Türchen #23 im Eurovision Songkalender: Ehre sei Gott

In der Historie des Eurovision Song Contest ist es immer wieder vorgekommen, dass nicht nur durch Liedtitel und -inhalte sakral-religiöse Aspekte auf die Festivalbühne gebracht wurden. Nein, ab und an hatte auch der Name des Künstlers diese Note – hier denken wir etwa an Eva Santamaria, die im Jahre 1993 für Spanien am Start war oder Nino de Angelo, der 89er Vertreter aus Deutschland. Und einmal musste auch einer ran, der so hieß wie der Chef persönlich…

Karel Gott war nicht etwa „in einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit“ beim Grand Prix, sondern ganz konkret im Jahre 1968 beim ESC in London. Trotz des Prager Frühlings war zu dieser Zeit allerdings nicht an eine Teilnahme der damaligen Tschechoslowakei, Karels Heimatland zu denken. Im Jahr zuvor hatte er mit seiner Version der Titelmelodie aus „Doktor Schiwago“ begonnen, den deutsch(sprachig)en Musikmarkt zu erobern und so klopfte Udo Jürgens im Nachbarland an und gewann Karel Gott als Interpret seines Liedes „Tausend Fenster“, dem österreichischen Beitrag zum ESC 1968.

Der erfolgsverwöhnte Udo und der ESC-Neuling Karel hatten aber mit dieser an sich schönen Komposition wenig Glück, nur zwei Punkte und ein 13. Platz waren das Ergebnis. Vielleicht war die Nummer einfach zu traurig, vielleicht die Konkurrenz zu stark, an Karels Gesang hatte es sicher nicht gelegen.

Der 1939 in Pilsen geborene Sänger zeichnete sich von Beginn seiner Karriere in den frühen 60er Jahren durch seinen strahlenden Tenor aus, der ihm seinen Spitznamen „Die goldene Stimme aus Prag“ eintrug. Mit dieser Stimme interpretierte im ersten Jahrzehnt seiner Karriere vor allem große Balladen mit vielen Spitzentönen die entweder eine Portion Romantik oder einen Schuss Melancholie, oft auch beides enthielten. Damit prädestinierte er sich natürlich auch für die Interpretation von Weihnachtsliedern. So veröffentlchte er im Jahre 1969 die deutsche Version seiner tschechischen Weihnachts-LP, „Vánoce ze zlaté Praze“. Auf „Weihnachten in der goldenen Stadt“ spielt er all seine Trumpfkarten voll aus  und vermischt leichte Klassik mit klassischem Liedgut, einer Portion Originalität aber auch einer Portion Kitsch und seiner zu dieser Zeit exzellenten Stimme.

In den 70er Jahren wechselte der gute Karel das Fach und erzielte mit Eingängigkeit und Energie und zeitgemäßen Gürtelschnallen zahlreiche Schlagererfolge. In den Händen von Ralph Siegel mutierte er zur goldenen Stimmungskanone aus Prag. „Das Mädchen aus Athen„, „Wie der Teufel es will“ und vor allem „Babicka“ (Pferde stehlen, Äpfel schälen und erzählen…) waren tatsächliche Hits und festigten Karels Position in der deutschen Schlagerbranche. Seinen absoluten Evergreen verdankt er aber dem tschechischen Filmkomponisten und Long-time-friend Karel Svoboda. Dieser hatte für eine Trickserie einen Song geschrieben, den Karel sowohl in der tschechischen als auch in der deutschen Version singen durfte. „Die Biene Maja“ reißt auch heute noch das Publikum von den Stühlen und ist so etwas wie das „Er gehört zu mir“ des Tschechen.

Über all dieser Fröhlichkeit vergass der gute Karel aber nie seine ursprüngliche Bestimmung: die Menschen mit Inbrunst zu begeistern. Und so wandte er sich Mitte der 70er ein weiteres Mal dem Thema „Weihnachten“ zu. Ähnlich faszinierend-theatralisch wie anno 1969 sang er im tschechischen Fernsehen seine neuen Weihnachtslieder. (Foto: www.bonipueri.cz)

Mit dabei: „Vánoční strom“ zu deutsch: „Weihnachtsbaum“. Mit einer Fliege, die vermutlich den Stern von Bethlehem symbolsierieren soll, einem Chor, einem glatzköpfigen Trompeter und einem hübschen Festivalschluss verhilft er dem Weihnachtsbaum mit dieser Präsentation zu ganz neuen Ehren. Nur hinsichtlich der sehr kurzen Kerzenstummel in den Nussschalen ist Obacht geboten: der Dezember ist der Monat mit den meisten Brandunfällen!