Vor 40 Jahren: 8 Punkte zu viel beim letzten Sieg für Frankreich

Gestern war für Frankreich ein ereignisreicher Tag. Emmanuel Macron gewinnt zum Glück die Wahl zum Präsidenten. Eine schicksalhafte Entscheidung, die ganz Europa betraf. Vor 40 Jahren blickte Europa auf eine andere Wahl, deren Ausgang zwar den Kontinent nicht beeinflusste, sondern ihn nur für einen Abend zusammenbrachte. Für Frankreich sollte es ein besonderer Moment in einem chaotischen Szenario werden. Am 7. Mai 1977 gewann Marie Myriam mit „L`oiseau et L`enfant“ den Eurovision Song Contest.

Nach dem Sieg von Brotherhood of Man 1976 war es im kommenden Jahr an den Briten den Wettbewerb austragen zu dürfen. Als Termin galt der 2. April 1977, aber ein Streik der Kameramänner brachte den Termin ins Rutschen. Somit wurde kurzerhand der Termin um 5 Wochen verschoben. Am 7. Mai fand dann im Conference Centre in Wembley das Wettsingen statt.

Die EBU hatte 1977 die Regel gekippt, dass die einzelnen Nationen auch in der englischen Sprache singen können. Diese Änderung kam sehr kurzfristig, so dass die Beiträge aus Belgien und Deutschland in der englischen Sprache bleiben durften, da die Auswahl der Lieder schon stattgefunden hatte und diese nur in Englisch vorlagen. In vielen Programmzeitschriften waren noch die englischen Liedtitel zu finden.

Hoch favorisiert war der britische Beitrag, der auch Einzug ins deutsche Fernsehen fand. Lynsey de Paul und Mike Moran sangen „Rock Bottom“ hier in der legendären Starparade.

Als Präsentatorin wurde Angela Rippon ausgeschaut, die in Ihrer Aufgabe Katie Boyle beerben konnte, die bislang die Fernsehentscheidungen, die auf englischem Boden stattfanden, moderiert hatte. Angela Rippon wurde eine Liaison mit Captain Mark Phillips, dem Ex-Mann von der Princess Royal, Prinzessin Anne, nachgesagt.

Ihr stand ein äußerst anstrengender Abend bevor, auch wenn in ihren Händen nur die Ansage zu Beginn der Show und die Punktewertungen lagen.

18 Nationen traten im Conference Centre von Wembley auf. Irland eröffnete das Wettsingen und Frankreich durfte es beschließen. Aus dem Vorjahr fehlte Jugoslawien, das aufgrund seiner unterschlagenen 4 Punkte aus der französischen Wertung sich etwas enttäuscht zeigte. Dahingegend kehrte Schweden zurück zum Wettbewerb, welchem es bis heute treu blieb.

Einige Interpreten wagten sich erneut ins Rennen um die Krone. The Swarbriggs vertraten nach 1975 abermals Irland und Michéle Torr sang nach 1966 (Luxemburg) nun für Monaco. Die erste Sängerin für Israel Ilanit aus dem Jahr 1973 unternahm einen erneuten Versuch. In einigen Gruppen fanden sich ehemalige Teilnehmer wieder. Die österreichische Gruppe Schmetterlinge bediente sich bei der Formation Milestones aus dem Jahr 1972, während in Dream Express aus Belgien die niederländische Gruppe Hearts of Soul aus dem Jahr 1970 aufging. Zudem sangen die portugiesischen Solointerpreten Fernando Tordo und Paulo de Carvalho bei dem Projekt Os Amigos mit.

Es gab auch Sängerinnen, die in den kommenden Jahren nochmals das Podium betraten. Während die unvergessene Mia Martini 1992 erst wieder für Italien mit Rapsodia antrat, liess sich Anita Skorgan mehrfach in den kommenden Jahren für Norwegen verpflichten.

Der Contest schuf ein paar Klassiker, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen. Die Niederlande wurden durch das legendäre „De mallemolen“ vertreten, gesungen durch Heddy Lester, die später auch als Moderatorin grosses Ansehen feiern konnte.

Israels Wiederholungstäterin Ilanit schuf mit „Ahava Hi Shir Lishnayim“ eine Hymne, die sich großer Beliebtheit bei den Fans erfreut. In dem Endklassement konnte man das mit Platz 11 nicht wiederfinden.

„Mathema solfege“ hiess der Beitrag aus Griechenland, den Paschalis, Marianna, Robert und Bessy zum Besten gaben. Bis 2001 war dieses Ergebnis neben dem 5. Platz aus dem Jahr 1992 das Beste, was die Griechen erreichen konnten.

Mathema solfege 2014

Genauso choreographisch wie die Griechen wollte Deutschland überzeugen und stellte den damals sehr berühmten Act Silver Convention den internationalen Juries vor. „Telegram“ wurde zwar nur Achter, aber die ausgefeilten Armbewegungen erfreuen sich bis heute noch großer Beliebtheit, so dass die drei Ladies es beim Fanclubtreffen in München 2016 nochmals zum Besten geben mußten.

Telegram – 2016

Den höchsten Ton aber sang Monica Aspelund aus Finnland mit ihrem „Lapponia“. Schwungvoll schraubte sie ihren Gesang durch das Lied, bis sie kurz vor Schluss einen wahren Schrei in Perfektion ausstiess, der sicherlich das gute Endergebnis vom 10. Platz mit beeinflusst hat.

Aber warum gehört der 1977 zu einem der chaotischsten Songcontests neben 1967, 1983 und 1991 in der Geschichte des Wettbewerbs? Zum einen fehlten die obligatorischen Vorfilme oder Postkarten, mit denen man das Fernsehbild seit 1970 etwas bunter und moderner gestalten wollte.

Im Rahmen eines Festes in einem Nachtclub im Vorfeld des Wettbewerbs sollten die Postkarten gedreht werden. Aber da dort Alkohol ausgeschenkt wurde und mit Anita Skorgan eine 18-jährige im Teilnehmerfeld stand, die nach der norwegischen Gesetzgebung noch keinen Alkohol trinken durfte, wich man aufgrund der Intervention der Norweger und Schweden von dieser Idee ab und blendete aufgrund fehlender Alternative zwischen den Liedern das Publikum ein, das sich damals noch zu benehmen wusste. Dem Autor dieses Artikels, der erst Jahrzehnte später den Contest zum ersten Mal auf Video sah, erschloss sich zunächst nicht, warum das Publikum so lange im Bild war und hielt es für eine Studioaufnahme.

Das zweite Chaos lag in den Händen von der Moderatorin Angela Rippon und dem Oberschiedsrichter Clifford Brown, der 1977 seinen letzten Einsatz hatte. Seit 1975 gab es das neue 12-Punktesystem. Die Bekanntgabe jedoch lief bis einschließlich 1979 nicht von 1 bis 12 sondern in der Reihenfolge der Startnummer.

1977 kam noch erschwerend hinzu, dass die Anzeigetafel ein Eigenleben führte und sich schon bei der zweiten Wertung Fehler auf dem Scoreboard einschlichen, so dass Clifford Brown gleich einschreiten musste, um die angezeigten 20 Punkte für Frankreich in 14 Punkte abzuändern.

Auch die Niederländer bemerkten gleich einen Schiefstand ihrer Punkte und kommentierten dies mit den Worten „Holland has 6 points up to now and not 5. We are counting here“, was Angela Rippon mit den Worten beantwortete „You are counting? So are they“ mit Blick auf das Schiedsgericht.

Angela Rippons Französischkenntnisse machten die Punktevergabe der frankophilen Länder, die in diesem Jahr etwas stärker vertreten waren, schwieriger und führten zu mehreren Missverständnissen. So wurden 10 Punkte schnell zu zwei Punkten.

Während der britischen Punktewertung musste das Ergebnis der Griechen auf 53 Punkte korrigiert werden und Clifford Brown wies die fleißigen Techniker darauf hin, dass der Niederlande zu dem Zeitpunkt schon 7 Punkte zustehen würden, was Angela Rippon mit den Worten „Oh yes, they must have all the points they can get. Yes 7 points, yes.“

Die Israelis vergaßen bei ihrer Wertung die vier Punkte, die Clifford Brown dann noch einfordern musste und die an die Schweiz gingen.

Erschreckenderweise fiel niemanden auf, dass sowohl die Griechen als auch Franzosen bei ihren Wertungen jeweils vier Punkte zu viel vergaben. Während Griechenland zweimal vier Punkte an Österreich und Spanien vergab, lief Frankreich zur Höchstform auf und verteilte jeweils zweimal einen Punkt an Österreich und Belgien und zweimal 3 Punkte an Griechenland und Israel, welche sogar gleich untereinander auf der Wertungstabelle standen.

Dieses Missverhältnis wurde erst im Nachhinein korrigiert. Die griechischen und französischen Wertungen wurden angepasst und in den offiziellen Büchern weisen viele Länder des Jahrgangs einen anderen Punktestand auf als auf dem nachstehenden Foto.

Dem Sieg Frankreichs tat das Ganze keinen Abbruch. Ab der elften Wertung übernahmen sie von den Briten die Führung und gaben sie nicht mehr preis. Eine überwältigte Marie Myriam durfte nochmals ihren Song singen und die Trophäe entgegen nehmen.

Leider blieb der nachhaltige internationale Erfolg aus. Das britische Lied verkaufte sich besser und brachte dem Duo Lynsey de Paul und Mike Moran den kommerziellen Sieg.

Nichtsdestotrotz konnte der französische Sieg in die Geschichtsbücher eingehen als der bisher letzte Erfolg der Grande Nation. Vielleicht ändert Alma mit ihrem „Requiem“ daran etwas. Wie sie den ehemaligen Siegertitel interpretieren muss, weiß sie schon mal, wie sie auf der Pressekonferenz bewies.

Nun fehlt halt nur noch der Sieg, den vor 40 Jahren Marie Myriam nach Paris brachte.

Hier nochmals der gesamte Eurovision Song Contest von 1977.