Unser Lied für Lissabon: Gedanken zum Votingverfahren

Nach der Sendung am Donnerstag gab es viele unterschiedliche Aspekte zu bewerten. Während Song- und Künstlerfeld überwiegend positiv beurteilt wurden, wurde der Ablauf des Votings massiv kritisiert. Was als spannend gedacht war, erzeugte eher Stirnrunzeln und Fragezeichen. Warum ist Natia jetzt raus, wo sie doch führt?

Das war nun wirklich innovativ – und verwirrend. Man ließ drei voneinander unabhängige Voting-Gruppen quasi gleichzeitig ihre Punkte verlesen. Und handelte erst die kleinen Wertungen ab, bevor man sich mit den Top Scores befasste. Was dazu führte, dass die insgesamt besser bewerteten Acts zunächst gar keine Punkte bekamen, während die schnell Führenden durch Peter Urban alsbald als „ausgeschieden“ abgesägt wurden. Mathematisch richtig, intuitiv aber nicht nachvollziehbar.

Nach den 8ern war schon eindeutig klar, wer gewinnen würde – genauer gesagt bereits nach der 8 der Jury an Ryk, noch bevor die 8 des Televotings an Ivy Quainoo ging. Zu dem Zeitpunkt konnte Michael Schulte, der noch bei 0 stand, schlechtestenfalls 28 Punkte bekommen, und wäre trotzdem nicht mehr einzuholen gewesen. Verkehrte Welt.

Natürlich ist beim ESC-Finale das Spannende, dass es noch zu größeren Umwälzungen kommen kann. Aber dass nach etwas mehr als der Hälfte des Votings ein Kandidat noch überhaupt nicht „einsortiert“ ist, während die Führende schon definitiv keine Chance mehr hat, zu gewinnen – das fühlte sich irgendwie nicht richtig an.

Nach 11 von 18 Wertungen war also eigentlich schon Schluss. Da man aber verwirrt war durch die Reihenfolge der verlesenen Punkte, hielt sich die Ungewissheit noch eine ganze Weile. Aber nicht im guten Sinne einer transparenten, spannenden Situation.

In der letzten Phase nur noch sehr ähnliche Wertungen zu vergeben ist letztlich genau das Gegenteil der schwedischen Neuerungen aus dem Melodifestivalen, die seit 2016 auch beim ESC-Finale Anwendung finden und die Spannung massiv haben steigen lassen: nämlich sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Wertungen bis ganz zum letzten Teil der Votingphase aufzusparen, um das Rennen vollkommen offen zu lassen.

Man wäre besser gefahren, wenn man die drei Votings klassisch nacheinander (und aufsteigend) verlesen hätte. Je nach Reihung der drei Votings – es gibt bei drei Wertungen ja 6 alternative Szenarien – hätte man den Zeitpunkt des sicheren Siegers immerhin von 11 auf 14 von 18 Wertungen nach hinten schieben können. Hätte man Panel und Jury zuerst abstimmen lassen, hätten Xavier und Ryk noch die Chance gehabt, an Michael vorbeizuziehen (wenn bei einem Gleichstand der direkte Vergleich im Televoting ausschlaggebend für den Sieg ist, wovon wir ausgehen).

Gelb hinterlegt = diese Acts hätten noch vorbeiziehen können
Grün hinterlegt = die Wertungen, bis der Sieger Michael Schulte festgestanden hätte
Blau hinterlegt = diese Wertungen wären nicht mehr relevant gewesen für den Sieger
14/18 = Anzahl der Wertungen, bis das Ergebnis festgestanden hätte

Nun waren die zu vergebenden Punkte mit 5-6-7-8-10-12 auch noch recht dicht beieinander. Hätte man das Ganze zum Beispiel mit 2-4-6-8-10-12 laufen lassen, wäre der Zeitpunkt des sicheren Siegers sogar auf 15 von 18 Wertungen nach hinten gerutscht.

Ergo: Die Spannung steigt, wenn die Spreizung der Punkte (vom geringsten zum höchsten Wert) höher ausfällt, und sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Punktzahlen ganz zum Schluss noch zu vergeben sind. Ist jetzt hier – zugegeben – nur müßige Zahlenspielerei, aber im Kern eben doch richtig.

Natürlich ist bei grade mal drei Votings der Spielraum nicht so hoch wie bei 42 Jurys plus Kombi-Televoting. Andere Länder fahren häufig die Variante von nur zwei Votings: Jury plus Televoting zu 50/50, normiert umgerechnet in 12-10-8-7-6-5-4-3-2-1 oder ähnlich. Da ein Gleichstand zweier Kandidaten dabei nicht unwahrscheinlich ist, muss im Vorfeld sehr klar kommuniziert sein, wer den Ausschlag gibt. Und das sollte unbedingt das Televoting sein, wie der Fall Spanien 2017 zeigt.

Oder man versucht den ESC im Kleinen wie beim Melfest: Einzelne Juroren verlesen ihre Punkte, dann kommen die restlichen 50% (=das Televoting) aufsteigend obendrauf. Zwanzig Juroren wie am Donnerstag sind bei dieser Variante allerdings des Guten zuviel.

Man kann es natürlich auch wie die Finnen vor einigen Jahren machen: Man bildet eine bunte Handvoll Jurys aus Berufsgruppen (Kindergärtner, Feuerwehrleute, Landwirte…). Das war damals innovativ und lustig. Wie wär’s mit Kellnerinnen vom Oktoberfest? Vielleicht hätten die Junxx in Lederhosen dann noch etwas besser abgeschnitten.