Abtransportiert und verhört: Was PRINZ-Bloggern in Aserbaidschan widerfuhr

Am 23. Mai wurden PRINZ-Blogger OLiver und Fotograf Volli für mehrere Stunden von der aserbaidschanischen Polizei festgesetzt. Nicht etwa, weil sie eine Veranstaltung der „Sing for Democracy“-Bewegung besucht hatten oder kritisch über das Gastland des ESC berichtet hätten. Sie wurden aus einem ganz anderen, unwahrscheinlich anmutenden Grund festgehalten. Hier die Geschichte eines Missverständnisses, die nachhaltig nachwirkt.

Ich blogge diese Geschichte erst heute, mehr als eine Woche nachdem sie passiert ist, weil wir, die in Baku versammelten PRINZ-Blogger, gemeinsam entschieden hatten, nach diesem (und anderen) Ereignissen, keine unnötige Risiken mehr für die Blogger einzugehen. Nun habe ich als letzter Blogger Aserbaidschan verlassen und der Bericht kann veröffentlicht werden. Ich habe diesen Bericht in der ersten Person ganz bewusst subjektiv und emotional geschrieben und nicht mit der üblichen journalistischen Distanz, weil ich möchte, dass nachvollziehbar wird, wie wir uns gefühlt haben.

Es war Mittwoch nach dem ersten Halbfinale, Fotograf Volli und ich wollen mal etwas anderes sehen. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon mehr als eine Woche in Baku und pendeln meist zwischen Crystal Hall und dem Fountain Square (wo sich unsere Blogger-WG befindet) und dem Euroclub. Der enge Probenplan bis in den Abend hinein macht es zu Beginn der Probenwochen unmöglich, aus Baku herauszukommen, wenn man unseren Anspruch ernst nehmen will, über das Probengeschehen und alles drumherum vollständig zu berichten.

In der zweiten Woche jedoch ist mehr Luft. Ich hatte am Samstag vor Beginn der Proben mit Jan und DJ Ohrmeister bereits einen Ausflug auf die Absheron-Halbinsel unternommen und war dabei in meinem Reiseführer „Aserbaidschan“ (Tescher-Verlag) auf die Stadt Sumgait rund 40 km nördlich von Baku gestoßen. Sumgait, eine 1949 gegründete Sowjetstadt voller Schwerindustrie und Plattenbauten, hatten wir auf unserer Tour leider nicht besucht. Genau das jedoch, ein anderes Bild des Landes fernab der polierten Hochglanzfassaden, interessiert mich sehr. Volli – immer auf der Suche nach interessantem und ungewöhnlichem Material – wird hellhörig, als ich von postapokalyptischen Industriebrachen in Sumgait erzähle.

So steigen wir also nach einer kurzen Nacht um halb 10 Uhr morgens in ein Eurovisionstaxi und fahren für 30 Manat (15 hin und 15 für den Rückweg des Fahrers) über die Autobahn nach Sumgait, wo wir rund 20 Minuten später ankommen. Die Stadt empfängt uns mit ganz anderen Ansichten als die sterile Pracht Bakus. Wir sehen Plattenbauten, engere Straßen und an der Ampel wird das mit dem Eurovisionslogo verzierte London-Taxi unverhohlen von den anderen Autofahrern und Passanten angestarrt.

Der Taxifahrer will uns an der Promenade – Sumgait liegt auf der Nordseite der Absheron Halbinsel am Kaspischen Meer – aussteigen lassen, aber wir wollen vor dem Stadtbummel die Industriebrachen sehen und lotsen ihn, iPhone mit GPS und Stadtplan sei Dank, in die westlichen Außengebiete der Stadt. An der Ausfallstraße nach Quba staunten wir dann nicht schlecht, als riesige, halb verfallene Industrieanlagen, Schornsteine, verrottete Pipelines und ein Gewirr von rostigen Stahlträgern sichtbar werden.

So etwas habe ich in dieser Monstrosität noch nie gesehen. Wir lassen den Fahrer bis fast zum Ende des Industriegebietes fahren und steigen direkt vor einem Hejdar-Alijew-Huldigungsplakat aus. Der Taxifahrer muss uns wohl für verrückt halten und kann sich nicht erklären, was wir hier eigentlich wollen. Die staubige Straße ist abgesehen von einigen Lastwagen und einem Bus kaum befahren, linker Hand in Richtung Quba liegen die toten Industriekombinate, rechter Hand ein Stück Brachland und dann das Meer.

Ich trage eine Fototasche mit einer Kamera und einem Zoom-Objektiv bei mir, Volli hat eine Profi-Kamera, mehrere Filme und ein Stativ dabei. Die Sonne steht hoch am beinahe wolkenlosen Himmel und mir fällt ein, dass wir weder Wasser noch Sonnenmilch dabei haben. Wir gehen zuerst durch das Brachland zum Strand, der reichlich verwahrlost wirkt. Immer wieder liegt Müll verstreut herum, das Wasser ist schmutzig-blaugrau und einige Algen schwappen an den Strand. Schwer vorstellbar, dass hier irgendjemand jemals schwimmen geht.

Volli hat eine verfallene Hütte im Visier, die wir als erstes erkunden. Die Decke und einige Wände sind wohl schon vor vielen Jahren eingestürzt, wir rätseln, welche Funktion hatte das Gebäude – eine Art Umkleide? An den Wänden noch einzelne Kacheln und im Inneren ein Bassin wie ein Tauchbecken. Eine Sauna für die Fabrikarbeiter der Sowjetunion? Volli konzentriert sich auf die Kacheln und interessante Details, während ich die Ruine umrunde und am Strand zwei verlassene Kähne entdecke. Tolle Fotomotive.

Wir schlendern die Küstenlinie entlang, nun Richtung Sumgait, und betrachten die rostigen Industrieanlagen jenseits der Straße in etwa 100 Meter Entfernung. Plötzlich bemerke ich ein Rudel wilde Hunde in etwa 50 Meter Entfernung auf einer Anhöhe. „Denen sollten wir uns besser nicht nähern“, sage ich zu Volli und wir ziehen weiter bis zu Resten einer alten Pipeline und einer Auffahrt, die ins nichts führt. Wie in einem postapokalyptischen Computerspiel.

Wir gehen nun wieder zurück zur Straße und die riesigen Industriekomplexe auf der anderen Seite rücken näher. Jetzt wird auch ein leicht fauliger, schwefelhaltiger Geruch stärker. Ich erzähle Volli, dass ich gelesen habe, dass Sumgait eine der dreckigsten Städte der Sowjetunion war und eine extrem hohe Kindersterblichkeit aufwies, der Reiseführer erwähnt einen eigenen Kinderfriedhof mit den Gräbern der an allerlei Atemwegserkrankungen und Krebs gestorbenen Kinder.

Wir bemerken einige geparkte Autos und zum ersten Mal wird mir bewusst, dass hier wohl doch noch Leute arbeiten und womöglich doch noch etwas produziert wird. Wir erreichen ein Firmentor, das halb aufsteht und total verlassen wirkt. Volli fotografiert irgendein Detail an der Mauer und ich spitze durch das Tor auf das Gelände. Keine Menschen, nichts zu sehen.

Dann sehe ich ein Wachhaus, in dem ein einsamer Wächter sitzt, der mich aber nicht sieht. Zumindest kommt es mir so vor. „Da gehen wir wohl besser nicht rein“, meine ich zu Volli und wir laufen ein paar Schritte weiter, als plötzlich Rufe ertönen. „Welcome to Azerbaijan“ grinst uns ein Wächter freundlich an. Dann bemerkt er das Stativ und die Kamera von Volli und erklärt ihm in Gesten, er dürfe das Werk nicht fotografieren, die rechte Seite der Straße sei tabu, die linke Seite und der Strand seien okay.

Wir bedanken uns und gehen weiter. Wir wollen in die Stadt zurücklaufen. Als wir außer Sichtweite des Wächters sind, weist der Zaun plötzlich Lücken auf und gibt faszinierende Ansichten auf weitere rostige und halb verfallene Anlagen frei. „Da kann doch nichts mehr produziert werden“, denke ich noch. Dann passieren wir eine Brücke, die über einen völlig verdreckten Bach führt. Ich drückte auf den Auslöser meiner Kamera. Kurze Zeit später gehen wir an fünf Frauen vorbei, die auf der linken Seite der Straße einige Olivenbäume beackern (die ganze linke Straßenseite ist offenbar erst vor kurzem mit Olivenbäumen bepflanzt worden, die künstlich bewässert werden).

Volli und ich sind schon durstig und unterhalten uns. Wir sind uns einig, dass die drei Kilometer ins Stadtzentrum wohl doch bei der Mittagshitze zu weit sind, um sie zu Fuß zurückzulegen. Wir wollen zur nächsten Bushaltestelle laufen, denn einem Bus sind wir schon begegnet. Wir sind schon beinahe raus aus dem Industriegebiet, haben vielleicht noch 100 Meter zu laufen bis zu den ersten Häusern von Sumgait, als wir laute Rufe hinter uns hören.

Wir drehen uns um, ein (anderer) Wärter kommt auf uns zugelaufen und fragt aufgeregt etwas, was wir nicht verstehen. Dann geht alles ganz schnell. Ein Auto kommt aus dem Nichts angefahren und mehrere Männer steigen aus. Noch mehr Fahrzeuge kommen angerast und halten, nach 10 Minuten sind wir von einem Dutzend Männer umringt, einige in Uniform, andere in Zivil, und niemand spricht auch nur ein Wort Englisch. Russisch oder Azeri können wir wiederum nicht. Wir verstehen, dass sie unsere Ausweise sehen wollen und kramen unsere Personalausweise heraus. Den Pass mit unserem Visum haben wir ebenso wie unsere ESC-Akkreditierung in der Wohnung gelassen (ein schwerer Fehler!). Volli und ich legen unsere Presseausweise dazu und versuchen zu erklären, wer wir sind und was wir hier machen.

Ohne Erfolg. Während uns einige der Männer bewachen, unterhalten sich andere miteinander. Die Situation ist surreal. Jemand nimmt uns die Dokumente ab, steigt in ein Auto und fährt in Richtung der Fabrik zurück. „Xerox“ sagt einer der zivilen Beamten, offenbar will man unsere Ausweise kopieren. Die Olivenbäuerinnen haben nun ihre Arbeit beendet und gehen auf der anderen Straßenseite an unserem Menschenauflauf vorbei und schauen scheu herüber. Volli bringt ein kleines Winken zustande.

Ich denke zuerst noch, das ist ein Missverständnis, das wir schnell erklären können. Wir haben doch nichts Verbotenes getan, zumal wir ja von dem ersten Wachmann eine freundliche Ermahnung erhalten haben. Doch diese Hoffnung stirbt schnell, als ein weiteres Auto anhält und ein grauhaariger Mann in den 50ern im Anzug ausstieg, uns mit sehr ernster Miene die Hand gibt und uns ebenfalls Fragen stellt, die wir nicht verstehen. Die Minuten verstreichen und es wird klar, dass wir festgehalten werden.

Die Sonne hat nun fast ihren Zenit erreicht und unsere Nerven sind zum Zerreißen gespannt, trotzdem bleiben wir noch relativ ruhig. Wir erhalten unsere Dokumente zurück, aber gehen dürfen wir nicht. Irgendwann fällen die Herren eine Entscheidung und uns wird bedeutet, wir sollen in das Polizeiauto einsteigen. „Warum? Wohin fahren wir? Nach Sumgait?“ frage ich und erhalte ein kurzes Nicken.

Wir steigen ein, vorne zwei Beamte, hinten ich und Volli und seine Kamera. Als das Auto nicht in Richtung Sumgait fährt, sondern in die entgegengesetzte Richtung, aus der Stadt heraus, weiß ich, dass wir in großen Schwierigkeiten sind und auf jeden Fall Hilfe brauchen. Denn hinter den Werken kommt nur noch ein Militärlager, das hatte ich auf der Karte gesehen. Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und wispere Volker zu, dass die anderen unbedingt wissen müssen, wo wir sind. Ich simse eine Nachricht an Co-Blogger Jan: „Sag den anderen noch nichts, wir werden gerade in einem Polizeiauto abtransportiert, wissen nicht wohin.“

Während der Fahrt unterhalten sich der Fahrer und der Beifahrer. Ich öffne vorsichtig meine Fototasche und mache meine Kamera an. Ich weiß nicht, was genau Volli fotografiert hat, aber meine letzten drei Bilder, zwei rostige Schornsteine und der völlig verdreckte Fluss können uns in größte Schwierigkeiten, vielleicht sogar in Haft bringen. Meine Finger zittern, als ich die Kamera einschalte. Auf dem Screen erscheint eine vollbusige Sofi Marinova im rassigen Leopardenoutfit, Bilder von der letzten bulgarischen Probe, die noch auf dem Chip gespeichert waren. Abstruse Gedanken schießen mir durch den Kopf, kann ich mit der Sexbombe aus Sofia die Polizei ablenken? Ich brauche drei Anläufe, um endlich den Löschmodus zu aktivieren und alle Bilder auf dem Chip zu löschen. Damit sind auch die Bilder vom Vorabend (Eurovision Village, Auftritt von Nina Badric) dahin, aber das ist angesichts der Umstände verschmerzbar.

Als ich die Kameratasche wieder zumache, nickt mir Volli zu. „Gut, dass du das gemacht hast.“ Schweißperlen stehen mir auf der Stirn. Jan simst aus Baku: „Sollen wir etwas unternehmen?“. „Noch nicht“, schreibe ich zurück, immer noch in der Hoffnung, dass wir lediglich kurz befragt werden. De facto sind wir aber wohl so gut wie verhaftet, können uns ja nicht mehr frei bewegen. Schließlich biegen wir ab in eine Nebenstraße und fahren in den Innenhof eines Polizeireviers, offenbar das zuständige Revier für die Industriegebiete. Dort stehen schon zwei Dutzend Beamte herum und warten auf uns – die auf frischer Tat ertappten mutmaßlichen Industriespione.

Wir werden in das Innere des Gebäudes geleitet und ich verliere Volker, laufe einem Uniformierten hinterher und bin plötzlich in einem Büro. Keine Spur mehr von unseren Begleitern und Volker. Panisch rufe ich seinen Namen, er ist in einem Nebenraum und ich kann zu ihm. Wir nehmen Platz vor einem Schreibtisch, an dem ein Beamte sitzt und erneut unsere Pässe sehen will.

Wir erklären noch einmal, dass wir Journalisten sind, in Baku über den ESC arbeiten, einen Ausflug nach Sumgait unternommen haben und die Fabrik nicht fotografiert haben, sondern den Strand. Auch hier versteht uns niemand, wir müssen unsere Namen auf ein Stück Papier schreiben und wieder werden uns unsere Ausweise weggenommen. Wir beteuern, dass wir zur deutschen ESC Delegation gehören und in Kürze vom deutschen Botschafter erwartet werden. Das ist nicht gelogen, denn an diesem Mittwoch findet um 15 Uhr der Empfang mit Roman Lob in der deutschen Residenz statt.

Ich bin jetzt wie erstarrt. Volli sucht in seinem Handy nach der Nummer der deutschen Botschaft (die Einladung hatte er glücklichweise gespeichert) und ruft dort an. Ich halte den Atem an, werden sie uns jetzt die Handys wegnehmen? Mittlerweile ist klar, soweit sie uns verstehen, glauben sie uns nicht, dafür sieht Vollis Kamera wohl auch zu ungewöhnlich aus.

Volli erreicht die Botschaft und spricht mit einer Mitarbeiterin. „Wir werden hier festgehalten.“ Sie will wissen, ob wir schon etwas unterschrieben haben. Nein, haben wir nicht, er gibt das Handy an einen der Polizisten, der so aussieht, als hätte er Befehlsgewalt über die zahlreichen anderen (zeitweise sind bis zu 12 Personen in unserem Verhörzimmer).

Der Polizist verlässt mit dem Handy den Raum und ich stehe kurz vor eine Dehydrierung, ich frage den nächstbesten Polizisten nach einem Glas Wasser und erhalte eines. Ob Leitungswasser oder nicht, ist mir egal, ich bin so durstig, dass ich die Hälfte in mich hineinschütte und Volli die andere Hälfte gebe. Nachdem klar ist, dass wir uns auch weiterhin nicht verständigen können und man uns wohl auch nicht glaubt, wird uns bedeutet, man habe einen Übersetzer verständigt.

Das Verhör kommt also erst noch. Nach einer Viertelstunde (ich hatte während dieses Erlebnisses mein Zeitgefühl fast völlig verloren, daher sind das geschätzte Angaben) betritt eine kleine schwarzhaarige Frau in den 50ern das Verhörzimmer. Die Übersetzerin. Ich bin froh, ein nicht uniformiertes menschliches Wesen zu sehen und begrüße sie. Sie spricht Deutsch, ist Deutschlehrerin aus Sumgait und ist mißtrauisch.

Dann kommen die Fragen. Was wir auf der Straße zu suchen gehabt hätten? Warum wir das Werk betreten hätten. Was wir fotografiert hätten. Wo sind die Bilder? Volli erklärt mit Engelsgeduld, dass wir das Werk zu keinem Zeitpunkt betreten haben, erzählt die Episode mit dem freundlichen Wächter („Welcome to Azerbaijan“) und erklärt dann, dass es keine Bilder gibt, weil er mit der Kamera auf Film fotografiert und die Bilder erst entwickelt werden müssen. Das scheint niemand zu verstehen, auch als er eine Filmdose zur Verdeutlichung hervorholt. Volli erklärt weiter, dass er den Film aus der Kamera nehmen könne, aber dann seien alle Bilder zerstört.

Mir werden Fragen gestellt wie „Warum sind Sie in Sumgait? Warum gehen Sie ausgerechnet an dieser Stelle an den Strand? Was wissen Sie über Sumgait?“ Mir ist klar, dass ich jetzt tunlichst nicht die Armenier-Pogrome von 1988 erwähnen sollte (das erste, was mir zur Stadt einfällt!), die eine Schlüsselrolle im bis heute andauernden armenisch-aserbaidschanischen Konflikt spielten. Ich zeige der Lehrerin meinen Reiseführer „Aserbaidschan“ aus dem Trescher-Verlag, die Seite über Sumgait und den Abschnitt über das „fotogene Labyrinth von rostigen Pipelines und Schornsteinen“. Nirgendwo im Abschnitt über Sumgait eine Warnung, dass man nicht fotografieren dürfe, auch nirgendwo an der Straße oder am Werkstor.

Sie liest und spricht mit den Polizisten. Sie glauben uns immer noch nicht und wollen die Bilder sehen. Aber nur die von Volli, meine Fototasche hängt mir die ganze Zeit unbemerkt über der Schulter. Volli erklärt erneut, wie seine Kamera funktioniert und zieht dann den Film heraus. Jetzt sind die Bilder zerstört. Obwohl er gefragt hat, ob er es tun soll, sind die Polizisten nicht erbaut. Wir diskutieren, aber kommen nicht weiter.

Ich werde gefragt, ob ich wüsste, was in der Fabrik, die wir fotografiert hätten, produziert wird. Ich sage: Ich habe keine Ahnung, dass dort überhaupt noch etwas hergestellt wird. Offenbar geht es um Kunststoffe, und mit den Arbeitsbedingungen steht es wohl nicht gerade zum Besten. Das schließe ich aus den von der Lehrerin übersetzten Fragen, warum ich keine Genehmigung der zuständigen Stellen eingeholt habe, wenn mich die „Arbeitsbedingungen“ dort interessierten.

Es bleibt beklemmend, ich fühle mich wie in einem Kafka-Roman und sehe uns schon die Nacht auf der Polizeiwache verbringen. Doch dann erhält Volli sein Handy zurück, offenbar hat die Botschaft (obwohl uns dort ja keiner kennt) unsere Geschichte in irgendeiner Form bestätigt. Die Lehrerin stellt nun ein paar persönlichere Fragen und erzählt etwas von sich. Wir erfahren, dass der grauhaarige Mann der Fabrikdirektor ist, dessen erste Frau in Mannheim lebt und das Ludwigshafen die Partnerstadt von Sumgait ist. Und das Wasser, das wir getrunken haben, kommt aus den Bergen von Zaqatala. Aha.

Volli ist zuletzt deutlich ruhiger geworden. Ich weiß nicht, woher ich Kraft und Nerven nehme, aber es gelingt mir in den Plaudermodus zu schalten und über die Sehenswürdigkeiten Aserbidschans im allgemeinen und die Sumgaits im besonderen zu sprechen. Ich frage die Lehrerin, ob denn aserbaidschanische Kinder gern Deutsch lernen und plötzlich ist so etwas wie ein menschelnder Ton im Raum.

Fragen zu unserer Verhaftung gibt es keine mehr, die Polizisten scheinen auf irgendetwas zu warten. Ich frage die Lehrerin: Dürfen wir jetzt gehen? Sie sagt etwas, was mir das Blut gefrieren lässt und der schlimmste Moment dieses ganzen Erlebnisses werden wird. „Nein, es wird eine Organisation kommen und die wird ihnen Fragen stellen.“ Welche Organisation denn – eine weitere Polizeibehörde?, frage ich noch, obwohl mir die Antwort schon dämmert. „Ich weiß nicht recht, ich bin doch nur eine kleine Lehrerin“, weicht die Übersetzerin aus. Wir sehen uns also noch einem weiteren mysteriösen Verhör ausgesetzt.

Volli und ich schauen uns an, es ist ein Trost, dass wir nicht alleine sind, er hat sein Handy wieder. Plötzlich ruft ein besorgter Blogger aus Baku an, die Kollegen hatten nun schon länger keine SMS mehr bekommen und sind in allergrößter Sorge. Dann betritt „die Organisation“ den Raum. Ein unscheinbarer Mann Ende 30, weißes Hemd, graue Bundfaltenhose, kleiner Bauch, volles Gesicht, kalte Augen, er schaut uns kaum an, setzt sich neben die Übersetzer auf einen Stuhl zu meiner Linken. Ich spüre, wie die Polizisten Respekt vor dem Mann haben, Volli beendet das Telefonat („Ich muss jetzt aufhören“), wieder sind zehn Personen im Raum.

Und dann kommen die ganzen Fragen noch einmal, man wirft Volli jetzt offenbar vor, er habe Beweismaterial (nämlich die Fotos) mutwillig gelöscht. Wir erklären, versuchen ruhig zu bleiben, verweisen erneut auf unseren (bescheuerten) Reiseführer und unterstreichen, dass wir dringend demnächst in der deutschen Botschaft erwartet werden zu einem Empfang. Das Telefonat sollte unsere Glaubwürdigkeit da doch untermauern. Es fallen Sätze wie, wir müssten ja verstehen, die Polizei hier würde nur ihre Arbeit machen, die Umstände seien eben sehr verdächtig und „man muss alles tun, um die Freiheit zu schützen.“ Außerdem würde man in jedem Land so verfahren. „Ich kenne keines“, sagt Volker.

Kein Azeri käme offenbar auf die Idee, diese (öffentlich zugängliche) Straße entlang zu spazieren und dabei auch noch eine (schwere) Kameraausrüstung mitzuschleppen. Ich begreife, dass wir jetzt wohl überm Berg sind, der Geheimdienstmann uns (wohl auch dank der Hilfe der Lehrerin) als harmlos einstuft und dann fällt endlich der Satz „Man wird sie freilassen.“

Es gibt noch einige Rückzugsgefechte. Jetzt erhalten wir eine Entschuldigung, aber wir müssten ja einsehen, in jedem anderen Land wäre es ebenso, dass man sensible Industrieanlagen nicht fotografieren dürfe, und auch da würde man befragt werden. Überall sei das so. Wir hätten uns eben eine Genehmigung besorgen müssen (die natürlich nie erteilt worden wäre).

Wir stimmen zu, renitente Widerworte sind jetzt nicht angebracht, wir wollen unsere Freiheit zurück. Dann lädt uns der Fabrikdirektor zum Essen ein und bietet uns an, uns Sumgait zu zeigen. Volli schüttelt den Kopf und will sofort zurück nach Baku, ich erkläre, dass wir gerne mit ihm Essen würden, aber leider nun nach dem mehrstündigen Intermezzo keine Zeit mehr haben für die Stadt und wirklich dringend zur deutschen Botschaft nach Baku müssen.

Der Direktor besteht darauf, dass ich mir seine Telefonnummer notiere und mich bei Gelegenheit melde (wenn wir wieder nach Sumgait kommen). Wir werden aus dem Polizeigebäude geführt und von den Polizisten verabschiedet (an den Geheimdienstmann habe ich keine Erinnerung mehr, er scheint sich in Luft aufgelöst zu haben) und fragen nach, wie wir zu einem Taxistand kommen. Der Fabrikdirektor bietet uns freundlich an, uns in seinem Wagen hinzubringen und die Lehrerin kommt auch mit.

Während der Fahrt unterhalten wir uns und die Lehrerin erzählt, dass es einen ähnlichen Fall gegeben habe, ein Brite, dessen Kamera nach der Festnahme vor dem Werk „plötzlich kaputt“ gewesen sei. Daher seien die Polizisten so misstrauisch gewesen, weil wir keine Aufnahmen vorlegen konnten. Ich kann immer noch nicht fassen, dass keiner der zwei Dutzend Beamten meine Kamera bemerkt hat und schweige zu diesem Thema.

Stattdessen erzähle ich, dass wir 30 Manat für die Taxifahrt am Morgen bezahlt haben. Beide Azeris sind empört, das sei viel zu viel. Ob wir die Nummer des Fahrers hätten, sie könnten ihn zur Rechenschaft ziehen lassen und dann würden wir Geld wiederbekommen. Mir fehlen die Worte und ich schüttele nur den Kopf. Denunziant möchte ich, nachdem ich mehrere Stunden als mutmaßlicher Industriespion behandelt wurde, nicht auch noch werden.

Wir halten in Sumgait, der Direktor sucht uns ein Taxi aus und verhandelt den Preis. 10 Manat. Wir verabschieden uns freundlich, insbesondere der kleinen Lehrerin haben wir viel zu verdanken. Als wir im Taxi sitzen, schauen Volli und ich uns an und können nicht glauben, dass wir diesem Alptraum entronnen sind. Wir rufen die Blogger in Baku an und teilen ihnen mit, dass wir frei sind und auf dem Rückweg.

In Baku behauptet der Taxifahrer, die Hauptachse sei wegen Eurovision gesperrt (offenbar sagt man dies den auswärtigen Taxifahrern), er müsse uns woanders rauslassen. Wir laufen 10 Minuten durch die Altstadt und erreichen den Fountain Square, wo unsere WG liegt. Die Blogger sind gerade dabei, die Wohnung zu verlassen, um rechtzeitig zum Empfang in der deutschen Residenz zu kommen. Sie haben aber auf uns gewartet. Wir werden fest umarmt. Ein Kollege kämpft sogar mit den Tränen, als er uns sieht.

Später erfahre ich, welche Ängste die Freunde um uns ausgestanden haben. Der Blog wurde, während wir in Polizeigewahrsam waren, vorsorglich von allen politischen Artikeln auf der Themenbühne gesäubert. Gerade an diesem Morgen war unser Aufmacher ein an und für sich harmloser Artikel von Armen, der allerdings mit der armenischen Flagge posiert. Am Nachmittag wurde dann alles wieder in den Ursprungszustand versetzt.

Volli wechselt schnell seine Kamera und begleitet die Kollegen zur Residenz. Ich merke plötzlich, dass mir schwindlig ist, und sage: geht ohne mich, ich brauche jetzt Zeit für mich. Nach fünf Minuten bin ich allein in der Wohnung, ich öffne den Kühlschrank, hole eine Flasche Cola heraus und kann sie beinahe nicht öffnen, weil meine Hände so zittern.

Nach einer Viertelstunde, in der ich versuche, das Geschehene irgendwie zu verarbeiten, ist mir klar, dass ich doch nicht allein sein sollte. Die vollgepackte deutsche Botschaft und die verständlicherweise neugierigen Fragen der Kollegen ertrage ich jetzt aber auch nicht. Ich packe meinen Rucksack, springe auf die Straße, halte ein ESC-Taxi an und fahre ins Pressezentrum. Ich schlüpfe wieder in die vertraute ESC-Bubble, komme rechtzeitig zur Pressekonferenz der EBU, begrüße ein paar alte Bekannte und stelle eine Frage zu Armenien, die Jan Ola Sand kurz und knapp beantwortet.

Bald sind meine Kollegen vor Ort, ich lache über Witzchen, wir fachsimpeln, alles ist eigentlich wie vorher, aber etwas hat sich doch verändert. Und zwar nachhaltig. Bis zur letzten Minute meines Aserbaidschan-Aufenthaltes werde ich ein beklemmendes Gefühl nicht mehr los, es folgt mir auf Schritt und Tritt und springt mich immer wieder plötzlich an, ein Gefühl, das Stefan Niggemeier sehr schön mit „Mulm“ umschrieben hat.

Ich zucke zusammen, als eine unbekannte Frau klingelt und in unsere Wohnung möchte, ich suche abends nach versteckten Kameras im Badezimmer. Volli und ich erstarren am folgenden Tag, als bei einem weiteren (diesmal organisierten) Ausflug zu den Schlammvulkanen ein Polizist ernst auf Vollis Kamera deutet. Dabei ist bei den Höhlenmalereien nur Filmen verboten, Fotos sind erlaubt. Als ich im Juryfinale neben einer emotionslosen „Icelady“, die ich dem Geheimdienst zurechne, sitzen muss, kann ich den Abend nicht mehr genießen. Zum Finale gehe ich nicht mehr in die Halle.

Die Blogger beschließen gemeinsam, da Volli und ich nun bei der aserbaidschanischen Polizei aktenkundig geworden sind, diese Episode vorerst nicht zu bloggen, zumindest solange nicht, bis jeder Blogger das Land verlassen hat. Es gibt weitere Vorfälle, etwa die Geschichte um Douze Points, der ein armenisches Lied im Euroclub gespielt hat und daraufhin wenig subtil bedroht wurde, oder eine andere Geschichte im Zusammenhang mit den Hacker-Angriffen. Im Interesse unser aller Nervenkostüme wollen wir in den letzten Tagen „den Ball flach halten.“

Mittlerweile, mehr als eine Woche später, bin ich mit Douze Points in Tiflis, Georgien. Wir schauen uns noch mehr vom Kaukasus an und wollen auch noch nach Armenien fahren. Wir haben Baku am Sonntagabend mit dem Nachtzug verlassen, waren in Ganja und Göygöl (Helenendorf). Als 20 Kilometer vor der aserbaidschanisch-georgischen Grenze ein uniformierter Beamter in unser Sammeltaxi (Marschrutka) einstieg, war der Mulm wieder voll da.

Kurz zuvor hatten wir erfahren, dass ein norwegischer Journalist bei der Ausreise drangsaliert und „humiliated“ wurde (auf Deutsch zuerst gelesen bei Vorwärts). Sein Verbrechen: Er hatte als iranische Borat-Kopie satirische Filmchen über Aserbaidschan und den ESC gedreht. Was würde uns am Ende noch drohen? Doch der mutmaßliche Industriespion und der DJ, der azerische Volunteers zu armenischer Musik zum Tanzen brachte, durften ungehindert ausreisen. Volli hatte das Land schon per Flieger am Sonntag nach dem Finale verlassen. Die fünf Bilder, die in diesem Blogbeitrag stehen und die die Trostlosigkeit des Ortes wiedergeben, hatte er in einer ersten Filmdose retten können.

Im Rückblick waren wir vielleicht etwas naiv und viel zu unvorsichtig, haben zu sehr auf unseren Reiseführer vertraut und unsere Umgebung nicht richtig gescannt, die Situation in Sumgait nicht richtig eingeschätzt. Und wir hätten selbstverständlich unsere Akkreditierungen dabeihaben müssen. Ich möchte betonen, wir waren in Polizeigewahrsam keinerlei körperlichen Repression ausgesetzt, bekamen etwas zu trinken und wurden auch nicht angeschrien. Wir wurden zwar mehrere Stunden festgehalten und verhört, wurden aber nicht getrennt und durften unsere Handys behalten. Ich bin sicher, die Begriffe „Eurovision“ und „deutsche Botschaft“ haben uns geschützt und uns nahezu unbeschadet davonkommen lassen.

Im Nachhinein bin ich verblüfft, wie schnell wir in diese Situation gerieten, wie viele Sicherheitskräfte (drei Dutzend?) während dieser Stunden sich in irgendeiner Form mit uns beschäftigt haben und auch, wie sich die Situation wieder aufgelöst hat, nachdem „die Organisation“ sich persönlich von unserer Harmlosigkeit überzeugt hat.

Ich möchte mir nicht vorstellen, was anderen Bürgern dieses Landes passiert, wenn sie (warum auch immer) in Polizeigewahrsam landen. Ich fühle mit den Aktivisten von „Sing for democracy“, deren Auftaktveranstaltung ich als einer der wenigen ESC-Delegierten besucht habe. „Eine andere Organisation wird kommen“ endet wohl längst nicht immer so glimpflich wie in unserem Fall.

Ich habe diesen Blogeintrag (mit Abstand der längste auf dem ganzen Blog) bewusst ausführlich, subjektiv und emotional geschrieben, damit unsere Leser nicht nur die Fakten nachvollziehen können, sondern auch, wie wir uns gefühlt haben. Abschließend möchte ich unterstreichen, dass wir Blogger alle viel Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen in Aserbaidschan erfahren haben. Ich bin froh, dort gewesen zu sein. Dennoch werde ich wohl vorerst nicht wiederkommen. Nach der Veröffentlichung dieser Geschichte wäre das wohl auch nicht ratsam.