Unser Lied für Lissabon: Das sagen die PRINZ-Blogger zur Kandidatenauswahl

Die Kandidaten für die deutsche Vorentscheidung „Unser Lied für Lissabon“ zum Eurovision Song Contest 2018 stehen fest. Ivy QuainooMichael SchulteNatia ToduaRykVoXXclub und Xavier Darcy sind die sechs Acts, die am 22. Februar in Berlin das deutsche Ticket nach Lissabon lösen wollen. Wie bewerten die PRINZ-Blogger die Kandidatenauswahl und hat der aufwändige, neue Auswahlprozess bislang gehalten, was er versprochen hat?

Douze Points

Aktuell haben wir sechs Künstler, von denen ich bisher nur zwei bewusst hätte abrufen können: VoXXclub und Ivy Quainoo. Dass die Hälfte der Kandidaten aus dem The-Voice-Stall kommt, geht in Ordnung. Wiewohl glaube ich, dass der ausschließliche Fokus in diesem Jahr auf Kantigkeit zu viel des Guten sein könnte. Denn Kantigkeit muss nicht immer Mainstream schlagen. Måns Zelmerlöw (Foto unten) ist nicht kantig, sondern 100% Mainstream, hat sich aber als Typ und mit einem uniquen Auftritt gegen kantige Beiträge durchgesetzt. Salvador Sobral hingegen ist richtig kantig.

Kantigkeit bzw. die Wirksamkeit von Kantigkeit beweist sich am besten im direkten Vergleich – auch bzw. gerade zum Mainstream. Dieser Vergleich kann meiner Meinung nach im jetzigen Starterfeld nicht erfolgen. Ich befürchte, dass wir mit Ryk und Michael Schulte weder richtig kantige, noch besonders massenkompatible Künstler haben, sondern eine weniger durchsetzungsstarke Mischung. Hier müssten die Lieder daher erstrecht zünden.

Obwohl ich die bisherige Musik von VoXXclub keine Minute ertrage (und das sage ich als durchaus Après-Ski- und Oktoberfester-Erfahrener), wittere ich hier das größte ESC-Potenzial. Natia Todua und Xavier Darcy schrecken mich persönlich mit Stimme und/oder Aura ab, könnten aber gerade deshalb am Ende ins ESC-Mittelfeld führen. Ivy Quainoo mit einem modernen Hammer-Song wäre für mich die Wunschkonstellation, die aber vermutlich selbst dann nicht so gut abschneiden würde wie VoXXclub, Natia oder Xavier. Inländisches Hitpotenzial sehe ich mit den passenden Songs am ehesten bei VoXXclub und Ivy.

 

Jan

Ich war anfangs sehr überrascht von dem Teilnehmerfeld. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass sich im Februar sechs totale Newcomer um das Ticket nach Lissabon streiten würden – eventuell auch, dass sich vielleicht jemand Bekanntes hat überzeugen lassen, ins Rennen zu gehen. Nun haben wir zwar nicht sechs Superstars am Start, aber das Feld kann sich sehen lassen, denke ich. Ob es dafür dieses komplizierten Auswahlmodus bedurft hätte, lasse ich einmal dahingestellt. Aber immerhin haben die sechs die Rückendeckung von immerhin ca. 120 Musiklaien und Musikprofis.

Aus dem Feld stechen für mich eindeutig VoXXclub und Ivy Quainoo heraus. Die einen, weil sie mit ihrer Art „Stampfrockvolksmusik“ ein absolutes Alleinstellungsmerkmal haben. Und die andere, weil sie in meinen Augen über die beste Stimme im Feld verfügt.

Die anderen vier kenne ich nur am Rande, habe mich jetzt aber auch nur am Rande mit ihren Werken vertraut gemacht. Bei Michael Schulte fällt mir eine gute Stimme und ein gewisser Mainstreamfaktor auf. Radiotaugliche Mucke…und dieses Dilemma kennen wir ja bereits aus den Vorjahren. Im Falle von Ryk muss ich leider sagen, dass mir das, was ich bisher gehört habe, überhaupt nicht gefällt. Irgendwie ist mir das von allem zu wenig und wirkt auf mich ausgesprochen bemüht. Aber er hat ja eine Menge Fans auch unter unseren Lesern – es ist wie immer eine Geschmackssache.

Xavier Darcy finde ich ziemlich interessant. Bisher habe ich zwar noch nichts von ihm gehört, das in meinen Augen ESC-tauglich wäre, aber er hat eine richtig gute Stimme, absolute Bühnenpräsenz und ist halt ein „Typ“. Der hat bestimmt eine Menge Ecken und Kanten, um dieses Klischee mal ganz kurz hervor zu kramen. Und schließlich Natia Todua. Sie zu schicken ginge für mich nur in Ordnung, wenn sie einen absoluten Knallersong bekommt. Denn ansonsten hätte sich das Auswahlsystem ad absurdum geführt und man könnte den aktuellen Sieger von The Voice lieber direkt nominieren. Dass es eine breite Fanbase für die Sieger gibt, die auch abzustimmen bereit ist, haben ja bereits Andreas Kümmert und Jamie-Lee bewiesen.

Im Grunde ist es mir vollkommen schnuppe, wer uns in Lissabon vertritt. Der- oder diejenige muss halt einen guten Song im Gepäck haben. Damit steht und fällt alles. Aber das wissen wir ja und das ist ja auch nichts Neues. Insofern bin ich jetzt schon megagespannt, was sich die vielen kreativen Köpfe so alles ausdenken. Es kann nur aufwärts gehen!!

 

DJ Ohrmeister

Soviel vorweg: Es ist ein gutes Starterfeld mit überwiegend Top-Stimmen geworden. Ivy Quainoo und Michael Schulte sind mir schon lange als tolle Live-Performer ein Begriff, Ryk und Xavier Darcy habe ich erst in den letzten Wochen als Interpreten kennengelernt, und beide finde ich stimmlich absolut überzeugend. VoXXclub sind eben VoXXclub und Natia Todua mag ich überhaupt nicht – das ist mir zu schrill und zudem (noch) unausgereift. Das Konzept der Auswahl dieser Sechs sehe ich weiterhin kritisch und frage mich schon, ob es das ganze Prozedere gebraucht hätte, um drei gestandene The-Voice-Kandidaten und VoXXclub zu bekommen – für Ryk und Xavier mag es das richtige Verfahren gewesen sein, sie aus der Masse derer herauzszufiltern, die zwar bereits veröffentlicht haben oder im TV aufgetreten sind, aber noch nicht breiter bekannt wurden.

Was mich ehrlich gesagt stört, ist dass wir nun schon wieder eine ganz junge Kandidatin dabei haben, die m.E. noch lange nicht für die ganz große Bühne taugt, aber seit wenigen Wochen ein (vermutlich sehr bald verflogenes) Momentum vorweisen kann. Droht uns also dasselbe wie schon 2016? Eben noch AuPair, und jetzt schon auf der ESC-Bühne vor 200 Millionen Zuschauern – das geht mir zu schnell, und ist letztlich auch das, was uns 2014, 2015, 2016 und auch 2017 diese Platzierungen beschert hat. Alles gute Performer, die aber noch ein paar Jahre gebraucht hätten, bevor sie zum ganz großen ESC-Sprung ansetzen.

Persönlich am liebsten wäre mir Ivy mit einem zündenden, wirklich modernen Song, oder Ryk bzw. Xavier mit einem packenden, anrührenden Beitrag. Ich glaube, mit den dreien hätten wir auch die besten Chancen international. Michael Schulte ist mir ein wenig zu brav, VoXXclub sind – glaube ich nach eingehender youtube-Recherche – ein sehr nationales Phänomen und erinnern einen ESC-affinen Isländer oder Moldawier vermutlich massiv an die Trackshittaz. Und Natia wäre für mich die Fortsetzung in der langen Reihe unglücklicher Auswahlen von Underdogs oder „Momentums“, für die der ESC einfach zwei Nummern zu groß ist.

Übrigens: Xavier Darcy erinnert mich in Gestik, Sprechstimme und Ausdrucksweise irgendwie an Conchita (hier beim Interview ab 3:30 Minuten). Guter Typ. Nur mal so.

 

Peter

Xavier hat uns auf dem ESC Workshop mit Abstand am meisten beeindruckt. Ich kannte ihn vorher nicht und war unmittelbar geflasht von seiner Stimme und seiner souveränen Authentizität. Auch imponierte mir, dass er ausschließlich mit eigenen Songmaterial nach Köln gekommen war. Er hat meines Erachtens das Maximale aus dem Workshop gemacht und sich gleichermaßen selbstbewußt wie zugewandt auf die Coaches eingelassen. Als er dann im Interview The Ark als seine Favoriten der jüngeren Vergangenheit und France Gall als „All Time Favorite“ benannte, war ich zusätzlich angetan.

Und VoXXclub habe ich hier ganz persönlich auf dem Blog bekanntlich schon 2013 für den ESC empfohlen. Vor gut einem Jahr habe ich die Jungs in der Großen Freiheit in Hamburg live gesehen und kann daher aus persönlicher Erfahrung bestätigen, dass VoXXclub live in der Lage sein, mit viel Spielfreude, Glaubwürdigkeit und Animationstalent, eine anspruchsvolles Publikum zu verbrüdern und mitzureissen, selbst die sonst eher coolen Barkeeper(innen) im legendären Kiezclub haben mitgefeiert (Das Photo ist das Titelbild des neuen VoXXClub-Kalenders, exklusiv erhältlich in der „Donnawedda Fanbox“).

Am Ende entscheidet der Song, aber bei aktuellem (Er-)Kenntnisstand wünsche ich mir, dass einer dieser beiden Acts Deutschland in Lissabon vertritt. Und schließlich bin ich wahnsinnig gespannt, wie weit der Eurovisionspanel und die internationale Jury bei der „6 aus 17“ Wahl auseinanderlagen.

 

Salman

Alles in allem bin ich mit dem Teilnehmerfeld der deutschen Vorentscheidung 2018 sehr zufrieden. Nach den letzten schlechten Platzierungen hatte ich die Befürchtung, dass es immer schwieriger werden würde, etablierte Künstler für den ESC zu gewinnen. Damit meine ich nicht Künstler auf dem Level von Helene Fischer oder den Scorpions, sondern auch durch die Castingshows bereits teilweise bekanntgewordene Nachwuchskünstler. Auch für diese stellt es ein großes Risiko dar, nach einer schlechten Platzierung stark in die Kritik zu geraten und damit einen Karriereknick zu erleiden. Mit dem neuen Verfahren ist es dem NDR erfreulicherweise gelungen mehrere talentierte ehemalige Castingshowteilnehmer für den ESC Vorentscheid zu gewinnen.

Ob der gesamte Aufwand dahinter gerechtfertigt war steht auf einem anderen Papier. Aber vielleicht half das Eurovision-Panel auch als eine zusätzliche Argumentationshilfe den Künstlern die Angst vor einer Teilnahme zu nehmen. Schließlich hatte der NDR somit schon die Bestätigung, dass die Künstler von ESC Experten als aussichtsreich erachtet werden, also diente das Verfahren auch als so eine Art „Selbstmarketing“ für die deutsche VE.

Unabhängig davon, ob das Verfahren an sich wirtschaftlich war oder nicht, ist die große Transparenz und Nähe zu den Fans während des gesamten Prozesses zu loben. Die Roadshows waren eine einzigartige Möglichkeit nicht nur das neue Verfahren vorzustellen, sondern auch direkten Input von Fans einzuholen, die sich teilweise das ganze Jahr über mit ihrer Leidenschaft ESC beschäftigen. Thomas Schreiber war neben den Roadshows auch beim ECG Fantreffen und hier auf unserem Blog sehr aktiv. Hut ab für seine Nähe zu den Fans! Am Schluss steht und fällt alles mit dem Song. Und das ist nun die große Herausforderung. Es muss irgendwas dabei sein, was richtig knallt und sich beim ESC-Finale in der Köpfen der Televoter & Juroren festsetzt.

Die größte Chance hat aus meiner Sicht auf dem ersten Blick voXXclub. Aber auch eine Hammer Ballade von Ivy Quianoo könnte uns eine deutlich bessere Platzierung als in den letzten Jahren einbringen. Bei Natia Todua sehe ich etwas die Gefahr, dass sie genau wie Ann Sophie oder Levina in den letzten Jahren etwas untergeht. Xavier Darcy erachte ich als etwas zu nischig und was ich bisher von Ryk und Michael Schulte kenne, haut mich trotz sehr schöner Stimmen nicht um. Die Stimme alleine reicht leider beim ESC meistens nicht. Wie gesagt kann sich das alles noch nach der Songwahl ändern, aber derzeit sehe ich die größten Chancen für uns mit voXXclub oder Ivy Quainoo.

 

Tjabe

Mich persönlich hat es schon sehr gefreut, den Namen von Ivy Quainoo in den ESC-Workshop-Berichten zu lesen. Schon 2013 hätte ich sie gern als deutsche Vertreterin 2014 in Kopenhagen gesehen. Wir haben dann ja zu meiner Beruhigung noch die Formation Elaiza, die mit einer Ostfriesin aufwarten konnte, geschickt. Ivy Quainoos Stimme begeistert mich und von all den „The Voice“-Siegern ist sie mir immer noch am präsentesten. Daher würde ich ihr sehr die Fahrkarte nach Lissabon gönnen.

Natia Todua ist auch ein schöner Farbtupfer im Teilnehmerfeld und ihr habe ich den Sieg bei „The Voice“ sehr gegönnt. Vielleicht gibt es ja 12 Punkte aus Georgien. Aber als deutsche Vertreterin würde ich sie ungern schon dieses Jahr in Portugal sehen. Sie sollte sich erst mal ein wenig etablieren.

VoXXClub macht sicher gute Stimmung in Berlin, aber ob der gegenwärtige Schlagerhype in Deutschland in ganz Europa verstanden wird, bezweifle ich. Die drei Solokünstler sagen mir zu wenig, so dass ich mir dazu noch kein Urteil erlauben möchte.

Aber alles hängt von den Komponisten ab, was sie für die sechs Kandidaten schreiben. Sie sollten auf jeden Fall ein Augenmerk auf das jeweilige Stimmpotenzial der Interpreten haben und nicht zu sehr auf eine mögliche Kompatibilität für einen Longplayer des Künstlers achten.

Ein etwas größeres Starterfeld oder jeweils zwei Songs pro Interpreten, die in einem Durchgang und nicht nacheinander dargeboten worden wären, hätte ich auch nicht schlecht gefunden.

Bei der Auswahl unseres Liedes ist es vor allem sehr wichtig, den stärksten Song zu finden und nicht den Künstler, der aktuell den größten Hype ausgelöst hat. Zudem sollte es eine wesentlich größere Promotion für den deutschen Teilnehmer national geben, damit wie bei Lena ein ganzes Land hinter seinem Beitrag steht.

Die Auswahl der sechs Glücklichen hat mich aber schon so weit überzeugt, dass ich überlege nach Berlin zur Vorentscheidung zu fahren, was ich in den letzten Jahren nicht gemacht habe.

 

BennyBenny

Erstmal ist die Auswahl so ganz anders, als ich sie erwartet habe. Ich bin nämlich fest davon ausgegangen, dass das neue Verfahren uns eher Newcomer in den Vorentscheid spülen wird und weniger bereits bekannte Künstler. Da mir alle Namen schon vor ULfL bekannt waren, ist das schon mal eindeutig nicht der Fall. Das hat mich positiv überrascht. Mich erinnert das Line-Up – wie viele andere hier – an die Vorentscheidung 2016 – und das im besten Sinne, denn an diesen Vorentscheid denke ich immer noch gerne zurück. Eine spannende Mischung mittelbekannter Namen, die auch eine gewisse Bandbreite auf dem musikalischen Spektrum abbildet. (Die Fehler sind meiner Meinung nach damals nach Köln passiert, als der Song und die Bühnenshow eben nicht bis Stockholm weiterentwickelt wurden. „Ghost“ hätte nicht Letzter werden müssen.) Ich bin positiv überrascht.

Aber gerade weil mich die Vorentscheidungsbesetzung so an 2016 (und gewissermaßen auch die vorangegangenen Jahre) erinnert, bleibt für mich bislang offen, ob diese Kandidaten wirklich nur über einen solchen Prozess rekrutierbar waren. Wenn ich es bei der Roadshow in Frankfurt richtig verstanden habe, soll der Prozess dem NDR ja dabei helfen können, nicht nur die besten Künstler zu finden, sondern auch sie zu überzeugen, an Vorentscheid teilzunehmen, weil sie eben schon unter die besten zwanzig (bzw. sechs) gekommen sind. Falls das wirklich der Fall war und manche der Acts sonst nicht teilgenommen hätten, wurde dieses Ziel ja erreicht. Vielleicht erfahren wir dazu mehr nach der Vorentscheidung oder nach dem ESC.

Jetzt aber zu den Künstlern selbst: Auf dem Papier sind Ivy und Xavier meine absoluten Favoriten. Ivys Karriere verfolge ich seit The Voice, ich liebe ihre Stimme genauso wie ihre ersten beiden Alben und die vor kurzem veröffentlichten neuen Songs. Sie hat sich außerdem künstlerisch ganz offensichtlich weiterentwickelt, macht nun weniger Mainstream und mehr Dream-Soul-Pop. Xaviers Karriere verfolge ich seit ich ihn damals im Vorprogramm von MarieMarie gesehen habe, seine EPs und sein Album laufen bei mir nach wie vor auf Heavy Rotation. Er bringt außerdem eine ganz andere Farbe zu Unser Lief für Lissabon.

Gespannt bin ich auch, wie sich Blog-Favourite Ryk entwickelt und welchen Song  voXXclub nach Berlin schicken. Von den Jungs habe ich seit dem Workshop eine ganz andere, viel bessere Meinung habe als vorher. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf den 22. Februar und wenn der Songauswahl und dem Staging genauso viel Aufmerksamkeit gewidmet wird wie dem bisherigen Prozess, dann bin ich guter Dinge. Eines hat der NDR auf jeden Fall jetzt schon erreicht: Die Künstlerauswahl und der Prozess polarisieren. Das bringt Aufmerksamkeit für die Vorentscheidung und für den ESC und diese Energie kann positiv genutzt werden.