Unser Lied für Lissabon Presseschau: Klischees und Hoffnung

Vor dem deutschen Finale haben wir im Presseraum eine Umfrage bei den anwesenden Fanmedien durchgeführt. Nach der Liveshow am Donnerstagabend wollen wir nun einen Blick in die Reaktionen in einigen ausgewählten etablierten Medien werfen. Speziell Linda und Elton sollten nicht unbedingt weiterlesen.

Den Boulevard Big Bang lieferte die BILD wie berichtet bereits einen Tag vor dem Finale:

„BILD-Experte“ Mark Pittelkau langte in seinem Kommentar „Letzter mit Ansage“ richtig zu: „Nerviges Pop-Geträller, ein stampfender Kneipen-Rocksong, austauschbare Jammer-Balladen und eine im Bier-Rausch sicher lustige Festzeltnummer bildeten eine Parade des Grauens. Ein einziger musikalischer Matsch, der in den Ohren wehtut, statt Herz und Seele zu berühren.“

Nach der Show arbeitete BILD sich darüber hinaus am tatsächlich nicht ausreichend erläuterten Wertungsystem ab: „Diese Abstimmung hat keiner verstanden.“ Witzig sind die Tweets, die BILD zum Thema gesammelt hat, hier ein Beispiel:

Zielgruppenkompatibel war BILD selbstverständlich auch die von Linda Zervakis ins Gespräch gebrachte „Riesenpimmel“-Bühne einen eigenen Beitrag wert. Das gescriptete Eröffnungs-Gag sollte lockermachen, wurde dann aber zum Eigentor. Wie man den Fremdschäm-Spruch „Wir stehen auf einem Riesenpimmel!“ dann auch noch bei Eurovision.de einem überflüssigen Beitrag „Die coolsten Sprüche aus ULfL“ zuordnen kann, bleibt das Geheimnis der Absender. Denn leider ist die Moderation der maßgebliche Ansatzpunkt zur Kritik einer insgesamt kurzweiligen VE-Show. Und der beste (sicher nicht geprobte) Spruch: It´s so international. I´m totally crazy.“ wurde dann auch noch vergessen.

SPON schickte zur ULfL-Bewertung einmal mehr Anja Rützel ins Rennen, die sich alljährlich über das Dschungelcamp echauffieren darf und auch schon mehrfach an der Helene Fischer Show unappetitlich abgearbeitet hat. Anja rezensiert gewohnt substanzarm, pseudowitzig, eitel und inhaltlich fehlerhaft, das geht schon in der Headline ihres Beitrags „Michael Schulte soll den Letztplatzschmach verhindern“ los. Ihre Basisbotschaft ist, dass es das neue Votingverfahren nicht braucht:

„(Ausgewählt wurde…) dieses Mal, um eine erneute Letztplatzschmach zu verhindern, mithilfe irgendwie modern und nach zumindest mittel-big Data klingenden Algorithmen, und wenn die zur Auswahl stehenden sechs Lieder dann tatsächlich das Beste waren, was eine megamathematische Analysemaschine am Ende ausspuckt, kann man dafür beim nächsten Mal auch wieder getrost einfach die eigenen Wurstfinger nehmen.“

Den Rützel-SPON-Beitrag zu lesen, lohnt sich in allererste Linie, um die verschiedenen sachlichen Fehler darin zu entdecken. Frau Rützel hat schon mehrfach nachgewiesen, dass ihr Kulturwissen-Basics fehlen, was bei DER SPIEGEL egal zu sein scheint. Das Fehleraufspüren in ihren Ergüssen ist ein wenig so wie früher in der HÖRZU, die zwei vermeintlich identische Bilder veröffentlichte, die sich in wenigen versteckten Details optisch voneinander unterschieden, die es aufzuspüren galt.

Auch Hans Hoff nörgelt (beim ihm schon fast notorisch) in der Süddeutschen Zeitung ganz überwiegend (nur weniger kurzweilig als Anja Rützel), hat aber immerhin ein paar warme Worte zu Michael Schulte parat. Auszüge seiner Rezension „Deutsches La-La-Land„:

„Seit Jahren ist der ESC aus deutscher Sicht ein Trauerspiel. Es wird stets mühsam jemand erkoren, der dann im Finale ganz am Schluss landet. Das könnte man ändern. Entweder durch radikale Konzentration aufs Künstlerische. Oder eben auf öffentlich-rechtliche Art: indem man alle Abläufe, von der Teilnehmerauswahl bis zu ihrer Bewertung und der Auswahl der Bewertenden, so weit verkompliziert, bis niemand mehr versteht, worum es eigentlich geht. Am Ende jubelt man laut, damit auch jeder mitbekommt, dass der Berg gekreißt hat.

Leider hat er nur eine Maus geboren. Sie heißt Michael Schulte und ist zu bedauern. Auf seinen schmalen Schultern trägt der 27 Jahre alte Sänger nun das jahrelange nationale Scheitern nach Lissabon. Das ist einerseits eine Last, andererseits kann es aber auch eine Chance für den sympathischen Hamburger Lockenkopf sein, denn am äußersten westlichen Rand des Eurovisionsgebiets gibt es mit seiner netten, aber nicht wirklich nachhaltigen Powerballade „You let me walk alone“ nichts zu verlieren. Das kann Michael Schulte möglicherweise nutzen. Um es klar zu sagen: Unter den sechs Kandidaten im Vorentscheid war der als Youtuber bekannt gewordene Schulte eindeutig die beste Wahl.“

An der Show selbst fand Hans Hoff kaum Gefallen:

„Die Show präsentierte sich als gleichmäßiger Strom von Harmlosigkeiten, der mal zur peinlichen Seite (voXXclub) mäanderte, mal ein bisschen sympathische Spleenigkeit aufschwappen ließ (Ryk), meist aber im lauwarmen Mainstream dahintrieb. Aufgestaut wurde der Fluss zwischendrin kurz von Linda Zervakis und Elton, die versuchten, durch hölzerne Moderationen die Sangesleistungen aufzuwerten. Die Inszenierungsideen pendelten zwischen unfreiwillig lustig (Balletttänzerin auf dem Flügel) und abgegriffen (brennendes Haus bei – genau: „House On Fire“). All das sorgte für einen Nebel aus Trübnis, aus dem Michael Schulte wie ein Retter heraustreten konnte.“

Auch Imre Grimm attestiert dem ULfL in der Hannoverschen Allgemeinen „erstaunliche Durchschnittlichkeit“, findet aber wohlwollende Worte für Michael:

„Insgesamt war das deutsche ESC-Aufgebot 2018 dann doch von erstaunlicher Durchschnittlichkeit – nach all dem Zinnober um mathematische Erfolgsformeln, Geschmacksfragebögen, 100 internationale Experten. Sechs Brot-und-Butter-Songs waren zu hören. (…) Kann sich Deutschland mit dieser Nummer in Lissabon hören lassen? Selbstverständlich. Kann Deutschland mit dieser Nummer in Lissabon vorne landen? Nun ja.

(…) Der ganze große deutsche Name ist seit Jahren nicht im Rennen. Aber Prominenz – das zeigt die ESC-Historie – ist ohnehin nicht zwingend ein Erfolgsgarantie. (…) Glaubwürdigkeit, Zeitgeistnähe und Originalität sind wichtiger.

Und glaubwürdig ist Schulte. Und zeitgeistnah sind haarreiche junge Männer mit Gefühl derzeit allemal. Ob sein Liebeslied freilich originell genug ist, in 180 Sekunden einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, beantworten 120 Millionen Europäer am 12. Mai.“

Peter Phillip Schmitt in der FAZ hält den ULfL Siegertitel für „nicht mehr als eine hübsche Ballade„, und hielt einen anderen Song der den wahren Gewinner:

„Noch einer stand auf der Bühne: Mike Singer. Außer Konkurrenz, sonst wäre der Abend vielleicht ganz anders ausgegangen. Denn der Achtzehnjährige ist ein Superstar, vorläufig vor allem in Deutschland und fast ausschließlich in den sozialen Medien. Er hat 1,4 Millionen Follower auf Instagram. Am Donnerstagabend sang er Deja Vu von seinem Album Deja Vu. Das war kein ESC-Moment, aber es waren die vielleicht besten drei Minuten des Abends. (…) Mike Singer hätte ja auch zur Goldenen Kamera gehen können, tat er aber nicht, sagte Elton. Wer will denn auch schon zur Goldenen Kamera, fügte er noch hinzu.

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Mancher könnte sich im Nachhinein geärgert haben, dass er sich den Vorentscheid in der ARD und nicht die Übertragung der Verleihung der Goldenen Kamera im ZDF angesehen hat.“

Mike Singer eine Stunde vor der Liveshow im PRINZ Blog Exklusivshooting in Berlin, photographiert von Volker Renner

Denn Grund dafür, das einige Zuschauer von ULfL zur Goldenen Kamera im ZDF gewechselt haben könnten, macht die FAZ an der Moderation fest:

„Doch der deutsche Vorentscheid war eine eher provinzielle Abendshow mit zwei Moderatoren, die noch nicht einmal ihre schlechten Witze fehlerfrei von ihren Karten ablesen konnten. Was kann man aber auch erwarten von zwei  „Moderatoren“, die nicht moderieren können, weil sie damit überhaupt keine Erfahrung haben. Die eine ist Nachrichtensprecherin (Linda Zervakis), sollte also zumindest vom Blatt ablesen können, der andere (Elton) war mal Praktikant bei Stefan Raab, was offenbar für eine Karriere im Fernsehen ausreicht.“

Während die FAZ Analyse des Siegertitel definitiv zu oberflächlich ist, wird es in DIE WELT richtig schräg-pathetisch-philosophisch, aber wir zitieren die Rezension „Sind wir nicht alle ein bisschen Michael Schulte“ von Holger Kreitling dennoch etwas ausführlicher, denn immerhin kommt die Königin darin vor:

„Der wahre Grund für die Sangesmisere, die seit Jahren nun wiederkehrt, ist ein anderer. Wir haben die Sängerinnen und Sänger, die Deutschland repräsentieren. Wir sind keine Pop-Nation. Wir sind auch keine Unterhaltungskünstler. Wir tun uns verdammt schwer mit Leichtigkeit. Wir wollen weder anrühren noch mitreißen.

Wir sind nicht heißblütig oder leidenschaftlich, selbst wenn wir uns bemühen. Wir sind eher introvertiert als offen, wir schließen lieber die Hemdkragen, statt uns die Knopfleiste aufzureißen, noch dazu in aller Öffentlichkeit. Wir stehen wie die glücklose Ann Sophie mit dem Rücken zum Publikum oder legen uns wie die glücklose Levina gleich auf den Boden. (…)

Deutschland ist protestantisch geprägt, wir gehen nur ungern aus uns heraus. Wir mögen Genügsamkeit statt emotionale Verschwendung. Wir verehren Demutshaltungen. Wir wollen uns anstrengen und wollen, dass man das sieht. Wir sind super im Biathlon und Rodeln, da geht es um Selbstbeherrschung und Technik, es ist Ingenieurssport. (…)

Der größte deutsche Popstar momentan stammt aus Russland. Helene Fischer singt alles in allem schreckliche Lieder darüber, wie es sein könnte, wenn wir uns nur einmal im Leben trauen würden, wenn wir losließen, uns treiben ließen, zum Kern des Wesens vorstoßen könnten wie einst die Romantiker es sehnten. Alle Fischer-Texte erzählen von Gefühlshemmung und selbst verschuldeter Unterdrückung. Wenn das die Quintessenz deutscher Unterhaltung ist, dann wird es verständlich schwer, beim ESC andere Länder von uns zu überzeugen.

Alte Pop-Weisheiten sagen: Konsens ist Gift. Bloß keine Kopien. Das Besondere sticht, das Eigene, egal wie schrill, es muss glaubwürdig im Exzess sein, und sei es eine Frau mit Bart. Das führt zu Michael Schulte und „You Let Me Walk Alone“ zurück. Das Lied ist okay, es klingt halt wie viele. Ist es mitreißend, beeindruckend, irgendwie besonders und deshalb erinnernswert? Hm. Wir wollen gemocht werden, nicht anecken. So sind wir. Und die anderen machen Popmusik.“

Ein bissel weniger Superlativ hätte auch gereicht, aber Volker Kreitling hat zumindest eine klare Botschaft, während FOCUS es sich leichter macht, auf eine eigene Meinungsbildung verzichtet und einen „ESC-Experten“ zu Wort kommen läßt. Und zwar den Sprach- und Kulturwissenschaftlicher (und Eurovision.de Autoren) Dr. Irving Wolther, der sich bei Twitter @Dr_Eurovision nennt und jüngst auch bei uns zu Wort kam.

FOCUS-Drama-Style wird das eigentlich unspektakuläre Interview speziell bei youtube auf die klickgeile Headline „ESC Experte kritisiert den deutschen Vorentscheid: Über weite Strecken unterirdisch“ zugespitzt.

Dabei bezog sich diese Unterirdisch-Aussage exklusiv auf die Moderation:

„Ich war eigentlich ganz zuversichtlich, als ich gehört habe, dass Linda Zervakis neben Elton moderiert. Ich hatte sie schon bei der Lesung ihres neuen Buchs gesehen und fand sie da ganz humorvoll, aber das gestern war über weite Strecken unterirdisch. Also, ich bin schon kein großer Fan von Barbara Schöneberger, aber da habe ich schon hin und wieder Sehnsucht nach ihr verspürt. Ich verstehe, dass man als Nachrichtensprecherin andere Facetten zeigen möchte, aber Frau Zervakis ist kein Stand-up-Comedian, definitiv nicht. Man sollte solche aufgeschriebenen Witze vielleicht vorher mal auf ihre Tauglichkeit prüfen und nicht unbedarft in die Gegend pusten. (…) Diese Geschichte mit der Bühne, die so aussieht wie ein „Riesenpimmel“ – als ernst zu nehmender Künstler möchte ich nicht in einer Show auftreten, die so eröffnet wird.“

Zum Siegersong findet Irving gemäßigtere Worte:

„(Michael Schulte) singt eine sehr massenkompatible Ballade mit einem ansprechenden Thema, das viele sehr berührt hat. Um mich herum wurde beim Vorentscheid im Saal geschnieft und geschneuzt. Das ist schon mal ein Pluspunkt. (…) Beim Hören im Saal dachte ich, Top Ten kann drin sein. Aber es gibt eben eine große Balladen-Konkurrenz in diesem Jahr. Sagen wir: Es wird besser als letztes Mal.“

 

Die entscheidende Schlußfolgerung fehlt in den A-Medien in Deutschland leider fast vollständig: Wir haben hier einen Siegertitel mit Potential am Start, der sich aufmacht, kommerziell der stärkste seit Elaizas „Is It Right“ zu werden – mit einem maximal sympathischen Interpreten mit Herz UND Verstand UND Empathie für den ESC. Und es ist ein Song, der international in der Bubble und in internationalen Fanforen viel positiver aufgenommen wird als in der Bubble daheim. Q.E.D.

Michael Schulte und sein Songwriterteam (von links) Thomas Stengaard (Co-Autor von „Only Teardrops“), Nina Müller und Nisse Ingwersen.