Die Ukraine beim Eurovision Song Contest (2): 2004 – Die unermüdliche Kämpferin

Ruslana Wild Dances 2004

Bereits bei der zweiten Teilnahme gelang der Ukraine der ganz große Wurf. Beim ESC in Istanbul begeisterte Ruslana mit einer furiosen Show und „Wild Dances“. Sie siegte und holte den ESC erstmals in die Ukraine. Wir werfen einen Blick zurück ins spannende ESC-Jahr 2004 und verfolgen Ruslanas Weg weiter.

Das ESC-Jahr 2004 war ein Jahr der Superlative: erstmals fand der ESC in der Türkei statt und das weiter anwachsende Teilnehmerfeld sprengte die bisherigen Regeln. Albanien, Andorra, Serbien-Montenegro, Weißrussland debütierten und Monaco kehrte nach 25-jähriger Abstinenz zurück. Die Lösung: ein Halbfinale musste her!

Auch die Ukraine wollte 2004 wieder teilnehmen. Es gab 2004 jedoch keinen öffentlichen Vorentscheid. Der ukrainische Sender NTU wählte „Wild Dances“ von Ruslana mittels interner Jury. Die am 24. Mai 1973 in Lemberg als Ruslana Lyschytschko geborene Sängerin, Tänzerin, Produzentin und Komponistin war in ihrer Heimat bereits 2003 durch ihr „Wild Dances Projekt“ in Erscheinung getreten.

Auf ihrer Projektreise in die Karpaten sammelte Ruslana Rhythmen, Tänze und traditionelle Kostüme der Bergvölker und integrierte dies in ihre Musik und Bühnenshow. Eine pfiffige Idee und wie prädestiniert für den ESC. Im ukrainischen Wettbewerbsbeitrag von 2004 finden sich daher Trembitas, typische Holzblasintrumente der Huzulen aus den Karpaten gepaart mit Ethno-Klängen und treibenden Dance-Beats.

Ruslana - Wild Dances CD Cover

Der Beitrag aus der Ukraine sorgte 2004 unter den ESC-Fans schon im Vorfeld für Aufsehen und wurde heiß diskutiert – die einen liebten, die anderen hassten den Beitrag. Auch bei den Wettbüros sorgte „Wild Dances“ für Furore: die Ukraine, Griechenland (Sakis Rouvas) und Deutschland (Max Mutzke) waren seinerzeit die Favoriten der Buchmacher.

Auch der deutsche Vorentscheid 2004 war legendär: in einem für dt. Vorentscheid-Verhältnisse hochkarätigen Feld setzte sich Stefan Raabs Schützling Max Mutzke haushoch gegen Scooter durch. Für den maltesischen Beitrag „On again … off again“ von Julie & Ludwig war zudem Ralph Siegel als Produzent verantwortlich und so jazzten Teile der deutschen Medienlandschaft das ESC-Finale in Istanbul auch zum direkten Zweikampf Stefan Raab gegen Ralph Siegel hoch.

Doch dann trumpfte ein Anderer auf, den viele zunächst nicht auf der Rechnung hatten: das Halbfinale gewann nämlich Serbien-Montenegro mit Zeljko Joksimovic und „Lane moje“ mit 263 Punkten knapp vor der Ukraine mit 256 Punkten. Im Finale konnte die Ukraine den Spieß aber noch umdrehen und siegte souverän mit 280 Punkten vor Serbien-Montenegro und Griechenland.

ESC 2004: Ruslana – Wild Dances

„Wild Dances“ bekam aus 35 der 36 Teilnehmerländer Punkte – nur die Schweiz gab 0 Punkte. Insgesamt 8 Länder gaben Ruslana die DouzePoints (Russland, Türkei, Island, Polen, Israel sowie Lettland, Estland und Litauen). Mitfavorit Deutschland landete auf dem 8. Platz und vergab seine 12 Punkte an die Türkei (Athena, „For Real“) . Der Sieger wurde 2004 noch im reinen Televoting ermittelt.

Erstmals wurde 2004 auch der Marcel Bezençon Preis vergeben, benannt nach dem Erfinder des ESC. Den Preis für den besten Künstler gewann Ruslana, bester Song wurde „Lane moje“ und als beste Komposition/Text wurde „Stronger every minute“ von Mike Konnaris (Zypern) ausgezeichnet.

Erfreulicherweise entpuppte sich nach dem Siegerbeitrag 2003 „Everyway that I can“ von Sertab auch der 2004er ESC Siegersong „Wild Dances“ in einigen europäischen Ländern als veritabler Chart-Hit: für Ruslana regnete es Gold-Auszeichnungen in Russland, Schweden, Griechenland, Belgien, Tschechien und der Slowakei. Ruslanas Album „Wild Dances“ verkaufte in der Ukraine 500.000 Einheiten und erzielte 5-fach-Platin.

Ruslana - Wild Energy CD Cover

Wie ging es danach mit Ruslana weiter? Im Jahr 2008 verband Ruslana mit ihrem neuen Wild-Energy-Projekt audiovisuelle Kunst, Literatur und soziales Engagement. Das ukrainische Album Amazonka, das englischsprachige Pendant Wild Energy und die musicalartige Konzept-Show basieren auf einer Science-Fiction-Story. Ruslana überraschte mit R’n’B lastigerem Sound und zwei Duetten mit den US-Superstars T-Pain und Missy Elliot.

Ruslana – My Boo

Im April 2012 erschien der von ihr selbst geschriebene und produzierte Longplayer Ey-fori-ya (später umbenannt in „Miy Brat“) und das ein Jahr später erschienene englischen Album „My Boo (together)“. Mit dem neuen Album im Gepäck ging sie auf Tour durch die Ukraine, USA, Türkei, Zypern, Russland und Belgien. In ihren OGO-Show genannten, spektakulären Live-Konzerten bezog Ruslana das Publikum in flashmobartige Synchron-Tänzen ein. Seit einigen Jahren tritt Ruslana omnipräsent in internationalen ESC Vorentscheiden auf. Mal als Interval Act, mal als Jury-Mitglied. Nicht selten lässt sie dabei politische Statements einfließen.

My_Boo_(Ruslana_album)

Neben ihrem musikalischen Wirken war Ruslana auch regelmäßig als politisch motivierte Aktivistin unterwegs. 2004 bei der Orangenen Revolution prangerte sie die Wahlfälschungen bei der Präsidentschaftswahl an und avancierte zur Symbolfigur für die moderne Ukraine und wurde 2006 als Abgeordnete ins ukrainische Parlament gewählt, legte aber bereits 2007 ihre Ämter nieder. Bei den Wahlen 2010 unterstützte sie die Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko. 2012 initiierte sie eine Menschenrechtskampagne gegen Justizwillkür.

Ruslana Flag Ukraine

In den Jahren 2013/2014 fungierte Ruslana (Foto oben: Facebook) als Leitfigur bei den Maidan-Protesten in der Ukraine und kämpfte für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Sie unterstützte die Mobilmachung als Aktivistin vom ersten Tag an und verbrachte unzählige Tage und Nächte im strengen ukrainischen Winter auf dem Unabhängigkeitsplatz und sang, tanzte und hielt Ansprachen. Zu jeder vollen Stunde sang sie die ukrainische Nationalhymne. Seit 2014 wirbt sie unermüdlich bei EU-Regierungen und in den USA für Unterstützung im Ukraine-Konflikt.

Ruslana mit Michelle Obama -Von State dept: www.flickr.com/photos/statephotos/12935487225/
Ruslana mit Michelle Obama -Von State dept: www.flickr.com/photos/statephotos/12935487225/

Ihr politisches Engagement brachte ihr weitere Auszeichnungen ein. So verlieh ihr z.B. Michelle Obama den International Woman of Courage Award. Zudem ist Ruslana UNESCO-Botschafterin des guten Willen und setzt sich für Kinderprojekte (Tschernobyl-geschädigte Kinder), für erneuerbare Energien, für den Erhalt der Kultur und gegen Menschenhandel ein. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Ruslana erhielt schon mehrere Morddrohungen, wurde observiert und konnte zeitweise ihr eigenes Haus nicht betreten.

Zu guter Letzt aber noch zwei erfreuliche Nachrichten für alle Ruslana-Fans: sie arbeitet an einem neuen Album und Ruslana kommt am 10.12.2016 für ein einzelnes Weihnachts-Benefiz-Konzert nach Hannover. Sie verspricht einen feurigen Mix aus ukrainischen Weihnachtsliedern und energiegeladenen Ethno-Hits. Zu sehen gibt es das Konzert im Live-Stream bei Eurovision.de

Ruslana Charity Konzert Hannover

Social Media: Über Ruslana kann man sich auf vielfältige Weise im Netz informieren. Sie betreibt eine viersprachige eigene Website und postet auf Facebook. Ihre Musik gibt es im eigenen YouTube-Channel zu hören.

 

[poll id=“545″]

 

Die nächste Folge unserer Serie befasst sich mit dem ersten ESC auf ukrainischem Boden. Für den Heim-ESC blickt Salman zurück ins Jahr 2005 nach Kiew.

 

Bisherige Folgen:

(1) 2003 – Der nette Gaukler