Unser Song 2018 ff. (6): Fazit – so kann’s was werden

Unsere Gedanken zum deutschen Vorentscheid sind gesammelt und sortiert. Was können wir daraus schlussfolgern? Welche Ansätze könnten den gewünschten Erfolg bringen, der die Ziele mit der Marke Eurovision Song Contest in Deutschland erreicht? Hier unsere Zusammenfassung – quasi als Management Summary.

In vier inhaltlichen Teilen wurden die verschiedenen Aspekte diskutiert, die relevant für die Kür des deutschen Beitrag zum Eurovision Song Contest sind. Auswahl des Liedes, Auswahl der Künstler, Choreographie bzw. Inszenierung des Beitrags und mögliche Abstimmungsverfahren wurden diskutiert. Vielen Dank an dieser Stelle für die vielfältigen Kommentare und Anmerkungen.

Die verschiedenen Aspekte zusammenführend bieten sich grundsätzlich drei Vorentscheidvarianten an, die unter den gegebenen Umständen möglich und zielführend erscheinen. Ein deutsches Melodifestivalen ist nicht dabei, da es sich derzeit (und womöglich auch auf absehbare Zeit) aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht in Deutschland realisieren lässt.

Alle drei Verfahren erfordern in erster Linie mehr Mut von den Verantwortlichen und die Einsicht, dass es den einen Beitrag nicht gibt, den alle gleichermaßen lieben und favorisieren. Die vorgeschlagenen Verfahren mit Beteiligung der TV-Zuschauer am (Vor-)Auswahlprozess würden zeitlich und womöglich finanziell etwas aufwändiger. Dieses Invest sollte der ARD in der Gesamtheit der Wettbewerb aber wert sein, denn TV-Lagerfeuer-Events im Entertainment-Bereich sind rar. Der Senderverbund tut gut daran, den ESC zu pflegen und zu entwickeln. Dazu gehören bessere Platzierungen auf der Punktewand. Und diese sind erreichbar.

(1) Interne Auswahl

Dass es möglich ist, mit einem internen Auswahlverfahren beim ESC zu reüssieren, haben zuletzt die Belgier und die Niederländer mehrfach eindrucksvoll bewiesen. Richtiges Gespür, Mut und Aufgeschlossenheit für kantige Persönlichkeiten und Beiträge scheinen wesentliche Erfolgsfaktoren. Die Kollegen aus Benelux geben sicher bereitwillig Nachhilfe. Diese scheint notwendig, denn der NDR hat in der Vergangenheit nicht besonders glaubwürdig seine ESC-Musik-Kompetenz vermitteln können.

Dennoch handelt es sich bei der internen Auswahl auch hierzulande durchaus um einen realisierbaren Ansatz, der trotz der dann fehlenden Vorentscheidshow sowohl im Hinblick auf die Zuschauerzahlen beim ESC als auch etwaige Chartsplatzierungen des deutschen Beitrags Chancen bietet. Aufgrund des aktuellen Standings des ESC in Deutschland bietet sich das belgische Modell an, bei dem mit einem Casting-Stern gearbeitet wird. Gerade die zuletzt genutzte personelle Zusammensetzung des Auswahlgremiums vom NDR ist für diesen Prozess aber eine echte Herausforderung.

(2) Klassischer Vorentscheid mit einer Show

Nach all den Versuchen und Modifikationen der letzten Jahre klingt es geradezu langweilig: Aber ein klassischer Vorentscheid mit z. B. zehn Beiträgen ist nach wie vor ein – wenn nicht gar der – geeignete Ansatz, um unter Einbeziehung der TV-Zuschauer den deutschen ESC-Vertreter im Rahmen einer Sendung zu küren.

Wichtig ist dabei zum einen die Vorauswahl der Beiträge. Diese sollte entweder mit einer deutlichen kleineren oder aber – womöglich noch besser – mit einer deutlich größeren Jury als bisher erfolgen (Stichwort Musiktest). Außerdem müssen die Acts auf Augenhöhe und ohne verzerrende Elemente (Castingsternchen, Ex-Top-Künstler) gegeneinander antreten und mit der professionellen Unterstützung von Choreographen bereits vorab inszeniert werden. Ob beim Auswahlverfahren zusätzlich eine internationale Jury eingesetzt wird, ist Geschmackssache. Vermieden werden sollte in jedem Fall ein Superfinale aus zwei Beiträgen, besser wären in diesem Fall drei oder vier.

(3) (Mindestens) Zweiteiliger Vorentscheid mit neuen Talenten

Auch wenn man sich ganz grundsätzlich vom Ziel verabschieden sollte, eine neue Lena finden zu wollen, ist der Castingshow-Ansatz ein gangbarer Weg. Er kann aber nur dann sinnvoll funktionieren, wenn es zwei Show-Ebenen gibt, die zwingend an getrennten Terminen realisiert werden: 1) Auswahl der Finalisten durch die TV-Zuschauer auf Basis des ersten Eindrucks. 2) Präsentation jeweils eines Titels pro Kandidat entsprechend Verfahren 2 (siehe oben), wobei hier statt mit zehn auch mit nur sechs oder acht Bewerbern gearbeitet werden könnte, da die Aspiranten bereits den Gesangs- und Charisma-Test absolviert haben und als Newcomer auf Bekanntheitsaugenhöhe antreten.

 

So, lieber NDR, jetzt sind wir gespannt, welche (vermutlich) vierte Lösung Du uns für 2018 präsentierst – und wie wir damit in Portugal abschneiden werden.

 

Bereits in dieser Reihe erschienen:
(1) Gedanken zum deutschen ESC-Vorentscheid
(2) Die Vorauswahl des bzw. der Lieder
(3) Die Auswahl des bzw. der Künstler
(4) Die Choreographie
(5) Die Abstimmungsverfahren