Kommentar: Und was Jan Feddersen nicht passt, wird passend gemacht

Robin Bengtsson Melodifestivalen 2017

Für die öffentlich-rechtliche Website eurovision.de schrieb der hauseigene ESC-Experte Jan Feddersen den Rückblick auf das Finale des schwedischen Vorentscheids (Melodifestivalen), der am letzten Samstag in Stockholm ausgetragen wurde. Dabei machte er die Welt, widdewidde wie sie ihm gefällt. Die Reaktion der Leser auf den nicht als Kommentar gekennzeichneten Text war ungewöhnlich stark und bei vielen eindeutig: Unverständnis.

Der 1957 in Hamburg geborene Feddersen veröffentlicht regelmäßig Texte auf eurovision.de, häufig polarisierend und daher typischerweise als Kommentar gekennzeichnet. Bei seinen beiden Berichten über den diesjährigen schwedischen Vorentscheid Melodifestivalen („Robin Bengtsson ist Schwedens Kandidat für Kiew“ und „Loreen scheitert in Schweden“) verzichtet er auf diese Kennzeichnung. Mit seiner Meinung hielt er aber dennoch nicht hinterm Berg.

Feddersen Artikelübersicht

Und die wirft gerade beim Artikel zum Melodifestivalen-Finale Fragen auf, da neben sachlichen Fehlern und offensichtlichen Wissenslücken auch Tatsachen verbal so gedehnt werden, bis sie in die intendierte Aussage passen: die vernichtende Kritik an der immerhin erfolgreichsten TV-Sendung des gesamten Jahres in Schweden und dem Vorentscheidhöhepunkt für viele ESC-Fans. Kein Wunder, dass der Artikel ein Vielfaches der Kommentare generierte als die sonst übliche Handvoll. Viele von ihnen können sich der Meinung Feddersen nicht anschließen.

Kommentar Reaktion Federten

Werfen wir einen Blick auf die besonderen Fakten und beginnen mit Feddersens großzügigem Zeitbegriff. „Somit gewann das Melodifestival in der Stockholmer Friends Arena erstmals seit sehr langer Zeit ein Act, der nicht der allerliebste des Publikums war (und ist)“, schreibt er. Sehr lange sind in diesem Fall exakt vier Jahre, wie Feddersens Kollege Dr. Irving Wolther ebenfalls auf eurovision.de zu berichten weiß.

Weiter zum Inhaltlichen: Laut Feddersen war die Show „ein Sammelsurium an Konfektionellem. Überraschendes war nicht darunter, selbst Nanos Nummer, die immerhin nicht den zum Mitklatschen anregenden Kirmesmusiktouch bediente, erging sich schließlich in schnellerem Tempo.“ Ich war am Samstag in der Friends Arena und da hat – soweit ich das vernommen habe – keiner bei „En värld full av strider“ mitgeklatscht. Im Übrigen auch nicht bei den Titeln von Mariette und Lisa Ajax. Aber grundsätzlich kann man natürlich auch bei Chopins Trauermarsch mitklatschen.

Und was ist eigentlich „konfektionell“ an einem 88-Jährigen, der bei einem nationalen Vorentscheid mit einer hoffnungslos aus der Zeit gefallenen Boogie-Nummer antritt?! Für Feddersen offenbar alles. Ich wage zu unterstellen, dass sich Kirmesaussteller im Jahr 2017 mit dieser Art Musik ins wirtschaftliche Verderben spielen würden.

2017 Melfest 24 Owe ThörnquistDass das schwedische Publikum im Übrigen in den fünf Vorrunden des Melodifestivalens verschiedene andere unkonfektionelle Ansätze demokratisch aus dem Rennen gekegelt hat, blendet der Autor an dieser Stelle aus. Adrijana, Dismissed, Allyawan und nicht zuletzt Loreen. Sie hatten ihre Chance, wie Feddersen in seinem anderen Artikel ja auch berichtete. Hier, wo es der Einordnung gedient hätte, bliebt dieser Fakt unerwähnt.

Eine besonders interessante musikalische Einschätzung, über die sich diverse Musikexperten sicher problemlos über Jahre in den akademischen Austausch begeben könnten, ist die Äußerung Feddersens, der Siegertitel „I Can’t Go On“ klinge „wie die Summe aller schwedischen ESC-Produktionen der vergangenen 20 Jahre – von Loreens ‚Euphoria’ abgesehen.“ Man würde zu gern wissen, was Jill Johnsson, The Ark oder Frans dazu sagen würden, dass ihre Titel summiert den „Tonbrei“ „I Can’t Go On“ ergeben. (Bei diesem Zitat bekommt man unweigerlich den Eindruck, Feddersen sei ein bisschen beleidigt, dass Loreen mit „Statements“ in Andra Chancen hängen geblieben ist und deshalb das gesamte Finale verdammt. Aber das ist reine Spekulation.)

Zurück vom Ungefähren zum Gedehnten. Laut Feddersen fanden sich Jon Henrik Fjällgren (Foto unten) feat. Aninia, Mariette, Benjamin Ingrosso, Wiktoria und Ace Wilder „unter ferner sangen“. Bei ihm beginnt diese Bezeichnung also mit Platz 3, geht dann weiter über Platz 4, 5, 6 und 7 (von 12, also die obere Hälfte). Ach, was wünschte ich mir, dass Deutschland beim ESC mal wieder auf einem „Unter ferner sangen“-Platz auf der eigenwilligen offenen Feddersen-Skala landen würde.

2017 Melfest 10 Jon Henrik

Damit zu den Show-Elementen, bei denen das diesjährigen Melodifestivalen ganz sicher keine neuen Maßstäbe setzte. Das „eine Filmchen“ SMAK (auf Deutsch: Geschmack) war zunächst einmal eine dreiteilige Geschichte. Schwamm drüber. Warum da (der Norweger) Alexander Rybak mitspielen durfte, hätte sich Feddersen sicher recht schnell erschlossen, wenn er recherchiert hätte: Weil damit die norwegische Erfolgsserie SKAM (auf Deutsch: Scham) parodiert wurde. Und ja: das war dann lustig.

Schlimmer als diese an dieser Stelle sichtbar werdende Ahnungslosigkeit verbunden mit ausgeprägter Meinungsfreude ist jedoch die offensichtliche Ignoranz Feddersens bezüglich des allgemeinen zeitgenössischen Musikgeschehens. Als diesbezüglicher Experte und Berichterstatter sollte man in der Lage sein, ein Medley von einer „Popballade“ zu unterscheiden. Für eine solche hielt Feddersen nämlich offenbar den Auftritt des Weltstars Zara Larsson, die auch hier in Deutschland Hits hat. Tatsächlich sang sie aber ein Medley aus drei Songs. Dieses Unwissen hielt Feddersen nicht davon ab, den umjubelten Auftritt als „uninspiriert“ abzuqualifizieren.

Bei solchen Fehleinschätzungen ignoriert man als Leser dann schon fast verschwurbelte Wortschöpfungen wie das wohl irgendwie humorvoll gemeinte „Volxabstimmung“ (auch bei Feddersen in Anführungsstrichen). In einer Welt der alternativen Sprach-Fakten kann man das sicher verwenden. In der realen Welt sagt und schreibt der Schwede dann aber doch Folkomröstning. Ist nicht lustig. Aber korrekt.