Unser Lied für Lissabon: So urteilen die Fanmedien

Auch eine ganze Reihe von Vertretern der Fanmedien haben gestern die presseöffentlichen „Unser Lied für Lissabon“-Proben verfolgt. Wir haben einige davon nach ihren ganz persönlichen Eindrücken und nach ihrem Ergebnistipp gefragt. Hier sind die Antworten.

Chris von esckaz.com

Ich bin positiv überrascht, ich bin mit niedrigeren Erwartungen hier angekommen. Musikalisch gesehen – sowohl was die Künstler als auch was die Songs betrifft – braucht sich Deutschland nicht hinter den Schweden und ihrem Top Five Dauerabo zu verstecken. Hier gibt es viel Potential. Was jetzt noch besser werden kann, ist die Zusammenarbeit zwischen Regie, Kamera und Bühnenchoreographen. Dafür braucht es Strukturen und eine gewisse Beständigkeit über Jahre, um einen Standard zu entwickeln wie ihn das Melodifestivalen hat. Es wäre schon, wenn Deutschland dieses Jahr ein gutes Ergebnis erzielt, weil man dann mit diesem neuen Format weiterarbeiten kann – einschließlich des Standortwechsels von Köln nach Berlin. Dazu gehört auch die Integration weiterer neuer kreativer Leute und Ideen. Hier gibt es noch viel zu sehen, das man schon irgendwo anders gesehen hat.

Mein ganz persönlicher Favorit ist Natia Todua. Das Alternative, Quirlige und Schräge, was sie hat, spricht mich persönlich sehr an. Um ein gutes Resultat in Lissabon zu erzielen, wäre Natia aber nicht unbedingt die beste Wahl.

Im Hinblick auf ein gute Platzierung sehe ich zuerst Michael Schulte, weil ich in seinem Song die kommerzielle, relevante Musik, nach der die internationalen Jurys beim ESC suchen, deutlich erkenne. Da passt sehr viel zusammen, ein moderner Song mit Alleinstellungsmerkmalen, ein Künstler mit Credibility und dem gewissen Extra, das der Auftritt hat.

Dr. Irving Wolther, Autor bei Eurovision.de

Irving Wolter

Auf der Bühne machen alle sechs Künstler eine gute Figur, auch die Abwesenheit von LED-Wänden ist sehr geschickt gelöst worden. Das wird eine richtig schöne Show. Es gab in den vergangenen Jahren, in denen wir ein breites Spektrum an verschiedenen Titeln beim Vorentscheid hatten, durchaus auffälligere Performances, ich denke da zum Beispiel an Laing, wo ich bis heute traurig bin, dass sie es nicht geschafft haben. Aber im Vergleich zum Vorjahr verspricht die Show eine deutliche Steigerung, wir sind auf einem guten Weg.

Mein persönlicher Favorit ist Xavier Darcy. Meine Hoffnung hat sich bestätigt, dass er auf der Bühne eine tolle positive Energie verbreitet. Auch der Song gefällt mir ausgesprochen gut, obwohl ich ihn nicht auf Platz 1 sehe. Ich denke nicht, dass er von allen wertenden „Parteien“ nicht genügend Punkte bekommen wird, um die Fahrkarte nach Lissabon zu lösen gut. Aber für mich persönlich ist es mein „Leib und Magen Beitrag“.

Die Performance von Michael Schulte war ausgesprochen berührend. Er wird sehr gute Chancen haben, uns in Lissabon zu vertreten. Ursprünglich hatte ich bei voXXclub die Erwartung, dass sie es packen, nach der Performance heute bin ich verunsichert, weil ich mir noch mehr Stimmung auf der Bühne vorgestellt habe. Da wird es noch von der Regie abhängen, in welcher Reihenfolge die Songs präsentiert werden. voXXclub und Michael Schulte mit seinem Vater-Sohn-Thema haben beim TV-Publikum die besten Chancen. Der ansprechende Auftritt von Michael Schulte könnte auch beim Eurovisionspanel weit vorne landen, schließlich waren sie an der Songauswahl beteiligt. Die internationale Jury ist schwerer einzuschätzen. Das Bayern-Klischee ist ja das prägende positive Klischee, was es von Deutschland im Ausland gibt, das spricht für voXXclub. Auf der anderen Seite ist der Song musikalisch nicht anspruchsvoll. Am Ende wird es Michael Schulte machen, denke ich.

Reinhard Ehret, OGAE Germany
(moderiert auch die legendären OGAE-Clubtreffen)

Reinhard Ehret OGAE

Ich bin nach den Proben über die starken Stimmen überrascht. Für Natia war die allererste Probe möglicherweise ein wenig früh und Ryk müssen wir die Daumen drücken, dass seine Stimme am Finaltag wieder da ist.

Von den Inszenierungen heute bin ich im Vergleich zu den stimmstarken Künstlern nicht ganz so begeistert. Die Bühne ist ganz schön, aber das Licht und die gesamte Stimmung wirken ein bisschen kühl und auch ein bisschen schlicht. Da hätte ich mir mehr Emotionen erwartet und erhofft.

Bevor wir beim Vorentscheid auf Nachwuchstalente setzten, da waren wir auf ganz gutem Weg, da fand ich die Inszenierungen und zum Teil auch die Performances deutlich besser, auch weil da etablierte Leute teilgenommen haben. Gegenüber der jüngeren Vergangenheit ist die 2018-Show jedoch eine große Steigerung. Es gibt keinen Ausfall, aber es ist auch kein Lied dabei, wo ich vor Begeisterung in Ohnmacht fallen würde. Da ragt voXXclub heraus, weil das etwas ganz anderes ist. Das ist dann Geschmackssache, ob man es gut findet oder nicht. Ich finde es gut! „I mog Di so“ hat mir am besten gefallen. Wobei ich Fan bin – und damit befangen.

Wenn ich also voXXclub ausklammere, ist Michael Schulte eine ganz großartige Nummer. Er und sein Lied zusammen sind eine starke Kombination. Es ist auch ganz schön inszeniert, es ist der emotionalste Auftritt, der gut arrangiert ist, wenn es auch an einigen Stellen – möglicherweise aufgrund der knappen Zeit – noch ein wenig improvisiert ausschaut.

Wenn ich nur einen Anruf tätigen dürfte, würde ich für voXXclub anrufen. Ich glaube, voXXclub wird ganz klar das Publikumsvoting gewinnen, bei den beiden Jurys sehe ich einen Zweikampf zwischen Michael Schulte und voXXclub. Das wird eng.

Michael Vollmer, escYOUnited

Michael Vollmer

Die ersten vier Proben-Acts waren für mich die, die herausragten. Die Songs von Ryk und Xavier brachten für mich nicht so viel neue Impulse. Bei den Inszenierung fehlen mir für ein tolles Bühnenprogramm, für eine abwechselungsreiche TV-Show Ecken und Kanten. Am stärksten herausragen tun diesbezüglich voXXclub, die sich stark von der Singer/Songwriter-Richtung der anderen Lieder unterscheiden. Mein persönlicher Favorit ist allerdings Ivy Quainoo. Die Studioaufnahme an sich hat mich zunächst nicht vollständig überzeugt, aber das Gesamtpaket bei der Probe – ihre Performance, ihre Bewegungen, ihre Stimme und die Inszenierung mit dem Feuer – das hat einwandfrei gepasst.

Michael Schulte wird wohl gewinnen. Ganz spontan hat mich seine allererste Probe an Roman Lob erinnert, der bekanntlich beim ESC sehr gut abgeschnitten hat, gerade im Vergleich zu den letzten Jahren. Ich glaube, Michael Schulte wird beim deutschen Publikum gut ankommen, es kommt Emotion rüber und die Lyrics sind sehr persönlich – das wird sowohl bei den TV-Zuschauern wie auch bei den Jurys gut abschneiden.

Martin Schmidtner, Vorwärts ESC Blog „Euro-Visionen“

Martin Vorwärts ESC Blog Eurovisionen

Meine Eindrücke vom Probentag sind extrem durchwachsen. Von den ersten beiden Proben von Natia und voXXclub war ich sehr enttäuscht. Ton- und Stimmqualität haben meine Erwartungen nicht erfüllt, aber das mag an den frühen Morgenstunden gelegen haben. Ryk kann ich letztendlich nicht beurteilen, weil er aus gesundheitlichen Gründen heute nicht gesungen hat.

Insgesamt ist das Aufgebot sehr gut, das wird ein unterhaltsamer Abend. Die Performances und Inszenierungen sind sehr unterschiedlich – und das ist gut. voXXclub habe ich puristisch wahrgenommen, aber da sie zu fünft sind füllen sie die Bühne sehr gut aus. Ganz klassisch ESC Style – Dima Bilan reloaded sozusagen – war die sich auf dem Piano drehende Ballerina bei Ryk, das ist schon „over the top“. Sehr schön war das brennende Haus und die Feuershow bei Ivy – wie überhaupt ihr Liveauftritt um Klassen besser als der Song in der Audioversion ist.

Gezögert habe ich bisher mit meinen Worte zu Michael Schulte. (PRINZ Blog: Das Zögern ist begründet. Martins Partner und Michael haben den gleichen Vater, sind also Halbbrüder.) Mein persönlicher Favorit war und ist Michael, natürlich weil ich involviert bin und ihm nur das Allerbeste wünsche. Aber ich traue mich zu sagen, dass er mit heute auch objektiv am besten gefallen hat, die Inszenierung mit dem Fotoalbum ist eine supertolle Idee. Ich hoffe, dass die Kamera diese Inszenierung noch ein wenig ruhiger und sicherer einfangen kann als bisher gesehen. Er liefert ab, und das weiß ich, weil ich ihn kenne. Ich habe noch nicht erlebt, dass er sich „versungen“ hat, seine Stimme ist immer da.

Ich glaube, dass voXXclub die Publikumsabstimmung gewinnen wird. Für den Gesamtsieg kommen voXXclub, Michael und Ivy infrage.

Michael Sonneck, Präsident Eurovision Club Germany

Michael Sonneck ECG

Ich bin positiv gestimmt. Wir hatten selten so ein starkes Angebot wie in diesem Jahr – und gleichzeitig auch so ein unterschiedliches. Ohne Publikum wirkt das Studio logischerweise noch nüchtern, aber das wird in der Liveshow ganz anders sein.

Ich finde, es gibt keinen Totalausfall, was nicht selbstverständlich ist bei deutschen Vorentscheidungen. Ich kann mir jeden Act grundsätzlich auf der ESC-Bühne vorstellen, einige natürlich besser, einige weniger gut. Das ist auch vom persönlichen Geschmack des einzelnen abhängig. Mein ganz persönlicher Favorit ist mit Abstand Michael Schulte. Ich habe selten erlebt, dass mich ein Lied und ein Auftritt emotional so mitgenommen haben. Ich habe wirklich fast die ganze Zeit geheult und schäme mich auch nicht, dies zuzugeben. Der Auftritt hat mich so gepackt, ich empfang das ganz ganz grandios.

Wider Erwarten beeindruckend empfand ich auch Ivy. Mir gefällt auch der Song. Ich finde nicht, dass es ein toll geeigneter ESC-Titel ist, aber mir persönlich gefällt er und ich fand die Performance sehr stark. Sie hat eine Superstimme und die Produktion hat den Song auch sehr gut inszeniert.

Ich hoffe, dass Michael Schulte das deutsche Finale gewinnt. Die Entscheidung wird zwischen Michael Schulte und voXXclub ausgemacht. Ich vermute, dass das Televoting voXXclub bevorzugt und die internationale Jury bei Michael Schulte sein wird. Es wird sehr spannend. Mit beiden Alternativen kann ich gut leben.

Soweit die Stimmen aus der Presselounge im Studio Berlin in Adlershof. Etablierte Medien waren jenseits von Agenturfotografen kaum zugegen, am Vortag bei der Auftakt-Pressekonferenz haben wir allerdings Mark Pittelkau von BILD getroffen, der sich inzwischen auch sehr meinungsstark artikuliert hat:

Mark Pittelkaus Brutalst-Ausführungen („Parade des Grauens“) halten die ARD jedoch nicht davon ab, am Ausstrahlungstag mit einer fetten Anzeige auf dem BILD-Titel (134.800,– Euro brutto) zu seinem Reporterhonorar beizutragen:

Abschließen möchten wir mit einer weiteren Stimme aus der Bubble. Unser Freund William (hier mit Lindita aus Albanien 2017 in Amsterdam) von wiwibloggs hat sich solo mit dem deutschen LineUp befasst und favorisiert ebenfalls Michael Schulte vor Ryk. An den übrigen Acts findet er allerdings wenig Gefallen.

William Lee Adams über die sechs „Unser Lied für Lissabon“ Aspiranten