seiner Popularität im eigenen Land aber keinen Abbruch, denn nun sitzt er im Sessel.


Es ist erfreulich, dass viele recht kleine Länder genug musikalisches Material in ihrer Einwohnerschaft finden, um jahrzehntelang beim ESC teilzunehmen. Überraschend ist es dann aber, dass eine ganze Reihe dieser Länder auch noch genug Teilnehmer für alle gängigen Casting-Formate haben. Ein Beispiel: Litauen. Dort beginnt am 29.1. die erste Staffel von „Lietuvos Balsas“, zu deutsch „The Voice of Lithuania“. Und wer findet sich im Coachinglager? Jurgis Didziulis, seines Zeichens Frontmann der Kultband Inculto, die kurz vor ihrer Auflösung im Januar 2011 noch schnell mal am ESC teilgenommen hatte. Nachdem die Truppe sich 2006 in der litauischen Vorentscheidung, einer anderen Juxkapelle , LT United, geschlagen geben musste, konnte vier Jahre später die Fahrkarte nach Oslo gebucht werden. Dort scheiterte man zwar im Semifinale, hatte aber viel Spaß. In der „Voice“-Jury sitzt Jurgis gemeinsam mit der Sängerin Erica Jennings, mit der er inzwischen ein Duo bildet und die bereits auch mit Inculto zusammen gearbeitet hatte.


Auch Israel hat einen ESC-Topstar auf der Bank sitzen: Sarit Hadat. In ihrem Heimatland seit vielen, vielen Jahren eine sehr feste Größe, wagte sie sich 2002 auf die Eurovisionsbühne. Auf dem Höhepunkt der 2. Intifada konnte sie mit ihrem Friedenslied nicht so recht punkten und kam auf Platz 12. Gut gesungen hat sie aber damals schon und so ist gegen ihren Einsatz als „The-Voice“-Lehrerin abslout nichts einzuwenden. (Erst jetzt fällt auf: ein Auftritt mit Geigenalarm!!!)


Zwei Juroren aus Albanien haben ebenfalls einen Bezug zum ESC: Elton Deda war lange vor des Landes ESC-Debut im Jahre 2004 Teilnehmer am Festival i Kenges (FiK), das heute als Vorentscheidung für den Grand Prix herhalten muss (Bericht zur aktuellen Ausgabe hier). Inzwischen ist er Produzent dieser Ikone unter den Fernsehshows des Landes. Ex-Preluders-Luder Miriam Cani, gebürtige Albanerin, ist ebenfalls mit dabei. Sie wurde im vergangenen Jahr knapp um das Ticket nach Düsseldorf geschlagen und hatte FiK zuvor schon moderiert.


Tschechiens Hassliebe zum ESC spiegelt sich auch in der „Voice“-Jury wider. Das Land, das dem Wettbewerb nach mehreren Misserfolgen zurzeit fern bleibt, hat eine Sängerin im Juryteam, die nur über Ecken einen ESC-Bezug aufweist – aber immerhin. Es ist: Darinka, die heute den Namen Dara Rollins führt und vor gut 25 Jahren mit ESC-Ikone und Weihnachtsengel Karel Gott (1968 für Österreich am Start) sang. Eigentlich führt es zu weit, dieses Lied hier anzuliefern, aber so what… – und immerhin in der Landessprache.


Kommen wir zum Schluss zu den Wurzeln zurück: die Niederlande waren das erste „The Voice“-Land. Erdacht hat sich da Ganze John de Mol, der uns unter anderem die „Traumhochzeit“ und „Big Brother“ auf die Bildschirme zauberte. Und auch im Hinblick auf die ESC-Connection auf den Coachingsesseln waren die Niederländer Pioniere: Jeroen van der Boom war in der ersten Staffel dabei. Vor drei Jahren stand er noch mit Leuchthänden und einer dicken Frau auf der ESC-Bühne. Remember?


Und was hat der Mördererfolg des Formates den Holländern gebracht? Die niederländische ESC-Vorentscheidung, die Ende Februar stattfinden wird, ist quasi ein Spin-Off von „The Voice of Holland“. Fünf der sechs Teilnehmer, die in einem offenen Wettbewerb gefunden wurden, waren Kandidaten in der ersten Staffel von „The Voice“. Und wie auch der große Showbruder wird das Nederlandse Songfestival Spielshowelemente enthalten. So treten die Kanditaten in Battles gegeneinander an, dürfen dabei aber jeder ein Lied allein singen. Wie viele „The Voice“-Teilnehmer weltweit sind auch die meisten der niederländischen Teilnehmer keine absoluten Anfänger mehr, Casting-Show-Erfahrungen, erfolglose Platten, jahrelanges Tingeln und Studio-Backgrounds sind die Erfahrungswelten der Voicisten und auch wenn sie nur selten größere Erfolge nachweisen können, Erfahrung haben sie allemal. Näheres zur Show im Staat der Holzschuhe findet sich hier.

Das niederländische Modell könnte aufgrund des internationalen „Voice“-Erfolges also auch schon im nächsten Jahr in anderen europäischen Ländern fruchten – vor allem, wenn unser Tulpennachbarland nach Jahren der Dürre in Baku endlich mal wieder eine ordentliche Platzierung mit nach Haus nimmt. Zu wünschen wäre es ihnen.

Und für 2012 ist noch in vielen weiteren europäischen Ländern „The Voice“ geplant: in Dänemark oder Finnland läuft die Chose schon und mit zum Teil hochkarätigen Jurypaketen liegen Spanien (mit ESC-Backgroundstar David Bisbal), Franreich (mit Garou und Florent Pagny) und Großbritannien (zur Zeit geplant sind Jesse J., Tom Jones und Will.i.am) in den Startlöchern.

Bis dahin sind aber noch ein paar Monate Zeit und einige Voice-Gewinner zu ermitteln. Beenden wir unsere Reise mit dem Beweis, dass „The Voice schon vor mehr als 15 Jahren ein Grand-Prix-Thema war: