Thomas D. will deutsche „Kunst“ nach Baku schicken

Elf Tage vor der ersten Sendung kommt die Promotion-Maschine für Unser Star für Baku (USFB) langsam ins Rollen. Laut Bild-Zeitung „äzt“  Thomas D. gegen Dieter Bohlen. Uns tangiert das weniger als die Auskuft des Jury-Präsidenten gegenüber dem Spiegel, er wolle mit der Sendung seriös bleiben und mit dem USFB-Gewinner ein Album produzieren, dass „die Bezeichnung Kunst verdient“. Nur: Wartet Europa auf musikalische „Kunst“ aus Deutschland?

Endlich geht es los: Am 12. Januar startet der deutsche Vorentscheid – Unser Star für Baku! Nach dem doch recht langatmigen Lena-Marathon 2011 kann es in diesem Jahr eigentlich nur spannender werden. Andererseits war anno 2010 Unser Star für Oslo auch eher dröge als aufregend. Es wird also interessant zu sehen, ob die neue Jury es schafft, den deutschen Vorentscheid im aktuell sehr harten Wettbewerb der Casting-Shows auf die Agenda des deutschen Fernsehpublikums zu setzen.

So richtig beruhigend klingt es allerdings nicht, wenn Thomas D. im Spiegel ankündigt, zeigen zu wollen, wie man eine solche Casting-Show richtig mache und seriös bleibe. Bei ihm in der Sendung soll es keine Überzeichnungen geben, etwa derart, dass Zuschauer genau im richtigen Moment aufspringen. So etwas werde laut Thomas D. erst im Nachhinein so zusammengeschnitten (wie bei The Voice of Germany).

Wir können uns also schon mal von medial inszenierten Emotionen verabschieden – einem Kernbaustein erfolgreicher TV-Formate. Vielmehr wird es auf die (vermutlich bühnenunerfahrenen) Teilnehmer ankommen, mit ihren Stimmen zu überzeugen und so etwas wie Empathie beim Zuschauer zu erzeugen.

Unterhaltungswert ist auch von der Jury nicht zu erwarten. Zwar müsse man auch sagen können, dass ein Vortrag Mist war, allerdings darf es nach Thomas D. Ansicht nicht menschenverachtend werden, wie es Dieter Bohlen bei Deutschland sucht den Superstar betreibe.

Da sind wir ganz beim Jury-Präsidenten. Nur woher soll dann der Unterhaltungswert des immerhin acht Abende füllenden Vorentscheids kommen?! Allein die Tatsache, dass in der letzten Show erst das Lied und dann der Star für Baku gewählt werden soll, macht die ganze Reihe noch nicht spannender als Unser Star für Oslo.

Mit dem Düsseldorfer Finale haben Brainpool und die ARD gezeigt, dass sie wissen, wie TV-Unterhaltung im Jahr 2011 funktioniert. Warum wollen sie dieses Wissen dann nicht auch für den Vorentscheid einsetzen?!

Tatsächlich spannend wird’s aber nachdem Finale von USFB: Dann will Thomas D. nämlich ein Album mit dem Sieger produzieren. Dieses soll sich abheben „von den sonstigen 08/15-Alben von Castingshow-Gewinnern.“ Er möchte etwas präsentieren, „das die Bezeichnung Kunst verdient.“ Und auf diesem Kunstwerk wird natürlich auch der deutsche ESC-Beitrag 2012 vertreten sein.

Nun ist Kunst ein dehnbarer Begriff und umfasst – gerade im musikalischen Bereich – alles von E- bis U-Musik. Dennoch führt die Verwendung dieses Wortes im Kontext von Thomas D.’s Aussage eher weg von popkultureller Massenware hin zum Nischendasein in Spezialsendungen öffentlich-rechtlicher Radioprogramme oder Themenabenden auf einschlägigen TV-Kulturkanälen mit Marktanteilen im kaum messbaren Bereich.

Mit ein bisschen Glück tritt unser Star für Baku damit die Nachfolge von Raphael Gualazzi an. Wenn’s schlecht läuft, muss er bzw. sie sich beim ESC-Finale mit der albanischen Vertreterin Rona Nishliu um die Punkte der Jurys prügeln.

In elf Tagen lichten sich die Nebel.