Unser Lied für Lissabon Countdown: Alle Antworten von Thomas Schreiber

Der Countdown zum deutschen Finale ist gestartet, exakt heute in drei Wochen wird „Unser Lied für Lissabon“ gewählt, bis Ende Januar 2018 hatten die Finalisten Zeit, ihren Song beim NDR einzureichen. Wie haben diese Zäsur genutzt, um den verantwortlichen NDR Unterhaltungschef Thomas Schreiber zum Stand der Vorbereitungen auf das deutsche Finale am 22. Februar 2018, welches live aus dem Studio Berlin Adlershof übertragen wird, zu befragen.

Update am 02.02.18 mit News zum Votingverfahren!


Sehr geehrter, lieber Herr Schreiber, die Frist für die Auswahl der sechs Titel für die Finalshow ist abgelaufen. Sind alle Songs gefunden? Und wie zufrieden sind Sie zum jetzigen Zeitpunkt, also vor Produktionsbeginn, mit der Auswahl?

Es sind fast alle Songs gefunden, wir ringen noch mit zwei Acts um den richtigen Titel für Berlin und besonders auch für Lissabon. Wahrscheinlich sind drei Songs dabei, die im Song Writing Camp entstanden sind. Alle nehmen die Entscheidung sehr, sehr ernst. Wir sind ja schon mitten in der Produktion: Am Mittwoch (31.01.18) hatten wir das erste Inszenierungsmeeting – das war dicht, kreativ, hat sich sehr auf die Titel konzentriert und auf die Entwicklungsmöglichkeiten bei jedem Song, falls er für Lissabon gewählt wird. Es kamen sehr interessante Inszenierungsvorschläge von den Acts – es wird intime, große, heiße, bunte und emotionale Inszenierungen geben.

Ist ein neuer „Satellite“ oder zumindest „Standing Still“ Blockbuster darunter?

Am besten lassen Sie sich überraschen.

Wie verlief der Auswahlprozess? Sie haben gesagt, die Künstler haben das letzte Wort? Haben sich alle „richtig“ entschieden?

Zuerst einmal gilt: jede einzelne Künstlerentscheidung ist richtig, denn der Mensch auf der Bühne muss das Lied fühlen, sie oder er stehen schließlich vor einem großen Publikum dafür. Das ist das Wichtigste. Aber wenn ich davon spreche, dass wir um einzelne Titel ringen, dann geht es um Folgendes: Millionen Menschen in Europa werden am 12. Mai das Lied, den Künstler, die Inszenierung zum ersten Mal sehen – schließlich leben die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer nicht 365 Tage im Jahr den ESC. Und es geht darum, dass diese Zuschauer sich aus 26 Titeln für einen entscheiden, für den sie anrufen – und das soll unser Titel sein. Sind die Komposition, der Liedaufbau und alles andere dafür das Richtige? Die Argumente dafür und dagegen haben wir sehr gründlich diskutiert (und tun es – Stand heute – auch noch).

Sie haben darüber informiert, dass das Eurovisionspanel und die internationale Jury bei der Songauswahl beraten haben. Wie dürfen wir uns diese Beratung konkret vorstellen?

Wir haben insgesamt 30 Titel dem Eurovision-Panel, das wir von nun an für die Show „Eurovisions-Jury“ nennen werden, und der Experten-Jury vorgespielt. Jeder Titel wurde mit Punkten zwischen 1 und 10 bewertet. Die Künstler konnten mehrere Titel benennen. Darüber hinaus haben wir die besten zehn Lieder, die von Komponisten aus dem In- und Ausland bei uns eingereicht wurden, in diesen Prozess gegeben. Die individuellen Ergebnisse der jeweiligen Kompositionen haben wir mit den Künstlern – sozusagen als Wahrnehmung von außen – geteilt. Manche Lieder waren produziert, andere Kompositionen waren Demofassungen – es ergaben sich teilweise aber doch sehr deutliche Einschätzungen, die die Künstler bei ihrer Entscheidung berücksichtigen konnten.

Sind auch ein oder mehrere Titel im Finale, die beim Song Writing Camp entstanden sind?

Wie bereits gesagt: vermutlich drei.

Wie geht es jetzt weiter? Rechnen Sie aus heutiger Sicht damit, dass die Titel vor dem deutschen Finale veröffentlicht werden oder werden wir die Songs erstmals in der Liveshow hören?

Die Tendenz geht derzeit dahin, die Lieder am Freitag vor der Show zu veröffentlichen, damit wir auf die Show hinweisen können, damit die Radios etwas zu spielen haben etc.

Werden die sechs Finalisten im deutschen Vorentscheid ausschließlich ihren Bewerbungssong singen?

Nach jetzigem Stand ja, schließlich wird sich jeder bei den Proben auf seinen Auftritt konzentrieren wollen.

Sie haben angekündigt, dass es nur eine Votingrunde geben wird – wie beim internationalen ESC. Wie läuft dieses Voting konkret ab? In welcher Reihenfolge wird gevotet?

Gevotet wird wie beim ESC – in einem Votingfenster von 20 Minuten, nachdem die sechs Lieder zu sehen und zu hören waren.

Werden die Teilnehmer der internationalen Jury ihre Votings einzeln vortragen dürfen?

Wir werden die Ergebnisse der internationalen Fachjury, der Eurovision-Jury und der Zuschauer jeweils analog zum ESC präsentieren.

Wie sind Sie zu der Entscheidung gelangt, die Eurovisions-Jury, die internationale Jury und das Televoting mit jeweils einem Drittel für die Songauswahl einzubeziehen? Fühlt sich der TV-Zuschauer möglicherweise zurückgesetzt, weil er „nur“ zu einem Drittel mitbestimmen darf?

Das war eine Empfehlung von digame mobile, die uns sehr logisch und nachvollziehbar erscheint. Sollte es an einer Stelle zu einem Punktegleichstand kommen, entscheidet das bessere Ergebnis beim Zuschauervoting.

Das deutsche Finale wird in den Programmzeitschriften mit 105 Minuten Länge ausgewiesen. Bleibt es dabei?

Das wissen wir spätestens nach der Generalprobe am Donnerstag, und live ist live; aber im Ernst: wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, werden wir ca. 105 bis 120 Minuten senden.

Welche Gaststars und Intervall Acts werden auftreten? Sind Künstler mit ESC Vergangenheit dabei? Ist z.B. Levina Bestandteil der Liveshow?

Levina hat sich sehr gefreut, dass wir sie dabei haben möchten. Allerdings wird sie in der ESC Woche an einem britischen Song Writing Camp in Brighton teilnehmen, das ihr sehr wichtig ist, was ich respektiere und zugleich bedauere. Wir hatten nämlich eine ganz schöne Idee…

Noch sind wir mit Intervall Acts in Verhandlungen. Ein Act wird es selber am kommenden Donnerstag verkünden. Und dass Lady Gaga auftritt, die am Vorabend in Paris und am Freitag nach ULfL in Berlin eine große Show spielt, scheint wohl ein Traum zu bleiben. Es gibt aber noch andere Träume…

Die Diskussion im Vorfeld von ULfL wird hier auf dem PRINZ Blog sehr leidenschaftlich geführt. Wir haben dabei auch die Frage der Netiquette adressiert. Sie haben das Thema aufgegriffen und an die Kommentatoren des Nadia Todua Interviews die folgenden Sätze gerichtet:

„Natia hat sich in diesem Interview sehr natürlich und sehr offen geäußert. In den hier veröffentlichten Kommentaren wird das kaum gewürdigt, es geht in vollkommener Unkenntnis ihrer Person, ihres Songs und ihres Auftritts nur darum, heruntermachende und selten substanzielle Kritik oder persönliche Geschmackurteile zu äußern. Hat sie das verdient? Wird ihr das gerecht?“

Was war ihre Motivation für diesen Zwischenruf und ist ihr Eindruck, dass er die gewünschte Wirkung erzielt?

Zuerst einmal: Wer in der Öffentlichkeit steht, muss sich Kritik stellen, egal wie fundiert oder unsachlich sie ist. Allerdings muss man sich nicht jede Beleidigung bieten lassen.

Schmähungen schreiben sich in den asozialen Netzwerken schnell und leicht, besonders, wenn die Schreiber sich hinter albernen Codenamen verstecken. Mit anderen Worten: was sich jemand im Alltag und im persönlichen Gespräch aus Anstand und guter Erziehung kaum trauen würde, seinem Gegenüber an den Kopf zu werfen, schreibt sich in der Anonymität manchmal sehr fix, gelegentlich werden auch eher Gefühle als Gedanken ausgedrückt. Im Endeffekt geht es, wie es einer Ihrer Leser ausgedrückt hat, ums „Ablästern“.

Schwierig wird es, wenn das Künstler lesen, die sich im besten Falle auf der Bühne entäußern – die treten nämlich mit ihrer ganzen Seele und ihrer Persönlichkeit auf die Bühne. Wer von denen die Ablästern-Kommentare liest, wird sich zehnmal fragen, ob er beim ESC für Deutschland antreten soll, wenn die Fans so über die Künstler schreiben.

Mich hat das offene und ehrliche Gespräch mit Natia beeindruckt – bei den Kommentaren ging’s aber fast nur ums Lästern. Und das fand ich früher schon – in meiner Kindheit in Köln hieß das Tratsch – langweilig und abstoßend. Es bringt auch niemanden weiter.

Sie engagieren sich in diesem Jahr sehr stark mit persönlichen Wortmeldungen in der ESC Community – angefangen bei der ESC Roadshow bis aktuell zu Interviews wie diesem. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?

Ernsthaftes Interesse, einen mich weiterbringenden Austausch, mitunter Verständnis für das Prozesshafte solcher Großprojekte bei den Fans, mitunter gute Ideen – ich find‘s spannend. Außerdem versuche ich, für den ESC und unser Lied zu werben – wenn unsere Fans Spaß haben, können auch die Fans in Europa Spaß haben.

Was halten Sie für die wichtigste Herausforderung für die Wochen bis zum ESC, sobald unser Lied für Lissabon am 22. Februar 2018 gefunden ist?

Es gibt mehr als eine. Die Perfektionierung unseres Auftrittes; wir wollen Künstler und Lied in Europa vorstellen; gemeinsam mit meinem Team die letzten Vorbereitungen für unsere Reise organisieren etc.; ach ja, und meine Hauptarbeit im Ersten und beim NDR möchte ich auch ordentlich und mit Leidenschaft machen.

Und werden die Fans auch in dieser Phase in die weiteren Aktivitäten wie die Arbeit an der Inszenierung einbezogen bleiben?

Das wollen wir versuchen. Bis zur Show wollen wir ja noch ein paar Dinge kommunizieren: unsere sechs Lieder; wie die Bühne aussehen wird; die Intervall Acts; wir wollen die Songs in die Radios bringen; vielleicht informieren, wie die Punkte vergeben werden. Ich freue mich, dass wie beim ESC Thomas Niedermeyer von digame mobile das Voting beaufsichtigt, ich freue mich, dass Jon Ola Sand von der EBU kommt – ein bisschen Arbeit liegt noch vor uns.

Wir danken Ihnen für dieses Interview.

redaktioneller Hinweis: Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

Thomas Schreiber mit dem neuen Head of Delegation Germany, Christoph Pellander, im Song Writing Camp in Berlin.

Ergänzung zum Votingverfahren:

Thomas Schreiber hat angekündigt, dass das Voting beim deutschen Finale „analog zum ESC“ durchgeführt wird. Wir interpretieren das so, dass zuerst die internationalen Juroren ihre Höchstpunktzahl einzeln nacheinander persönlich verkündigen, dass dann die Eurovisionsjury-Punkte kumuliert aufsteigend von einer Spokesperson präsentiert werden und zum Schluß die Televotingpunkte von Elton oder Linda ebenfalls kumuliert aufsteigend addiert werden. Wir haben beim NDR nachgefragt, ob diese Interpretation richtig ist?

Hier das Feedback von Thomas Schreiber:

Mit der Aussage, dass wir die Ergebnisse analog zum ESC präsentieren wollen, ist gemeint, dass der am besten bewertete Beitrag von jeder Gruppe, also den 20 internationalen Juroren, der 100-köpfigen Eurovisionsjury und den Zuschauern jeweils 12 Punkte erhält, der Zweitbeste 10 Punkte usw. Der Sieger kann also maximal 36 Punkte bekommen, im schlechtesten Fall gibt es aber immer noch 15 Punkte für einen Teilnehmer.

Was die Systematik der Verkündigung angeht, gibt es mehrere Optionen, die wir gerade intensiv besprechen. Da wir aber nicht 26, sondern nur 6 Teilnehmer haben und auch nicht in 42 Länder schalten müssen, sondern Punkte nur aus drei Quellen vergeben werden, macht es Sinn, die Punktevergabe etwas anders zu präsentieren als beim ESC-Finale.

 

Die PRINZ Blogger werden mit Roll- und Liveblogformaten von den Proben für das deutsche Finale und selbstverständlich von der ULfL Liveshow und den zugehörigen Presseveranstaltungen berichten. Über Details informieren wir Euch, sobald diese feststehen.

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