Unser Lied für Lissabon: Natia Todua im Interview

Natia Todua hat im Dezember „The Voice of Germany“ gewonnen, war anschließend fast einen Monat auf der „The Voice“-Deutschlandtour und will am 22. Februar bei „Unser Lied für Lissabon“ das deutsche Ticket zum Eurovision Song Contest 2018 in Portugal lösen. Wir haben sie vor ihrem Konzert in der Mannheimer SAP-Arena getroffen und mit ihr über ihre Musik, Georgien, ihren Weg nach Deutschland und über den ESC gesprochen.

PRINZ-ESC-Blog: Wir treffen uns heute vor einem Konzert der „The Voice“-Tour. Wie sieht denn im Moment Dein Tagesablauf aus?

Natia Todua: Unser Tag beginnt so gegen 12 oder halb 1, dann duschen wir und es geht zum Mittagessen. Dann haben wir alle zusammen Vocal Coaching, dann ist Zeit für Make-Up, dann geht’s zum Soundcheck. Anschließend essen wir zu Abend, haben dann kurz Zeit für uns, dann geht’s zum Styling und dann ist schon die Show.

Mich freut sehr, dass wir jeden Tag Zeit fürs Vocal Coaching haben. Dafür haben wir sogar viel Zeit und man kann auf jeden Fall etwas lernen und verbessern. Das ist sehr wichtig für uns. Dadurch konnte ich bei „The Voice of Germany live in Concert“ noch mehr zeigen, als ich in der Show gezeigt habe. Ich habe wirklich etwas gelernt und das freut mich sehr.

Hattest Du vorher schon Gesangsunterricht?

Nein, Gesangsunterricht hatte ich das erste Mal bei The Voice of Germany.

Und was nimmst Du sonst aus dieser Zeit mit?

TVOG war etwas ganz Besonderes für mich. Ich habe jedes Mal gedacht „Jetzt komm‘ ich nicht mehr weiter“ und dann habe ich mir Gedanken gemacht, wie das ist, wenn ich wieder in das normale Leben zurückgehe und was nach meiner Zeit als Au-Pair passiert.

Ich muss sagen, dass ich bei The Voice so viele nette Menschen kennengelernt habe, die mir immer nette Nachrichten geschrieben, mir Tipps gegeben und mich eingeladen haben. Die wollten nie, dass ich mich alleine fühle. Diese Beziehung zwischen uns ist für mich sehr wichtig.

Aber dann ist alles sehr gut gelaufen und ich konnte gar nicht glauben, dass ich wirklich gewonnen habe. Ich glaube noch gar nicht, dass ich TVOG 2017 bin. Wir sind ja auch im Moment noch jeden Tag zusammen auf der Bühne und es fühlt sich eigentlich eher so an, als wäre das die Generalprobe für das Finale (lacht).

 Natia im eher zweckmäßigen Büro des Regisseurs der The Voice-Tour in der Mannheimer SAP-Arena.

 

Wieso bist Du denn eigentlich ausgerechnet nach Deutschland gegangen, um als Au-Pair zu arbeiten?

In Georgien habe ich Wirtschaft studiert und habe parallel als Sängerin in einem Irish Pub gearbeitet. So habe ich ein bisschen Geld verdient. Als ich fast mit dem Studium fertig war, wusste ich, dass ich danach nicht mehr weiter als Sängerin Musik machen kann, sondern mir einen Job in der Wirtschaft suchen muss. Darüber war ich sehr traurig und für mich war klar, dass ich nicht im Büro arbeiten will. Deshalb musste ich für meine Musik alles ändern – nach einem neuen Ort und neuen Möglichkeiten suchen.

Deutschland war für mich immer ein Land, in dem alles nach Plan läuft und in dem alles gut vorbereitet ist. Hier weiß man heute schon, was morgen passiert und hat keine Angst. Das ist sehr wichtig für mich. Ich fand es auch interessant, wie in Deutschland Musik gemacht wird.

Um nach Deutschland zu kommen, konnte ich entweder ein FsJ machen oder ein Au-Pair-Programm. Eine andere Möglichkeit gab es für mich nicht. Wenn man als Studentin herkommt, braucht man nämlich viel Geld für die Miete und die Krankenversicherung und so etwas. Deshalb bin ich als Au-Pair nach Deutschland gekommen.

Meine erste Familie war aber nicht nett. Da wollte ich eigentlich schon wieder zurück nach Georgien und hatte aber nicht genug Geld für das Flugticket. Deshalb musste ich hier bleiben und habe mir dann eine andere Familie gesucht. Das war eine Familie in Kirchheim unter Teck und dadurch hat sich mein Leben geändert.

Ich habe wirklich gedacht, dass alle so böse und alle so schlecht sind, weil meine Erfahrung mit der ersten Gastfamilie so schlecht war. Aber jetzt bin ich sehr zufrieden, dass ich nicht zurück gegangen bin. Die andere Familie war dann für mich die Kindheit, die ich nicht hatte. Da hat dann alles sehr gut geklappt: Die Kinder sind super, ich liebe die beiden und die Gasteltern und ich habe einen sehr guten Kontakt zu ihnen. Zum Konzert in Ludwigsburg ist meine Gastmutter dann auch mit ihren Nachbarn gekommen, das war eine ganz große Überraschung. Sie war auch jedes Mal bei The Voice of Germany dabei.

Als ich im Halbfinale meine Mutter und meine Gastmutter nebeneinander gesehen habe, das war ganz großartig für mich. Das war ein Geschenk und dann war ganz egal, ob ich gewinne und ein Auto bekomme.

Deine Mutter ist dann also extra aus Georgien gekommen?

Genau. Das hat TVOG geplant, ich wusste davon überhaupt nichts. Das war ganz schön und ganz besonders. Meine Mutter hat mich bei The Voice nämlich zum ersten Mal live gehört. Sie konnte nicht verstehen, dass ich früher in einem Pub gesungen habe, das fand sie nicht gut. Deshalb wollte sie mich dort auch nicht sehen. Das ist ein sehr kleiner Pub und die Leute klatschen sowieso, weil sie betrunken sind, und das war einfach nicht die Vorstellung, die meine Mutter für mich hatte.

Nachdem sie mich dann auf der Bühne gesehen hatte, hat sie gesagt: „Egal wie das jetzt weiter geht, Du hattest Recht.“ Das wollte ich immer hören und das hat mich sehr glücklich gemacht.

Dein Deutsch ist ja wirklich gut, wie lange lernst Du das denn mittlerweile schon?

Nein, das ist nicht gut (lacht). Ich lerne erst seit einem Jahr Deutsch. Ich habe erst hier damit angefangen, die Kinder waren meine ersten Lehrer. Als ich dann vor vier Monaten mit dem Au-Pair-Programm fertig war, haben meine Pflegeeltern für mich einen Intensivkurs in Karlsruhe gebucht und diese zwei Kurse haben mir dann nochmal sehr geholfen. Die Grammatik ist nämlich ziemlich schwer (lacht).

 Natia bei The Voice of Germany

 

Wie kam es denn dann, dass Du jetzt an der deutschen Vorentscheidung teilnimmst?

Schon während der The Voice-Zeit habe ich ein paar Kommentare und Videos gesehen, in denen Leute gesagt haben: „Es wäre so geil, wenn die Natia für Deutschland zum ESC fahren würde!“ Das konnte ich gar nicht glauben, denn so etwas habe ich in meiner Heimat noch nie gehört. Was kann man sich noch mehr wünschen?

Dann habe ich das aber wieder vergessen und es gab nur noch TVOG. Und dann habe ich die Nachricht von meinem Manager bekommen, dass ich unter den letzten 20 Kandidaten bin. Ich musste dann direkt montags nach dem Finale das Video aufnehmen und hatte nur eine Stunde geschlafen. Am Montagmorgen musste ich nämlich auch zum Frühstücksfernsehen und von da aus dann direkt zu Universal. Da musste ich nochmal singen, aber meine Stimme war komplett weg und ich habe keine Ahnung, wie ich unter die letzten Sechs gekommen bin (lacht). Ich glaube, die Aufnahme war nicht so gut, aber ich habe alles versucht.

Dass ich jetzt mit den anderen fünf Kandidaten dabei bin, freut mich echt sehr. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, weil ich Eurovision aus Georgien kenne, die sind ja seit 2007 auch dabei. Manchmal gibt es schlechtes Feedback, manchmal geht es so. Deshalb hatte ich eher viel Schlechtes gehört und nur ein bisschen was Gutes.

Aber der ESC ist für jeden, der das machen darf, eine super Erfahrung. Das ist echt eine große Möglichkeit und natürlich auch große Werbung. Und es ist toll, dass man ein eigenes Lied präsentieren darf. Ich hatte auch ein bisschen Angst, weil man nicht weiß, ob das Feedback politisch oder wirklich verdient ist.

Aber als mein Manager mich gefragt hat, habe ich sofort gesagt: „Das mache ich gerne, wenn ich Deutschland etwas zurückgeben und damit Danke sagen kann.“ Die Möglichkeiten, die ich hier bekommen habe, dass ich so oft auf der Bühne singen konnte, das werde ich nie vergessen. Das war genau die wichtige Hilfe, mit der ich etwas starten konnte. Ich bin sehr zufrieden und deswegen würde ich gerne dabei sein. Wenn ich für Deutschland nach Portugal fliege, kämpfe ich mit allen meinen Möglichkeiten weiter.

Damit will ich auch zeigen, dass das, was mir in Deutschland passiert ist, also das eine Ausländerin nach einem Jahr hier TVOG gewinnen konnte und so viele Möglichkeiten bekommen hat, dass das etwas Besonderes ist. Ich glaube, so etwas kann nicht in jedem Land passieren. In Deutschland sind alle offen und man bekommt viel Hilfe, das sollten alle sehen und wissen. Ich bin sehr dankbar und gebe gerne etwas zurück.

Dafür brauchst Du jetzt aber noch den richtigen Song. Wie war es denn im Song Writing Camp und wie ist der weitere Prozess?

Ich konnte nur einmal sehr kurz in Berlin beim Song Writing Camp sein und ich war sehr zufrieden, weil ich erst dachte, dass die Songwriter da nur in die Pop-Richtung gehen. Aber als ich sie kennengelernt habe, wollten sie erstmal viel über meine Geschichte wissen, darüber wo ich herkomme und wie es bei mir läuft. Das war wichtig, weil sie mich jetzt sehr gut kennen. Ich konnte aber auch gleich ein paar Ideen von mir vorstellen und die fanden sie auch schön. Wir haben dann versucht, darauf aufzubauen und daraus einen Track werden zu lassen. Das hat gut geklappt. Mit manchen Songwritern hatte ich nicht genug Zeit, aber wir haben uns kennengelernt und auch sie schreiben jetzt vielleicht etwas für mich und schicken mir dann die Tracks.

Ich glaube, beim ESC ist dieses Jahr das Lied am wichtigsten. Erst dann kommt alles andere, also wie man aussieht, was man trägt oder wie man performt. Das Lied muss echt sein, dann kommt man auch nicht auf den letzten Platz.

Ich habe auch die anderen Kandidaten kennengelernt und das sind echt total unterschiedliche musikalische Richtungen. Da ist für jeden Zuschauer etwas dabei und am Ende können die Leute dann entscheiden, wer Deutschland repräsentieren darf. Egal ob ich das bin oder jemand anders, in diesem Jahr wird es kein letzter Platz.

 Natia im Song Writing Camp mit Stefan von voXXclub, Xavier Darcy, Ivy Quainoo und Michael Schulte.

 

Du hast gerade gesagt, dass der Song wichtig ist. Bei Dir haben wir noch gar keine Vorstellung davon, in welche musikalische Richtung Du gehen wirst, einfach weil Du noch nichts veröffentlicht hast. In welche Richtung würdest Du denn gerne gehen?

Ich habe zu den Songwritern gesagt, dass Pop nicht die richtige Musikrichtung für mich ist. Für mich müssen die Songs Blues- oder Jazzelemente haben. Ich hoffe, dass wir da zusammenarbeiten und dann am Ende Soul-Blues-Pop oder so etwas herauskommt. Da kann ich dann nämlich 100% von dem zeigen, was ich kann. Dafür muss man sich mit dem Lied aber sicher fühlen. Dann fühle ich mich auch frei und kann es dem Publikum so präsentieren, dass sie es verstehen.

Welche Künstler sind denn musikalische Vorbilder, in deren musikalische Richtung Du vielleicht gehen willst?

Ich liebe Jimi Hendrix, Nina Simone und Ella Fitzgerald, die genau in diese Blues-Jazz-Richtung gehen, aber leider alle schon tot sind. Das sind Vorbilder für mich. Diese Musik kann ich jeden Tag hören und wenn ich sie höre, bin ich glücklich und brauche nichts anderes mehr.

Aktuell mag ich zum Beispiel Beth Ditto, mit der ich im The Voice-Finale gesungen habe. Aber mich selbst sehe ich eben eher in einer anderen Richtung.

 Beth Ditto & Natia Todua – We Could Run

 

Nochmal zurück zum ESC: Hast Du denn eigentlich Lieblings-ESC-Songs, vielleicht sogar einen aus Georgien?

Aus Georgien ist mein Favourite „Warrior“ von Nina Sublatti. Ich glaube, sie ist auf dem 11. Platz gelandet und war für mich etwas ganz besonderes, weil sie cool ist und ich gehofft habe, dass sich das positiv auf die georgische Musikszene auswirkt. Da gibt es nicht viele Möglichkeiten und oft muss man weggehen, in ein fremdes Land.

Ich habe mir auch die letzten deutschen Beiträge angeschaut und das ist ja leider nicht so gut gelaufen. Ich weiß nicht, ob es an den Songs oder an der Performance lag, weil ich glaube, manchmal hat das auch politische Gründe.

Aber dieses (singt) „Love oh love…“…

Lena!

Lena! Das war geil! Mein Onkel schaut den ESC jedes Jahr und er sagt uns immer schon vorher, wer gewinnen könnte. Damals hat er gesagt: „Da ist ein Mädchen und sie macht fast nichts, aber sie ist so frei, sie gewinnt auf jeden Fall.“ Das habe ich dann komplett vergessen und als ich mir jetzt die deutschen Beiträge angeschaut habe, ist es mir wieder eingefallen.

Was machst Du denn, wenn Du ausnahmsweise mal etwas Freizeit hast?

Ich fahre sehr gerne zu meinen Gastkindern und spiele dann die ganze Zeit mit ihnen. Für Hobbys habe ich im Moment wenig Zeit, aber eines ist auf jeden Fall „Second Hand“. Ich verbringe gern Zeit damit, alte Sachen zu suchen, die andere schon für Müll halten, die aber eigentlich so geil sind, dass man sie noch benutzen kann. Das mache ich gerne, Klamotten, Sachen, CDs, Vinyls zu suchen.

Machst Du das richtig im Laden oder im Internet?

Im Laden. In Bruchsal gibt es einen geilen Laden, den liebe ich! Die kennen mich schon, weil ich ganz oft da war (lacht). Die machen dann für mich Musik an und die läuft dann den ganzen Tag. Da kaufe ich dann immer so viele Sachen. Das ist voll mein Hobby!

Ich kann auch manches selber machen. Meine Mutter ist Schneiderin und von ihr habe ich ein bisschen was gelernt. Da kann ich zum Beispiel alte Klamotten reparieren und sie dann tragen. Da fühle ich mich dann sehr frei und glücklich, weil die Sachen noch nicht im Müll gelandet sind.

Was sind denn jetzt Deine Pläne – auch ganz unabhängig vom ESC?

Falls das mit dem ESC nicht klappt, kann ich bei Universal auf jeden Fall trotzdem meine eigenen Sachen rausbringen, weil ich ja The Voice gewonnen habe. Darauf arbeite ich jetzt hin, denn wenn man immer nur Cover singt, dann ist mir das nicht persönlich genug. Mir ist es wichtig, alleine oder mit anderen zusammen Songs zu schreiben.

Da sind mir die anderen fünf Kandidaten von der Voice-Tour voraus, weil die schon eigene Sachen haben. Dann kann man wirklich sagen „Ich bin Sänger“ oder „Ich bin Sängerin“. Ich habe bis jetzt mit tollen Leuten gearbeitet und mit einer tollen Band gespielt, aber ich muss auch noch viel lernen, sowohl beim Singen als auch im Songwriting.

Vor allem auch die Gesangstechnik ist sehr wichtig, sonst macht man sich die Stimme kaputt. Da war ich im Finale schon sehr angestrengt, so dass ich mir die Sieger-Performance gar nicht mehr anhören kann. Das war echt schlecht. Meine Stimme war einfach weg. Jetzt schaffe ich die Konzerte aber schon sehr gut und kann noch weiter singen.

Und wenn ich dann genug Lieder habe, würde ich natürlich auch gern touren, aber erstmal kommen die Liedern.

Vielen Dank, liebe Natia, und alles Gute für den 22. Februar!

 Natia und Blogger BennyBenny nach dem Interview.

 

Weitere Informationen zu Natia Todua findet ihr auf Instagram, Twitter und Facebook.

Bisher in unserer „Unser Lied für Lissabon“-Interviewreihe erschienen:

(1) Ivy Quainoo
(2) Michael Schulte
(3) Stefan von voXXclub
(4) Xavier Darcy
(5) Flo von voXXclub