Vom Privat-TV in die ARD – Die deutsche ESC Jury 2016

Die deutsche ESC-Jury 2016: Sarah Connor, Anna Loos, Namika sowie Alec Völkel und Sascha Vollmer (The BossHoss)

Der Mai naht und es ist wieder mal soweit: 42 europäische Länder trommeln ihre ESC-Jurys zusammen.  Die deutsche Truppe ist jetzt auch vollzählig und besteht aus einer illustren Gesellschaft von Sängern und Sängerinnen, die aktuell im TV und in den Charts durchaus Gesicht zeigen. Xavier Naidoo ist allerdings nicht dabei.

Die Jurys werden in 2016 stärker als jemals zuvor in der breiten TV-Öffentlichkeit Beachtung finden, denn mit den exklusiven Jurywertungen startet erstmals die veränderte Punktevergabe. Diese Neuerung rückt die Verantwortlichen für die ersten zwölf Punkte aus jedem abstimmenden Land in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Umso spannender ist es, wer diese große Verantwortung für 50 Prozent des deutschen Votings übernimmt.

Wir haben es an anderer Stelle schon festgestellt: der Einfluss von Casting-Shows auf den ESC, allen voran „The Voice“, ist nicht zu stoppen. Viele Länder verlassen sich in Stockholm auf Castingpflanzen und -pflänzchen. Aber bei „The Voice“ und ähnlichen Formaten gibt es ja nicht nur Sieger und Teilnehmer, die auf der ESC-Bühne ihr Land vertreten dürfen, sondern auch Juroren in rauen Mengen. In Deutschland dürfen drei davon jetzt auch noch auf dem ESC-Jurystuhl Platz nehmen.

Aber noch mehr Personal aus Unterhaltungsshows aus dem Privatfernsehen haben ihren Weg ins Wertungsteam gefunden: Sendungen, bei denen Lieder bewertet, Sängerinnen und Sänger ausgesiebt oder Lieder getauscht werden, scheinen inzwischen eine Art Aufnahmeprüfung für die ESC-Jury zu sein. Und so ist der Raab’sche Alternativwettbewerb zum ESC, der „Bundesvision Song Contest“,  ebenso vertreten wie „Sing meinen Song“,  das Format, das jetzt schon im dritten Jahr von (Achtung!) Xavier Naidoo angeführt wird.

Wen haben wir im Einzelnen?

Namika

Namika

Namika ist im Moment noch so etwas wie ein One-Hit-Wonder. Im letzten Jahr dominierte sie wochenlang die deutschen Charts mit ihrem freundlichen Popsong „Lieblingsmensch“.

Während der Song noch hoch in den Charts stand, sang sie beim Bundesvision Song Contest den Titel „Hellwach“ , und wurde damit Siebte. Den Erfolg ihres Erstlings konnte sie damit allerdings nicht wiederholen, der Titel schaffte es vermutlich dank der TV-Sendung für eine Woche in die Charts und erreichte Platz 62. Ihre dritte Single, „Kompliziert“ erschien im Februar und dümpelt ebenfalls noch ein wenig vor sich hin (Bisher Platz 60 in den Charts). Immerhin erarbeitete sie sich mit der BuViSoCo-Teilnahme Festivalerfahrung, was ein Grund sein könnte, ihr einen Sitz in der deutschen Jury anzubieten.

Sarah Connor Talkshow

Sarah Connor

Auch Sarah Connor hätte gut und gern schon vor zehn Jahren für Deutschland ins ESC-Rennen gehen können, Fans haben sie zumindest immer mal wieder in die Diskussion eingebracht.

Nach ein paar Überfliegerjahren mit soliden englischsprachigen Popsongs und großen Hits, allen voran „From Sarah with love“, ging ihrer Karriere Mitte der 2000er ein wenig die Puste aus. Vielleicht hatte sie keine brauchbaren Songs mehr, vielleicht waren die 12jährigen Mädchen, die ihr während dieser Hoch-Zeit zu Füßen gelegen hatten, einfach zu alt geworden oder vielleicht war es dann doch eine Reality-Kitsch-Show mit Mark Terenzi zuviel – von ihrem legendären Wetten-dass-Auftritt 2002 konnte sie nicht ewig zehren – sie wollte es wahrscheinlich auch nicht.

Als ihre Platten nicht mehr so richtig liefen, wurde sie für mehrere Staffeln Coach und Jurymitglied bei „The X-Factor“. Die dritte Staffel brachte immerhin das Folkpärchen Mrs. Greenbird hervor, das 2015 am deutschen Vorentscheid teilnahm.

2014 gelang Sarah Connor ein überraschender Karriereneustart. Sie war Teilnehmerin der ersten Staffel von „Sing meinen Song“. Gerüchten zufolge war sie nur die zweite Wahl, aber das mag man gar nicht glauben, wenn man betrachtet, wie sehr sie die Show für sich nutzte.

Sarah sang dort zum ersten Mal in deutscher Sprache (nein, zum zweiten Mal, das erste Mal war das hier, aber Schwamm drüber) und brachte daraufhin im Frühjahr 2015 ihr erstes Album in ihrer Muttersprache heraus. Mit starker Unterstützung von Peter Plate (mit Rosenstolz 1998 VE-Vize), der nach einigen Songs auf dem 2013er Album der blonden Helene jetzt auch Sarah Connor bergeweise moderne deutsche Popsongs auf den Leib schrieb, in denen individuelles gesangliches Können mit musikalischer Originalität und Texten für Menschen in den besten Jahren kombiniert werden.

Die Zeit, in der sie sich „sexy as hell“ geben musste und Lieder mit merkwürdigen Titeln wie etwa „From Zero to Hero“ intonierte, scheinen vorbei. „Muttersprache“ ist ihr bis heute größter Erfolg, eines der meistverkauftesten Alben des letzten Jahres und Grundlage einer Megatournee, die immer noch andauert.

Ob Sarah jetzt noch Lust auf eine aktive ESC-Teilnahme hätte, ist ungewiss, die Zeit dazu wird ihr im Moment sicher fehlen. Aber ein paar Tage mit Jurysitzungen sind erfreulicherweise drin. Und sie bringt eine gewisse ESC-Coaching-Erfahrung mit. In der zweiten Folge von „Unser Star für Oslo“ in 2010 „assistierte“ sie neben Peter Maffay dem „Präsidenten“ der (stimmrechtslosen) Jury Stefan Raab, was nicht überall gut ankam.

 

Alec Völkel und Sascha Vollmer

Alec Völkel firmiert in seinem Künstlerleben unter dem Namen Boss Burns und ist einer der siamesischen Zwillinge der Fun-Country-Band The BossHoss, die sich seit etwa 10 Jahren stetig steigender Beliebtheit in den deutschen Wohnstuben und Partykellern erfreut. Sein BossHoss-Sparringspartner Sascha Vollmer nennt sich auch Hoss Power. Wie sonst auch immer, treten sie auch in der deutschen Jury gemeinsam auf, was dort nicht unbedingt der Meinungsvielfalt förderlich ist.

Die Cowboys sind vor allem mit ihren Alben erfolgreich und können in diesem Segment bereits auf 6 Top-10-Platzierungen zurückblicken. The BossHoss konzentrierten sich anfangs eher auf Coverversionen, im Laufe der Jahre kamen aber immer mehr Eigenkompositionen dazu. Ihren bisher größten Singlehit hatten sie 2011, „Don’t gimme that“ errang damals Platz 8 der Charts.

Im Showuniversum des Privatfernsehens tauchten sie erstmals 2011/12 auf. The BossHoss waren Jurymitglieder der ersten Stunde bei der deutschen Ausgabe von „The Voice“ und stellten auch die erste Siegerin, Ivy Quainoo, die in den letzten Jahren auch immer wieder als VE-Teilnehmerin gehandelt wurde. Ivy kam bis jetzt noch nicht dazu, aber war immerhin die „Originalinterpretin“ von Ann Sophies „Black Smoke“. Nach dem Sieg von Andreas Kümmert bei der dritten Staffel Ende 2013 lehnten die Cowboys das Angebot für eine vierte Staffel ab. Der Popularität der Band tat das keinen Abbruch. Ihr letztes Album „Dos Bros“ ist mit Platz 1 in den deutschen und österreichischen Charts das bisher erfolgreichste in der zehnjährigen Bandgeschichte.

The Boss Hoss feat. The Common Linnets CD Cover

Darauf enthalten ist auch der Titel „Jolene“, den The BossHoss gemeinsam mit The Common Linnets singen. Die ESC-Silbermedailliengewinner von 2014 öffneten ihnen vermutlich auch die Tür für den Pausenauftritt beim diesjährigen deutschen Vorentscheid. „Jolene“ hielt sich daraufhin wochenlang in den mittleren Regionen der Charts und brachte beiden Bands einen hübschen Erfolg.

Aber das ist noch nicht alles. Alec und Sascha sind so ESC-affin wie niemand anderer aus der deutschen Jury. Im vergangenen Jahr waren sie im Jury Panel beim österreichischen Vorentscheid und quasi mitverantwortlich, dass The MakeMakes zum Act der Alpenrepublik für den Heim-ESC auserkoren wurden. Und auch Zoë  haben sie dort schon kennen gelernt. Als Mitglied der deutschen Jury dürfen beide das Madel in diesem Jahr schon wieder bewerten – aber auf internationaler Ebene.

Eurovision Song ContestDie ESC Coaches der vier Shows „Wer singt für Österreich?“ im Jahre 2015: Nazar, Anna F und The BossHoss (Alec Völkel und Sascha Vollmer)

The BossHoss sind im Moment Teilnehmer der dritten Staffel von „Sing meinen Song“ und sitzen dort einträchtig mit dem Geschmähten in Südafrika in der Sitzgruppe und tauschen Lieder. Warten wir es ab, vielleicht singen sie ja nächstes Jahr auch auf Deutsch.

 Jan Josef Liefers und Anna Loos haben geheiratet

Anna Loos

Das fünfte Jurymitglied ist Anna Loos, Gattin von Jan Josef Liefers. Das ist schön, aber für sich genommen noch keine Leistung. Anna glänzt allerdings seit Jahren durch viele Talente. Als Schauspielerin überzeugte sie in vielen öffentlich-rechtlichen Charakterrollen und brillierte vor allem im Quotenrenner „Weißensee“. Gleichzeitig ist sie seit einigen Jahren Mitglied der legendären DDR-Gruppe Silly und ersetzte dort die 1996 verstorbene Sängerin Tamara Danz. Nachdem sie einige Jahre lang „Bataillon d’amour“ gesungen hatte, nahm die Gruppe mit Anna ein neues Album auf. „Alles rot“ verkaufte sich blendend, ebenso wie das Nachfolgealbum „Kopf an Kopf“. Beide Platten kamen in die Top 3 der deutschen Charts. Mit dem Titelsong des ersten Albums belegten Silly 2010 für Sachsen-Anhalt den 2. Platz bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest.

Angefixt von diesem Erfolg war Anna ein Jahr später wieder dabei und sang – diesmal für Niedersachsen – gemeinsam mit Bosse und dem sehr unniedersächsischen Song „Frankfurt/Oder“ Diesmal gab es Bronze. (Warum saß Bosse eigentlich noch nie in der ESC-Jury? Passt doch auch!)

Und nun warten wir gespannt darauf, was die vielseitige Anna Loos zur europäischen Musikvielfalt zu sagen hat.

 

Die deutsche ESC-Jury 2016: Sarah Connor, Anna Loos, Namika sowie Alec Völkel und Sascha Vollmer (The BossHoss)

Die Zusammensetzung der deutschen Jury erinnert tendenziell an die der letzten Jahre: aktuelle Topinterpreten aus deutschen Landen, die hier und da ESC-Bezüge aufweisen, aber bislang noch nicht aktiv in die ESC-Welt eingestiegen sind (und das vermutlich auch nicht tun werden).

Erstaunlich ist es wirklich, dass sich alle, ebenfalls wie die Damen und Herren des letzten Jahres, auf der Spielwiese der Privatfernsehunterhaltung vergnügt haben, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Die Fünf liefern möglicherweise einen Anhaltspunkt dafür, dass die Zielgruppe des ESC in Analogie zu diesen Fernsehsendungen gesehen wird: die 30- und 40-somethings schauen nicht nur „The Voice“, den „BuViSoCo“ und „Sing my song“, sondern auch den ESC. So wird unser Lieblingswettbewerb zu einer ARD-Ehrennadel im Tummelfeld der netten TV-Spielereien, durch die musikalische Karrieren angekurbelt, aufrecht erhalten oder wiederbelebt werden und das zum Teil sogar nachhaltig.

Auch vor dem Hintergrund, dass die Jurymitglieder – wie von uns bereits spekuliert – in der Reeperbahnshow vor und nach dem Finale singen werden, macht die Zusammensetzung Sinn: Warmglühen für die Kernzielgruppe, der man an diesem Samstag den beherzten Wechsel von Pro 7 oder Vox zur ARD zutraut.

Wir hätten uns natürlich alle über etwas mehr Genremix oder vielleicht sogar den ein oder anderen ESC-Veteranen im Wertungspanel gefreut. Aber diese Jury ist durchaus populär zusammengesetzt und es fällt nicht schwer, den Frieden mit ihr machen. Wir wünschen uns aber diesmal etwa mehr Mut zur eigenen Meinung und in der Folge auch zur individuellen Wertung als in den letzten Jahren.

So sieht es auch ARD Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber: „Fair und professionell, eigensinnig und durchaus kontrovers – so stelle ich mir die inhaltlichen Diskussionen zwischen unseren wunderbaren Jurymitgliedern vor.“

2014 stimmten alle fünf aus der deutschen Jury unisono für Basim aus Dänemark, im letzten Jahr fanden alle die Lettin Aminata am besten. Liebe Jury, das muss doch wirklich nicht sein. Beweist uns, dass ihr individuell und ohne Absprachen den Songs lauscht und den Auftritten zuschaut und lasst eurer „Sing meinen Song“-Betroffenheit und eurer „The Voice“- Rührung auch beim ESC freien Lauf.