Unser Lied für Lissabon: Das sagen die Blogger zur TV-Show

Eine Show – viele Meinungen. Ein TV-Studio, zwei Moderatoren, sechs Kandidaten, sehr viele Juroren. Was meinen die PRINZ-ESC-Blogger zur Show? Was hat gefallen und gezündet, was hat nicht funktioniert und ist verpufft? Unsere Schnellkommentare zu „Unser Lied für Lissabon“.

Matthias

Die Sorge, die ich vor der Show hatte, war letztlich doch ein wenig berechtigt: Wie würde man mit nur sechs Songs ein abendfüllendes Programm zusammenbekommen? Die Antwort darauf bewies, wie wenig kreativ man beim NDR in punkto Showkonzepten zu sein scheint: in die Länge gezogene Einspielfilme à la DSDS; eine wahnsinnig langatmige Plauderrunde in einem Greenroom, der noch weniger Glamour ausstrahlte als die Umgebung von Eurovision Island beim Kopenhagener ESC 2014; gefühlte drei Dutzend Schnelldurchläufe. Fällt Euch wirklich nichts Besseres ein beim NDR?

Die Inszenierung der sechs Lieder war gut. Klar, über eine Ballerina auf dem Flügel kann man streiten (rufen die Leute für sie an oder für Ryk?) – und xoXXclub litten am Ende womöglich darunter, auf der kleinen Bühne mit so vielen Jungs keinen Platz mehr für Props gehabt zu haben. Aus Natias Auftritt hätte man vielleicht auch noch mehr machen können. Alles in allem wurden die Beiträge aber gut präsentiert. Pech nur, wenn man dann im Publikum sitzt und sich denkt: Ach, eigentlich würde ich jetzt für Startnummer 7 anrufen – Mike Singer nämlich, der das modernste Lied des Abends hatte.

Der Interval Act wiederum war ein weiterer Beleg dafür, dass der NDR an Kreativität noch zulegen kann. Man kann sich förmlich vorstellen, wie das dort ablief: „Ach, und für den Interval Act…. da gibt’s doch diesen 18-jährigen Teenieschwarm, der gerade in den Charts ist?!? Der soll einfach seinen aktuellen Hit singen.“ Tagesordnungspunkt Pausen-Act abgehakt, in 30 Sekunden. Lieblos. Wie man das ganze besser, unterhaltsam und mit Augenzwinkern machen kann (und womöglich gar noch zum Thema ESC), zeigt etwa SVT beim Mello. So verlässt sich der NDR halt seit Jahren auf sein „Urgestein“ Peter Urban, der dann in der Show das ESC-Moment repräsentieren muss. Das ist 2018 zu wenig.

 

Salman

Mir hat der gestrige Abend eigentlich ganz gut gefallen. Jeder der 6 Songs war ein Fortschritt im Vergleich zur Songauswahl im letzten Jahr, bei der man sich zwischen 2 wirklich mittelmäßigen Songs entscheiden und sie sich dann auch noch 2-3 Mal in der Show anhören musste. Auch die Kandidaten waren sehr vielfältig und talentiert. Jeder Act hatte was für sich. Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre eine schöne Ballade gewesen. Idealerweise auf deutsch. Haben wir seit 2001 nicht mehr zum ESC geschickt. Auch hätte Mike Singer gerne als Kandidat statt Pausenact antreten können. Das Moderatorenduo war stets bemüht, aber konnte die großen Fußstapfen von Barbara Schöneberger nicht füllen. Das Voting sollte in Zukunft für den ESC Laien ausführlicher erklärt werden. Es gab viele Verwirrungen im Freudeskreis. Insgesamt ein großer Schritt in die richtige Richtung, der hoffentlich mit einem guten Ergebnis in Lissabon belohnt werden wird.

 

Tjabe

Gute Liederauswahl in zumeist ansprechenden Szenarien gekleidet. Moderation sehr enttäuschend, da zu primitiv, unvorbereitet und zotig. Abstimmung zwar gut erklärt, aber zu undurchsichtig ins Bild gebracht und damit nicht nachvollziehbar. Insgesamt eine durchwachsene Sendung mit glücklichem Ausgang.

 

Douze Points

Der Vorentscheid aus einem TV-Studio? Warum nicht. Die Stimmung dort war gut, jeder Beitrag wurde gefeiert. Sympathisch. Lediglich die Bühne hätte noch etwas größer sein dürfen, damit auch voXXclub sich richtig hätten präsentieren können.

Die Show war nachher schneller vorbei als vom NDR angekündigt – und das obwohl an manchen Stellen Zeit geschunden wurde (viel zu lange Einspielfilme zur Kandidatenvorstellung). Stattdessen kreativer Ideenmangel, was man anstelle von Gesangsauftritten (Respekt für die Verpflichtung von Mike Singer!) und Interviews noch so in einer Vorentscheidsendung machen könnte. Ergebnis: vollkommene Ideenlosigkeit der Moderatoren in der letzten 1 Minute vor dem Stop-Voting-Now-Countdown. Ohnehin war die Moderationsleistung überschaubar: Elton rotzig-erfahren, Linda sympathisch-überfordert. Das soll aber nicht heißen, dass ich nächstes Jahr Barbara wieder brauche.

Und die Lieder? Die waren viel weniger kantig als angekündigt. Ob’s dafür dieses überbordende Auswahlverfahren gebraucht hätte? Wobei sich am Ergebnis wieder einmal bestätigt hat, dass Kantigkeit und Emotion beim ESC ziehen. Für mich hätten es durchaus 10 Beiträge sein können, um auch noch andere Musikfarben zu berücksichtigen – richtiger Rock, richtiger Chart-Sound, was Elektronisches. Da waren wir in früheren Vorentscheiden schon vielfältiger und mutiger.

 

BennyBenny

Ich finde das neue Konzept nach wie vor gut und sehe auch bei der Show einen deutlichen Fortschritt im Vergleich zum letzten Jahr. Die vier männlichen Acts hatten alle wettbewerbsfähige Songs, Ivy immerhin noch eine Top-Performance. Ich wünsche mir für nächstes Jahr, dass das Konzept beibehalten und weiterentwickelt wird – unabhängig vom Ergebnis in Lissabon.

Aber: Die Moderation fand ich schwach bis stellenweise unprofessionell. Mir ist nicht klar, wie es eine Inszenierung wie die von Natia in die Show schaffen konnte. Und die Punktevergabe lief alles andere als rund, vor allem, dass Peter Urban Natia und Ivy negativ herausgestellt hat, fand ich äußerst unglücklich.

 

Peter

Ein Abend mit Licht und Schatten. Vier von sechs Titeln fand ich klasse inszeniert. Leider war der Einstieg mit Natia und Ryk eher schwach, ich kenne einige, die diese beiden schwächeren Inszenierungen zu Beginn vertrieben hat. Die Taktung und Dramaturgie der gesamten Show fand ich sehr gut, voXXclub und Michael vor allem haben starke Performances hingelegt. Die erste Stunde lief sehr rund, voller tausend ESC-Glückgefühle.

Was nicht so gut war: Das Voting ging ziemlich daneben, was nicht nur an den technischen Problemen mit der Anzeige der Tabelle lag. Für unbedarfte Zuschauer wurde das innovative Verfahren nicht ausreichend erklärt. Die beiden Jurys waren nicht ausreichend unterscheidbar, die VIP-Experten hätte man mit einer MAZ inszenieren können. Das abrupte Absägen von Natia und Ivy zwischendurch (durch Peter Urban), als diese die Tabelle anführten, war ruppig und unverständlich für den, der nicht so nahe dran ist. Der Greenroom aus Sperrmüll war not my cup of tea. Die Moderatoren wirkten zuweilen überfordert, längst nicht alle scripted gags zündeten. Barbara ist um Klassen besser, daran müssen sich die beiden messen lassen. Linda kam allerdings sehr sympathisch rüber. It´s so international. I´m totally crazy.

 

DJ Ohrmeister

Die Veröffentlichung der Künstlernamen und vor allem der Songs am Montag hat mich sehr zuversichtlich gestimmt, dass wir ein gutes Finale erleben würden – und die Wettbewerbsbeiträge haben mich tatsächlich dann auch (weitestgehend) nicht enttäuscht.

Schade nur, dass man – durchaus vermeidbare – Fehler bei der lieblosen Umsetzung der Sendung feststellen musste. Vor allem zwei Punkte haben den Sendungsfluss und den Unterhaltungswert doch sehr getrübt.

Die Moderation war in weiten Teilen nicht spritzig-locker, sondern wirkte eher unbeholfen und unvorbereitet – ob das daran liegt, dass Linda doch nicht ganz so schlagfertig und Elton am Ende doch nicht ganz so lustig ist, wie man es dem Format wünschen würde, mag ich nicht abschließend bewerten. Ich finde, ihre 20:15-Premiere ist tatsächlich nicht so recht geglückt. Dass ausgerechnet in einer Countdown-Phase, wo die Spannungskurve massiv ansteigen muss, das Ganze durch unvorbereitetes, hilfloses Geplänkel zerredet wird, war suboptimal. Oder dass Linda und Elton den Kandidaten die immer selben Green-Room-Fragen stellen. Wieso füllt man Sendezeit hier nicht unterhaltsam und kurzweilig? Einbindung von Comedians als Sidekick, humorvolle, augenzwinkernde Einspieler, die clever und witzig Aspekte der Liedersuche durch den Kakao ziehen… selbst in Montenegro gab es letzte Woche sowas.

Und dann das Voting. Wer ist auf die Idee gekommen, dass man erst das Verlesen aller niedrigen Punkte abschließen muss, bevor man langsam zu den hohen Wertungen kommt? Das ist nun haargenau das Gegenteil der schwedischen Neuerungen, die seit 2016 auch beim ESC-Finale die Spannung massivst haben steigen lassen: nämlich sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Wertungen bis ganz zum letzten Teil der Votingphase aufzusparen, um das Rennen vollkommen offen zu lassen. Das dann zwar mathematisch korrekte, aber dramaturgisch und empathisch gesehen völlig abwegige Verkünden der bereits Ausgeschiedenen setzte der verkorksten Votingverlesung dann noch die Krone auf. Dieses Verfahren hätte man doch durch das Durchspielen von ein paar Szenarien sicherlich im Vorfeld direkt wieder verwerfen müssen. Das war nicht clever.

Unterm Strich – das radikale Umkrempeln der NDR-Konzepts hat uns gute Namen und gute Songs in die Sendung gespült. Allerdings hätte man sich einen Teil der Mühe aufsparen sollen, auch die Umsetzung der TV-Sendung zukunftssicher zu machen. Dafür hat es dieses Mal offensichtlich nicht mehr gereicht.

Jan

Wie die meisten anderen Blogger auch habe ich die Sendung als Studiogast mitverfolgt. Und dabei fühlte ich mich eigentlich ganz gut unterhalten. Ich habe aber auch von vielen Seiten gehört, dass sie die Moderation grottig fanden und auch die Songs nicht wirklich überzeugend waren und der Sieger der „kleinste gemeinsame Nenner“ gewesen sei.

Zu Linda und Elton kann man natürlich sagen, dass das alles extrem holprig rüberkam. Linda merkte man ihre Nervosität bei ihrer ersten großen Moderation an –  sympathisch war, dass sie daraus keinen großen Hehl darum gemacht hat, ich fand sie in ihrer zeitweiligen Unbeholfenheit irgendwie niedlich – aber auch ein wenig bedauernswert, weil man ihr und Elton von Produktionsseite wenig gute Gags zur Verfügung gestellt hatte. Und Elton funktioniert offenbar auch besser als Sidekick zu einem erfahrenen Moderator, die Rolle des Hauptmoderators scheint nicht wirklich sein Ding zu sein. Aber ich fand es mal ganz erfrischend, nicht die omnipräsente Barbara Schöneberger vor der Nase zu haben.

Größter Schwachpunkt der Sendung war, das haben auch viele andere Blogger vor mir bereits angemerkt, das überaus merkwürdig gestaltete Voting. Da wurde wieder unnötig verkompliziert. Nächstes mal bitte bitte die einzelnen Jurys ihre Punkte durchgängig vortragen lassen, der normale Fernsehzuschauer will ja auch noch folgen können. Was tatsächlich gar nicht ging, war die Verlautbarung, dass zuerst Natia und dann Ivy aus dem Rennen sind. Es ist schon schlimm genug für einen Teilnehmer, Letzter zu werden, aber dabei auch noch in Großaufnahme gezeigt zu werden und quasi zur Schau gestellt zu werden, geht gar nicht. Was die deutsche Delegation wohl dazu gesagt hätte, wenn man in Kiew die tränenüberströmte Levina in Großaufnahme gezeigt hätte! So etwas gehört sich einfach nicht!