Unsere sechs Lieder für Lissabon: Spontane Reaktionen der Blogger

Das Warten hat ein Ende. Fast vier Monate nach der Ankündigung des diesjährigen Konzepts können wir uns nun mit dem konkreten Objekt beschäftigen. Sprich: Die sechs Lieder für den deutschen Vorentscheid „Unser Lied für Lissabon“ liegen nun als Audiofile vor. Die Diskussionen darüber haben längst begonnen, und so wollen wir Euch nun unsere spontanen Reaktionen zusammenstellen.

Aufgrund der Kürze der Zeit in diesem Jahr haben wir uns entschlossen, das Format der Songchecks dieses Mal zu ersetzen durch einen Quickcheck ähnlich dem der Melodifestivalen-Vorrunden. Jeweils drei Blogger äußern sich zu jedem Beitrag. Eine vollständige Bewertung aller Lieder durch jeden Blogger – wie gewohnt als Wunschvoting und Prognose – erstellen wir dann am Mittwoch nach Abschluss der Einzelproben.

Hier hatten wir Mitte letzter Woche alle verfügbaren Infos zu den Songs zusammengestellt, und am Wochenende noch ein Update mit allem Interessanten nachgeschoben, das in der Zwischenzeit bekanntgeworden war.

Und hier findet Ihr alle Links zu den sechs heute veröffentlichten Songs! Los geht’s…

 

NATIA TODUA – MY OWN WAY

Tjabe: Ein Popsong, der irgendwie nicht in die Gänge kommt. Man hat den Eindruck, dass das Tempo nicht zur Sängerin passt. Zudem kann ich mich nicht mit der eher nasalen Stimme anfreunden. Alles wirkt sehr geschrieen. Was mir sehr gut gefällt, ist die Orchestrierung. Eine gute Rhythmusführung, die durch die Trommeln angenehm akzentuiert wird.
Bewertung: 2,5 Sterne

 

Douze Points: Die inhaltliche Story liegt einfach zu nah bei Natias Werdegang und ist mir daher ein bisschen platt: Ich mach einfach mein Ding. Ach, echt jetzt? Musikalisch erinnert mich das Stück vor allem am Beginn des Refrains an „Advertising Space“ von Robbie Williams. Eigentlich keine schlechte Reminiszenz, auch wenn sie zurückführt ins Jahr 2005. Das zeigt aber auch das Problem des Songs: Natias außergewöhnliche Stimme und ihre Persönlichkeit werden total übergebügelt. Jede beschworene Kantigkeit ist bis auf ein paar Kiekser weg. So ist „My Own Way“ zwar auch für meine Ohren und die nationalen Radiowellen geeignet, könnte beim Vorentscheid und erst recht beim ESC aber untergehen.
Bewertung: 3 Sterne

 

BennyBenny: Schade, ich bin enttäuscht. Bei unserem Interview hatte sich Natia noch Soul und Jazz gewünscht, daraus ist leider nichts geworden. Stattdessen ein netter Popsong – nicht mehr und nicht weniger. Die Strophen gefallen mir gut, ihre Stimme gefällt mir gut, aber dann kommt leider nichts mehr. Im Volksmund spricht man auch vom „Perfect Life“-Syndrom – an diesen Song erinnert mich übrigens auch das Instrumental teilweise. Ich werde mir „My Own Way“ sicher gerne ein paar Mal anhören, aber für den ESC ist der Song leider nicht geeignet.
Bewertung: 2,5 Sterne

 

 

RYK – YOU AND I

Salman: Der Song von Ryk hat von Anfang an polarisiert. Einige fanden ihn zauberhaft, für andere war er stinklangweilig. Ich selbst habe auch Zeit gebraucht, mich mit ihm anzufreunden und konnte den Hype rund um Ryk nicht verstehen. Stimmlich braucht sich Ryk bei dieser Vorentscheidung vor niemandem zu verstecken. Die jetzt veröffentlichte Version von „You and I“ ist noch stärker als das lange bekannte Video. Wenn der Song richtig inszeniert wird, zählt Ryk mit zu den Favoriten des Abends. Da aber der Song von Michael Schulte auch eine langsame Ballade ist besteht die Gefahr, dass sie sich gegenseitig Stimmen wegnehmen und es somit für beide nicht zum Sieg reicht.
Bewertung: 3,5 Sterne

 

BennyBenny: Ich finde es unglaublich gut, was Ryk hier abliefert. Erstens finde ich es schon mal klasse, dass er mit genau diesem Song, der hier auf dem Blog schon eine gewisse Geschichte hat, bei „Unser Lied für Lissabon“ antritt. Zweitens finde ich, dass der Revamp sehr gut gelungen ist. Die neue Version ist nach wie vor sehr berührend und tief, aber gleichzeitig kommt durch die neue Orchestrierung Pomp und Glamour dazu, so dass der Song jetzt eben auch auf der großen Bühne funktionieren kann. Jetzt hoffe ich noch, dass Ryk bei seinem Auftritt auf eine einzige Kamerafahrt setzt – wie im ursprünglichen Video – dann kann er wirklich einen Überraschungserfolg landen.
Bewertung: 4 Sterne

 

DJ Ohrmeister: So, nach 18 Minuten Dauerschleife finde ich so langsam zum Kern dieses kleinen Epos. Ryks wunderbare Stimme wandelt auf sonderbaren Wegen und „You and I“ lässt einen tatsächlich mal alles um sich herum vergessen – wenn man sich vollständig drauf einlässt. Beim ersten Hören hatte er mich allerdings nicht, da perlte es merkwürdig fremd an mir ab. Ich mag die Zerbrechlichkeit dieses Stücks, die überraschenden Wendungen, den filmmusikhaften orchestralen Schlussteil. Und fühlte mich grade eher bei der lettischen „Supernova“ als beim deutschen Vorentscheid in der ARD. Traut sich Deutschland, so etwas auf die Reise nach Portugal zu schicken? Wohl eher nicht. Und hätte ich dafür gestimmt, wenn ich es nur einmal hätte hören dürfen? Ich weiß nicht. Bin seltsam zwiegespalten und fasziniert zugleich.
Bewertung: 3,5 Sterne

 

 

MICHAEL SCHULTE – YOU LET ME WALK ALONE

Peter: Große Gefühle bis zum Anschlag. Auf Michaels Song habe ich supergespannt gewartet. Erstens weil die Buschtrommeln aus dem Song Writing Camp einen Topsong avisiert haben und zweitens, weil ich Michael in persönlichen Begegnungen als supersympathisch kennengelernt hatte, der eine hohe Affinität zum ESC mit einer entspannten Souveränität verbunden hatte und spürbar maximale Empathie in die Komposition gelegt hat. Und er hat geliefert! Gänsehaut! Komischerweise war ich beim Snippet noch stärker geflasht und ergriffen als beim ersten Hören des ganzen Songs. In den drei Minuten hätte noch ein bissel mehr passieren dürfen. Starker Song, guter Typ – wenn hier auch die Inszenierung Substanz hat und nicht zu kitschig rüberkommt, dann möchte ich, dass Michael nach Lissabon fährt, falls „I mog Di so“ von der internationalen Jury nicht begriffen wird. (Danke an DJ Ohrmeister, dass ich hier meine beiden Favoriten spontan quickchecken durfte.)
Bewertung: 4,5 Sterne

 

DJ Ohrmeister: Etwas vorhersehbar ist dieser Song für einen Michael Schulte schon – aber dieses Stück hat auch etwas sehr Verbindliches und gleichzeitig strahlt es genau die heimelige Wärme aus, die man bei einem Lied über Familienbande erwartet. Und ab von der Story, die viele Zuschauer nicht auf dem Schirm haben werden, klingt es vertraut und massentauglich genug, um Aufmerksamkeit zu erregen. Womit haben denn Ed Sheeran und vor wenigen Jahren auch Take That riesige Welterfolge gefeiert – mit genau solchen Klängen. Und nein, ich finde es nicht langweilig und finde auch nicht, dass ich jeden Beitrag, der nicht das Rad komplett neu erfindet, in Grund und Boden schreiben muss. Ich möchte einfach von einem schönen, runden Song, der mich einnimmt (oder auch einem schrägen, originellen Beitrag, der Spaß macht) vertreten werden – und „You let me walk alone“ erfüllt die erste Kategorie für mich ziemlich gut. Jetzt noch eine stimmungsvolle, nicht übertriebene Inszenierung, und dann passt das schon. Well done.
Bewertung: 4 Sterne

 

Jan: Das nenne ich mal authentisch. Ich nehme ihm jedes Wort ab, das er singt. Ein wunderschöner Song, der sich richtig gut aufbaut und die Steigerungen an den richtigen Stellen eingebaut bekommen hat. Ich sehe schon vor meinem geistigen Auge, wie die Papi-Fotos über den Bildschirm fliegen, die Handylichter im Studio angehen und überall Taschentücher gezückt werden. Einzig und allein mit dem für mich etwas abrupten Ende mag ich mich noch nicht so richtig anfreunden. Aber alles in allem wäre dies ein fantastischer ESC-Beitrag für Deutschland. Sowas Gutes hatten wir schon lange nicht mehr in einem Vorentscheid!
Bewertung: 4,5 Sterne

 

 

VOXXCLUB – I MOG DI SO

Matthias: Klar, diese moderne Volxmusik polarisiert: Die einen übergeben sich beim Gedanken an gruseliges Après-Ski (oder an bierselige Oktoberfestzelte) schon nach den ersten Tönen, die anderen klatschen begeistert mit, springen auf und tanzen mit. Eines ist aber gewiss: Kalt lässt das – anders als die deutschen ESC-Beiträge der letzten Jahre – keinen. Und das ist für den Song Contest schon fast die halbe Miete. In Lissabon könnte „I mog di so“ ein Stimmungs-Party-Hit werden. Und wenn voXXclub den Song auf der Bühne unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern umsetzen, könnte das auch im Wettbewerb funktionieren – ähnlich wie die rumänische Jodelnummer voriges Jahr. Für viele im Ausland entspricht diese Lederhosen-Mucke ohnehin dem Deutschland-Klischee. Warum also nicht dieses Image bedienen?
Bewertung: 3 Sterne

 

Peter: Wow, was für ein Intro! „Spitzenmadl“ gehörte bereits zu meinen heavy rotation favorites auf dem „Donnawedda“-Album – und in der großartigen, ESC-style-überarbeiteten „I mog Di so“-Fassung gefällt mir der Titel noch einmal besser. Klar, das ist nicht wirklich bayerisch, was man da hört, but who cares? Yodel it! Selbst falls der Song es nicht nach Lissabon schaffen sollte (wobei ich das Gegenteil herbeisehne), wird das ein ESC-Party-Evergreen. Der Song groovt toll und hat auch noch einen perfekt funktionierenden Key Change! I like, I like, I like. Und das beste voXXclub-typische Markenzeichen – eine mitreißende Performance – haben wir noch gar nicht gesehen. Während ich dies schreibe (in der Hamburger BANK), sitzt DJ Douze Points neben mir und hat mir fest versprochen, dass „I mog Di so“ in keinem EuroClub-Set fehlen wird. Darauf einen Chianti Classico! Go, XX Boyz, Go!
Bewertung: 5 Sterne

 

Marc: „I mog Di so“ wird der Wettbewerbsbeitrag sein, der am meisten spaltet und heraussticht. Man liebt es oder hasst es. Dazwischen gibt es nicht viel. Beim ESC haben stark polarisierende Acts jedoch häufig einen Vorteil, denn wer etwas liebt, ruft auch dafür an. VoXXclub liefern hier solides Après-Ski-Party-taugliches Material. Pluspunkte gibt’s für das Jodel-Intro, die Message des Songs und dafür, dass es der einzige deutschsprachige Beitrag ist. Könnte beim Televoting weit vorne landen, aber spannend wird sein, wie „I mog Di so“ beim Panel und der internationalen Jury ankommt.
Bewertung: 3,5 Sterne

 

 

XAVIER DARCY – JONAH

Douze Points: Uptempo ist schon mal gut. Gitarren-Rockpop geht so. Die Stimmfarbe von Xavier liegt mir nicht wirklich. Im Zusammenspiel wird daraus trotzdem eine gute, womöglich sogar gefährliche Mischung – ganz im positiven Sinne natürlich. Denn „Jonah“ nimmt den Zuhörer mit, hat stellenweise hymnischen Charakter und macht ungewöhnliche Wendungen. Damit ist es origineller oder zumindest weniger vorhersehbar als viele andere Stücke aus diesem Genre. Was mich allerdings etwas nervt, ist der Bonanza-Rhythmus, der mir – ähnlich wie Leser escfan05 – auch als erstes aufgefallen ist. Wenn die Niederlande seit Jahren mit Country-Balladen beim ESC reüssieren, warum dann nicht mal Country-Uptempo? Von mir aus, auch wenn’s nicht mein Favorit ist.
Bewertung: 3,5 Sterne

 

Jan: Irgendwie mochte ich alles, was ich von Xavier bisher gehört hatte, nicht so besonders. Aber dieser folkige Gitarren-Rock-Song mit Trompeten-Refrain gefällt mir eigentlich ganz gut. Auch der treibende Bonanza-artige Rhythmus hat etwas. Allerdings passiert schon nach 90 Sekunden nicht mehr viel Neues in dem Song, und auch bei „Jonah“ finde ich den Schluss viel zu abrupt, als sei der Song künstlich einer Kürzung zum Opfer gefallen. Ich denke, es gibt heißere Sieganwärter in diesem Jahr, aber Xavier setzt mit dieser Nummer sicher einen hübschen Farbklecks in das Programm des Vorentscheids.
Bewertung: 2,5 Sterne

 

Matthias: Ein interessantes Paket: zum einen Xaviers ungewöhnliche Stimme (die manche sicher gewöhnungsbedürftig finden werden), zum anderen ein gut produziertes Lied mit einem treibenden Beat, der an Mumford and Sons denken lässt. Was mir an „Jonah“ vor allem gefällt, ist der spannende Liedaufbau: vom sanften Gitarrenspiel in den ersten 30 Sekunden hin zum impulsiven Refrain und den anschließend einsetzenden Bläsern, dazu eine wieder etwas ruhigere Bridge in der Liedmitte und einem stark bläserlastigen Finale. Und die Refrain-Melodie hat man schnell im Kopf. Solche Folkrocknummern sind vielleicht nicht unbedingt ESC-geeignet, wie Firelight 2014 mit „Coming Home“ belegt haben. Aber ich mag „Jonah“ – und blamieren würden wir uns mit Xavier definitiv nicht.
Bewertung: 4 Sterne

 

 

IVY QUAINOO – HOUSE ON FIRE

Marc: Eins vorneweg: „Do you like what you see“ hat mich damals sofort geflasht und zum mp3-Kauf animiert. Nachdem Ivy in die Top 6 für „Unser Lied für Lissabon“ gewählt wurde, zählte sie für mich zum Top-Favoritenkreis. Mit „House on Fire“ wird sie es jedoch schwer haben: Ivys ESC-Titel schafft es für mich leider nicht, das Haus zum Brennen zu bringen, es glimmt höchstens. Ivy ist eine grandiose Sängerin und der Song zeigt auch vom Aufbau ein paar gute Ansätze, aber es fehlt einfach das Highlight. Ich wünsche ihr, dass sie live noch eine Schippe drauf legen kann.
Bewertung: 2,5 Sterne

 

Salman: Wer eine Uptempo-Nummer von Ivy erwartet hat, wird wohl etwas enttäuscht sein. Aber „House on fire“ passt sehr gut zu ihrer Stimme. Beim Song kommt sie richtig zur Geltung. Vor allem in der zweiten Hälfte, wenn der Song eine starke Steigerung hat. Mit einer guten Bühnenperformance kann es Ivy schaffen, einen respektablen Platz am Donnerstag zu erreichen. Ivy hat bei „The Voice“ mehrfach gezeigt, wozu sie live in der Lage ist und wie durch ihre Ausstrahlung und Bühnenpräsenz Songs an Qualität gewinnen. Für den Sieg bei ULFL wird es aber wohl nicht reichen, da stärkere Songs im Wettbewerb sind.
Bewertung: 3 Sterne

 

Tjabe: Ein eher getragener Popsong, aber er erinnert mich an Lieder von Ruth Jacott wie zum Beispiel „Vogel op de vlucht“.  Der Song lebt aber nur von der Stimme von Ivy Quainoo. Der Wechsel sanft und kräftig sollte gut kontrastiert werden. Ivy benötigt einen guten Chor.  Trotz der eher ruhigen Art und der vielen Wiederholungen gefällt mir der Song.
Bewertung: 4 Sterne

 

Und was sind Eure spontanen Gedanken zu den Songs? Wir freuen uns auf Eure Kommentare!

 

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