Türchen #16 im Eurovision Songkalender: Casting goes Christmas

Der „Bolo Rei“ begleitet die Portugiesen durch die Vorweihnachtszeit. In den Tagen bis hin zum 6. Januar gönnen sich die Menschen in den Familien und bei der Arbeit den sogenannten Königskuchen. Eine Tradition, die sich in diesem Land halten konnte.

Wie in vielen anderen europäischen Ländern verlieren auch in Portugal viele Traditionen ihre Bedeutung und andere werden von den europäischen Nachbarn oder den USA übernommen. Ein Weihnachtsbaum hatte keine Bedeutung für die Festtage, man verbrachte den Heiligen Abend eher gemeinsam rund um eine schmuckvolle Krippe. Heutzutage steht ein riesiger künstlicher Weihnachtsbaum in der Hauptstadt Lissabon. Auch der Weihnachtsmann „Pai Natal“ besaß nie den Stellenwert wie zum Beispiel in Deutschland.

Jedoch der Genuss des getrockneten Stockfisches „Bacalhau“ sowie der mitternächtliche Besuch der Christmesse, bei dem in einigen Orten Gemüse und Obst an die Krippe im Altarraum zum Gedenken an die Gaben der Hirten gelegt werden, bleiben bis heute erhalten.

Insbesondere der „Bolo Rei“ ist ein typisch portugiesischer Genuss. Den Kuchen, der in Kranzform in Anspielung auf eine Königskrone gebacken wird, schmücken kandierte Früchte und Nüsse. Im Bolo Rei versteckt sich eine Bohne oder eine kleine Figur und dem glücklichen Finder steht ein Wunsch frei. Die Legende besagt, daß sich die heiligen Drei Könige gestritten hätten, wer als erstes seine Geschenke dem Christkind überreichen durfte. Daher buk ein Bäcker eine Bohne in einen Kuchenteig ein, um eine Entscheidung herbeizuführen.

1992 durfte ich persönlich die Vorweihnachtszeit in Lissabon verbringen. Weihnachtliche Gefühle in einem südeuropäischen Land zu gewinnen, fällt schwer, wenn man noch am 23. Dezember im Pullover vorm Cafè À Brasileira in der Bairro Alto von Lissabon bei einem Galão sitzt.

So wie gern Traditionen von den Portugiesen übernommen werden, adaptiert auch die Fernsehlandschaft alle guten aber auch schlechten Neuerungen aus ganz Europa. Selbst Big Brother erlebte im katholischen Land gute Einschaltquoten.

Diverse Castingformate eroberten ihre Sendeplätze auf einem der vier Hauptkanäle des portugiesischen Fernsehens. Operação Triunfo gelang als erstes der Sprung über die Grenze. In Spanien war dieses Format ein wahrer Straßenfeger und Lieferant von drei Grand Prix Teilnehmern. 2004 versuchte Portugal nach mehreren Misserfolgen mit dieser Castingvariante seinen Teilnehmer für Istanbul zu finden. Sofia Vitória gewann die zweite Staffel und fuhr zum ersten Halbfinale der Geschichte des Grand Prix in die Türkei. Doch trotz großer Stimme und der Unterstützung durch ihre Mitfinalisten schaffte ihr schwaches Lied „Foi magia“ mit 38 Punkten auf Platz 15 nicht den Einzug ins Finale.

Die Staffel lief vom 28. Septmber 2003 bis zum 25. Januar 2004 und so durfte eine Weihnachtsgala nicht fehlen. Sofia stimmte das typisch portugiesische Lied „White Christmas“ an. Unterstützt wurde sie dabei vom Sechsplatzierten der ersten Staffel, Rui Drumond. Ihm wurden auch noch Grand Prix Ehren zu Teil. 2005 nominierte das portugiesische Fernsehen Rui zusammen mit Luciana Abreu als Duo 2B in letzter Minute mit dem Lied „Amar“ für den Contest in Kiew. Trotz 12 Punkte aus Deutschland erreichte das Duo nur 51 Punkte auf Platz 17 und blieb damit wie Sofia im Halbfinale stecken.
Beide Künstler konnten nach ihren eurovisionären Auftritten nur noch kleinere Erfolge verbuchen. Da geht es ihnen nicht besser als den meisten Castingstars aus der ganzen Welt.

Um die Zuschauer und auch die Jury bei Operação Triunfo zu begeistern, legten Sofia und Rui alle Inbrunst und Passion in den amerikanischen Klassiker hinein, so dass man denken könnte, ganz Portugal wäre in eine schöne Schneelandschaft gehüllt.