Unser Song 2018 ff. (4): Die Choreographie des Beitrags

Erst überließ man es den Künstlern selbst. Dann wurden Kunsthochschulen beauftragt. In diesem Jahr wurde erstmals ein Choreograph engagiert, um den deutschen ESC-Beitrag künstlerisch zu gestalten. Was lässt sich damit erreichen? Und lohnt sich der ganze Aufwand für Deutschland überhaupt, wenn das Ergebnis doch nur wieder mau ausfällt?

Die Rolle der Choreographie und auch ihre Art kann beim ESC ganz unterschiedlich sein. War der Auftritt von Salvador Sobral in Kiew choreographiert oder kann man erst davon sprechen, wenn der Beitrag so aussieht wie z. B. der diesjährige von Artsvik aus Armenien (Aufmacherfoto)? Fest steht, dass ein choreographierter Beitrag einen Song veredeln, bis zu einem gewissen Maß retten, aber im schlimmsten Fall auch ruinieren kann. Was heißt das für Deutschland?

Lange hat sich Deutschland gescheut, auch von Veranstalterseite – also dem NDR – den deutschen Beitrag in professionelle Choreographen-Hände zu legen. Klar wurde geschaut, dass die Kameras alles Wichtige einfangen. Aber erst in diesem Jahr wurde mit Marvin Dietmann ein Fachmann vom NDR angeheuert, der zusammen mit Levina ihren Auftritt gestaltete.

Nun könnte man sagen, dass das angesichts der Platzierung nichts gebracht hätte. Aber eine Choreographie kann nun einmal ein schwaches Lied nur aufwerten, es jedoch nicht an die Spitze bringen. Dazu kommt, dass „Perfect Life“ ein Beitrag ist, der eine deutlich ausgefeiltere und originellere Choreographie benötigt hätte, als wir sie in Kiew gesehen haben. Der erste Kamerashot auf die liegende Levina war nett. Aber kurz vor Levina hatte Zypern im ESC-Finale die gleiche Einstellung genutzt – in einem Auftritt mit deutlich vielfältigeren kreativen Ansätzen. Einzigartige Ideen suchte man vergebens.

Es blieb bei „Perfect Life“ bei einer kleinen Politur, mit der der Auftritt stylisch, aber immer noch „natürlich“ sein sollte. Nun kommt die Ähnlichkeit der Wörter künstlerisch und künstlich nicht von ungefähr (im Übrigen auch in anderen Sprachen). Die deutschen Interpreten scheuen sich aber genau vor dieser künstlichen Kunst. Sie möchten natürlich, glaubhaft und menschlich auftreten. Das kann man nachvollziehen. Große Chancen für einen choreographierten Beitrag, der einen schwachen Song nach oben ziehen kann, bestehen dann allerdings nicht.

Dazu kommt, dass Marvin Dietmann zwar diesen Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Natürlichkeit deutschsprachiger Künstler und der Künstlichkeit beim ESC kennt, ihn aber nicht auflösen kann. Bei seiner Gestaltung des siegreichen Auftritts von Conchita kam ihm ein starker Song, eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ihre Bereitschaft zur Künstlichkeit zu pass. Seine anderen Arbeiten für ESC-Auftritte, also neben Levina die für Nathan Trent oder Natália Kelly, erschöpften sich in einer visuellen Idee, die während der drei Minuten nicht weitererzählt wurde. Zu wenig, um die Schwächen der Songs und womöglich fehlendes Charisma auszugleichen.

Der NDR hat also in diesem Jahr etwas gewagt, ist den Weg aber nicht konsequent genug gegangen. Die Idee, mit visueller Reduktion und vermeintlich stylischer Hochglanzoptik aufzufallen, funktioniert nicht. Um den ESC-Experten Thomas Mohr vom NDR zu zitieren: „Der ESC macht keine Kalligraphie, der ESC zeichnet mit dem dicken Pinsel.“ Das heißt, wenn schon Reduktion, dann so wie bei Lena oder Salvador Sobral. Wenn Choreographie, dann mit einer Idee, die klar erkennbar ist, die mit Titel und Interpret ein stimmiges Paket ergibt und die über drei Minuten trägt. So wie in diesem Jahr der Bulgare Kristian Kostov, dessen Auftritt – wie der von Levina – ebenfalls ausschließlich weiß, grau und schwarz daherkam – aber visuell viel abwechslungsreicher und innovativer war.

Es wäre ein Fehler, nach dem Ergebnis von Kiew den Versuch eines professionellen Choreographen wieder ad acta zu legen. Im Gegenteil! Deutschlands Beiträge brauchen zum einen mehr Choreographie (noch mal: das kann auch die extreme Reduktion sein und wenn es passt auch eine klassische Musikband-Situation) und mehr Mut bei Kreation und Darbietungsdeutlichkeit. Idealerweise beginnt diese Arbeit nicht erst nach dem deutschen Vorentscheid, sondern bereits davor. Alle Beiträge, die beim Vorentscheid zur Abstimmung gestellt werden, sollten vorab komplett durchentwickelt worden sein.

Natürlich kostet das mehr Geld, wobei die Frage ist, ob das allein vom NDR kommen muss. Allerdings sollte auch er ein Interesse daran haben: Je schlüssiger die einzelnen Beiträge und je fertig produzierter ihre Präsentation bereits beim Vorentscheid, desto fundierter können die Zuschauer darüber abstimmen. Gleichzeitig kann der NDR das Interesse an der Show steigern: Wenn die deutsche Beitragskür nicht nur ein Vorsingen in Alltagsklamotten ist, sondern eine abwechslungsreiche Wundertüte mit neuen visuellen und technischen Ideen, kann das das Interesse an der Sendung steigern. Das mag sich nicht im ersten Jahr bemerkbar machen, aber sicher danach. Der deutsche Vorentscheid wäre dann mehr als die technokratische Ermittlung des deutschen Beitrags. Es wäre eine Leistungsschau, wozu die ARD kreativ und showtechnisch in der Lage ist. Eben ein wahres TV-Highlight.

Mit welchem Abstimmungsverfahren dabei Spannung zu erzeugen ist und ein Beitrag ohne Verzerrung zum Sieger erkoren werden kann, wird übermorgen diskutiert.

PS: In anderen Ländern – ja, wieder einmal Schweden – choreografieren nationale Künstler offenbar selbst simple Sommer-Schlager. Magnus Carlsson saß kürzlich mit Sacha Jean-Baptiste zusammen, um sich von ihr für seinen Song „Sommarnatt“ beraten zu lassen. Sacha Jean-Baptiste hat in diesem Jahr allein vier ESC-Beiträge künstlerisch gestaltet: neben Australien, Bulgarien (siehe oben!) und Georgien war dies auch Armenien (und noch einmal: Aufmacherfoto). Wie hätte sie wohl „Perfect Life“ umgesetzt?

 

Bereits in dieser Reihe erschienen:
(1) Gedanken zum deutschen ESC-Vorentscheid
(2) Die Vorauswahl des bzw. der Lieder
(3) Die Auswahl des bzw. der Künstler