Unser Lied für Lissabon: Michael Schulte im Interview

Den zweiten Teil unserer Interview-Reihe mit den Teilnehmern des diesjährigen deutschen Vorentscheids übernimmt heute Michael Schulte aus Buxtehude bei Hamburg. Ihn trafen wir in Hamburgs neuem lässigen Hangout namens Izakaya, dem Restaurant im angesagten Boutique-Hotel SirNikolai in der Hamburger Altstadt, zu Fruchtcocktails und leckeren japanischen Snacks in einem ziemlich stylischen Ambiente.

Gehen wir gleich mal mitten hinein ins Thema. Wie ist deine Teilnahme bei „Unser Lied für Lissabon“ entstanden?

Ich hatte schon länger Lust, einmal beim ESC mitzumachen. Im vergangenen Jahr hätte ich mich fast beworben, dachte dann aber, dass ich dem NDR möglicherweise nicht „frisch“ genug bin, da man ja damals ganz bewusst mehr oder weniger völlig unbekannte Künstler gesucht hatte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt ja immerhin schon eine Teilnahme bei „The Voice“ hinter mir und auch schon etwas veröffentlicht, deshalb habe ich die Bewerbung dann doch nicht abgeschickt.

In diesem Jahr habe ich das dann aber getan und erst später erfahren, dass der NDR mich auch schon von sich aus auf die Liste der 211 Acts gesetzt hatte, die dem Eurovisions-Panel zur Abstimmung vorgeschlagen wurden.

Meine Motivation ist auch nicht, auf diese Weise ein neues Album promoten zu können oder so. Da habe ich momentan auch gar nichts in der Pipeline. Alles, was jetzt entsteht, passiert mit Blick auf den ESC.

Mit welchem Song hast du dich denn beworben?

Mit meiner letzten Single „Falling apart“. Diesen Song habe ich dann auch im Workshop im Dezember in Köln performt. Davon wurde dann ein 90-sekündiges Video produziert, welches wiederum dem Eurovisions-Panel und der internationalen Jury vorgelegt wurde. Bei dem Song kann ich wunderbar zeigen, was ich stimmlich so drauf habe – ich hätte ihn mir auch sehr gut als Wettbewerbssong vorstellen können, aber leider ist er dafür zu früh veröffentlicht worden.

Apropos Wettbewerbssong – wie effektiv war für dich das Song Writing Camp in der vergangenen Woche?

Schon sehr. Es sind insgesamt drei neue Songs für mich entstanden. Ob derjenige darunter ist, mit dem ich in Berlin antreten werde, kann ich allerdings noch nicht sagen. Ich hatte auch schon Anfang Januar in Hamburg und in Spanien vier weitere mögliche Songs geschrieben – und es werden vielleicht auch in den kommenden Tagen noch welche hinzukommen.

Aber da gibt es im Moment schon einen Song, der bei meiner Familie, bei Freunden und Kollegen am besten ankommt. Ich werde auch mal abwarten, welchen Song der NDR mir empfiehlt – aber die letzte Entscheidung muss ich dann selbst treffen.

Leider gab es im Camp wenig Gelegenheit, sich mit den anderen fünf Kandidaten auszutauschen. Mit Xavier habe ich abends im Hotel noch ein wenig gesprochen, Ivy konnte ich auch kurz begrüßen. Die anderen waren aus unterschiedlichen Gründen leider nur zeitweise da.

Geht das eigentlich so einfach – einen Song auf „Knopfdruck“ zu schreiben?

Manchmal ist das tatsächlich nicht so einfach. Gerade, wenn man unter Zeitdruck arbeiten muss wie jetzt. Aber bei mir hat das ganz gut funktioniert. Unter den neu entstandenen Songs sind einige, die ich mir sehr gut auf der ESC-Bühne vorstellen könnte.

Technisch funktioniert das so, dass man zu Zweit oder zu Dritt im Studio sitzt und anfängt, sich auf dem Klavier und der Gitarre Akkorde heraus zu suchen. Dann entwickelt man eine Melodie und hat, wenn es gut läuft, relativ schnell ein Grundgerüst zusammen. Die Texte entstehen bei mir eigentlich immer erst am Schluss.

Jetzt sind es ja nur noch knapp fünf Wochen bis zum Vorentscheid. Bis wann muss der Song feststehen und wie sehen dann die Überlegungen für ein passendes Staging aus?

Stimmt, das ist knapp. Idealerweise sollte der Song für den Vorentscheid bis Ende Januar stehen. Danach muss er ja auch noch produziert werden, damit er dann auch rechtzeitig unmittelbar nach dem Vorentscheid veröffentlicht werden kann. Es wird aber im Februar auch noch zwei gemeinsame Termine mit der Produktionsfirma der Sendung und dem NDR bezüglich des Stagings geben.

Meine Songs sind natürlich eher Midtempo-Stücke oder Balladen und daher ist es nicht nötig, ganze Feuerwerksbatterien abzufeuern. Aber auch diese Stücke sind so unterschiedlich, dass es schon einen Unterschied macht, ob ich letztlich allein mit Piano auf der Bühne bin oder sogar ganz allein oder ob vielleicht auch ein Gospel-Chor oder eine Band dabei sind.

Hast du denn in Bezug auf alle Komponenten das letzte Wort?

Ja, sonst hätte ich auch nicht mitgemacht, denke ich. Wenn Bedingung gewesen wäre, einen vorgegebenen Song zu singen, hätte ich mich wieder zurückgezogen.

Mal kurz weg vom ESC – seit wann machst du Musik?

Eigentlich seit ich denken kann. Ich habe früher schon stundenlang zu Hause gesungen und bin meiner gesamten Familie damit auf die Nerven gegangen, dabei fand ich das immer ganz schön (lacht).

Gibt es musikalische Vorbilder?

Eigentlich nicht. Wir haben zu Hause auch nie viel Radio gehört. Es gab meistens Irish Folk, Celtic Music oder Indianergesänge. Vielleicht hört man aus einigen meiner Songs auch heraus, dass ich eher folklastig aufgewachsen bin.

Kannst du von deiner Musik inzwischen leben?

Ja, das funktioniert mittlerweile ganz gut.

Auch wenn man in Deutschland vielleicht denkt, dass es um mich in der letzten Zeit ein wenig ruhiger geworden ist. Ich habe mittlerweile auch in anderen Ländern sehr viele Zuhörer. Auf Spotify zum Beispiel rund 1,2 Millionen Abrufe pro Monat, davon die meisten aus Skandinavien. Und das kommt jetzt auch finanziell bei mir an, insbesondere, wenn man nicht auf einem Major Label veröffentlicht.

Aber auch als Songwriter für andere Künstler bin ich mittlerweile recht aktiv. Ich habe z.B. für Alle Farben drei Stücke zum neuen Album beigesteuert und war mit auf der Tournee.

Ach ja, und ich habe in diesem Jahr auch einen Song in der litauischen ESC-Vorentscheidung am Start. „In my bones“ stammt von mir – ich wurde gefragt, ob ich damit einverstanden sei, dass dieser Song dort eingereicht wird – klar war ich das. Den Song habe ich vor ein paar Jahren geschrieben und wollte ihn selbst aber nicht singen.

Was ist deine erste Erinnerung an den ESC?

Ganz klar „Fly on the wings of love”. Ich war damals 10 Jahre alt und ging auf eine dänische Schule in Flensburg – da war vielleicht was los! Ich kannte den Song in der Originalversion natürlich schon vor dem ESC. Als „Smuk som ett stjerneskud“ ist er noch besser! Hab ich erst vorhin wieder gehört.

Aber wie in den meisten Familien auch saßen wir all die Jahre mit Listen vorm Fernseher und haben mitgetippt. Ich lag meistens daneben.

In diesem Jahr war ich während des ESC übrigens in Portugal im Urlaub und habe nach dem Sieg von Salvador leider vergeblich nach einem Autokorso mit Hupkonzert Ausschau gehalten. Ich fänd’s cool, dieses Jahr zur ESC-Zeit wieder in Portugal zu sein.

Du schaust also auch weiterhin regelmäßig den ESC?

Jedes Jahr. Es gibt so viele nette Erinnerungen. Texas Lightning, Lordi, die russischen Omis oder „Me and my guitar”. Ein echt guter Song, den ich auch schon mal in mein Live-Programm eingebaut habe.

Der ESC gehört zum Jahr doch dazu wie Heiligabend oder Silvester. Übrigens finde ich die neue Punktevergabe nicht so toll – das geht mir am Ende alles viel zu schnell und plötzlich ist es vorbei.

Welche Erwartungen hast du an die Live-Show?

Ich kenne das Studio ja schon von „The Voice“. Aber ich bin schon total gespannt, was die anderen Acts auf der Bühne machen werden und wie das dann alles beim Publikum und bei der Jury ankommen wird. Ich weiß allerdings auch noch nicht, ob es eine Art Superfinale geben wird oder nicht.

Singt Ihr eigentlich alle Coversongs – so wie im vergangenen Jahr?

Nein, definitiv nicht!

Und was passiert in Lissabon, wenn du in Berlin gewinnst?

Zunächst mal würde ich das als wahnsinnige Ehre empfinden, für das ganze Land an den Start gehen zu dürfen – auch, wenn einige dann damit vielleicht nicht einverstanden sind (lacht). Aber ich glaube schon, dass dann die gesamte TV-Nation letztlich auch hinter einem steht, oder?

Na, und dann hoffe ich natürlich auch dort auf den Sieg. Ich bin ein totaler Wettbewerbsmensch und möchte am liebsten immer gewinnen. Aber im Ernst – eine TOP 10-Platzierung wäre schon das Mindeste, was ich mir vornehmen würde. Ich denke auch, dass das mit meinem Musikstil und mir als Typen durchaus realistisch ist. Warum sollte das nicht klappen?

Lieber Michael, danke für das nette Gespräch und ganz viel Glück für den Vorentscheid in Berlin!

Über Michael Schulte könnt ihr mehr erfahren bei Facebook, Twitter, Instagram und auf seinem eigenen Youtube-Kanal.

Bisher in unserer „Unser Lied für Lissabon“-Interviewreihe erschienen:

(1) Ivy Quainoo