Wenn der Sänger zum Lippenbeweger mutiert

Das Melodifestivalen hat in diesem Jahr bisher neue Einschaltrekorde aufgestellt. Das wird SVT erfreuen. Zugleich aber ist 2012 die Richtung, die das Festival schon früher eingeschlagen hat, besonders stark zu erkennen – wirklichen Eurovisions-Fans sollte das weniger schmecken. Ein warnender Zwischenruf.

2009 gewann Malena Ernman das Melodifestivalen, unterstützt von ein paar knackigen Tänzern. Die mussten indes zuhause bleiben, als Frau Ernman nach Moskau fuhr. Denn dort, beim Eurovision Song Contest, durfte der Backgroundchor nicht – wie beim MF – vom Band kommen, die Sänger mussten mit auf der Bühne stehen.

2011 wiederholte sich das Problem. Eric Saade wurde beim Melodifestivalen tatkräftig unterstützt, das Halbplayback lieferte nicht nur die Musik, sondern auch Backgroundstimmen. Zeitweise hatte man den Eindruck, mehr Background als Eric zu hören. (Extremer war es noch 2010: Bei „Manboy“ kam der Schlussschrei vom Band…

… und Eric öffnete, geduscht, nur weit den Mund und tat so, als schreie er in das Fake-Mikro.)

Im Mai 2011 reiste Eric als Melodifestivalen-Sieger mit „Popular“ nach Düsseldorf – und brauchte plötzlich weitere Sänger auf der Bühne. Die Zahl der Tänzer wurde entsprechend reduziert. Und doch hörte sich der Gesang beim ESC dünner an als beim schwedischen Vorentscheid (vergleicht die beiden Auftritte: hier das Mello-Finale, hier das ESC-Finale).

Und nun also das Melodifestivalen 2012. Hier fragte man sich zeitweise, ob überhaupt noch live gesungen wird. Die, die wirklich sangen (und dann auch mal ein wenig schief), wurden gleich aussortiert, etwa Maria BenHajji, die in der ersten Minute ihrer Ballade „I mina drömmar“ teils mit den Tönen kämpfte. Wer aber vor allem singen ließ und sich lieber auf seine Show konzentrierte, wurde belohnt.

Am stärksten gewann man diesen Eindruck am vergangenen Samstag bei Danny Saucedo. Die ersten 40 Sekunden von „Amazing“ muss er noch allein, ohne gesangliche Hilfe, bewältigen und man hört dabei, wie seine Livestimme teils wackelt – doch sobald die Beats (und die LED-Lichtshow der Anzüge) einsetzen, wird der Gesang schlagartig besser, und bisweilen hört man von Danny kaum noch etwas.

Das Phänomen ist nicht auf Danny beschränkt. Loreen singt den Refrain von „Euphoria“ kaum selbst, die Backgroundstimmen sind stärker als sie. Das belegt auch die Karaoke Version des Liedes, die auf der jetzt erschienenen Single zu finden ist. Der Refrain klingt in der Karaoke Version nahezu so gesungen wie im Original-Stück. Ähnlich ist das auch beim Refrain von „Just A Little Bit“ (Love Generation) zu beobachten, ebenso bei Youngblood oder bei Charlotte Perrelli während des Refrains von „The Girl“, oder bei David Lindgren im Refrain von „Shout It Out“.

Der Trend zum Singenlassen ist beim Melodifestivalen also stark verbreitet – und dem Zuschauer zuhause, der sich gut unterhalten fühlt, fällt es womöglich nicht einmal auf, ob da ein Künstler live singt oder fast nur noch seine Lippen stumm bewegt. Doch das Festival läuft damit in eine gefährliche Richtung.

Vordergründig ist es – wie oben beschrieben – für Gewinner des Melodifestivalen schwierig, wenn sie beim Eurovision Song Contest stimmlich plötzlich mehr gefordert sind bzw. die schwedische Delegation sich etwas einfallen lassen muss, den Backgroundchor vom Band zu ersetzen. Denn der ist beim Grand Prix nicht zugelassen. Das dürfte auch Danny treffen, falls es am 10. März im Stockholmer Globen gewinnen sollte.

Doch dahinter verbirgt sich auch eine ernsthafte Gefahr für den Eurovision Song Contest. SVT, insbesondere Melodifestivalen-Kopf Christer Björkman, könnte sich als Speerspitze für eine weitere Änderung des ESC-Reglements (nach Abschaffung des Orchesters und der Pflicht zum Text in Landessprache) begreifen: die Abschaffung – oder zumindest deutliche Abschwächung – des Livegesangs beim Eurovision Song Contest.

Das sollte bei echten Grand-Prix-Fans für Unbehagen sorgen. Schließlich lebte der Wettbewerb immer vom Live-Vortrag. Sollte der ESC zum Vollplayback-Festival mutieren, würde ihm ein wesentliches Element genommen. Deshalb kann man nur hoffen, dass die Macher des Melodifestivalen nicht an Einfluss beim ESC gewinnen und versuchen, ihre Mello-Konzepte dort durchzusetzen. Es wäre zum Schaden des Wettbewerbs.