Türchen #8 im Eurovision Songkalender: Was will der hier?

Sicherlich haben sich das die Jungs und Mädels im Video zu unserem heutigen Lied auch gefragt. Ein langhaariger Schönling auf einem Hocker, der vom Heiland trällert. Bei Carmen Nebel gab’s das bestimmt schon mal zur Weihnachtszeit, aber im Jugendheim um die Ecke? Entsprechend ratlos schauen die Kinder auch drein. 

Da sitzt er nun, wohlfrisiert und smart wie man ihn kannte: Gérard Lenorman, französischer (Schlager-)Sänger und ESC-Teilnehmer im Jahre 1988 mit einem mittelprächtigen 10. Platz. Der Beitrag „Chanteur de charme“ wird gleichwohl kein Hit, auch nicht in Frankreich. Seine große Zeit waren zweifellos die 70er und der Anfang der 80er, sein größter Hit „La ballade des gens heureux“ von 1976.

Weshalb man ihn zu Beginn seiner Karriere (es muß wohl um 1970 herum sein) in diese Kulisse stellt, um „Il est né le divin enfant“ zu singen, bleibt ein Rätsel. Die Kinder um ihn herum können sich so gar nicht für den Gesang erwärmen und scheinen sich zu fragen, was der Mann da eigentlich macht. Herrlich teilnahmslos sitzt beispielsweise ein blondes Mädchen vorn auf einem Hocker (bei 0:27 im Video) und wendet sich kurz danach angewidert ab vom armen Gérard. Eine andere kaut Kaugummi (vorn im Bild, 0:20), während er das Blasen eines Dudelsacks imitiert (0:51). Weitere Highlights: das Mädchen, das mit offenem Mund gradeaus starrt (ab 1:29, und das eine ganze Weile) und der kleine Wuschelkopf, der von Gérard beim wilden Dirigieren noch bald vom Hocker gestoßen wird (ab 2:32). Hach, Kinder!

Dabei ist „Il est né le divin enfant“ (Das heilige Kind ist geboren) eine altehrwürdige Weise aus dem 17ten Jahrhundert. Sie wurde erstmals 1874 mit diesem Text in einer Sammlung von Weihnachtsliedern aus Lothringen veröffentlicht. So klangvolle Namen wie Petula Clark, Placido Domingo und sogar Annie Lennox haben das Lied gecovert. Wie dem auch sei, der tranige Auftritt von Gérard Lenorman hat jedenfalls seiner Karriere nicht geschadet – 25 Alben und 40 Jahre später tourt der Schönling von damals noch immer durch die Lande, zuletzt 2010.