Unser Lied für Lissabon: Ivy Quainoo im Interview

Am 22. Februar findet die deutsche Vorentscheidung in Berlin statt. Im Rahmen von „Unser Lied für Lissabon“ treten sechs Kandidaten an, um das Ticket in die portugiesische Hauptstadt zu gewinnen. In unserer neuen Serie werden wir über die kommenden Wochen alle Kandidaten interviewen. Den Anfang machen wir heute mit der ersten „The Voice“-Gewinnern Ivy Quainoo.

Prinz ESC Blog: Wir treffen uns heute hier in einem Berliner Musikstudio. Nimmst Du gerade Deinen Song für ULfL auf?

Ivy Quainoo: Ich bin ja erst am Mittwoch aus New York zurückgekehrt, deswegen sind wir noch ganz am Anfang im Prozess. In den nächsten Wochen werde ich mit meinem Team jede Menge Songs schreiben und schauen, welcher der Richtige für den Wettbewerb ist. Die Arbeit macht Spaß und ich freue mich sehr darauf.

Du bist ja gebürtige Berlinerin. Was bedeutet es für Dich, wieder in der Heimat zu sein?

Ich habe ja in den letzten zwei Jahren in den USA gewohnt und dabei Berlin sehr vermisst. Das Angebot an „Unser Lied für Lissabon“ teilzunehmen kam sehr unerwartet. Ich musste mich schnell entscheiden. Ich habe extra dafür meine Zelte in New York abgebrochen und bin sehr froh wieder „daheim“ zu sein.

„Daheim“ ist für Dich ja Berlin-Neukölln, wo Du aufgewachsen bist. Wie hat Dich diese Zeit geprägt?

Ich habe meine Kindheit in Neukölln verbracht und bin dort auch die längste Zeit zur Schule gegangen. Ich bin sehr dankbar darüber, denn so bin ich schon sehr früh mit verschiedenen Kulturen in Verbindung gekommen. Es bereichert einen ungemein und prägt für den weiteren Werdegang.

Wie bist Du denn dann zur Musik gekommen? Was waren Deine ersten Berührungspunkte?

Gesungen habe ich gemeinsam mit meiner Schwester schon als kleines Kind. Bei uns zu Hause wurde immer viel Musik gehört und wir haben die Songs nachgesungen. Unsere Vorbilder waren damals Céline Dion, Mariah Carey und Whitney Houston – also die Klassiker. In der Oberschule bin ich dann als einzige Siebtklässlerin im Chor gelandet. Da hatte ich dann meine ersten Auftritte vor Zuschauern. Das hat sich intensiviert, als ich die Schule gewechselt habe. Neben dem Chor war ich dann auch in der Band. Vier Jahre habe ich auf der Bühnenkunstschule in Kreuzberg verbracht. Dort konnte ich mich dann auch das erste Mal als Solokünstlerin beweisen und habe gemerkt, dass ich dies gerne auch in Zukunft machen würde.

Und nach dem Abitur hast Du dann gleich die erste Staffel von „The Voice“ gewonnen. Hättest Du Dir das jemals erträumt?

Ganz und gar nicht. Ein Freund erzählte mir am Tag der Abiverleihung von der Audition und fragte, ob ich Lust hätte mitzukommen. Ich habe spontan „Ja“ gesagt. Danach ging alles Schlag auf Schlag und ich kann immer noch nicht richtig fassen was alles passiert ist.

Wie hast Du die Zeit bei „The Voice“ erlebt?

Am Anfang wollte ich einfach nur etwas Erfahrung sammelt. Das Casting fand hier in Berlin statt, das Studio war so nah. Ich habe gedacht, ich gehe einfach mal hin und schaue, was passiert. Irgendwann wurde aus dem Spaß dann Ernst und ich kam immer weiter. Ich war auf das alles gar nicht vorbereitet, es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. In dieser Zeit habe ich auch öfter geweint, da ich mir nicht sicher war, ob ich das wirklich so wollte. Aber im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, wie alles gekommen ist, denn meine Teilnahme und mein Sieg haben mir jede Menge Türen geöffnet.

Wie war dann die Zeit nach „The Voice“?

Ziemlich schnell nach „The Voice“ bin ich auf Tournee gegangen und habe zwei Alben aufgenommen. Ich war noch sehr jung und hatte gar keine Ahnung vom Musikbusiness. Ich habe mich also treiben lassen. Irgendwann wollte ich dann mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen und meine Entscheidungen auch wieder selbst treffen. Neben dem Singen war Schauspielen schon immer meine zweite große Leidenschaft und ich wollte auch mal Zeit im Ausland verbringen. Als ich dann an der Schauspielschule in New York angenommen wurde, habe ich sofort zugesagt.

Wie war dann Dein Leben in New York? 

New York als Stadt gefällt mir super. Allerdings ist das Leben dort definitiv kein Zuckerschlecken. Es ist sehr hart, dort zu leben. Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch und als Künstler hat man es nicht leicht. Für mich war das Schauspielstudium dort eine tolle Weiterentwicklung. Ich habe sehr viele interessante Menschen kennengelernt und viele neue Seiten an mir erkannt.

Wie reagieren die Menschen in den USA, wenn sie gehört haben, dass Du „The Voice of Germany“ gewonnen hast?

Es ist jetzt vielleicht nicht der Megavorteil, aber wenn die Leute es bei Auditions etc. lesen, hilft es schon. Grundsätzlich finden die Leute da drüben es schon sehr cool, denn Castingshows sind dort nicht so negativ besetzt wie in Deutschland. Die Menschen in den USA sind immer sehr freundlich und begeistert, wenn sie davon hören.

Lebst Du denn lieber in den USA oder in Deutschland? Gerade wird ja bei uns das Thema Rassismus aufgrund der Noah Becker Debatte und der H&M-Kampagne heiß diskutiert. Hattest Du jemals Probleme wegen Deiner Hautfarbe?

Deutschland ist meine Heimat. Es nervt schon, wenn man sagt, man ist gebürtige Berlinerin und dann gefragt wird „Wo kommst Du denn eigentlich her?“. In den USA ist das anders, da es ein Melting Pot ist. Dort wird eher akzeptiert, dass man unabhängig von der Hautfarbe Amerikaner sein kann. Leider gibt es bei uns noch sehr viel Alltagsrassismus. Man hat das Gefühl, man muss sich immer rechtfertigen. Als Kind hat einen sowas mehr bedrückt. Mittlerweile gehe ich mit derartig blöden Situationen viel selbstbewusster um und bin stolz über meine ghanaischen Wurzeln.

Hast Du denn noch Verwandte in Ghana? Wann warst Du das letzte Mal dort?

Leider ist das schon 16 Jahre her. Ich habe viele Verwandte dort, bin aber leider nicht dazu gekommen. Meine Schwester macht dort gerade ein Praktikum und ich hoffe auch bald mal wieder hinzufliegen. Ich verstehe zwar die Sprache, möchte sie aber noch besser lernen. Bisher habe ich auch meine ghanaischen Wurzeln noch gar nicht musikalisch genutzt. Mal sehen, vielleicht kommt das eines Tages noch.

Kommen wir zum Thema Eurovision Song Contest. Was ist deine erste Erinnerung an den Wettbewerb?

Ich habe schon als Kind immer gemeinsam mit meiner Mama und meiner Schwester den ESC geschaut. Meine erste Erinnerung ist an den Sieg von Sertab 2003. Der Auftritt hat uns damals allen super gefallen.

Wie kam es zu Deiner Teilnahme an „Unser Lied für Lissabon“?

Ich war völlig überrascht, als ich angerufen und mir gesagt wurde, dass ich unter den letzten 20 im Eurovision-Panel bin und ob ich Interesse hätte mitzumachen. Ich wusste gar nichts über den Auswahlprozess in diesem Jahr und hatte mich ja gar nicht beworben. Ich musste schnell eine Entscheidung treffen, habe meine Engagements in New York abgesagt und mich dafür entschieden, diese Chance zu ergreifen und mitzumachen.

Du hast auch am Song Writing Camp teilgenommen. Wie war Deine Erfahrung dort?

Es war eine tolle Möglichkeit mit drei Teams an verschiedenen Songs zu arbeiten.  Ich habe viele neue Leute kennengelernt und die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Jetzt habe ich schon mal drei Songs in der Schublade. Trotzdem ist es für mich wichtig, in den nächsten Wochen auch eigene Songs zu schreiben, um letztendlich mit dem optimalen Song bei der deutschen Vorentscheidung anzutreten. Dafür haben wir vom NDR völligen Freiraum bekommen. Letztendlich kann jeder Kandidat selbst entscheiden, ob er mit einem Song aus dem Song Writing Camp oder mit einem Song von seinem eigenen Team antritt.

Welche Musikrichtung wird Dein Song sein?

Ich bin eher ein Midtempo Mensch. Wenn der Song passt, kann ich mir auch eine Uptempo Nummer vorstellen, aber eine Ballade wird es eher nicht werden. Um den Song einzureichen, haben wir noch bis zum 31. Januar Zeit. Diese möchte ich gut nutzen. Mir ist dabei wichtig, dass der Song authentisch ist und zu mir passt.

Wie groß ist der Druck nach den schlechten deutschen Platzierungen der letzten Jahre?

Der Druck ist auf jeden Fall groß. In den letzten Jahren wurde ich auch schon mal gefragt, beim ESC mitzumachen und es wurde mir damals von meinen Beratern abgeraten. Das Risiko durch eine schlechte Platzierung seiner Karriere zu schaden ist immer mit dabei. Und das hat dann oft gar nichts mit einem selbst zu tun, da das Voting völlig unvorhersehbar ist. Ich kann die ganze Sache jetzt etwas lockerer sehen, da ich ja in New York ein zweites Standbein und viele Kontakte habe. Im schlimmsten Fall könnte ich immer wieder zurückgehen und da interessiert meine ESC-Platzierung dann niemanden.

Hast Du Dir in den letzten Jahren auch den ESC angeschaut? Was hat Dir denn besonders gefallen?

Ich fand den Auftritt von Jamala 2016 super. Sie hat auf jeden Fall verdient gewonnen. Song, Text und Performance – alles hat gestimmt. Der Song aus den letzten Jahren der weltweit am meisten Erfolg hatte, war natürlich „Euphoria“ von Loreen.

Wenn Du drei Wünsche für 2018 frei hast, welche sind das?

Deutschland beim ESC in Lissabon vertreten zu dürfen, dort eine würdige Platzierung für uns einzuholen und danach zumindest für den Urlaub wieder mal nach New York zu fahren, um dort meine Freunde wiederzusehen, die ich so plötzlich verlassen musste.

Liebe Ivy, vielen Dank für das tolle Interview! Wir drücken Dir alle Daumen und wünschen Dir vor allem ganz viel Spaß beim Proben und in der Live-Sendung am 22. Februar in Berlin!

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