Unser Star für Baku – Top oder Flop?

Wie wird das Publikum „Unser Star für Baku“ (USFB) annehmen in einem noch nie dagewesenen Wettbewerbsumfeld (DSDS, Voice, Dschungel, Gottschalk)? Verspricht ein spektakuläres Bühnenbild (siehe Foto) auch eine spektakuläre Show?

Findet das (angeblich) neue Votingsystem „in Echtzeit“ die Akzeptanz, die Herr Raab sich davon erhofft? Und wieviel NDR steckt überhaupt noch in der durch-und-durch Brainpool-gestylten Showserie?

Beim Photocall und auf dem Podium der Auftaktpressekonferenz kamen (anders als bei USFO) die beteiligten Sender und Senderverantwortlichen schon gar nicht mehr vor, stattdessen gab´s Brainpool Total. Nur die Moderatoren Steven G. (Brainpool-meistbeschäftigt) und Super Sweet Sandra (öffentl.-rechtl. Nachwuchs) sowie die dreiköpfige Jury, bestehend aus Thomas D (der neue „Präsident“, persönlich rekrutiert von Stefan Raab), Raab selbst und Alina (Süggerler) von Frida (Gold), saßen vorne. Doch auch das Moderatorenduo blieb nach der Pflicht-Vorstellungsrunde stumm. Fragen gestellt wurden ausschließlich an die Jurymänner und antworten tat dann in erster Linie Raab. Was ein krasser Kontrast ist zu seinem Statement, dass er „nur noch“ als Produzent und Jurymitglied mitwirkt, und letzteres auch nur, weil Thomas D das so wolle.

Was will er auch noch erreichen? Mehr als gewinnen geht nicht. Auf die Frage nach seinem „Rücktritt vom Rücktritt“ betonte Raab, dass er keinen Song für das Finale beisteuern wird und auch nicht Mitglied der deutschen Delegation in Baku sein wird und auch nicht vor Ort sein will. Was ein wenig wundert, weil Brainpool bekanntlich nicht nur USFB produziert sondern von der EBU und dem azerbaidschanischen Fernsehen auch mit der Produktion der drei internationales Shows beauftragt wird. Hat die Präsidentinnengattin Herrn Raab wohlmöglich persönlich kontaktiert?

Noch ein Indikator für die Brainpool-Dominanz war dann diese City-Light-Werbung, die wir auf der Rückfahrt von der PK auf mehreren deutschen Bahnhöfen entdeckten. Gibt es beim Look & Feel von USFB überhaupt noch ARD/NDR-Spurenelemente? Zu sehen ist nix. Aber schön, dass Pro7 gegen das RTL-Marketingfeuerwerk für seine Prime-Time-Shows gegenhält.

Die USFB-Verantwortlichen stehen gleich vor einer zweifachen Herausforderungen. Einmal muß das Format gegenüber zahlreichen anderen U-Shows bestehen, die parallel um eine ähnliche Zielgruppe buhlen, vor allem gegen den (hauseigenen) Überraschungserfolg „The Voice Of Germany“ mit oft deutlich über 5 Mio. Zuschauern und Marktanteilen bis zu 30%. Aber auch die (ebenfalls) televoting-getriebene Dschungelshow mit den genialen Moderationsikonen Sonja und Dirk dürfte Aufmerksamkeit kosten, fehlende Vergleichbarkeit der Formate hin oder her. Die gigantische RTL-Promotionmaschine für „Ich bin ein Star“ wird funktionieren – und das täglich.

Und dann muß USFB auch aufpassen, nicht zu selbstreferentiell zu wirken. Keine noch so winzige Zeitungs- oder Online-Notiz zu USFB kommt ohne den Bezug zu Lena und ihrem Siegeszug aus. Dabei waren die Quoten von USFO in 2010 im Vergleich zum Casting-Wettbewerb schon eher überschaubar:

Folge 1 (5 aus 10/ Pro7): 2,61 Mio. Zuschauer gesamt (8,5% Marktanteil)

Folge 2 (5 aus 10/ Pro7): 2,22 Mio. (7,0%)

Folge 3 (8 aus 5+5/ Pro 7): 2,17 Mio. (6,8%)

Folge 4 (6 aus 8/ Pro 7): 1,88 Mio. (6,0%)

Folge 5 (5 aus 6/ Pro 7): 2,16 Mio. (7,2%)

Folge 6 (4 aus 5/ ARD): 3,01 Mio. (9,7%)

Folge 7 (Halbfinale: 2 aus 4/ Pro7): 2,31 Mio. (7,8%)

Folge 8 (Finale/ ARD): 4,55 Mio. (14,7%)

Das sind also von Thomas D durchaus zu bewältigende Benchmarks, zumal die drei Lena-Shows in 2011 quotentechnisch noch weiter in die Knie gingen (3,31 Mio. beim Finale). Die langen Schatten wirft eher Lenas „I Heart You“ Triumph in Oslo.

Die Notwendigkeit zur Differenzierung ist wohl der maßgebliche Treiber, warum das neue Votingsystem als bahnbrechend inszeniert und sogar als zukünftiges „Vorbild für Bundestagswahlen“ überhöht wird. Inzwischen wissen wir durch mehrere Einträge von Kommentaren auf diesem Blog und bei Jan Feddersen, dass das System bei diversen europäischen VEs bereits im Einsatz kam und keinesfalls spannungsfördernd gewirkt hat. Feddersen selbst kanzelt die Echtzeit-Idee übrigens als „keine gute neue Neuerung“ ab.

Nein, wenn irgendwas dem Format neuen Drive gibt, dann sind´s die Frauen. Da hat uns zum einen das Wiedersehen mit Nicole (also der von Brainpool) gefreut, die uns seit USFO backstage schon dank ihrer weißen Wayfarer beeindruckt hat und die uns beim USFD-Finale als souveräne Orga-Domina fast verängstigt hat.

Dann sind wir ganz gespannt auf Rachel. Das ist der einzige Interpretenname, den Thomas D schon rausgelassen hat. Er berichtete auf der PK, dass der meistgesungene Song im Casting Adeles ROLLING IN THE DEEP war. Aber trotz der damit verbundenen Abnutzungsgefahr habe Rachel (Scharrenberg oder so) diesen Titel einzigartig „zu ihrem ganz persönlichen Song gemacht“.

© NDR/ProSieben/Benedikt Müller

Noch gespannter sind wir Super Sweet Sandra, die in der Nachfolge von Sabine Heinrich fashiontechnisch vor großen Herausforderungen steht. Wir hoffen, dass sie ihre Unverstellheit und Schlagfertigkeit vom Bayerischen Rundfunk in die ARD rüberrettet.

Jetzt schon begeistert sind wir von Alina von Frida. Wir haben eine Close-Up ihrer megafunky Ringe versprochen, hier ist es. Übrigens ganz lässig von ihr selbst aufgenommen, nachdem der Autor dieser Zielen am eigenen iPhone einmal mehr scheiterte.

Wir freuen uns auf USFB. Abschliessend dazu der bemerkenswerteste Satz von Thomas D aus der USFB-Pressekonferenz, der einmal mehr mit dem Nachhaltigkeits-Argument USFB von DSDS abgrenzen wollte: „Hier geht es um Musik, woanders ist Musik Träger eines schönen Gefühls.“ Lieber Thomas D, meinen Sie das wirklich so? Wir hoffen doch sehr, dass unbedingt und vor allem unser Song für Baku Träger nicht nur noch eines sondern ganz vieler schöner Gefühle sein wird. Feel Your Heart Beat.