Unser Song 2018 ff. (3): Die Auswahl des bzw. der Künstler

Künstler und Lied sollten – nicht nur beim Eurovision Song Contest – eine organische Einheit bilden. Daher ist es eigentlich ungünstig, den Auswahlaspekt „Künstler“ separat zu diskutieren. Der NDR hat in diesem Jahr aber dieses Verfahren gewählt, so dass der Gedanke in unserer Reihe, wie die Kür des deutschen Beitrags optimiert werden kann, mit besprochen werden soll.

Die Auswahl der Künstler hängt natürlich eng mit der Auswahl des Liedes zusammen. Meistens zumindest. Denn es gibt mehrere nationale ESC-Vorentscheidc, bei denen das nicht der Fall ist. Meistens wird zunächst der Künstler bestimmt, bevor dann das passende Lied gesucht wird. So wurde z. B. für den Israeli Imri Ziv in diesem Jahr erst im zweiten Schritt aus 80 Songs der passende ausgewählt. Die andere Variante – erst der Song, dann der Künstler – gibt es auch. Meist ist dieses Verfahren aber nicht öffentlich. So sind vom Melodifestivalen Demo-Versionen späterer Beiträge bekannt, die von einem anderen Künstler eingesungen wurden als dem, der sie im Wettbewerb vortrug.

Die natürlichste Variante ist aber sicher, dass sich ein Künstler – ggf. in Absprache mit einem Komponisten oder einem Plattenlabel – mit einem Lied um die Teilnahme beim (deutschen) Vorentscheid bewirbt. Der Künstler muss das Lied in dem Fall nicht erst „zu seinem“ machen – was eben auch danebengehen kann. Das Paket aus Lied und Interpret bleibt in jedem Fall bestehen: beim Vorentscheid und – wenn es sich dort durchsetzen kann – auch beim ESC.

Welches Verfahren der Auswahl des Künstlers bietet sich nun für Deutschland an? Prinzipiell gibt es drei Varianten: 1) Paket aus Künstler und Song. 2) Erst der Künstler, dann der Song. Oder die Sonderform 3) Interne Auswahl.

(1) Paket aus Künstler und Song

In der Vergangenheit war es das immer wieder angewandte Verfahren beim deutschen Vorentscheid. Und es dürfte auch in der Zukunft das Verfahren der Wahl sein. Wie schon bei der (Vor-)Auswahl der Lieder kommt es auch hier darauf an, durchsetzungsstarke Acts zu finden. Entscheidend dabei ist eine musikalische und quantitative Vielfalt, aus denen das Publikum wählen kann.

Wichtig ist darüber hinaus, dass die Acts mit gleichen Mitteln kämpfen. Ein nationaler Künstler, der womöglich seinen Zenit schon überschritten hat, aber immer noch über aktivierbare Fans verfügt, wird sich – gerade bei einer geringen Anzahl von Beiträgen – eher durchsetzen. Allerdings ist nationale Popularität auf internationaler Ebene kein Erfolgsgarant. Gleiches gilt für Casting-Show-Gewächse, die in einem Land kürzlich erfolgreich waren und daher ihre Anhängerschaft ziehen, etwa Jamie-Lee. Diese haben sich oft über Wochen in die Herzen der Fans gearbeitet. Mit der dreiminütigen Bühne beim ESC ist das nicht zu vergleichen und nicht besonders erfolgversprechend– schon gar nicht mit einem mäßigen Song.

Daneben haben die deutschen Zuschauer eine ausgeprägte Vorliebe für David-gegen-Goliath-Geschichten. Elaiza und zum Teil Ann-Sophie profitierten von dieser Verzerrung.

Elaiza-Frontfrau Ela in Kopenhagen im Luftschlangengemenge

Mit anderen Worten: Das Startfeld sollte entweder aus ähnlich (un-)bekannten Aspiranten bestehen oder so groß sein, dass sich Fankreis-, Casting-Show- oder David-gegen-Goliath-Effekte ausgleichen können. Dass das funktioniert, zeigt – wieder einmal – das Beispiel Schweden: Große Stars können hier an Newcomern scheitern. Interessanterweise aber nur gegen Newcomer mit Talent, Potenzial und professionellem Auftritt. Die Svensktoppen-nästa-Kandidaten, denen dieses Back-Up fehlt, scheiterten in den letzten Jahren mit schöner Regelmäßigkeit in der Vorrunde des Melodifestivalen, obwohl sie sich zuvor mit ihrem Lied bei dem wochenlangen Wettbewerb durchgesetzt hatten.

Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass das öffentliche Auswahl- bzw. Abstimmungsverfahren keine zusätzlichen Verzerrungen oder z. B. Negativ-Votings ermöglicht. Dazu im vierten Teil dieser Reihe mehr.

(2) Erst Künstler, dann Song

Wenn sich keine etablierten Künstler finden, die am nationalen Vorentscheid teilnehmen wollen, kommt man an einer Art Casting-Show nicht vorbei. Oder anders: der Vorenscheid wird automatisch dazu, wenn nur No-Names antreten.

Der NDR hat in den letzten Jahren in dieser Hinsicht viel experimentiert. Die Clubkonzerte waren eine Art Vorrunde, bei denen die Kandidaten z. T. auch eigenes Liedmaterial präsentieren durften. Bereits hier konnten die Zuschauer in den Auswahlprozess eingreifen. Beim Vorentscheid 2017 wurde die Vorauswahl der Kandidaten von den neun Experten intern durchgeführt. Sie filterten in einem aufwändigen Prozess fünf Aspiranten heraus, von denen der charismatischste vorab einen Rückzieher machen musste. Diese ursprünglichen Fünf waren so gewählt, dass sie möglichst viele unterschiedliche Alter-Geschlecht-Musikfarbe-Kombinationen bedienten. Verkopfte Vielfalt statt Charisma.

Nicht im TV zu sehen: Wilhelm Richter alias „Sadi“

Bei dieser Arbeit mit den Kandidaten und im Rahmen des langen Auswahlprozesses kann vermutet werden, dass auch nicht mehr nur der erste Eindruck der Experten zählte. Niemand kann sich von Sympathien und Kompromissen freimachen, auch bzw. schon gar nicht in einer anschließenden Expertendiskussionsrunde. Auch wenn man dem Auswahlgremium des NDR Unrecht tun sollte: Bei allem Bemühen um Vielfalt wurde hier – wie auch bei der Liedauswahl – gemainstreamt und womöglich auf Basis von Kriterien eine Auswahl getroffen, die beim ESC keine Rolle spielen.

Besser wäre es gewesen, die Zuschauer früher an der Auswahl der Künstler zu beteiligen. Sie hätten die Final-Teilnehmer nach Talent und Ausstrahlung auf Basis eines maximal dreiminüten Auftritts bestimmen können. Dass das reicht, zeigen die Vorentscheide 2010 (Lena) und 2012 (Roman) – beide sofortige Favoriten der Zuschauer, beide mit Ecken und Kanten. Optimal für die aktivierende Ansprache der 10 bis 15 Prozent, die ausreichen, um beim ESC Punkte zu erhalten. Die dänische Punktefee beim ESC 2012, Louise Wolff, brachte es für Roman auf den Punkt: „10 points to the handsome fellow from Germany“ (in diesem Video bei 34:30).

Was spricht eigentlich gegen zwei oder drei Vorrunden mit jeweils acht oder zehn Kandidaten? Das muss nicht im ersten ARD-Programm stattfinden, sondern ließe sich durchaus mit anderen dritten Programmen in Kooperation machen. Die Shows müssten auch nicht von Barbara Schöneberger moderiert werden. Dauer maximal eine Stunde. Fertig. Stehen dann die Kandidaten fürs Finale fest, wird für sie der passende Titel gesucht. Nicht einer (oder zwei) für alle. Sondern jeweils der passende – wie auch beim dritten Verfahren, der internen Auswahl.

(3) Interne Auswahl

Dieses Verfahren dürfte in Deutschland nach der mäßig erfolgreichen Auswahl von Alex Christensen und Oscar Loya 2009 und dem Naidoo-Gate auf absehbare Zeit verbrannt sein. Gleichzeitig drängt sich hierzulande auch kein etablierter Künstler für dieses Verfahren auf. Wo nimmt z. B. Griechenland alle seine Talente her hat, die dann auch noch beim ESC antreten wollen – wie die intern nominierte Demy in diesem Jahr. Gutaussehend, Raumpensau, Gesangstalent. Warum gibt’s bei uns so wenige davon?

Doch was nutzt das Jammern? Selbst wenn es in Deutschland mehr solcher Künstler gäbe – sie wären unter den aktuellen Vorzeichen wohl kaum bereit, sich beim ESC auf die Bühne zu stellen. Zumal die entscheidende Frage nach einem erfolgreichen Lied bliebe. Denn das müsste ja auch noch gefunden werden.

Wenn überhaupt, wäre es wohl der belgische Ansatz, der genutzt werden könnte: Der NDR müsste einen Castingshowteilnehmer aktiv ansprechen und verpflichten. Dieser müsste nicht nur über Stimme, sondern auch über Charisma verfügen. Könnte er oder sie komponieren wie Loïc Nottet (Aufmacherfoto), müsste z. B. in einem Musiktest geprüft werden, welches der selbstgeschriebenen Lieder stark genug ist, um sich beim ESC durchzusetzen. Hat der Künstler keine eigene Musik, sollte aus einem umfangreichen Pool (z. B. deutscher Kompositionen) ein passendes ausgewählt werden. Auch hier sollte wieder ein Musiktest stattfinden, wie er im Teil 2 der Reihe beschrieben wurde. Passen Künstler und Song, wäre „nur“ noch die Choreographie des Auftritts zu erarbeiten.

Genau diesem Aspekt, also der künstlerischen Gestaltung des Beitrags, widmen wir uns übermorgen.

Bereits in dieser Reihe erschienen:
(1) Gedanken zum deutschen ESC-Vorentscheid
(2) Die Vorauswahl des bzw. der Lieder