Vor 20 Jahren: Auch letzter WM-Song der Fußballnationalmannschaft fest in ESC-Hand

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Am 26. Juni trifft die deutsche Nationalmannschaft im letzten Vorrundenspiel auf die USA. Gut gekleidet mag das Team aus Deutschland zur WM gereist sein. Einen selbst eingesungenen WM-Song haben die Jungs jedoch nicht im Gepäck. Vor 20 Jahren bei der WM in den USA gab es das zum letzten Mal. „Far Away In America“ war dabei genauso ein Kind von ESC-Veteranen die anderen fünf Lieder davor.

Einen Doppler aus Fußball-WM und Olympischen Spielen, wie ihn Brasilien 2014 und 2016 hinlegt, hatte Deutschland bereits in den Jahren 1972 und 1974 absolviert – nur in umgekehrter Reihenfolge. Für die WM im eigene Lande gab’s – offenbar animiert von Franz Beckenbauers Lied „Gute Freunde kann niemand trennen“ (das erst später eine Art Hit wurde) – den ersten von der deutschen Nationalmannschaft eingesungenen WM-Song: „Fußball ist unser Leben„.

Deutsche Fußballnationalmannschaft WM 1974 „Fußball ist unser Leben“

Produziert und komponiert wurde das Lied – und elf weitere, die auf derselben LP erschienen – von Jack White. Das erklärt auch, warum der letzte Titel Whites Erfolgsschlager „Schöne Maid“ war, mit dem Tony Marshall 1971 einen Riesenhit landete. Der ESC-Bezug kommt aber weniger über den ESC-Vorentscheidler Marshall als über Jack White zustande, der zum Beispiel den Luxemburger ESC-Beitrag von 1976 komponierte: „Chansons pour ceux qui s’aiment„, dargeboten von Jürgen Marcus. Aber auch als Produzent von Chiaras ESC-Hit „Angel“ tat sich White hervor.

Kurzer Exkurs: Während den Lesern dieses Blogs sicher bekannt ist, dass die Bundesrepublik 1974 im eigenen Land Weltmeister wurde, so ist ihnen möglicherweise weniger geläufig, dass die DDR im selben Jahr zum ersten und einzigen Mal an einer Fußball-WM teilnahm und in der Vorrunde die BRD mit 1:0 besiegte. Torschütze im Hamburger Volksparkstadion war damals der Magdeburger Jürgen Sparwasser, der kurz zuvor mit dem 1. FC Magdeburg mit einem 2:0 Sieg gegen den AC Mailand den Europapokal der Pokalsieger 1974 gewonnen hatte. Auch die DDR hatte für die WM in der BRD einen Song produzieren lassen, der allerdings nicht von der Nationalmannschaft eingesungen wurde, sondern von Frank Schöbel.

Frank Schöbel – Ja, der Fußball ist rund wie die Welt 2012

Frank Schöbel wiederum vertrat die DDR 1977 beim ersten Intervision Liederwettbewerb, einer billigen Kopie des ESC, und machte dort fünf Jahre vor ihr eine Nicole, indem er sein Lied nicht auf Deutsch, sondern auf Polnisch darbot (wobei er im Video dann auch noch ein Lied auf Deutsch vorträgt). Insofern haben wir mit diesem kleinen Exkurs gleich einen doppelten ESC-Bezug!

Frank Schöbel bei der Intervision 1977

Zurück zu den WM-Liedern der Nationalmannschaft. 1978 fand der Wettbewerb in Argentinien statt. Ganz passend sang der dreimalige ESC-Teilnehmer Udo Jürgens zusammen mit den Fußballspielern „Buenos dias Argentina„. Doch Jürgens sang nicht nur den Titel, sondern komponierte ihn auch. Angeblich war das Lied sein finanziell größter Erfolg. Ein Video zusammen mit ihm und der Nationalmannschaft ist derzeit nicht verfügbar, man kann Jürgens aber hier bei der Hitparade bestaunen.

Vier Jahre später ging es wieder in ein spanisch-sprachiges Land, konkret nach Spanien. Wieder wurden die Nationalspieler auf den Chor bzw. den Refrain reduziert. Den Hauptteil von „Olé España“ übernahm aber diesmal Michael Schanze. Während Letzterer wegen des großen Erfolgs des Titels mehrfach in der ZDF-Hitparade auftreten durfte (allerdings allein), gab es in einer anderen Show auch einen Auftritt mit der Nationalmannschaft, von dem ein Ausschnitt hier gesehen werden kann.

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Der Autor dieses Beitrags kann sich tatsächlich noch an das Lied erinnern – und dass er es schon damals mochte. Der schmissige Rhythmus geht auch heute noch ins Ohr, so dass letztlich kaum verwundert, wer „Olé España“ musikalisch zu verantworten hat. Natürlich: Ralph Siegel jr. und Bernd Meinunger, die kurz zuvor den ersten ESC-Sieg für Deutschland eingefahren hatten.

1986 fand die WM zwar wieder in Amerika statt, allerdings erneut in einem spanisch-sprachigen Land: Mexico. Auch diesmal wurde das Land in den Liedtitel aufgenommen: „Mexico mi amor„, vorgetragen von Peter Alexander. Dieser steht weniger für den ESC-Bezug des Songs als erneut der Komponist und der Texter, Ralph Siegel jr. und Bernd Meinunger. Dankenswerterweise gibt es wieder einen gemeinsamen Auftritt von Peter Alexander und den Fußballspielern, die sich zum Teil sogar mit Sombreros geschmückt haben (ist das bei 0:30 Sek. links im Bild Lothar Matthäus?).

Peter Alexander und die deutsche Fußballnationalmannschaft WM 1986 „Mexico mi amor“

Bevor sich die deutsche Nationalmannschaft die WM-Krone in Italien erspielte, musste sie sich erstmal über den Brenner begeben. Unterwegs wurde dann noch der die Fußballer musikalisch unterstützende Künstler eingepackt: Udo Jürgens durfte wieder ran. Das Lied hieß tatsächlich „Wir sind schon auf dem Brenner (wir brennen schon drauf)“.

Udo Jürgens und die deutsche Fußballnationalmannschaft WM 1990 „Wir sind schon auf dem Brenner“

Jürgens zeichnete für die Komponsition verantwortlich, der Text stammte von Friedhelm Lehmann und hat so schöne Reime wie „Drum nichts wie hin, hinter uns liegt der Inn – und vor uns liegt der Po. Die Welt spielt sich frei und auch wir sind dabei – Hollahi, hollaho.“ Es ist vielleicht nicht sooo überraschend, dass das im Jahr 1990 kein Hit wurde.

Vor 20 Jahren, bei der WM 1994 in den USA, trat die Nationalmannschaft dann vorerst das letzte Mal musikalisch in Erscheinung. Zum dritten Mal wurde das Duo Siegel/Meinunger engagiert. Was die vor 20 Jahren auf die Beine stellten, stellt alle halbherzigen Anti-Homophobie-im-Fußball-Aktionen des DFB in diesem Jahrtausend in den Schatten.

Village People und die deutsche Fußballnationalmannschaft WM 1994 „Far Away In America“

Die deutschen Fußballer sangen doch tatsächlich gemeinsam mit einem Bauarbeiter, einem Polizisten, einen Soldaten, einem Cowboy, einem Indianer und einem Ledermann – also mit den Village People Far Away In America„. Besonders dezent auch die Anspielung bei 1:45: „There’s a rainbow in your eyes – on the other side of America“ – untermalt mit einem… Regenbogen.

WM Nationalmannschaft 1994 Village People
So wie Klinsi in dem Video abgeht, war eigentlich davon auszugehen, dass er eines Tages die US-amerikanische Nationalmannschaft trainieren würde. Andererseits muss der Autor zugeben, dass er auch 20 Jahre später genauso begeistert bei dem Lied mitwippt.

Interessanterweise gab es im gleichen Jahr noch einen zweiten Song der Fußballnationalmannschaft mit dem Thema WM. Zusammen mit der Hip-Hop-Kombi 4 Reeves sang man „Everybody’s Going To The USA„. Während die Fußballer hier leichte Koordinationsschwächen entblößen, scheint dem ein oder anderen Rap besser zu liegen als melodischer Gesang.

4 Reeves und die deutsche Fußballnationalmannschaft WM 1994 „Everybody’s Going To The USA“

Nur zur Sicherheit: Bei diesem Song gibt’s keinen ESC-Bezug, auch wenn Siegel/Meinunger das sicher auch hätten hinkriegen können. Ihr ESC-Song „Wir geben ’ne Party“ aus dem gleichen Jahr weist durchaus Ähnlichkeiten mit „Everybody’s Going To The USA“ auf.

MeKaDo „Wir geben ’ne Party“

Alle sechs Songs, die von der Nationalmannschaft selbst zur WM mit eingesungen wurden, haben also engste ESC-Verbindungen. Eigentlich schade, dass der musikalische Reigen dieser Art von Titeln 1994 endet. Man hätte sich so schöne Kooperationen u. a. mit Stefan Raab vorstellen können. Nun denn, bereiten wir uns auf das Spiel Deutschland vs. USA „Far Away In (South) America“ mental vor und drücken wir den Jungs die Daumen.