Unser Star für Kopenhagen 2014 (21): Bosse

Bosse - 2013

Bosse hat es geschafft und sich nach ein paar Undergroundjahren inzwischen fest im deutschen Popfirmament niedergelassen. Sein aktuelles Album „Kraniche“ platzierte sich im Frühjahr in den deutschen Top-10 und seine Single „Schönste Zeit“ ist seit Monaten ein Radiodauerbrenner. Bosse bietet musikalische Eingängigkeit und lyrischen Gehalt. Aber sollte er sich auf die ESC-Bühne stellen? Eine kleine Übungsrunde kann er schon am Donnerstag dieser Woche absolvieren, wenn er zum zweiten Mal beim Bundesvision Song Contest in den Ring steigt.

Axel Bosse wurde am 22. März 1980 geboren, zwei Tage nach Katja Ebsteins Wimpernschlagsieg bei der deutschen Vorentscheidung mit „Theater“. 25 Jahre später veröffentlichte er als Kopf einer Band namens Bosse, aber irgendwie auch als Solokünstler, sein erstes Album mit dem charmanten Titel „Kamikazeherz“. Ein Song daraus – „Kraft“ – schaffte es gleich in die deutschen Singlecharts, wenn auch knapp.

Bosse: Kraft – live im Jahre 2011

Auch wenn Bosse auf der Studioversion des Songs noch deutlich punkig-dreckiger klingt, als bei diesem Liveauftritt, macht er mit dem Lied schon seine musikalische Marschrichtung deutlich, der er bis heute treu geblieben ist: Indiemusik, bei dem sich Mitsingrefrains mit einem originellen Einsatz der deutschen Sprache verehelichen. In seiner musikalischen Evolution hat er sich dabei mehr und mehr vom Rock zum Pop treiben lassen.

Bosse - Initiative Musik
Nach „Kamikazeherz“ gab es in den Jahren 2006 und 2009 zwei weitere Alben, von denen das letztere, „Taxi“, ihn erstmal in die untersten Regionen der Albumcharts hievte. Auf der Platte enthalten ist der Titel „Der Sommer ist noch lang“, den er mit der Band Frida eingespielt hat, die eine kurze Zeit später zu Frida Gold mutierte und uns in dieser Inkarnation ebenfalls vorentscheidungserwägenswert erscheint.

Bosse und Frida ohne Gold: Der Sommer ist noch lang

Und während sich ganz Deutschland (ganz Deutschland?) auf den ESC in Düsseldorf vorbereite, gelang dem trotz 178 cm Größe etwas kompakt wirkenden Musiker der Durchbruch. Sein viertes Album „Wartesaal“ stürmte die deutschen Albumcharts und schaffte es dort bis auf Platz 16. Nahezu gleichzeitig hatte er mit „Weit weg“ seinen bis dato größten Hit:

Bosse: Weit weg – nie war er so radiotauglich wie heute

„Wartesaal“ warf noch einen weiteren Hit ab: eine Neuaufnahme des Songs „Frankfurt oder“, den er auf seinem zweiten Album als Ballade präsentiert hatte. Für die „Wartesaal“-Version drehte er das Tempo mächtig auf und nahm sich Schauspielerin und Silly-Sängerin Anna Loos zur Duettpartnerin. Die Ausbeute: Platz 35 der Charts.

Bosse feat. Anna Loos: Frankfurt oder – mit Schwung durch den Osten der Republik

„Frankfurt oder“ wurde in der Duettversion auch als niedersächsicher Beitrag beim 7. Bundesvision Song Contest im Jahre 2011 vorgestellt. Dieser Wettbewerb wird von den ESC-Fans immer mit einer eigenwilligen Mischung aus Hingabe und Abscheu betachtet. Einerseits gelingt es Showerfinder Stefan Raab und seinem Team immer wieder, eine Mischung aus angesagten und verkaufsträchtigen Stars der deutschen Musikszene mit interessanten oder skurrilen Newcomern zu kombinieren. Gleichzeitig mokieren wir Kenner der Musikwettbewerbsmaterie das etwas lachhaft vorhersehbare Voting, das den dicksten Bauern auch die dicksten Kartoffeln garantiert; sprich: die größten Namen im Feld landen auch immer im vorderen selbigen. 2011 gehörte Bosse eindeutig bereits zur dieser Kategorie und so war die Bronzeplatz am Ende keine Überraschung.

Bosse- Promofoto Wartesaal
Im Frühjahr 2013 ging es dann weiter und Bosse gelang mit seinem neuen Album der nächste Schritt in Richtung Popolymp: „Kraniche“ schaffte den 4. Platz der Albumcharts und die erste Single „Schönste Zeit“ wurde sein erster Top-30-Hit und behauptet sich bereits seit 35 Wochen in den Radiocharts. Das Album zeichnet sich durch immer ausgeklügeltere Arrangements aus, mal zwirbeln ein paar Streicher, mal wird es etwas elektronisch, mal erklingt eine gestopfte Trompete, aber übertrieben wird nichts.

Bosse: Schönste Zeit – Memorien eines 32jährigen

Und nun ist wieder Zeit für den Bundesvision Song Contest. Bosse ist zum zweiten Mal dabei, zwar ohne Anna Loos, aber dafür aber wieder für Niedersachsen und mit noch größeren Chancen. Neben Max Herre und Johannes Oerding, letzterer auch bereits bei uns im Hinblick auf die VE untersucht, ist er der verkaufsträchtigste Act im Line-up und somit einer der Topfavoriten. Außerdem ist sein Song „So oder so“ schon ein kleiner Hit und vor allem mal wieder ein exzellenter Ohrwurm. So könnte er sich mit Ina Müllers Herzbuben, der mit seinem Song ein ähnliches Genre bedient, allerdings wesentlich balladesker, ein spannendes Duell liefern. Bosse hat übrigens versprochen, am Donnerstag auf der Bühne hübsch zu tanzen. Im Video übt er schon mal:

Bosse: So oder so – So geht Street Dance in Berlin

Gute Chancen beim BuViSoCo, aber auch bei einer ESC-Vorentscheidung? Sehr oft haben wir in dieser Serie das Fazit gezogen, dass so manch ein Künstler zwar nicht ungeeignet als Vertreter der deutschen Farben scheint, aber der rechte Song noch nicht in Sicht ist. Bei Bosse sieht es anders aus. Der gebürtige Braunschweiger liefert einen mitreißenden Ohrwurm nach dem anderen. Die Lieder mögen textlastig sein, leben aber auch durch sehr gute Melodien und pfiffige Arrangements. Gerade seine schnellen Nummern strotzen vor Energie und wissen unmittelbar zu gefallen. Es dürfte ihm also ein leichtes sein, mit einem Song aufzuwarten, der nicht nur zwischen Flensburg und München, sondern auch in Kopenhagen, London oder Jerusalem ankommen könnte. In musikalischer Hinsicht besteht also die Chance auf einen Instant Appeal.

Bosse - Der Mann im Duffle Coat
Was ist aber mit der Präsentation? Axel Bosse ist sicher keine Schönheit. Der Sympath von nebenan gibt sich gern casual, trägt T-Shirts, Trainingsjacken und Hoodies, auch mal einen Duffle Coat. Strass, Pailletten oder schrille Farben sind ihm allerdings fremd. Er hat Haare und keine Frisur, manchmal trägt er etwas Bart, manchmal ist er unrasiert. Optik ist scheinbar sekundär, trotzdem sieht er nett aus.

Bosse singt gut und das auch live, ein Stimmwunder ist er allerdings nicht. Zuweilen klingt er ein bisschen gepresst und seine Range ist übersichtlich. Klugerweise sind seine gesanglichen Möglichkeiten seinen Songs angepasst. Ein Pluspunkt für den ESC: Die  kleine S-Schwäche würde hervorragend nach Dänemark passen.

Dortmund Konzert Bosse FZW
Seine Liveauftritte kommen (bisher) ohne Tänzer und Props aus, es ist alles sehr erdig. Gleichzeitig ist er jemand, der auf der Bühne arbeitet wie ein Tier. Die Energie, die seinen Songs innewohnt, setzt er auf der Bühne in Bewegung und Dynamik um, wie dieser Live-Mitschnitt seines Beitrags für den nächsten Donnerstag zeigt:

Bosse: So oder so (live) – Die Wiederentdeckung des Durcaelhasen

Bosse als Teilnehmer der Vorentscheidung wäre ein erfahrener und sehr authentischer Act. Da gibt es nix Experimentelles oder Abgedrehtes, sondern einfach schöne, eingängige Musik ohne großen Schnick-Schnack. (Na ja, vielleicht denken wir da am Donnerstag nach seiner Tanzeinlage etwas anders darüber…)

So etwas muss beim ESC nicht unbedingt baden gehen, vor allem, wenn es mit soviel Leidenschaft präsentiert wird wie bei Bosse. Auch Roman Lob oder ByeAlex haben nicht nur durch Stimme oder Song gepunktet, sondern sicher auch durch ein unaufgeregtes Auftreten, das am Ende zu Top-10-Plätzen beigetragen haben mag. Warum sollte Bosse so etwas nicht auch gelingen können?

Und auch wenn ihm das Ticket für Kopenhagen verwehrt bliebe, ein Auftritt beim Vorentscheid wäre seiner Karriere in Deutschland sicher nicht abträglich und würde ihm vermutlich erneute Chartsfreuden bescheren. Und nach zweimal Bundesvision Song Contest könnte doch auch mal die große Schwester dieses Wettbewerbs zum Zuge kommen, oder?

Bosse: Istanbul – Ein Song mit eurovisionärem Touch

 

In unserer Reihe “Unser Star für Kopenhagen 2014″ sind bisher erschienen:

(1) Helene Fischer
(2) Oceana
(3) LaBrassBanda
(4) Frida Gold
(5) Johannes Oerding
(6) Fabian Buch
(7) Ivy Quainoo
(8) R.I.O.
(9) Stanfour
(10) Cro
(11) Linda Hesse
(12) Leslie Clio
(13) Culcha Candela
(14) VoXXclub
(15) The Toten Crackhuren im Kofferraum
(16) Glasperlenspiel
(17) Matthias Carras
(18) Santiano
(19) Guaia Guaia
(20) Laing

Wir wissen zwar noch nicht, welche der von uns empfohlenen Acts am deutschen Finale in der Lanxess Arena in Köln teilnehmen, aber live dabei zu sein, das lohnt sich auf jeden Fall. Tickets für die ARD-Liveshow „Eurovision Song Contest 2014 – Unser Song für Dänemark“ gibt es für 19,90 Euro, 27,90 Euro und 36,90 Euro inkl. Vorverkaufsgebühr unter unser-song-fuer-daenemark.de. Alternativ haben die beiden deutschen ESC-Fanclubs ECG und OGAE für ihre Mitglieder Ticketkontingente im Fanblock vor der Bühne. Für eine Ticketbestellung über einen der beiden Clubs ist eine Clubmitgliedschaft Voraussetzung. Nähere Informationen findet Ihr auf den Websites von ECG und OGAE.