Thomas Schreiber gibt einen Ausblick auf das deutsche ESC Finale 2018

Kurz vor den Weihnachtstagen hat der NDR den Termin (22. Februar 2017) und den Veranstaltungsort (Berlin) für das deutsche Finale bekanntgegeben. Aber viele Fragen der Fans sind noch offen. Wieviele und welche Teilnehmer aus der siebzehn* Vorfinalisten umfassenden Longlist sind beim deutschen Finale dabei? Wann gibt es neue Details zur Show?  Wieso gibt es zwei Moderator(innen)? Wir haben dem NDR Unterhaltungschef Thomas Schreiber Eure Fragen gestellt (Foto entstanden beim ESC Workshop mit den Vorfinalisten).

*Dass es 17 Vorfinalisten gibt, geht aus dem jüngsten (vierten) Clip von Videoblogger LissaBjörn hervor, der sich mit Finalistenauswahl durch das Eurovisionspanel und die internationale Jury befasst. Dort wird das Abstimmungstableau für die Panelisten auf einem iPad gezeigt – mit siebzehn zu bewertenden 90 Sekunden Clips (vgl. Screenshot).

Thomas Schreiber beim ESC Workshop in Köln mit Videoblogger LissaBjörn (ganz rechts)

PRINZ ESC Blog: Die ersten wichtigen Meilensteine des Neuanfangs bei der Auswahl des deutschen Beitrags für den Eurovision Song Contest sind gegangen. Wie bewerten Sie den Prozeß bis heute?

Thomas Schreiber: Anregend, anstrengend, angenehm, Horizont-erweiternd. Wir gespannt auf alles, was kommt. Es war gut und sinnvoll, die Road Show zu machen; unser Team aus digame mobile, Simon-Kucher & Partners, unsere Produktionskollegen von Kimmig Entertainment und Lodge of Levity mit den Kollegen von Studio Berlin, dazu die Coaches wie Wolfgang Dalheimer, Jeff Cascaro und Nici Grandison, unser NDR-Team mit Christoph Pellander als neuem Head of Delegation – das „matcht“ alles sehr gut, wie man heute sagt, trotz des engen Zeitplans.

Der ESC Workshop mit den Vorfinalisten ist erfolgreich absolviert und das Eurovisonspanel und die internationale Jury haben die Teilnehmer am deutschen Finale ausgesucht. Wann werden die Finalisten für die Liveshow bekanntgegeben?

Wir haben am Freitag vor Weihnachten (22.12.17) die Teilnehmer am Vorentscheid informiert; wenn wir alle ihre Rückmeldungen haben und alle Fragen beantworten konnten, wollen wir die Namen zwischen Weihnachten und Neujahr bekannt geben.

Sie haben zuletzt davon gesprochen, dass es sechs Finalisten geben wird. Bleibt es dabei? Und wird der angestrebte vielfältige musikalische Genremix erreicht?

Ich hoffe sehr auf die sechs und auf eine gute Mischung. Klar können wir immer noch kantiger werden, aber der Vorentscheid wird, wie Peter Urban einmal in anderem Zusammenhang gesagt hat, eine „runde“ Sache.

(Anmerkung der PRINZ Blogger: Das Peter Urban Zitat fiel bei einem ESC Finalauftritt der stimmgewaltigen Chiara aus Malta.)

Viele Fans möchten das Portfolio der Vorfinalisten vollständig kennenlernen, denn schon die bereits bekannten Namen sind beeindruckend. Werden – wie ursprünglich angekündigt – die zwanzig Kandidaten, die sich aus über 4.000 Bewerbungen in einem zweistufigen Verfahren qualifizieren konnten, veröffentlicht und wird es die für die beiden o.g. Panel extra produzierten Videoclips für die Fans zu sehen geben?

Da muß ich klären, ob wir die dafür nötigen Online-Rechte haben, um die Clips ins Netz stellen zu können und ob die Vorfinalisten das auch möchten.

Sie haben berichtet, dass im Rahmen der Songauswahl ein dreitägiges „Song Writing Camp“ geben wird. Was können wir uns konkret darunter vorstellen?

Dort werden bis zu 15 nationale und internationale Texter und Komponisten in einem Berliner Studiokomplex – also in vermutlich fünf einzelnen Studios – drei Tage lang in vielleicht wechselnden Konstellationen an Songs arbeiten, Ideen entwickeln, um dann – in einer idealen Welt – mehrere Songs zur Auswahl zu haben. Nicht jedes Lied wird durchproduziert sein, aber auf Grundlage dieser Layout-Versionen soll dann die Entscheidung fallen, welcher Song für wen der richtige ist, was wirklich im Studio produziert werden soll, welchen Song man wie inszenieren kann etc.

Und da Sie fragen werden: Ja, auch dieses Kapitel der Reise zum Deutschen Vorentscheid soll transparent gestaltet werden.

Wird die „Publishing Task Force“ unter Leitung von Lars Ingversen am Song Writing Camp teilnehmen? In welche Form wird das Publishing Team insgesamt in die Auswahl der Finalsongs eingebunden?

Na klar, die Publishing Task Force* und die vier involvierten Musikverlage, also Budde, Schedler, BMG Rights und Sony ATV, organisieren das Camp unter Leitung von Lars Ingwersen schließlich, mit der Unterstützung der Produktionsfirma und des Senders. Die finale Entscheidung der Songauswahl soll in Absprache von Artist, Management, Label und Sender fallen. Da ist alles möglich: vielleicht kommt ein featuring artist hinzu, den wir noch nicht kennen; vielleicht bringt auch jemand einen genialen Song mit. Oder um es in Abwandlung eines anderen geflügelten Wortes zu sagen: bring the Song back into the Song Contest.

(*Alle Details zur Publishing Task Force gibt es ganz am Ende dieses Beitrags.)

Einige Acts aus den Lucky 17, wie etwa Xavier Darcy, haben sich mit eigenen Songs qualifiziert. Ist es vorgesehen, dass Finalisten sich auch mit eigenen Titeln für Lissabon bewerben können?

Selbstverständlich.

Das deutsche Finale wird am 22. Februar 2018 live ausgestrahlt. Wie lang wird es werden und was können Sie bereits zur Dramaturgie sagen? Werden die sechs Finalisten mehr als einen Song singen?

An der genauen Sendelänge, am Ablauf, Dramaturgie, Voting und an Opening- und Intervall-Acts arbeiten wir noch. Ein Lied – sozusagen DAS Lied für Lissabon – wird von jedem Act präsentiert.

Wie sind der Eurovisons-Panel und die internationale Jury in die Liveshow eingebaut? Sind diese physisch im Studio anwesend?

Ja, Juroren und Panel sind physisch anwesend, werden aber nicht im Sende-Studio, sondern in einem benachbarten Studio sitzen, denn die Beurteilung soll aufgrund des Fernsehbildes erfolgen – so wie beim großen Finale. Dieses Nebenstudio mit Jury und Eurovisions-Panel wird Bestandteil der Show sein – ich freu mich jetzt schon auf die Punktevergabe – und bei zwei Spielorten brauchen wir, glaub ich, auch zwei Moderatoren. Einen kleinen Green Room brauchen wir auch noch.

Wird es mehrere Votingrunden geben? Welchen Anteil wird das Zuschauervotum haben?

Darüber informieren wir später.

Können Sie etwas zur Moderation des deutschen Finales sagen? Wird es möglicherweise eine Doppelmoderation geben? Ist jemand mit ESC-Vergangenheit dabei?

Lassen Sie sich von den Moderatoren überraschen – ich jedenfalls verbinde eine sehr schöne und starke ESC-Erinnerung an einen möglichen Moderator.

Sie binden die Fans und Zuschauer auf dem Weg zum deutschen ESC Beitrag 2018 ganz aktuell sehr umfassend und auch mit viel persönlichem Einsatz ein, was auf herausragend gutes Feedback stösst. Warum tun Sie das und wie sind Ihre ganz persönlichen Erfahrungen dabei?

Seitdem ich mich persönlich für den ESC engagiere – also nach Belgrad – habe ich immer gesagt, dass die Fans sozusagen die Seele des ESC sind, weil Sie mit dem ESC durch Höhen und Tiefen gehen (ich übrigens auch).

Manchmal hat mich der Ton der Fan-Äußerungen irritiert – nach dem Sieg in Oslo gab es einige, die sehr geringe Erwartungen an den ESC in Deutschland hatten. Wir haben ja, glaub ich, eine ganz schöne Show hingekriegt.

Nach Baku begannen schwierige Jahre. Manche unserer liebenswerten und engagierten Künstler wurden, mitunter anonym, heftig kritisiert und runtergemacht – das fand und finde ich nicht fair.

Deshalb möchte ich versuchen, mit größtmöglicher Transparenz zu erklären, warum wir unseren Weg gehen, welche Hindernisse es gibt, weil ich glaube, dass wir nur gemeinsam einen Erfolg hinkriegen. Die oder der deutsche Teilnehmer muß vom eigenen Land getragen werden – dafür möchte ich werben. Dann kann sich dieses Gefühl auch international fortsetzen. Das geht aber nur, wenn wir alle versuchen, an einem Strang zu ziehen. Denn: der Eurovision Song Contest ist und bleibt eine nationale Aufgabe.

Ich höre auch zu: Beim Panel haben wir anfangs vom Europa-Panel gesprochen. Bei der Road Show In Berlin stellte ein Fan die Frage: warum heißt das nicht Eurovisions-Panel? Da dachte ich – warum hatten wir nicht diese Idee? Und auch dass wir sechs und nicht fünf Acts im Vorentscheid haben, geht unter anderem zurück auf den vielfach geäußerten Wunsch des Publikums.

Mein Eindruck: beide Seiten, Fernsehmacher und Fans, profitieren von diesem Austausch.

PRINZ Blog: Wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Familie gute Festtage und einen schönen Jahresausklang und Ihnen und Ihrem NDR Team und allen ESC Fans einen erfolgreichen Song Contest.

Thomas Schreiber: Frohe Weihnachten wünsche ich Ihnen auch, lieber Herr Rensmann. Ich vermute allerdings, dass wir vor dem Jahresende und „Dinner for One“ noch mal sprechen werden….

redaktioneller Hinweis: Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

Thomas Schreiber beim ESC Workshop in Köln im Gespräch mit Musical Director Wolfgang Dalheimer

*Ergänzende Erläuterung: Wer ist die „Publishing Task Force“?

Bei der Auswahl des passenden ESC Songs für die sechs Finalisten wird eine „Publishing Task Force“ zum Einsatz kommen, die von Lars Ingversen, Managing Director von California Sunset Records (mehr Infos hier), gebrieft wird. Er wird den Prozess mit den beteiligten Musikverlegern steuern, die da sind:

Benjamin Budde,  Geschäftsführer und A&R Chef bei Budde Music

Benny ist ein erfolgreicher Berliner „Jungunternehmer“ in zweiter Generation (auch) mit Eye Candy Qualitäten – er ist unter anderem Mastermind des Erfolgs von Alvaro Soler, sein Vater hat Alphaville „big in Japan“ und auch sonst auf der ganzen Welt gemacht. Und Benny ist seit einigen Jahren auch der Musikverleger von Lena (Meyer Landrut), die gerade „ehrlich, verletzlich und bewegend“ (Hamburger Morgenpost)  bekanntgegeben hat, eine kreative Pause einzulegen.

Sina Warschaffe, Head of A&R BMG Rights Management

In einer Presseinfo lobt BMG Sina für ihre Arbeit mit Künstler wie Dat Adam, Niila, Teesy, Pohlmann, Adesse, Jonas Monar und mit Autoren wie Crada (Bibi Bourelly, Drake), Alex Freund (Silly), Joe Walter (Felix Jaehn, Yvonne Catterfeld), Sera Finale (Udo Lindenberg, Sido), Beatgees (Tim Bendzko, Namika), Fabian Römer (Namika) und Jasmin Shakeri (Andreas Bourani), die sie für BMG unter Vertrag nahm.

Alexander Schedler, Head A&R, Schedler Musikverlag

Alex ist ebenfalls Juniorchef in einem Familienunternehmen – einem mit Hauptsitz in Österreich. Schedler Music vertritt unter anderem Künstler wie Glasperlenspiel, Wincent Weiss, Silbermond, Beatrice Egli, die Lucky 17 Vorfinalisten VoXXclub und – Achtung ESC Alarm! – Francine Jordi, aber auch eine große Bandbreite von Songwritern, darunter – nochmal ESC plus Eye Candy Alarm! – Lukas Plöchl.

Maximilian Paproth, Head of A&R bei Sony ATV

Max hat witzigerweise seine beruflichen Roots ebenfalls bei Bennys Vater Rolf Budde, wo er bereits den Tätigkeitsschwerpunkt A&R hatte. Seine Aufnahme in die A-List der Branche gelang ihm (seit) 2013 bei SONY, ihm werden – unter anderem – maßgebliche Anteile an der Erfolgsgeschichte von „Milky Chance“ zugeschrieben.