Unser Song 2018 ff. (2): Die Vorauswahl des bzw. der Lieder

In diesem Jahr haben wir es wieder einmal am eigenen Leib erfahren müssen: Ohne ein durchsetzungsfähiges Lied ist alles andere beim ESC nichts wert. Noch wichtiger als die Auswahl des Songs durch die TV-Zuschauer im Vorentscheid ist die Vorauswahl der Titel für diesen bzw. die Direktnominierung eines Beitrags. Wie lässt sich dieser Prozess erfolgreich(er) gestalten?

So abgedroschen es klingt: Der Eurovision Song Contest ist ein Komponistenwettstreit. Wer schafft es, Zuschauer und Musikexperten – also die internationalen Jurys – in drei Minuten mit seiner Komposition in seinen Bann zu ziehen? Natürlich hängt das auch ganz entscheidend vom Interpreten und dem Auftritt ab. Nur wenige Lieder sind allein so stark, dass fast jeder Künstler mit ihnen beim ESC reüssiert hätte.

Wenn es sich also um einen Komponistenwettstreit handelt, zu dem die Nationen Beiträge schicken, kann man sich zunächst fragen, ob es nicht zumindest dem eigenen Selbstverständnis entsprechend sollte, wenn diese Lieder auch aus einer heimischen Feder stammen. Schweden hätte dann womöglich einen Vorteil wie dopende Athleten im Sport. Zumindest eine so große Nation wie Deutschland mit – laut Ralph Siegel – 30.000 Komponisten sollte da aber doch aus sich heraus genügend Potenzial haben. Und dass internationale Ware kein Heil verspricht, haben wir in den letzten Jahren regelmäßig erfahren. Wenn schon scheitern, dann mit dem, was auf dem eigenen Mist gewachsen ist.

Setzt man also voraus, dass es deutsche Liedschreiber gibt, die international erfolgversprechende Beiträge kreieren können, bleiben zwei Aufgaben: 1. Die deutschen Komponisten müssen ermutigt werden, eigene Werke einzureichen. 2. Aus den Einreichungen müssen die richtigen Lieder herausgefiltert werden. Um es kurz zu machen: 1. Klappt. 2. Klappt nicht.

Der Aufruf zur Teilnahme am Clubkonzert richtete sich 2015 eher an neue Talente als an Komponisten. Klappte auch. 

Man kann darüber streiten, ob die Plattenverlage in der Vergangenheit dem NDR Material angeboten haben, das Aussicht auf Erfolg beim ESC hatte. Aber es gab diese Einreichungen: Lieder, geschrieben von deutschen Komponisten. Und auch die Aufrufe, Songs auf einer entsprechenden Online-Plattform hochzuladen, haben gefruchtet. Vieles war dabei. Auch viel Schlimmes. Doch immer wieder auch Perlen.

Wie findet man nun diese Perlen? Wer darf sein Lied beim Vorentscheid vorstellen (lassen)? Die neun Experten, die für den diesjährigen Vorentscheid „Perfect Life“ und „Wildfire“ ausgewählt haben, scheinen zumindest in dieser Konstellation dafür nicht geeignet (drei davon auf dem Aufmacherfoto: Thomas Schreiber (NDR, links), Jörg Grabosch (Raab TV/Brainpool, zweiter von rechts), Carola Conze (NDR, rechts)). Vielleicht lag’s einfach am Briefing (Stichwort: Two-Songs-shall-fit-all). Vielleicht haben die Neun grundsätzlich nicht den richtigen Riecher. Vielleicht war aber auch das restliche Angebot noch weniger geeignet.

Eins steht in jedem Fall steht: Es fehlte Mut. Mut, auf die ausreichenden zehn Prozent des abstimmenden Publikums zu zielen, statt auf die unerreichbaren 50 Prozent. Der Mut, zwei – oder besser: mehrere – wirklich verschiedene Titel und Musikstile auszuwählen. Wenn das wirklich das Problem war, wäre es womöglich mit einem besseren Briefing der Experten durch den NDR getan.

Wenn die Experten aber doch gar nicht die Expertise und das Gespür für Hits haben sollten, dann muss dort angesetzt werden. Ist es überhaupt so sinnvoll, mehr Senior Vice Presidents, Directors und Geschäftsführer in das Gremium zu berufen, als Personen aus Musikredationen bei Radiosendern, TV-Produktionsgesellschaften oder Fachzeitschriften (letztere fehlten komplett)? Das geht ganz sicher praxisnäher.

Möglicherweise sind neun Personen aber auch schlicht zu viel, um mutig agieren zu können und zu wenig, um eine breite Zuschauerschaft zu repräsentieren. In den Niederlanden bestand die Songfestivalcommissie bei der Nominierung von Douwe Bob und seinem „Slow Down“ nur aus vier Personen: Jan Smit (Sänger), Conrald Maas (TV-Moderator), Daniël Dekker (Radio-DJ) en Remco van Leen (TV-Sender-Direktor). Die Wenigen hätten sich im Falle des Scheiterns allerdings nicht hinter anderen Experten verstecken können.

Als 2009 der NDR Alex Christensen und Oscar Loya intern nominierte, waren tatsächlich nur fünf Personen beteiligt: „Guildo Horn (singt bei der Reeperbahn-Pre-Final-Show eine Coverversion von „Moskau“), Heinz Canibol (ein Elder Statesman der Musikindustrie mit Stationen bei gefühlten 1.000 Labels), Sylvia Kollek (ebenfalls aus der Musikbranche, bekanntgeworden als Bohlen-Sidekick in der 2005er DSDS Staffel), Ralf Quibeldey (NDR Kunsthistoriker) und Peter Urban (moderiert den ESC seit 1997 in der Nachfolge des einmaligen 96er Ulf Ansorge Kult-Gigs).“ So richtig erfolgreich war das allerdings auch nicht.

Ein alternativer Gedanke ist, ein Panel aus ganz normalen Menschen bei der Vorauswahl einzusetzen. Um die 30-50 Personen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen bewerten die eingereichten Lieder auf Basis des ersten Eindrucks, ohne dabei ein Video zu sehen. Etwa so wie Musiktests für Radiosender durchgeführt werden. Das kann, muss aber nicht funktionieren, zumal in diesem Fall eine Tendenz zum Mainstream bestehen dürfte. Hier wäre es die Aufgabe der Verantwortlichen dafür zu sorgen, dass in einem zweiten Auswahlschritt für die verschiedenen Musikstile die am besten performenden Lieder ausgewählt werden, die dann beim Vorentscheid antreten.

Die Schweden haben dieses Verfahren mehrere Jahre für ihr Melodifestivalen genutzt. Auch heute ist es noch im Einsatz. Allerdings wird so nur noch die Hälfte der Beiträge bestimmt, die später beim Vorentscheid zu hören sind. Die andere Hälfte nominiert der langjährige Produzent der Show, Christer Björkman, direkt und in Absprache mit Künstlern. Er weiß, wie ESC geht. Stefan Raab hatte dieses Talent zum Teil auch. Aber der will ja nicht mehr.

Ein solches vorgeschaltetes Verfahren ist aufwändig. Aufwändiger vermutlich, als eine interne Diskussion von neun Experten. Ob es das wert ist? Sagen wir mal so: schlechter als bisher kann das Ergebnis nicht werden.

Übermorgen widmen wir uns in dieser Reihe der Auswahl des bzw. der Künstler.

Bereits in dieser Reihe erschienen:
(1) Gedanken zum deutschen ESC-Vorentscheid